Bd. 2 – Rabe, Roß und Hahn

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Gedichte

Frühling

Schlagt im Kalender nach!
Wo bleibt der Frühling nur?
Wie schlafend liegt die Flur.
Schwarz glänzt das Kirchendach,
Wie Gold die Uhr.

Sitzt er in den Hecken
Faul und säumend drin?
Jagt aus den Verstecken
Wie ein Hasenjäger ihn!

Seht ihn springen!
Wie sein Nacken glänzt!
Silbern seine Sohlen singen.
Seht den Stab ihn schwingen,
Laubbekränzt!

Er ist nicht zu fassen.
Jagt zum Schilf ihn hin!
Mit einem Sprung im Nassen
Ist er drin.

Mit den Fischen
Schwimmt er fort.
Nur ein Duft von frischen
Wasserrosen bleibt am Ort.

Schwarz glänzt vom Turm das Dach,
Wie Feuer und Gold der Bach
Dem weißen Schwimmer nach
In Wirbeln rollt.

Überschwemmte Wiesen

Als hätten süß betrunkene Engel
Beim Frühgalopp auf rotbeschweiften Rossen
Sekt und Wein
Aus den blauen Himmelskellerein
Über die Wiesen ausgegossen,
Sind alle Tümpel silberschaumumflossen,
Vom Frühlingswinde aus dem Schlaf geweckt.

Der Frosch am Grashang dort,
Der frech ins Brausen hupft, ein grüner Sprung und Schwung
Gewaltig schleckt, voll Gier, genießerisch und jung,
Der taumelt schier und glänzt. Dann taucht er weg, von meinem Tritt erschreckt.

Der Weide Wort am Rain
Geht immerfort und immerfort.
Die Tümpel blitzen weit und weiß im Sonnenschein.

Abstieg vom Berg

Nicht droben, wo die Gipfel schweigen
In dem grünen Licht,
Hier unten, unter den Weidenzweigen,
Die sich, blätterlos noch, neigen
Zum Bach hin, der mit Moosmund spricht,
Will sich die Veränderung zeigen.

Auf den nassen Wiesensteigen
Bleibt die Spur von deinem Schuh
Eingedrückt.
Geh nur weiter, geh nur zu!
Vor dem Ast, der niederbricht,
Schütz mit den Händen dein Gesicht,
Geh gebückt,
Mach dich quer durchs Stangenholz davon!

Und im Ton,
Der unter deinem Schuh entsteht,
Wenn es schwappend so durchs Moor hingeht,
Ist der ganze, frühe Frühling schon.

Wetterwendischer Tag

Wolken sind herangeglitten
Und ein Regen ist gestürzt.
Wolken sind davon geritten
Und das Feld dampft frisch gewürzt.

Zwar, das dauert nur ein Weilchen,
Doch die Veilchen, naß und tropfend,
Drehn die Zartgesichter schon,
Und die Amsel probt den Ton.

Wieder kommt es her geritten,
Wolkenpferd an Wolkenpferd,
Schwarze Regenmähnen schwingend,
Schnee und weißen Hagel bringend,
Der jetzt stäubend niederfährt.

Ach, die Amsel hört man nimmer,
Schnell verscheuchtes Frauenzimmer,
Das der Schneehieb gleich vertrieb.
Doch ein süßer, blauer Schimmer

Noch das rauhe Weiß durchsprüht:
Der kommt von dem Veilchenvolke,
Das auf seinem Platze blieb
Und zu glänzen sich bemüht.

Oben eine rosa Wolke
Wie zerschmelzend glüht.

Schnee ins Grüne

Schnee fällt in die Wipfel nieder,
Emsig flügelnd, voller Fleiß,
Wirbelnd wie die Bienenschar.
Rückgedreht ist, scheints, das Jahr,
Winter ist es, Januar,
Und was grün war,
Ist nun wieder
Silberschäumend weiß.

Doch nicht lang. Der laue Wind
Ist ein gieriger Bienenfresser,
Und die Sonne kanns noch besser,
Feuerkind im gelben Haar.
Bald tropft alles, naß und nässer,
Hunderttausend Tropfen sprühn,
Und was weiß war,
Wieder
Funkelts gold und pfauengrün.

Alles, alles, Baum und Strauch,
Und die Fliederhecke auch,
Triefend hörts nicht auf zu blühn.

Frühmorgens

Der Rauch der dämmernden Frühe
Steht über dem taunassen Feld.
Still auf die weidenden Kühe
Weiß strömend das Licht niederfällt.

Wie Gold hat der Tag sich erhellt.
Tief atmend erblickt sich die Welt.

Es rühren die Wälder die Flügel,
Es blitzt der Fluß durch die Au.
Die Felder steigen, die Hügel,
Wie Treppen hinauf in das himmlische Blau.

Am Fluß

Schwarz hängt die Wolke
Am Himmel, am blauen.
Du darfst dem Volke
Der Mücken nicht trauen –
Zornig dreinhauen
Ist immer besser.

Die Weiden am Fluß
Verneigen sich artig.
Ders verlor, hat Verdruß:
Vor deinem Fuß liegt,
Rostig und schartig,
Ein Knabenmesser.

Schwer schleppt die Schnecke
Ihr Haus übern Pfad.
In dem Verstecke
Der dornigen Hecke
Raschelt Wind grad,
Als knarre die Kette
Am Brunnenrad.

Es wühlt sich der fette
Wurm blutrot empor
Aus schlammfeuchtem Bette.

Schwarz wie ein Mohr
Steht ein Fisch in der Flut.
Wirf einen Stein auf ihn,
Aber ziel gut!
Als sei er aus Perlmutt,
Blitzend, wie Silber tut,
Zieht er dahin,
Der mohrenschwarz schien.

Fahrt auf der Donau

Im kühligen Garten saßen wir,
Tranken das schwarze Klosterbier,
Die Kastanien blühten, weiß und auch rot,
Jetzt trägt uns stromabwärts das Boot.

Die Felsen wandern am Ufer entlang,
Ausschreitend im gewaltigen Gang –
Riesen, und ihre riesigen Frauen,
Mit wölbigen Brüsten, gestrüppigen Brauen.

Das Wasser ist grün, grün wie das Licht,
Das aus den Wäldern nieder bricht.
Wipfelhoch droben ein goldener Blitz:
Wer mag ihn werfen vom laubigen Sitz?

Ein schwarzer Strudel dreht sich empor,
Und dreht sich hinunter, und glatt wie zuvor
Liegt alles Wasser. Ein Wallfahrerchor
Mit wehenden Fahnen zieht fromm dahin:
Er hat die Gnadenkapelle im Sinn!

Hellsilbern springt ein Fisch aus der Flut,
Vielleicht nicht aus Lust, und aus Übermut,
Vielleicht will ein Hecht ihn als Beute!

Tief knurrt die Bank, und es riecht nach Teer,
Die Ruder seufzen, sie haben es schwer.
Da kommt ein Glockengeläute:
Das ist für die Wallfahrerleute!

Am knochigen Felsen, zerklüftet und wild,
Malt sich der Tod in das friedliche Bild:
Denn der dort klettert am hanfenen Strick,
Wagt den Sonntag, wagt das Genick
Für einen freien Raubvogelblick –
Ganz wolkenlos blau ist es heute!

Hoher Sommer

Ja, den Sommer will ich loben,
Grünes Laub und weißen Wind,
Und die weißen Wolken oben,
Und die Flüsse, grün geschwind,
Und den Mond, der jetzt in wilder Pracht
Wie eine Pechpfann überm Walde hängt,
Schweflig qualmend durch die heiße Nacht –
Bis bald, noch eh der Hahn erwacht,
Empor aufs neu die Sonne drängt,
Höher als Falk und Habicht steigt,
Das Feuerhaupt auf Morgenwolken wiegt,
Aus vollem, weißen Halse schreit
Über die Ebene hin, die naß vom Tau noch liegt
Und zitternd schweigt
Beim Ruf des Goldgesichts.

Bis dann die erste kühne Grille geigt.

Der alte Pfad

Das ist mein alter Kinderpfad,
Oft bin ich ihn gegangen.
Die Sonnenblume dreht ihr Rad
Zwischen den Bohnenstangen.

Das Wasser liegt im schwarzen Faß,
Vom grünen Schlamm bedeckt.
Die Natter züngelt, ohne Haß,
Und hat mich doch erschreckt
Als Kind.

Vorm Wirtshaus, an der Eisenstang,
Da hängt das weiße Lamm,
Vom roten Rost zernagt.

War unter dem Gesind
Die junge Magd,
Und oft in meinem Arm
Im Traum.

Blas ab vom Krug den schönen Schaum!
Da fliegt er hin im Wind!
Und seinen Schatten gibt der Baum
Dem Trinker wie dem Kind!

Kloster am Inn

Im Garten der goldenen Bienen
Glänzende Schar
Bläst wie auf goldenem Horn.
In der Kirche die weißen
Dominikanerinnen
Heben
Schneeball und Rittersporn
Und das Grünkraut der Au
Zur blaugewandeten Jungfrau
Hoch am Altar.

Draußen,
Zwischen den Wiesen,
Wälzt sich blitzend der Inn.
An der Fähre die Pappelriesen
Stehn wie zu Beginn
Der Welt,
Im Sausen des Windes,
Der aus der Waldschlucht her fällt.

Nun schallt
Die Glock im Gestühl,
Die den Mittag verspricht.
Neben dem Fußpfad,
Im grünen Gewühl,
Verbirgt sich das Blütengesicht.
Die Brennesselstaude
Am hölzernen Zaun
Badet die Blätter im Licht.

Nach dem Hochwasser

Das Wasser hat vom Weg abgebissen
Ein tüchtiges Stück. Jetzt starren zerrissen
Die steinigen Trümmer,
Entwurzelte Büsche verdorren.

Das sanfte Ufer ist sperrig verwildert,
Es haben sich Weiher und Sümpfe gebildet,
Wo früher die freien Wellen erbrausten.
Für Frösche und Schlangen ist das ein Glück,
Denn sie mögen es schlammig-verworren.

Die Vögel flattern durchs nasse Gestrüpp,
Sie haben die Brut und die Nester verloren,
Aber die weißen, die unbehausten
Fische blitzen wie Silber im Strom.

Die Brombeerenschlucht

So eine Brombeerenschlucht hat noch niemand gesehn!
Wie das verwirrte Haar einer Waldfrau
Hing es nieder,
Und als hätten Bienen und Hummeln sich drin verirrt,
Und säßen gefangen, und kämen nicht mehr heraus,
So wie schwirrend tat mancher Strauß,
Der im Wind um sich schlug,
Als wollt er sich heben im Flug.

Manche Beeren waren noch rot, rot von verschiedener Farb,
Aber die meisten, die reifen, waren schwarz, kohlschwarz,
Andere bläulich, und manche verdarb
Schon, und war nun wie faulig
Am Strauch, wie zerquetscht, so zerrann sie,
Oder die Sonne fraß sie, giermaulig,
Oder ein Vogel,
Und die Spinne, wann sie
Ihr Netz spann,
Überspann sie grauschimmernd.

Diese Fülle von Beeren! Wie Trauben fast, Dutzende, hundert,
Schwarzäugig, schwer hängend, wie tropfend –
Ungläubig verwundert siehst dus herzklopfend!
Aus dem löcherigen Stein
Quelln sie hervor, unaufhörlich, prächtig,
Immer neue, immer mehr, ganz unschöpflich
Muß die trächtige
Felsschlucht sein.

Wenn die Kinder kommen vom Dorf,
Mit Schüsseln, mit Krügen, mit einem Hut,
Und zu ernten beginnen,
Die erklimmen die bröckelnden Wände
Und stehn auf den Zinnen,
Zwischen Felsnasen gepreßt,
Und stemmen sich fest,
Und greifen wie blind in Frucht und Dorn,
Wie in Zorn, wie in Wut,
Und zeigen einander die Hände,
Die sind
Zerrissen und rot genäßt
Vom Safte der Beeren und dem eigenen Blut.

Im
Schwabenland

Und die Bäume, die sind mit Stangen gestützt,
Sonst knickten sie unter der Last,
Und bei manchen hat auch das nichts genützt,
Von der Fülle brach dann der Ast,
Und der Riß lag weißlich und ungeschützt,
An dem Saft hat der Käfer gepraßt.

Die Hänge rauchten im grauen Duft,
Und der Wein stieg kletternd hinan,
Bis oben, wo rauher das Strauchwerk begann,
Und die Felsenkluft
Sich öffnete schwarz in den Tann.

Und der Fluß floß unten und dampfte hinauf,
Sein Silber war glänzend wie nie.
Wo der Berg schob vorwärts sein Knie,
Da standen die Nußbäum beinander zuhauf,
Im Wind leis rühreten sie
Der Blätter behaglich Geschnauf.

Auf den Höhen, da war Gemäuer und Turm,
Uralt, zerbröckelnder Stein.
Und die Ebene, kochend im Sonnensturm,
Trieb Feuer hinein in den Wein,
Und noch im Apfel der weiße Wurm
Sog die Hitze wollüstig ein.

Aus Stroh warn die Dächer, steinhart gepreßt,
Ein Schafhirt schwang grüßend den Stab.
Und die Blumen wallten das Fenster herab,
Herzrot, wie ein glühendes Nest,
Und noch bei der Kirch das verfallene Grab,
In der Ecke verächtlich allein,
Das blühte und schwoll, als wär es ein Fest,
In Schwaben begraben zu sein.

Der Sommer ist fürchterlich

Der Sommer ist fürchterlich:
Seht ihn nur toben!
Wie kann man ihn loben,
Der seine Lanzen wirft,
Uns zu erstechen –
Und daß sie aus Gold sind
Und nicht aus Eisen
Wie sonst die Messer,
Macht es nicht besser!

Wie kann man ihn preisen,
Den blauen Himmel
Mit seinen weißen
Wolken im Freudentanz?
Er tut den Augen weh,
All dieser Glanz!

Die wilden Blumen sind
Wie Feuerräder
Über dem Gras im Wind.
Später, am Abend, glüht
Wie sie der Mond.

Es blitzen die Schlangen
Durch Dorn und Gesträuche,
Und die Kreuzotter
Im spiegelnden glatten
Kleid darfst du erschlagen –
Grün surren die Fliegen dann
Über dem Aas bald!

Hätt er nicht den schwarzen
Schatten, der Wald,
Und die Quelle froschkalt,
Wär nicht zu ertragen
Die hitzige Zeit.

Im Grase liegend

Wie grün ist das Gras hier, wie üppig es ist,
Wo der goldene Käfer im Kampf sich mißt
Mit dem schwarzen, der ihn mit Zangen umschließt,
Und ein Funkeln von ihren Waffen fließt!

Nun liege und träume! Wie weht der Wind kühn!
In meinen Augen braust noch das Glühn
Des Himmels, und ich seh ihn doch nicht,
Und nicht sein blaues, platzendes Licht.

Fern kräht ein unsichtbarer Hahn,
Die Gräser rauschen dann und wann.
Ich träume, mich trüge sanft schaukelnd ein Kahn,
Unter Sträuchern und Weiden hin nimmt er die Bahn
Und die Wasser rühren ihn plätschernd an.
So geht die Fahrt eine Weile,
Einschläfernd, es hat keine Eile.

Aber da weckt mich ein Sonnenstrahl,
Im Kahn nicht lieg ich: im Wiesental
Auf dem grünen Hügel. Ein Fußweg schmal
Führt zu ihm, wo das Gras wallend steht,
So üppig fast wie ein Helmbusch weht,
Und der schwarze Ritter jetzt Sieger ist
Und panzerklirrend den goldenen frißt.

Bei der Haselstaude

Am Waldrand,
Unter der Haselstaude,
Im süßen Kraut
Die Natter schau, die graue, geringe,
Aber wie glänzt ihre silberne Haut!

Am Strauch hängt weiß der Zikadenschaum,
Und das Sonnenlicht tropft,
Und der Regen fällt,
Und der Wind harft im Baum,
Und die Natter hat züngelnd sich aufgestellt,
Still liegen die Matten –

Bewußtloser Traum
Im goldenen Schatten
Der ewigen Dinge
Der Welt.

Erntezeit

Vom Wagen noch her, der eben,
Beladen mit Garben, den gelben,
Knarrend ins Dorf fährt –
Es scheuchten die Rosse mit peitschendem Schwanz
Die schwarzen Fliegen hinweg –
Hängen, wie Haar weht,
Büschel von Halmen, zerzausten, geraubten,
In den Ästen des Apfelbaums,
Der mit weiß angestaubten
Blättern – lang hats nicht geregnet –
Neben dem Weg steht,
Schwer mit der Fülle rotbäckiger Früchte gesegnet:
In denen der Wurm nagt,
Sind minder nicht strahlend im Glanz.

Es brach sich die Magd
Hoch auf den Garben, von ganz
Plötzlicher Eßlust geplagt,
Mit schnellem Gelenk
Und vorgebeugt weit,
Daß ihr die Brust sich rührte im Kleid,
Den schönsten der Äpfel als Gegengeschenk.

Sommer ist es und Erntezeit.

Erwachen in der Nacht

Nacht weht wie ein schwarzes
Tuch vorm Fenster,
Nacht der Eulen und Gespenster,
Im Gebälk tönt Geisterhauch und Fluch.
Mäuse knistern so, als krallten
Sie die Blätter um in einem alten
Schauerlichen Traum- und Zauberbuch.

Verlorene Freunde

Wenn dich die Freunde verlassen
Müssen, und müssen dich hassen
Und schlagen mit feindlichem Wort –
Merkst du es endlich und bänglich?
Ach, ist doch alles vergänglich,
Wendet sich ab und geht fort!

Geht fort: und es bleibt nur: erinnern!
Die Bilder, du hast sie im Innern,
Dort leuchten sie feierlich fort!
Dort stehn sie gelassen, vertraulich
Ausharrend, und sind dir beschaulich
Am unveränderten Ort.

Nacht der Erinnerung

Wer kann die erleuchteten Fenster sehn,
Im Vorübergehn, und bleibt nicht stehn?
Wer hat nicht in des Windes Wehn –
Wie weht er mit Macht! –
Einen Klang gehört,
Der ihn aufgestört,
Der sein Herz betört,
Wie immer in dieser Nacht?

Und wer voll Freud ist in dieser Nacht,
Und weintrinkend wacht,
Wie Schatten steigt es um ihn herauf,
Beim Prasseln des Ofens, beim süßen Geschnauf
Der Kerzen, wie sie es immer gemacht –
Und da kommen sie sacht
In dem gelben Licht, Gesicht bei Gesicht,
Eines, das weint, und eines, das lacht:
Die Bilder der Kindheit sind immer sein,
Sie können ihm nimmer verloren sein
Und blicken ihn an aus der Nacht.

Und wer es erlebte in dieser Nacht,
Der sieht sich im Graben, im Unterstand,
Das Wasser rinnt von der hölzernen Wand,
Und er hört auf das Zwitschern im Drahtverhau,
Das zwitschert wie Vögel, genau so, genau.

Ein Bäumchen brennt rosig im finsteren Schacht,
Und so oft eine schwere Granate her haut,
Wanken die Balken mit sterbendem Laut,
Und immer erlöschen die Kerzen dann,
Und er zündet sie immer aufs neue wieder an –
So trieb er es stundenlang diese Nacht
Bis zum Morgen.

Und wer traurig ist diese Nacht,
Stützt den Kopf in die Hand
Und sitzt und sinnt,
Daß Träume nur blieben, was sie eben sind,
Eben nur Träume, zu mehr nicht gemacht,
Und den Kerzen lauscht,
Und dem Wind, der rauscht
Voll Trauer wie er –
Der hat es wohl schwer,
Aber schwerer nicht, als viele im Land,
Die stützen wohl auch den Kopf in die Hand
Diese Nacht.

Und die Sterne in dieser Nacht,
Und der tröstliche Mond,
Der seinen ewigen Gang sich nicht nehmen läßt –
Halt sein Herz der nur fest,
Der hinauf schaut hoch in die himmlische Pracht,

Und feiere das Fest,
Denn eh ers bedacht,
Mit Mond und Sternen und Kerzen die Nacht
Zu rasch nur ist sie zu Ende gebracht
Wie jede andere Nacht.

Wo der Waldweg lief

Wo der Waldweg lief, durch schwarze Fichten,
Und vom Himmel oben war fast nichts zu sehn,
Saß im Strauchwerk, im verfilzten, dichten,
Hingeduckt der Hase, den

Der Fuchs gejagt,
Und der Atem ging ihm stoßweis ein und aus,
Daß er fauchte, wie der Blasbalg von der Schmiedefaust geplagt –

Auf dem Waldweg kamen, oftmals stolpernd,
Müd ein Mann und eine Frau daher,
Und der Mann war alt,
Und die Frau war jung und sagte:
Josef, Mann, ich kann nicht mehr!

Und sie setzten sich die beiden,
In den Schnee hin, wie der Hase es getan,
Und der Atem ging bei beiden schier
Stoßweis ein und aus wie bei dem Tier.

Doch auf einmal stand ein Mann, der Flügel trug,
Vor den beiden, und die Flügel regte er jetzt nicht,
Und er sagte: Was denn säumt ihr hier?
Vorwärts! Vorwärts! Weit ists noch zum Stall!
Und er hatte ein fast finsteres Gesicht,
Als er so befahl.

Und die Frau stand wieder auf und ging,
Und es folgte Josef ihr, der Mann,
Und der Schnee zu ihren Füßen sang,
Und der Hase hing sich hoppelnd hinten an,
Ohrenspielend, diesen beiden.

Und der Mann, der Flügel trug, der fing
Die Flügel an zu rühren und er schwang
Sich auf.
Und es sausten und es schallten seine Flügelschläge,
Und sie rauschten donnernd überm Wald.

Und den Bäumen wars unangenehm
Sich zu beugen vor der Windgewalt
Der Riesenfittiche,
Und sie stöhnten träge.
Und vom Zugwind, den die Flügel machten überall,
Wehten zornig Haselbusch und Weiden,
Mochten das Geflattere nicht leiden –
Und vom Windesschwall
Sprang mit einemmal,
Sprang mit goldnem Knall die Türe auf zum Stall
Von Bethlehem.

Der unverständige Hirt

Der Hirte, krausgelockt und dick,
Der am Feuer sich das Lammstück briet,
Sahs mit einem Blick voll
Glück,
Wie ihm die Kruste glänzend braun geriet.

Viele Feuer waren in der Runde,
Warfen rotes Flackern auf die Erde,
Und es bellten treu die Schäferhunde,
Wenn sich jemand näherte der Herde.

Der beim Mahle saß, der dicke Hirt,
Unruhig werden sah er die Gefährten,
Sah sie wie schwankend aufstehn und verwirrt,
Und er sah, wie sich die Feuer leerten.

Männer sah er gehen da und dort,
Alle strebten sie zum gleichen Ort.
Wer vorbeikam, winkte mit der Hand,
Sagte etwas, was er nicht verstand,
Ehe er im Dunkeln wieder schwand.
Nur er blieb beim Mahl am Feuerschein,
Alle andern Feuer brannten still für sich allein.

Da stand er auch auf und ging ihnen nach,
Und aß im Gehen noch die letzten Bissen.
Wollte wissen, was die da wohl trieben,
Warum vor einem Stalle stehenblieben,
Ihre runden Schäferhüte schwenkten,
Die Hirtenstäbe in die Erde senkten,
An die Stäbe vorgeneigt sich lehnten,
Und die Hälse vor Verlangen dehnten?

Und da sah er auch das Sternbild überm Dach,
Und der Balken nackte Rippen,
Und das Kind im goldnen Haar.
Und wenn er auch nicht wußte, wer das war,
So schämte er sich, das zu zeigen.
Und vom Himmel hörte ers jetzt geigen,
Sah die Engel niedersteigen
Flügelgroß vor blauem Grund,
Hörte sie viel Gnädiges sagen,
Und er wagte nichts zu fragen,
Leckte sich die fetten Lippen,
Staunte nur mit offnem Mund.

Und die Hirten fielen auf die Knie,
Schwenkten ihre Hüt wie nie,
Er allein nur stand – und schwenkte
Traurig seinen Hut wie sie.

Die Könige im seidenen Gewand

Das goldene Himmelskind
Schläft in dem Stalle hier,
Und beim Kerzenschein
Schläft auch jedes Tier,
Ziegenbock und Stier,
Das im Stall ist diese heilige Nacht,
Alle haben sie die Augen zugemacht.

Und ein Mäuschen nagt
Hinten in dem Stroh,
Und ein Käuzchen klagt,
Draußen irgendwo,
Und der Josef sagt:
Jetzt gleich geh ich in das Tal um Milch und Brot,
Und sie werdens mir nicht weigern, Sackerlot!

Josef, fluche nicht!
Sagte Maria zart,
Blas aus das Kerzenlicht,
Gib acht auf deinen Bart!
Wart, bis der Tag anbricht,
Dann mach dich auf den Weg,
Du fällst im Finstern sonst mir bloß vom Steg!

Josef blies aus das Licht
Und schlief dann ein,
Und ihm zu Häupten hing
Sein Zimmermannsbeil.
Sehr lange schlief er nicht,
Dann, wie ein Pfeil,
Traf ihn ins Angesicht,
Quer durch ein Astloch klein
Ein goldner Schein.

Gleich fuhr er blinzelnd hoch,
Rieb sich die Augen noch:
Das wird der Tag schon sein!
Mit Silberstimme sang Maria: Nein.

Die Tür stieß Josef auf,
Traute den Augen nicht,
Drauß stand ein goldner Hauf,
Glänzend wie Morgenlicht,
Gegürtelt schön mit Wehrgehenk und Band,
Die Könige im seidenen Gewand,
Geschenke funkelnd in der heiligen Hand.

Und so sehr blitzten sie
In Prunk und Pracht,
Daß sie die dunkle Früh
Zum Tag gemacht.
Sie fielen auf die Knie
Und beteten das Neugeborene feurig an,
Und die Sonn war nicht so hell wie sie,
Als erst viel später dann
Sie ihren Tageslauf schamrot begann.

Der Himmelsschütze

So war die Nacht zu einem neuen Jahr:
Es sah der Mond mit silbernem Gesicht
Herab auf Turm und Haus.

Es ging ein Wind,
Ein sanfter Sturm, wohl Föhn,
Der war wie Atem lau
Von einem neugebornen Kind.

Und Wolken trieben hin,
Leichter Geschwader Fahrt durchs helle Blau,
Das sich nach Süden dehnte
Im Sternenlicht.

Im Norden doch sah man die Sterne nicht,
Dort sah es wild und anders aus,
Dort lag es schwarz und ohne Licht.

Draus brach es her,
Unruhig, schwefelfarben,
Wie Feuergarben
Von weitem abgeschossen, unablässig, unverdrossen
Strahl um Strahl,
Die sich zum Feuernetze schlossen manchesmal.

Kein Donner folgte, kein Gedröhn und Murren.
Ohne Laut und Lärm,
Geheimnisvoll, in tiefer Stille ganz und gar
Schleuderte der Himmelsschütze
Seine Blitze in das neue Jahr.

Der italienische Kuckuck

Wenn in Italien der Kuckuck schreit,
Früher als bei uns, im März schon, im April,
Weiß weht der Staub,
Weingärten weit und breit,
Und Grillen zirpen schrill,
Kein Baum zu sehn, daß man sich wundern mag,
Wo denn im Laub
Der Vogel steckt,
Der diesen heißen Tag
Mit seinem Schrei erschreckt – –

O unsere Buchenwälder, kühl und naß,
Und würzig dampfend, hölzern Faß,
Drin Licht wie Wein in goldenen Strömen rinnt!

Wenn dort des Unbehausten Baß erschallt,
Sommer beginnt, der Fluß hin wallt,
Dem Roß vorm Wagen blitzt der blanke Huf,
Der Wanderer sitzt im Moos am Uferstein
Und schaut in Ruh den Silberfischen zu,
Die springen tropfend hoch im Abendschein –
O Deutschland mein beim Kuckucksruf!

Am Tiber

Wolken tanzen an dem blauen
Himmel, und mit leichtem Fuß
Tanzt der alte Tiberfluß
Spiegelnd hin durch Busch und Auen.

Augenblendend anzuschauen,
Feuerfunkelnd,
Sind des Klosters weiße Wände,
Nur das Tor ist blattverhangen,
Schattendunkelnd.

Von des Vogeljägers Schuß,
Hallend über das Gelände,
Fallen, die im Blau sich schwangen,
Gestern überm Fluß noch sangen,
In den stillen Nestern wohnten,
Unterm Hausdach, bei den Nonnen,
In der Kirche, wo die frommen
Klosterfrauen,
Schwarzverhüllt ihr Leben endend,
Im Gebete sich erbauen,
Singend gleich den unbelohnten
Vögeln droben.

Blitz und Silberpfeil versendend
Drunten drängt der Fluß zum Meer.
Seinen wilden, kriegerischen,
Rotbefloßten Räuberfischen
Ist er Spielgesell und Herr.

Überdruß des Südens

Voll Unmut, wie ein Waldkauz blinzelnd,
Äug ich von meinem Schattennest
Auf den Glanz hin, der die Meerflut
Blau erzittern läßt.

Weiß die Stadt auf weißem Fels,
Weißeres gibt es nicht,
Und des würflichen Gerölls
Schluchtsturz kracht im Licht.

Es spült das Meer Gold ans Gestad,
Vom Himmel tropft es blau.
Es schlägt die Bucht ein funkelnd Rad,
Frech prahlend wie ein Pfau.

Mich finstern Vogel, Uhu, Nachtgetier,
Mich ärgert dieses Farbenfest.
Hätt ich den Goldpfau jetzt zu meinen Füßen hier,
Ich rupfte ihm die Federn voller Gier,
Und stieß ihn nackt und stoppelig aus meinem schwarzen Nest.

Verwilderter Bauplatz

Aus der Baustelle ist fast ein Garten geworden,
So siegreich erweist sich das Grün.
Braun modern die Bretter, im Feuchten, im Norden,
Im Schatten der Mauer, aber sie glühn,
Wo die Sonne hin kann, und die Ameisenhorden
Unablässig schwarzwimmelnd sich mühn.

Die Brennesseln wogen so dicht heran,
Ein züngelnder, wilder Strauch,
Dem niemand gefahrlos sich nähern kann.
Über ihnen glänzt es wie Rauch,
Und wenn ein Luftzug geht dann und wann,
So zeigen die Blätter den Bauch.

Die Winde hat keinen festen Halt,
Muß sich an anderen stützen,
Und wo nur Buschzeug wächst und wallt,
Das muß sie mit Schläue benützen,
Noch hoch an der Bretterwand festgekrallt,
Weiß schwenkt sie die flattrigen Mützen.

Die Katzen schleichen lautlos herbei,
Sie sind hier als Herren zu Haus.
Und Schüsseln warten mit Milch und Brei,
Die brachte man ihnen zum Schmaus.
So speisen die Katzen vielerlei,
Aber am besten schmeckt ihnen die Maus.

Der Holzstoß riecht, es riecht nach Teer,
Es riecht nach Kalk und nach Kies.
Im blechernen Kübel, er dient niemand mehr,
Schimmert Wasser aus dunklem Verlies:
Das stammt vom letzten Regen noch her,
Der es faulend hier hinterließ.

Die Wegwarte will getreten sein
Und bietet dem Fuß sich dar.
Daneben aus dem bröckelnden Stein
Erhebt sich hochmütig die Schar
Der Disteln und schaut königlich drein,
Mit der Kron aus starrendem Haar.

Die Fliegen taumeln in schwarzer Gier
Über der Pfütze neben den Brettern.
Das sumpfige Loch hier ist ihr Revier,
Und vorbei mit flügelndem Schmettern
Saust schwer schnaufend das Hummeltier,
Verachtend die kleineren Vettern.

Von schmierigen Lumpen ein ganzer Pack
Deckt die Ziegeltrümmer fast zu.
Klaffend zersprungenes Leder, das Wrack
Von einem genagelten Schuh,
Liegt gähnend bei dem durchlöcherten Sack
Neben der Mörteltruh.

Der schwarzrindige Faulbaum steht
Auf dem Hügel von Schutt und Sand.
Auf dem sich selbst überlassenen Beet,
Entkommen der ordnenden Hand,
Da wuchert es wild und schwellend und weht
Den Samen geil in das Land.

Die Sonne scheint, und der Regen fällt,
Und der Dampf wölkt überm Gemäuer.
Auf der morschen Bank, die kaum mehr hält,
Siedelt der Schwamm, rot wie Feuer.
Davor hat tief atmend sich aufgestellt,
Starrblickend, das Froschungeheuer.

Wild über Bruch und Schutt und Zerfall,
Begann ein grünes Gedeihen.
Mit wehenden Fahnen brandet der Schwall
Der Gräser und Büsche, als seien
Sie stürmend in unwiderstehlichem Prall,
Im unaufhaltsamen Siegen,
Auf die stürzenden Mauern gestiegen.

Die Teller lichtfressend nach oben gedreht,
Den Fuß zwischen Büchsen und Scherben,
Ein
Wäldchen von Sonnenblumen steht
Auf Müll und strotzendem Sterben.

Der Stoff, aus dem ihre Häupter gemacht,
Die ganze mächtig prunkende Pracht,
Sie mußten sie saugend erwerben,
Den Unrat verwandelnd in goldene Fracht,
Des Modernden lodernde Erben.

Die Schlangenkönigin

Wo im Schilf die wilden Enten wohnen
Und der Storch die roten Beine hebt,
Schwimmt ein Nest voll schwarzer Schlangen, lebt
Die Schlangenkönigin, vor der das ganze dumpfe Dickicht bebt.

Wenn der Wind zur Abendstunde
Binsenstangen rasselnd rührt,
Weil er Menschen aufgespürt,
Trommelnd bringt er schnelle Kunde
In das königliche Haus:
Denn die weißen Menschenhäute,
Denn die weiße Menschenbeute
Bat sie sich von jeher aus –
Die Herrscherin, als Königsrecht
Für ihr adliges Geschlecht.

Und sie fährt, ein blaues Leuchten,
Sausend hin durch Halm und Kraut,
Daß die grünen, abendfeuchten
Gräser peitschen ihre Haut.

Jeder goldne Panzerkäfer
Hat ihr glotzend nachgeschaut,
Und der Maulwurf, Siebenschläfer,
Guter Bursche, weiß, warum ihm graut.

Auch der Mond ob schwarzem Tann,
Vielerfahren, nie erschreckt,
Hat die Züngelnde entdeckt jetzt,
Und zu alt, daß er sich gräme,
Sieht ers still, mit Gleichmut an,
Wie sie, Feuerstoß und Blitz,
Niederwirft den Mann,

Der dann, riesig ausgestreckt,
Hingemäht wie reifes Korn,
Das Gesicht im Farn versteckt,
Als ob er des Tods sich schäme
Zwischen Erdbeerblüt und Dorn.

Schief das Krönlein auf dem Kopfe,
Singend wie die Schilfrohrflöte,
Tanzt dann ihren alten, eitlen
Schlangentanz die Königin.
Ihre Muhme, eine Kröte,
Bläst dazu das Jägerhorn,
Daß der Specht, der fest schon schlief,
Tief im Traum »Erbarmen!« rief.

Sorgsam an dem Tröpflein Blut,
Daß den Toten er nicht weckt,
Schon ein blauer Falter schleckt,
Flügelschlagend, und es schmeckt
Ihm gut.

Fliegenpilz im roten Hut
Hat sich neidisch aufgereckt
Und erglüht voll Wut.

Und die Jägerin kehrt zurück ins Nest,
Und den Hals gebläht
Zischt sie stolz den dunklen Brüdern
Ihren Sieg zu, und in dünnen Liedern
Singen sie und feiern frech das Fest
Bis zum Morgen spät.

Und zur Königin im Schlangenhaus,
Kommen Ratten, danken ihr,
Jedes finstre Nagetier
Dankt demütig für den Leichenschmaus,
Und der Mücken wilde Gier
Erfüllt die Luft mit Braus.

Der Berg

Durch Wälder hinauf, durch die dunklen,
Die feuchten Wege hinan!
Es drohte der Tann
Aus der Kluft mit atmendem Blasen,
Es scheuchten die Tritte den Hasen
Hoppelnd davon.

Dann schob sich der Berg
Nacktbrüstig mit Felsen
Hoch über den Waldrand,
Achtlos nachschleppend
Die schwarzen Gewänder
Hinter sich her.

Jäh von der Steinwand
Hob sich ein Vogel
Mit kreischendem Schrei.
Die Gemse jagte
Übers Geröllfeld
Flüchtend vorbei.

Und schon durch die Wirrnis
Von Trümmern und Brocken,
Wie wütend geworfen von oben,
Im Aufprall zersplitternd,
Den Zutritt zu wehren,
Stieg nun der Pfad, wie zitternd,
In Schleifen und Kehren
Zum Gipfel.

Da sprang ein Wind aus den Weiten
Den Wanderer an,
Und im flatternden Mantel
Der Sturm sang, und knatternd gefiedelt
Bog sich die zwergige Föhre,
Kühn angesiedelt
Neben dem Steinturm.

Der Berg war allein und für sich, ganz ohne Verbindung
Zu andern, vereinsamt in furchtbarem Stolz.
Weit drüben nur rollte
Die feurige Kette
Der glühenden Häupter
Unter dem Himmel.

Vom Eisloch, neben dem Krummholz,
Blitzte es weiß her,
Für immer schimmernd
Und ohne Schwindung,
Weil auch der Sommer,
So heiß er es wollte,
Das Eis nimmer schmolz.

Der Himmel, groß ruhend im Schweigen,
Wie lichtlos, und ohne
Die Sonne zu zeigen,
Plötzlich, und während es ringsum geisterhaft still blieb,
Jagte er nieder, auf ihn zu,
Der schauend verweilte,
Wild einen Hagel stechender Nadeln,
Mit einem Fausthieb
Ihn zu vertreiben.

Und wie er sich duckte,
Dem Sturmstoß sich stemmte,
Stürzte wie Donner
Unsichtbar in Schluchten
Ein Schneebrett zu Tal.

Da klopfte dem Kühnen
Unter des Mantels
Steif klirrenden Falten,
Die krachend zerbrachen,
Wenn er sich rührte,
Erbangend das Herz.

Steigend zur Tiefe
War ihm, es blickten
Riesengesichter,
Aus eisigen Augen
Schrecklich verachtend,
Lange ihm nach.

Aus der gezackten, felsigen Nase
Schnob es wie dampfend,
Es schlugen die Äste
Der Latschen ihn peitschend,
Während der Eisbach
Die Füße ihm näßte,
Polternd hinab.

Wo mit zerbrochenen
Knochen der Baum silbern glänzte,
Bei der Steinklippe
Klaffend getürmt,
Lag das Gerippe
Des Auerhahns, federnlos, bloß.

Ein Stoß mit dem Schuh:
Da flog es im Bogen,
Wie es befiedert früher geflogen,
Rauschend dem Dornenstrauch zu.
Stachlig empfangen und schaukelnd gewogen
Kam es aufseufzend zur Ruh,
Hangend am Dornstrauch zur Ruh.

Es hatte die Hütte,
Naß hockend am Wegrand,
Umhaucht von den Dünsten
Aufsteigend vom Sturzbach,
Fenster vernagelt und Tür.

Das klebrige Pech,
Aus dem eisernen Tiegel
Am hölzernen Vorplatz
Schwarz starrend geflossen
Über die Stufen,
War wie der Ödnis
Hütendes Siegel.

Wie Geister schoben
In flatternden Hemden
Über die Wiese
Die Nebel sich her.
Es hoben die Disteln
Abweisende Spieße
Auf gegen den Fremden.

Doch als er sich wandte,
Sah er durch Wipfel
Das Dorf, das er kannte,
Tief unten, doch tröstlich schon nahe gerückt –
Die Häuser in Gärten,
Weiß leuchtende Giebel,
Und funkelnd darüber die mächtige Zwiebel
Des Kirchturms am See unter goldnem Gewölk.

Auch lief nun der Weg schon
Gemächlich und breiter
Durch lichtes Gehölz hin und Moor.
Und heiter
Traf das Geläute von weidenden Herden
Des Schreitenden Ohr.

Und ein bläulicher Falter,
Vom Boden aufschwebend,
Die Flügel sanft rührend,
Flog, wie ihn führend,
Am Weg ihm voran,
Hinunter zum Dorf ihm voran.

 

Rabe, Roß und Hahn

Der Rabe

Nestausplünderer, schwarzen Schwätzer
Schilt man ihn, den Mäusehetzer
Auf den Wiesen frisch gemäht,
Der das Aas auch nicht verschmäht.

Käfer, Engerlinge, Würmer,
Ja, das grüne Rübenblatt,
Eins schmeckt gut, das andre besser,
Schont er nicht, der Allesfresser,
Und er jagt den jungen Hasen,
Der mit angsterfülltem Blasen
Stirbt unter dem Schnabelmesser,
Das der schnelle Mörder hat.

Schwanzbeweglich, auf und nieder
Hüpfend, ist er nimmer faul,
Hier ein Reisigbüschel lüpfend,
Hinter einen Strauch dann schlüpfend,
Lästernd mit dem Lügenmaul.

Aber er ist auch ein anderer,
Dieser Ackerfurchenwanderer,
Dieser listige Vogelmann,
Der Verborgenes sehen kann.
Zukunftswissend, zaubermächtig,
Dunkles raunend, weisheitträchtig
Spricht er dann, der uralt Alte,
Daß die Hände furchtsam falte
Und im Herzen es behalte,
Wer es hörte irgendwann.

Schnalzt ein kalter, wüster Schauer
Durch die Bäume, herbstentlaubt,
Hockend auf der Friedhofsmauer
Legt er schräg das Haupt.
Klappernd gehn die Eisentürn,
Aber er bleibt auf der Lauer,
Weiser Rabe, Rabe schlauer,
Und er reget nicht die Flügel,
Äugt er zu dem Schollenhügel
Aufgetürmt beim offnen Grab,
Drin die Würmer,
Die vom Fleisch der Toten speisten,
Diese roten, diese feisten
Ohne Ruh sich rührn.

Hingeneigt dem fetten Mahl,
Bis die Sonne blutrot sinkt
Und der Mond heraufsteigt leichenfahl,
Schwankt sein Schatten, schwarz und blind,
Schrecket Fledermäusin und Gemahl.

Das Roß

Witternd hebt es auf das Haupt,
Stolz den Hals gedreht,
Und mit nassen Nüstern schnaubt es,
Mit entblößtem Zahne,
Daß im Wind die Mähne weht,
Flatternde Haarfahne.

Bäumend, ragend aufgerichtet,
Schenkelmächtig, riesengroß –
Wiehert es: Trompetenstoß!
Als ob es den Feind gesichtet!

Seine Stärke zu erweisen
Schlägt es mit den Vordereisen
Einen Trommelwirbel wild –
Und die Brust glänzt wie ein Schild
Jetzt dem Höllenungeheuer.
Bei dem wüsten Erdgestampf,
Bei dem fabelhaften Kampf,
Ist es nicht, als fahre Dampf
Aus seinem Maul und Feuer?

Wüchs ihm jetzt ein Flügelpaar,
Wie es in der Vorzeit war,
Gewaltig an der Hüfte,
Stiegs, vom Gotte angerührt,
Der in ihm das Feuer schürt,
Fittichschlagend,
Seinen Harfenreiter tragend,
Glänzend in die Lüfte.

Der Hahn

(gesprochen von Georg Britting)

Zornkamm, Gockel, Körnerschlinger,
Federnschwinger, roter Ritter,
Blaugeschwänzter Sporenträger,
Eitles, prunkendes Gewitter
Steht er funkelnd auf dem Mist,
Der erfahrne Würmerjäger,
Sausend schneller Schnabelschläger,
Der er ist,
Der mit Lust die roten Ringelleiber frißt.

Und nun spannt er seine Kehle,
Schwellt die Brust im Zorn:
Schallend tönt das Räuberhorn.
Daß er keinen Ton verfehle,
Übt er noch einmal von vorn.

Hühnervolk, das ihn umwandelt,
Wenn er es auch schlecht behandelt,
Lauscht verzaubert seinem Wort.
Wenn sein Feuerblick rot blendet,
Keines wendet sich dann fort,
Denn er ist der Herr und Mann,
Der an ihnen sich verschwendet
Und die Lust vergeben kann.

Und, sie habens oft erfahren,
Die um ihn versammelt waren:
Goldner Brust, der Liedersinger,
Ist der mächtige Morgenbringer,
Der selbst dem Gestirn befiehlt.
Wenn er seine Mähne schüttelt
Und schreit seinen Schrei hinaus,
Der am Nachtgewölbe rüttelt,
Steigt die Sonne übers Haus.

Alle drei

Erzgegossen, münzgeprägt:
Der Hahn, der mit den Flügeln schlägt,
Der Rabe, der den Sinn erwägt,
Das Roß, das seinen Reiter trägt
Gehorsam auf dem Rücken,
Auf Gold und Silberstücken.

Die Tiere, und sie schmücken
Aus Eisen, Stein und Holz,
Die Schlösser und die Dome,
Die Türme und die Brücken
Gewaltig überm Strome,
Als Wappenbilder stolz.

Auf Fahnentüchern prächtig
Frech brüstet sich der Petrushahn,
Der Rabe, schwarz und nächtig,
Blickt dich auf manchem Siegel an.
Hoch an der Kirchenwand,
In Farben blau und grün und rot,
Das Richtschwert in erhobner Hand,
Der König reitet übers Land,
Vor dem das Volk im Staube liegt.
In seinem goldnen Troß
Zuletzt und als Gerippe,
Mit mondenweißer Hippe,
Auf klapperdürrem, fahlen Roß,
Dem kalt im Wind die Mähne fliegt,
Der Tod.

Und vor dem Huf, dem stampfenden,
Des Rosses, das den Boden schlägt,
Vor diesem Ruf erbebt die Erd,
Und alles was sie trägt.

 

Der Alte Mond

Mondnacht

Nun kommt der Mond herauf.

Fürchte ihn nicht,
Wenn er auch
Wie eine Feuerkugel
Glut um sich spritzt,
Die Wipfel der Bäume in Brand setzt,
Daß bald der Wald
Dort am Hang
Auflodert in seinem Licht.

Sieh, er beruhigt sich jetzt,
Und brennt gelassen dann
Hoch in der Nacht,
Die ewige Lampe, die tröstlich
Jeglichem leuchtet
In die Stube hinein,
Der schlagenden Herzens allein,
Mit bestäubtem Gewand,
Am Herd sitzt,
Und dem Fuchs noch,
Der im Röhricht am See
Das klagende Reh jagt –
Unhörbar dem weidenden Vieh,
Herläutend vom Waldrand
Und der tiefträumenden Magd.

Mondnacht im Gebirge

Nebel, zauberzart Gebild,
Aus den schwarzen Büschen quillt.

Am Himmel hängt der Mond als Horn.
Weiß vor Zorn
Schäumt das Wasser durch den Stein.

Wie Totenbein
Glänzt die Wand. Ein krummer Spalt,
Drachenmäulig, urweltalt,
Birgt im Schoß
Das rote Gold.
Dem gehört es, der es holt!

Wie es sprüht!
Greif hinein!
Es ist bloß
Der Mondenschein,
Der so glüht.

Dort hängt schon der Mond

Dort hängt schon der Mond
Zwischen den Dächern,
Mit schwächerem
Licht, als wir es von ihm gewohnt.

Das kommt, weil die Sonne noch da ist.
Wenn du ihrem Licht nah bist,
Scheint dir das seine gering.

Aber jegliches Ding
Zeigt ganz
Den ihm eigenen Glanz
Nur allein.

Wenn es erst Nacht ist
Über dem Main,
Alles Tagwerk vollbracht ist,
In Schatten gesunken Weizen und Wein,
Keine Sense im Feld und Stille im Tann –
Schau den Mond, wie sein Schein dann
Tränkt die dürstende Welt.

Mondnacht auf dem Turm

In den Bäumen geht der Wind leis
Und das Horn des Mondes funkelt blaß.
Aus dem Garten, heiß vom Tage,
Auf zum Turme steigt der Duft vom Gras.

Dunkel schattet das Geäst
Und der Bach rauscht laut, wie ers gewohnt.
Die Brüstung glänzt, vom Abendtau genäßt.
Aus dem Kornfeld tritt das Reh und äst.
Eine Wolke haucht der See zum Mond.

Das Grillenvolk mit Silbernadeln näht,
Die schwarzen Bäume atmen mit Gebraus.
Morgen wird das erste Gras gemäht.

Die Nacht rückt vor, es ist schon spät,
Und das fromme Horn des Mondes steht,
Lautlos blasend, wie ein Wächter über Turm und Haus.

Der Mond über der Stadt

Der Mond lockt vom Himmel, groß und rot.
Alle Straßen mühen sich, zu ihm hinan zu springen,
Alle Dächer funkeln und wollen zu ihm sich schwingen:
Hoch hängt er im Blau, hoch überm höchsten Schlot.

Alle Türme heben die Lanzen zu ihm,
Alle Fenster brennen, zu prahlen wie er,
Alle Häuser tanzen auf Füßen schwer
Und streben hinan zu ihm.

Der Mond lockt vom Himmel. Groß und schwer
Und rund kreist die Stadt, voll Begehr
Zu liegen an seinem feurigen Mund.
Keiner brennt so rot wie er.

Mondnacht auf dem Lande

Dort steht der erste Stern.
Es hört zu schneien auf.
Der Mond kommt auch herauf.
Wir sehn ihn gern,

Den goldnen Mann,
Der uns gefällt.
Als Wächter ist er uns bestellt.
Still geht er seine Bahn.
Die Nacht fängt an.

Die dauert lang.
Nun dreht die Uhr im Schneckengang
Die Zeiger um das Zifferblatt.
Mit dunklem Klang
Sagt jede volle Stund sich an.

Die Eul fliegt aus auf Mäusefang.
Wer liebt, hat seinen Platz gefunden.
Gesegnet, wer gut schlafen kann!

O Uhrenschlag,
O Frag und Klag
Durch viele schwarze Stunden
Bis zum weißen Tag.

Zweimal der Mond

Der Mond ist nicht gelb, wie viele sagen –
Der Mond ist rot!
Geh mit mir, und hör den Schnee unter den Schuhen singen und klagen:
Alles Singende sonst ist tot.

Dort siehst du ihn schon in den Bäumen hängen,
Im rötlichen Schein,
Und zwischen den Ästen sich aufwärts zwängen –
Bald ist er im Blauen allein!

Am frierenden Himmel steigt er hoch,
Und ist dunkel, wie Blut.
Im Bache schwankt er ein zweitesmal noch
Still auf der Flut.

Die Ente,
die lautlos die Strömung her schwimmt,
Hackt mit dem Schnabel nach demTrugbild und streicht
Unwillig ab und nimmt
Den Flug nach ihm selber, dem roten, hoch droben, den sie doch nie erreicht.

Der Mond

(gesprochen von Georg Britting)

Auch wenn er,
Immer zu seiner Frist,
Rund und voll ist, der Mond,
Und das nimmt er genau,
So genau, daß man die Zeit danach mißt,
Ist er nicht immer gleich groß.

Wenn ein dunstiger Tag sich senkt, da,
Über die Waldschlucht, steigt er herauf,
Riesig und nah,
Rötlich dämmernd, und deckt
Das halbe Himmelsgewölb.
Und der Hirsch, der im Tann sich versteckt
Hielt, tritt hervor, friedlich beglänzt,
Und neigt
Äsend das Haupt.

Aber wenn er im kalten Winter sich zeigt,
Ist er klein und weiß,
Wie eine Lampe aus Eis
Hoch in die frierende Bläue gestellt.
Furchtlos durchwandert sein Licht
Die fremden Bereiche
Der oberen Welt.

Und ist doch immer der gleiche,
Der unsere Nächte erhellt,
Und uns und unseren Vätern
Seit tausend Jahren gefällt.
Das tut er wohl auch noch den Spätern.

 

Vierte Sammlung

Bergkrähen

Die Krähen auf den Buckelhängen,
Schwarze Flecken auf der grünen Haut
Der magern, viehzertretnen Wiesen,
Heben plötzlich sich mit krächzenden Gesängen.

Unerklärlich ists, warum sie laut
Sich grad um den fast kahlen Baum wild streitend drängen,
Einen blitzzerspaltenen Riesen,
Der mit blinden Augen um sich schaut.

Auf seinem Wipfel hocken sie sich nieder,
Ast an Ast, und rührn sich nicht.
Wie Eisen glänzt ihr schwärzliches Gefieder,
In der Kehle bergen sie die Krähenlieder.

Wolken, die sich schleppend näher schoben,
Nehmen nun dem Tal das letzte Licht.

Nur die Berge haben noch davon, dort oben,
Wo der Eiswind, sausend,
Mit den Wassern, von der Felswand brausend,
Sich bespricht.

In den Wäldern am Hirschberg

Schwarz ist der Wald,
Der wild und kalt
Geheimes birgt im Schoß.

Grünfeucht glänzt Stein und Moos.
Im Dämmern ragt die Ungestalt
Des Strunkes riesengroß.

Der Dornenstrauch steht blätterlos
In Schand und Schmach,
Zerrauft, voll Wut allein.

Im Schatten dort der Fliegenpilz,
Rot angemalt, getupft das Kleid,
Ist jederzeit
Zu Mord und Tod bereit.

Da rauscht ein Vogel auf und schreit.

Hell steigt der Ton
Durchs Wipfeldach
Ins unsichtbare Blaue weit
Und läutet schnell davon.

Herbst

Vor der Scheuer,
Auf den Wiesen,
Hupfen wieder, schwarz wie Raben,
Knaben um das Feuer,
Um den roten Flackerzungenstrauch.

Wallend steigt der Rauch.

Drückt der Wind ihn nieder auf den Bauch,
Plötzlich sind es rote Riesen,
Wilde Teufelsungeheuer,
Hand in Hand
Tanzend um den Höllenbrand.

Und die Schatten springen am Gemäuer.
Und im Qualm versinkt das Land.

Anfang und Ende

Der November ist wie der Februar –
Wie möchte es der unterscheiden,
Der den Berg erklimmt,
Und im Blauen schwimmt
Die Wolk über ihm,
Ob der Schnee auf den Weiden
Und das Eis im Grabenloch,
Das so kühl her roch,
Im Kommen ist oder vergehen will?

Wenn die Buchen still
Am Schneehang dort
Her glänzen mit weißgrauen Rinden,
Und die Krähenschar,
Die am Eisbach war,
Mit heiserem Wort
Sich aufheben und sich forttragen läßt,
Schwarz schwebend auf feuchtwarmen Winden,
Wie will er es denn, der schweißbenäßt
Den Geröllweg hinauf sich muß schinden –
Wie wills auseinander der finden,
Ob November es ist oder Februar?

In der Kiesgrube sitzt,
Von der Sonne beblitzt
Der Hase und wärmt sich den Balg.

Und der so langsam den Anstieg gewinnt,
Wenn das Wasser ihm rinnt
In die Schuh hinein
Und platschend drin lärmt
Und überall fließt
Es vom tropfenden Stein
Und naß aus eiskalten Spalten –
Wie wills auseinander der halten,
Ob ein Anfang das ist,
Ob das erst beginnt,
Oder ob es ein Ende soll sein?

Aufziehende Schneewolke

Am Himmel ist ein grün Geviert,
Das ist mit Rot und Gelb gesäumt:
Das Schwarz daneben wird es sein,
Das bald den Schnee her schäumt.

Das Grün ist, als obs gläsern wär,
Durchsichtig, bis zur Tiefe klar.
Das Schwarze aber ist ein Bär,
Mit Zähn und Klaun, mit Zottelhaar
Ums bärische Gesicht.

Es stellt sich auf und schnaubt, das Vieh,
Schwarz bäumend, wilder Graus:
Und Flocken fliegen, wie noch nie
So weiß und dicht,
O schwebeleichtes Flaumgewicht,
Im zarten Braus
Herab auf Park und Gartenhaus.

Allein in der Hütte

Das Licht in der dunklen Stube:
Ein weißer Strich im roten Kreis,
Ein funkelnder Kreis von Fliegengeschmeiß
Über dem Aas in der Grube!

Das Dunkel verbrennt an dem zischenden Wachs,
Es knattert und knallt, als ob Stoff, als ob Flachs,
Ein Faden die Flamme durchquere,
Ein Haar die magre ernähre.

In der Ecke dunstets, ein fauler Geruch
Steigt aus den morschen Brettern.
In dem alten Bibelbuch
Tanzen die krummen Lettern.

Schneesturm

Erst kamen sie spärlich geflittert von oben,
Wenige nur,
Als wollten sie ängstlich die Tragkraft erproben
Der Lüfte für ihre silberne Spur.
Dann wurden es viele und mehr,
Die sich drängten und drehten und schoben
Über die Dächer her.

Erst waren es kleine, zierliche Dinger,
Dann wurden sie breiter, fingerbreit, größer noch,
Und war in der Leere
Des Himmels Gehetz und Gehatz,
Und jagten einander, als wäre
Dann unten nicht reichlich für alle Platz.

Wenn ein Wind stieß dazwischen, wild blasend,
So schäumten in weißlichen Strudeln sie auf
Und stiegen wie rasend, und bäumten
Hinan zu dem Turmknauf,
Und man konnte glauben, daß Tauben
Sich schwängen hinauf.

Aber sie konnten natürlich da oben verweilend
nicht bleiben,
Nur einmal herum in der Runde gelang es
Den Kühnsten nur knapp.
Dann zwang es
Sie abwärts zu fahren,
Und ließen sich treiben in Scharen
Flügelgelähmten Geflatters hinab
In die Tiefe, wo die andern Gestürzten schon waren.
Ein Vorhang wehte dann nur mehr, weiß wallend,
Gewoben vom Himmel zur Erd, ohn Anfang
Und Ende, sich immer erneuernd. Schwer hallend
Schwang da die Glocke im Turm:
Und strahlend
Fuhr aufwärts der Töne
Heilig Gedröhne
Im silbernen Schneesturm.

Wintermorgen am Fluß

Weit über den Fluß hin,
Der in der Kälte weißwolkig rauchte,
Waren die Scharen der Vögel verstreut.

Die Enten,
In des Strauchzeugs am Ufer froststarrendem Dickicht,
Vorm knirschenden Tritt
Schwammen sie, wellenaufwerfend, aufgeregt schnatternd,
Weiter hinaus.
Erst bei der Tonne, bauchig und rot,
Die an der Kette tauchte und tanzte,
Blieben sie liegen,
Glänzend im Licht.

Manchmal
Hob sich ein Schwarm mit Geschrei,
Und flügelnd in Schnelle
Und flatternd
Dicht überm Wasser,
Fiel er, rasch beruhigt,
Dann wieder ein.

Auf der Kiesbank,
Schimmernd vom Reif,
Umspült von den Wellen,
Hockten die Krähen,
Stumm, schwarz und steif,
Mißvergnügte, hagere Gesellen,
Und brüteten Pläne
Krummschnäbliger Bosheit und Plünderei.

Zwei Schwäne,
Auf langsamer Fahrt,
Schnabeleintunkend,
Langhalsig schmachtend,
Zogen vorbei,
Verachtend
Das niedere Volk der geschwätzigen Enten
Bei der tanzenden Tonne.

Die Sonne
Stand hoch überm Fluß
Im dunstigen Blau.
Die Pappeln am Ufer
Trugen die Bärte
Lang hängenden Eises.
Der zerfallende Schlot,
Mit geborstenem Mund
Ein stummer Rufer
Über die freche, wuchernde Wildnis,
Aufrecht inmitten stürzender Hütten,
War, als ob er sich schämte, so rot.

Nah bei der Brücke,
Wo die Wellen sich brachen
Mit schwarzem Geräusch,
Lagen wie Stücke
Schimmernden Leinens,
Schaukelnd getragen,
Schneeweiß und keusch
Die Möven auf dem still ziehenden Fluß.

Friedlich war es, und alles war gut,
Paradiesisch Behagen
Und sicher vertrauender Übermut
Der spielenden Tiere.
Fromm ragten, als seien es Lilienstengel
Im göttlichen Garten,
Die Hälse der Schwäne weiß über die Flut.

Da, so kommen wohl stampfende Stiere
Durch splitternden Wald
Und erschüttern das Ohr,
Traten wie zornig glänzende Engel
Drüben am Damm, aus dem Jungholz der Tannen
Soldaten hervor.
Sie schoben geschwind
Vom Strande das Boot und begannen
Beim Schall der Befehle
Die vögelverscheuchende Überfahrt.

Wie im Meerwind
Die Segel knattern,
Von solchem Ton nun
Erbebte die Landschaft
Am Strom.

Kreischend hoben die Möven sich auf.
Silbern erblitzten und sausend die Flügel,
Ein Schneesturm erfüllte
Brausend die Luft.

Das Entenvolk schwang sich
Tropfend empor und jagte flußabwärts.
Ärgerlich klagte, in dreister Empörung,
Über die Störung
Das feiste,
gefiederte Pack.

Die Krähen verließen
Schreiend die Kiesbank,
Es hatte der Ort ihnen gleich nicht behagt.
Das Strömen und Fließen,
Das Rätselzeichen
Im zuckenden Blitz der Fische, der bleichen,
Sie hattens beschaut nur, von Neugier geplagt,
Aber drüben im Wald
War bessere Jagd
Für ihresgleichen.

Durch das Getümmel
Der schimpfenden Vögel,
Ihrer nicht achtend,
Flogen mit mächtigen Flügelschlägen
Die riesigen Schwäne
Rauschend davon.
Von ihrer gewölbten Brust
Sprang ein weißer, sprühender Glanz
Ihnen voraus.
Dampf und Braus umhüllte sie dicht,
So erfüllte die hütende Pflicht
Der silberne Nebel,
Bis sie dann ganz
Verschwanden im bergenden Licht.

Der Fluß war nun leer.
Das spinnenbeinige Ruderboot bloß,
Aus Holz, wie die Tonne, und flügellos,
Zu schwer
Sich zu heben zu schwebendem Spiel,
Schwankte und stampfte mit gischtendem Kiel
Quer über die Strömung daher.

Wie glühende Ringe
Lags um den feurigen
Herzkern der Sonne:

Die innersten Dinge
Verbergen sich fern.
Aus den rötlichen Rändern
Tropfte es schmelzend
Auf dunstender Schwinge
Zum Flusse hinab.

 

Editionsnotiz

»Rabe, Roß und Hahn« ist zuerst im Jahr 1939 und dann gleich in 2. Auflage 1940 im Verlag Langen/Müller in München erschienen. Der Lyrikband ist schmaler als der Vorgänger »Der irdische Tag«. Britting war inzwischen durch den Hamlet-Roman und drei Erzählungsbände im literarischen Leben und beim Publikum etabliert. So war es auch der Verlag, der diese neue Lyriksammlung anregte. Der heraldische oder gleichsam emblematische Charakter des Titels steht für eine gewisse stilistische Beruhigung gegenüber der vorhergehenden nachexpressionistischen Naturlyrik. Britting griff jetzt auch weniger auf den Textfundus früherer Jahre zurück, und über die neuere zeitgleiche Stilhaltung kommen mildere und tröstende Töne auf. Auch Großgedichte mit freien Rhythmen wie »Der Berg« stellen sich ein. Als Publikationsorgan für die Erstdrucke fungiert die führende Kultur und Literaturzeitschrift „Das innere Reich“ (1934-1944). »Rabe, Roß und Hahn« erschien später nicht mehr als Einzelausgabe, sondern erweitert und integriert 1957 wieder im ersten Band der „Gesamtausgabe in Einzelbänden“ und 1993 im 2. Band der mit ausführlichen werkgeschichtlichen und biographischen Kommentaren versehenen „Sämtlichen Werke“, so daß der vorliegende Druck nach mehr als 65 Jahren den Titel erstmals wieder separat zur Lektüre bietet.

Dietrich Bode

 

Impressum

Band 2
Hrsg. von Ingeborg Schuldt-Britting

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Informationen über den Dichter und sein Werk in www.britting.de.

Alle Rechte vorbehalten
© 2012 Georg-Britting-Stiftung
83101 Höhenmoos
Wendelsteinstraße 3
Satz u. Layout: Hans-Joachim Schuldt
Made in Germany
Gedruckte Taschenbuchausgabe:
ISBN 978-3-9812254-6-4 (Sämtliche Werke – Gedichte)
ISBN 978-3-9812254-1-9 (Rabe, Roß und Hahn)