Bd. 4 – Lob des Weines

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Gedichte

Lob des Weines

Weil ich allein bin,
Hab ich den Wein
Mir zum Gefährten gemacht.
Wer spricht so und redet
So Weises und wacht
Mit mir bis tief in die Nacht?

Er ist für den Tag nicht,
Er ist für die Nacht nur gemacht.
Er redet. Ich schweige.
Er will keine Antwort.
Ich steige
Mit ihm in den tiefesten Schacht.

Ich war in der Schlacht
Schon mit ihm, in der Nacht,
An der Somme, bis es tagte
Durch Sumpfwald und Rohr.
Er fragte mich nichts
Und sagte mir Leises
Ins gläubige Ohr.

Das hab ich bedacht,
Und nach Hause gebracht
Wie Korn in die Scheuer.
Ich bin sein Getreuer.
Er weiß es und lacht.

Der Semiramis Gärten

Wo der Wein hängt,
Trauben der Lust –
O glückselige Gärten!

Der Semiramis Gärten,
Der üppigen, heidnischen Königsfrau
Duftender Gewächswald,
Narde und Ölbaum,
Und des Brotfruchtbaums
Schlingige Äste,
Grün atmender Teppiche
Geweb
Und hinschwankender Ranken Laufsteg –
Sie waren nicht schöner,
Als mir sind
Die Hänge am Main:

Zierlich gereiht die Stöcke,
Und daran
Die prallen, bläulichen Kugeln,
Und darüber die goldene
Kugel der Sonne
Unter dem runden, kugligen
Himmelsgewölb.

Miltenberg

Schwarze Aale schwimmen im Fluß, das Tal und die Hänge
Glänzen von Korn und Wein, der Pfirsich gedeiht, und die Birne
Lacht durchs Laub im gesegneten Mainland. Steinerner Zierat
Spielt um Kirchen und Türme, schöneren schmieden die Hähne,
Goldene Schnörkel, die Stadt glüht, und schwarz in der kühligen Gasse
Steht der Gasthof »zum Riesen«. Kaiser und Könige tranken
Hier schon Wein, es nippte vom Süßen glanzäugig die bleiche
Kurtisane im starrenden Mieder, die seidnen Prälaten
Lobten lateinisch den Weltlauf und nahmen vom Truthahn das Bruststück –
Kundige Männer, sie wußten das Rechte zu treffen! Verdrossner
Miene sahns die Kaufherrn, die sträubigen Bärte sich glättend,
Und in der Ecke hob der bestaubte Vagant seinen Schoppen
Mindern Jahrgangs und lauschte dem Trubel, der vornehm durchs Haus sang.
Immer noch wird im Kochbuch die Brust von jeglichem Vogel
Pfaffenschnitzel genannt: das Neidwort ging durch die Zeiten!

An der Mosel

Graue Burgruine,
Der Wein dampft Goldgewölk um dein Gemäuer:
Es schwankt der Turm, und um den Turm die Biene.

Schenke in Palermo

Schwarze Purpurtraube,
Du blutest am Spaliere, glutzerrissen.
Von Liebesbissen schnalzt die Nachbarlaube.

In der Wachau

Blattgerank am Stocke,
Verweigerst neidisch mir das Bild der Traube?
Da weht der Wind, und hebt die grüne Locke.

Sind wir nicht die wahren Weisen?

Viele goldne Sterne stehen,
Und ein jeder kann sie sehen,
Allen leuchtet schön ihr Licht!

Allen ist der Wein gegeben,
Jeder kann den Becher heben,
Doch ein jeder tut es nicht.

Sind wir nicht die wahren Weisen,
Die den Wein, die Sterne mögen?
Ob am Himmel Engel flögen,
Jene andern sähn es nicht,
Höben nimmer ihr Gesicht!

Hab ich recht nicht, wenn ich meine,
Daß sich Erd und Himmel eine,
Oben, unten sich verflicht,
Wenn der Stern sich in dem Weine
Spiegelt und »Da bin ich«! Spricht?

Laßt mich Wein und Sterne preisen
Im Gedicht.

Das weiße Wirthaus

Vom Fluß, der unten schnalzt, hat man den Sand,
Den Ahorntisch, die Bänke weiß zu reiben.
Der Tisch steht fest. Hier magst du gerne bleiben,
Vor dem Sankt Georg an der weißen Wand.

Sie ist gekalkt, ist weiß wie Eierschalen.
Es riecht so reinlich und es wird dir wohl.
Der Wein ist gut. Das ist kein Grund zu prahlen –
Er wächst nicht hier, er kommt aus Südtirol.

Das Tal ist grün. Der Berg ist weiß beschneit.
Kann sein, der sieht nach Südtirol hinein.
Das ist voll Wein und Laub und Üppigkeit.

Hier drängt aus jedem Grünen noch der Stein.
Mit Kieseln schiebt und reibt der Fluß: das Leiern
Tönt schwach herauf zu uns. Wir sind in Baiern.

Im Wein birgt sich viel

Im Wein
Birgt sich viel:
Spiel,
Schwermut und Lust.

Aber du mußt,
Ohne Ziel,
Dich ihm ergeben,
Nichts wollen
Und ganz ohne Verlangen sein.

Es sollen
Schon Weise auf leisen
Sohlen
Verstohlen mit ihm in den Himmel
Gegangen sein.

Frömmigkeit

Ungetröstet entließ das ragende Münster den Frommen,
In der Kapelle am Weg trug das Gebet ihn empor.
Kalt und duftlos verweigert sich manchmal der kostbare Jahrgang,
Und im bescheidenen Trunk zeigt sich der Weingott und lacht.

Solche, die in Schenken sitzen

Solche, die in Schenken sitzen,
Kommen leicht in Streit,
Runzeln zornig ihre Brauen
Voller Heftigkeit:
Himmel kann nicht immer blauen,
Manchmal ist er rot von Blitzen!

Doch ein angemeßnes Wort
Treibt die Wetterwolken fort,
Macht die Lüfte wieder rein.

Fröhlicher, und fern von Frauen,
Auf den grün erfrischten Auen
Trinken die Versöhnten ihren Wein.

Und die hellste hat der Hahn

Hell ein Jubelruf: der Hahn!
Herrlich, wie sein Goldschrei blitzt!
Nachtgelichter! Die ihr sitzt,
Schwankend und vom Wein erhitzt:
Auf! Die Nacht verrann!

Fort! Und rasch in eure Betten,
Um euch vor dem Licht zu retten,
Wies die Eule schon getan:
Denn der Tag bricht mächtig an,
Schmetternd mit den Goldtrompeten,
Und die hellste hat der Hahn.

Zuversicht des Trinkers

Trinke den Wein, der dich freut!
Zwar sagen die Leut,
Er mache dir Sorgen,
Morgen, oder übermorgen!
Warum tut ers nicht heut?
Und übermorgen wird erst bereut?
Ach, das ist noch weit!
Und erst muß noch manches durchlitten sein,
Und erst muß das Gras geschnitten sein,
Eh man es heut!

In der Schenke

Wenn der fliederblaue Himmel
Einstürzt und die Pflastersteine
Rot sich spiegeln in dem Scheine
Früher Radfahrerlaternen,

Würzt der Wein
Den Abend. Der die Stunden kürzt,
Der Rausch, tritt schwankend und bekränzt zu uns herein,
Der die tollen und die vollen Köpfe und die hohlen Flaschen stürzt.

Gang durch das Weindorf

Die Sonne kann nicht herein,
Und es riecht nach
Dauben und Fässern.
Fruchtdumpfig,
Und Schatten nässen
Das Pflaster.

In den Kellern liegt der
Verborgene Schatz,
Still mit sich redend,
Betrunkene
Verse sprechend,
Und das wortlose Echo
Durchduftet die Gassen.

Schwarze Erinnerung

Brummst du, Hummel, schwarz und borstig?
Wüster Gast, was willst du, Wein?
Sah dich schon – in der Abruzzen –
Räuberschenke, fällt mir ein:

Du warst in der Waldspelunke
Einer von den schwarzberußten
Köhlern, die nach jedem Trunke
Sich die Bärte putzen mußten.

Südliche Schenke

Der Perlenvorhang vor dem
Eingang sprühte aufgeregtes
Pfauenbuntes Licht herein:
In den sieben Höllenfarben,
Schrecklich glühte unser Wein.

Ekelhafte Tintenfische
Zuckten in dem Weidenkörbchen,
Muscheln waren drin und Krebse,
Struppig-zartes Seegetier.

Wie ein Räuber sah der Wirt
Mit geröteten Augäpfeln,
Aber freundlich zu uns her,
Und auf federnden Gelenken
Sprang er, um uns einzuschenken
Stets aufs neue.

Still, so still in seiner Bläue
Lag das Meer vor unserm Tische,
Nackt am Strand das umgestürzte
Segelboot.

Die schwatzhaften Wirte

Achtsam setzt mir der Wirt ein Viertel rötlichen Landweins
Auf den gescheuerten Tisch und schwätzt sein zierlichstes Schwäbisch.
Kühlgrün dämmert die Stube, die Uhr tickt, und draußen, vorm Fenster
Flammt die Pappel im glühenden Mittag, und so auch, im Anschaun
Der Zypresse trank ich den bitteren Rotwein vom Ätna,
Hörte vom Hof her den Wutschrei des ungehorsamen Esels
Und der Wirt war nicht minder beredsam Sizilischer Mundart.

Immer schwätzen die Wirte, und ist nur ihr Wein nicht gewässert,
Duldets der Trinker, wies der artige Ehemann hinnimmt,
Daß ihn beim Mahle die Gattin mit häuslichem Schnickschnack umzwitschert.

Der Weinkrug

Laßt mich heut im sapphischen Maß den blauen
Weinkrug schildern: bauchig gewölbt, mit schönem
Halse, weiß getüpfelt, erglänzt er riesig
Zwischen den Gläsern.

Wenn die Honigstimme aus Lesbos klagend
Von der Purpurlippigen Brautbett singt, von
Reifenspiel und Ballwurf und blauen Augen
Griechischer Mädchen –

Sappho, du verargst es mir nicht, im gleichen
Tonfall von der Schenke zu schwärmen, von dem
Alten Glück der zechenden Männer an den
Hölzernen Tischen,

Wo das herzerfreuende Wort der Freunde
Tönt wie braunes Bienengesumm: der Honig
Träuft uns süß und schwer aus dem weiß getupften
Bauchigen Weinkrug.

Das Weinglas

Wenn dem blauen Weinkrug ein Lied gilt, soll auch
Dich eins preisen, gläserner Mund! Du schmiegst dich
Feucht und zärtlich uns an die Lippen. Aus dem
Kruge zu trinken,

Wie es gern die wilde Besitzlust täte,
Bäurisch wärs und töricht dazu: Ein stilles
Feuer vor der vollen Umarmung ist der
Kuß der Geliebten.

Auserwählt

Was meinen die Klugen vom Wein?
Man lasse mit ihm sich nicht ein?
Laß sie schwatzen!
Gehäckseltes Stroh gib dem Langohr vor,
Und Milchbrei den Katzen!

Doch wir sind von anderer Art,
Das Gold des Weins ist für uns bewahrt,
Ist ein Schlüssel mit krausem Bart,
Uns aufzusperren das himmlische Tor,
An Wolkentischen zu zechen,
Mit Göttern vertraulich zu sprechen.

Allein beim Wein

Wie im Glas der gelbe Wein
Blinkt, daß er mir besser schmecke!
Ich krieche tief in mich hinein,
Wie in ihr Haus die Schnecke.

Die Schnecke streckt die Fühler aus,
Ich, klüger, zieh auch sie zurück:
Nun bin ich ganz allein in meinem Haus
Als recht ein Hans im Glück.

Rings an den Tischen geht das Reden nieder
Wie ein Regen ohne Unterlaß:
Ich aber dehne meine trocknen Glieder
In meinem regenundurchlässigen Gelaß.

Rabenweisheit

Auf der Wiese glänzt der bleiche
Bovist und die Krähe schreitet
Mit dem Kopfe nickend zu dem
Garten, wo das Wirtshaus steht.

Weisheit ist beim Volk der Raben:
In der Küche klirrt die Pfanne!
Wein wird dir den Gaumen feuchten!
Schönen Heimweg wirst du haben
Auf der abendlichen Wiese,
Und der Bovist wird, ein Riese,
Hoch die bleiche Lampe heben,
Dir den Graspfad zu beleuchten.

Passau bei Regenwetter

Die Nebel sinken herein.
Im leise spiegelnden Schein
Weht nieder ein sprühender Regen,
Wie Haare von Engeln so fein.

Die Stadt ist ein nasser Stein,
Darauf sich feurig bewegen
Viel Molche, drachenklein,
Und Schnecken,
Und Käfer, mit Flügeldecken,
Die goldhart blinken.

Da brauchst du jetzt nicht zu erschrecken,
Da muß wohl Verzauberung sein –
So geh du nur um vier Ecken
Und trink deinen Abendwein!

Sie werden nicht einsamer sein

Am Abend,
Wenn die Sonne sinkt hinter der Stadt
Und ein Wind aufsteht aus der Tiefe,
Geh zu dem Wirte, der hat
Weißen Wein!
Und ist der weiß wie Totengebein:
Trink ihn!
Und denke der Freunde, die dir
Hinweggingen, die herzlichen!
Hab drum keine Not!
Sie werden nicht einsamer sein
Als du hier allein
In der Schenke
Beim Wein und dem schwärzlichen Brot.

Aus goldenem Becher

Alex, Alter, weißt du es noch, wir tranken
Einmal auch aus goldenem Becher Wein wie
Große Herren: Als wir das neue Meister-
Stück deiner Werkstatt

Aus dem Schranke, frevelnde Zecher, holten,
Daß es, unbefleckt noch und rein, ein Mädchen,
Unserm Wunsche sich füge, vor der Zeit des
Künftigen Mannes.

Ringsum stand viel silbern Gerät, und zwergisch
Auf dem Tisch der winzige Amboß, Ätzstoff
Roch und Säure; siegreich darüber, herrlich,
Schwebte der Weinduft.

Goldne Becherstunde, du warst! Was blieb uns?
Alex, Kluger, weißt du mir Antwort? Unruh
Kam, Gewalt – du gingst in die Fremde, trauernd,
Schmählich vertrieben.

Arm ist unser Land jetzt, das Brot, der Wein fehlt,
Und aus abgestoßenen Gläsern trinken
Deine Freunde, murrend und weise lächelnd,
Nüchternes Wasser.

(Für Alex Wetzlar)

Das gute Mahl

Der Teller sei aus Holz! Auch soll der Schinken
Mit weißen Streifen Fetts durchwachsen sein!
Der Weinkrug sei geräumig, nicht zu klein,
Und kühl, aus Stein! Das Glas, aus ihm zu trinken,

Sei ungeschliffen, bäuerlicher Art!
So auch das Brot! Ein Tischtuch braucht es nicht!
Ein Mann, nur einer bloß, der mit dir spricht,
Den Wein benennt und sagt: das Fleisch ist zart!

Ist nötiger! Du sollst beim Mahle nicht
Einsiedler sein, auf einsam schweifender
Gedankenfahrt: ein dich Begreifender,

Der ohne Furcht mit dir die Nüsse bricht,
Die nicht zu brechenden, was es denn sei
Auf diesem Stern, der sei beim Mahl dabei!

Der Krug

Gabs je einen schöneren
Mond als den heut nacht?
Ich habe dir im tönernen
Krug den Trunk gebracht.

Doch du ließt ihn stürzen,
Splitter gabs genug,
Und süß wie von Gewürzen
Nach dem Maigewitter
Entströmte es dem Krug.

Und war doch in dem tönernen
Gefäß nur, was der Brunnen gibt –
Wandelt sich so, zu Schönerem,
Alles dem, der liebt?

Rausch

Rausch, mein riesiger, bartumwallter
Bruder, tritt zu mir herein!
Sieh dies Glas! Das ist ein alter,
Mondscheingelber, feurigkühler, brennendkalter Wein.

Morgenroter, abendroter
Vetter: Saug am Ziegenschlauch,
Daß ein butterheller, fetter
Wein dir salbt den Bauch!

Neige dich, mein riesenhafter
Purpurbruder, über mich!
Torkelnd, ein erschlaffter Knabe,
Dem das Wangenrot verblich,

Berg ich tief mich in den Falten
Deines Kleides. In den roten Klüften
Träume ich die alten Träume,
Hingelagert an den Hügeln deiner Hüften.

Vor dem Gewitter

Der Nußbaum glänzt mit allen tausend Blättern.
Es fällt ein Blatt herab mir in den Wein.
Die Luft ist dumpf. Es riecht nach Blitz und Wettern.
Das Blatt fährt wie ein Schifflein auf dem Wein.

Ein zartes Donnern. Drüben. Überm Fluß.
Das grüne Blatt, ich hol es aus dem Wein.
Der schmeckt ein wenig bitter nun nach Nuß.
Ein wenig Bittres darf in allem sein,
Im Wort des Freundes, und im Liebeskuß –
Warum nicht auch im Wein?

Der Forellenfischer

Der Donner hat geknallt,
Rot schrieb der Blitz sein Zeichen.
Die Buchen und die Eichen
Stehn regenfeucht erfrischt:
Es ist, als hätt der Wald
Sich Sommerstaub und Müdigkeit
Aus dem Gesicht gewischt.

Wer jetzt Forellen fischt,
Kommt leicht zu seinem Ziele:
Denn der sich zu dem Köder drängt,
Goldfunkelnd an dem Haken hängt,
Der nasse Fisch,
Liegt bald gebraten auf dem Tisch.

Dann brich das Brot und trink den Wein
Und lob den Tag im Abendschein –
Es folgen ihm noch viele!

Das Windlicht

(gesprochen von Georg Britting)

Im Garten
Zur schwarzen Mitternacht,
Unter den Sternen,
Wenn es raschelt im Strauch:
Zünde das Windlicht an!

Die Fledermaus taumelt vorbei
Und der bläuliche Falter,
Und der Igel,
Starrend von Stacheln,
Geht über den Weg
Und die goldäugige Kröte.

Es ist die Nacht nur,
Der schwarze Bruder des Tags,
Und bis der dir wieder erscheint:
Es brennt ja das Windlicht!

Leere den Weinkrug!
Schau der Flamme goldnes Gesicht!
Weißt du es nicht?
Kein Bild ist Betrug!

Hör, was das Windlicht spricht:
Unter der Sterne Gang,
Falterflug, Adlerflug,
Kurz oder lang;
Genug!

Das Beil und der Degen

Der Wein ist von Adel.
Das ist kein Tadel
Für den derberen Schnaps.

Das Beil und der Degen
Sind beide aus Eisen
Gemacht und sind Brüder.

Deswegen – gib acht:
Für den Klotz einen Keil,
Einen Hieb mit dem Beil,
Doch für das Herz nimm den Degen!

Den Weinkrug leerend

Traurig machts dich? Trinke nur: dein Grollen
Geht vorauf der höchsten Lust!
Beide ruhn im Grunde deiner Brust,
Und der Wein gräbt sich dahin den Stollen.

Weihnachtslied der Zecher

Soll ich weihnachtliche Lieder singen,
Wie ichs als Knabe getan?
Es will nicht gelingen,
Ich kann nicht mehr singen,
Was fange ich an?

Jetzt bin ich ein Mann!
Freunde, stoßt an!
Auch das gibt einen erschütternden Ton.
Von Gott kommt der Wein,
Uns zu laben.
Wir trinken uns selig davon,
In den Himmel hinein,
Und wenn wir auch schwerer zu tragen haben,
Wir kommen viel später nicht an
Als die singenden Knaben!

Die Trinker

Und dringt mit manchem groben Stoß
Das Leben auf sie ein –
Im Winter tröstet sie der Wein,
Im Frühlinge nicht minder:
Stets flüchten sie, die Kinder,
Schutz suchend zu der Mutter Schoß.

Im alten Haus

Wie der Feuerpilz
im schwarzen Moose,
Wie die rote Beere in dem Dunkel
Eines wildverwirrten Dorngestrüppes,
Also glüht in unsrer schwarzen Räuber –
Höhle, Welt genannt, der Wein.

Roter Fliegenpilz braut Gift und Tücke,
In der Teufelsbeere sitzt die Bosheit –
Darum sag ich: wie die rote Rose
An der Wand des halbverfallnen Turmes
Glüht in einem schönen Zimmer dieses
Wüst vom Rattenvolk durchpfiffnen alten
Hauses, Welt genannt, der Wein.

Aber der blitzdurchfunkelte Wein

Nein! Nein! Ach, schweigt mir!
So billig ists nicht, wie ihr meint,
Daß der Wein tut,
Ihr neunmal klugen
Vorsichtig-enthaltsamen
Wassertrinker,
Die ihr früh schlafen geht
Am nüchternen Abend
Ins weiße Bett.
Gute Nacht!

Was wißt ihr? Nichts wißt ihr
Oder nur wenig!
Wir hörn es mit ungeduldigem
Hohn, was ihr redet –
So redet der blinde Mann von der Farbe
Und töricht,
Und das Eigentliche
Bleibt ihm Geheimnis.

Mächtig
Wölbt sich der Weinkrug,
Aus dem der
Rundumglänzende Strahl fließt,
Wie wenn aus der Wolke
Der Blitz zuckt
Und alle Höhen der Landschaft
Gewittrig erleuchtet.
Bald kommt der Sturm.
O komm nur!

Wir, wir bestehn ihn,
Uns wirft er nicht nieder,
Nicht sein Gevatter,
Schwarzlärmig, der Donner,
Wir sind keine Hasen,
Die sich in die Furchen
Gefürchtig ducken,
Wie ihr euch ins weiße
Häuslich vernünftige Bett legt.
Gute Nacht!

Vergeßt nicht die rote
Tönerne Flasche,
Mit dem siedenden
Wasser gefüllt,
Um euch die frostblauen
Sohlen zu wärmen!

O ihr andern Flaschen,
Burgunder, kurzhalsig und stämmig,
Die strohumflochtne
Vom Berge Chianti,
Die schlanke des Rheinweins
Und die des Bocksbeutels,
Tierischer Formung!

Auch am Tag kann man trinken,
Nicht jeder,
Wenn die Sonne zusieht,
Ein goldener
Fleck an der Wand!

Davor erschrick nicht,
Wie das Pferd
Vor der Glasscherbe scheut,
Die am Weg blitzt.
Wir wissen es besser:
Wir sehen den Gott,
Der uns zusieht.

Gnädiger Weingott,
O all ihr Götter,
Beschützt uns,
Uns, euch getreu und
Gänzlich ergeben!

Das Wasser,
Weiß und reinlich ….
Aber der blitzdurchfunkelte Wein.

Vor fünfhundert Jahren schon

Wo die Fackel hing,
Saßen sie,
Und die Kanne aus Zinn
War voll Rotwein,
Und der Zinnbecher.

Das Übergeflossene
Lag rot auf dem Tisch,
Und sie wischten,
Einer dem andern,
Das Vergossene
Liebreich auf den Boden.

Wenn sie die Becher aufhoben
Mit der nassen Hand,
Tatens die Schatten mit trockner.

Sie hatten
Riesennasen an der Wand,
Wie Schnäbel von Adlern,
Und der Schatten des Zinnkrugs
War wie ein Turm überm Ödland,
Gut drin zu wohnen
Für solch Gevögel.

Im Stehen getrunken

Wie Turteltauben gurrt die Runde,
Und sind doch
Bärtige Männer,
Die sich nicht kennen,
Und ist ein Schulterschlagen
Mit dem Fremdesten.

Du siehst ihn nie wieder,
Den Mann im Rothemd,
Der dir jetzt zutrinkt,
Treu-äugigen Blicks,
Den doppelten Korn!

Wie wenn im Ringelspiel
Sich die Figuren
Lustig vorüberdrehn,
Ists in der Schenke:
Von dem Gesindel
Bleibt keiner lang.

Der deutsche Weingott

Hellhaariger du,
Weißäugiger,
Junger,
Mit leichtem, beweglichem
Feuer
Schürst du die Hänge!

Die Alten mögen
Der göttlichen Sippe –
Dem Ätna gebietend,
Dem wilden Vesuv –
Bei Lorbeer und Südfrucht
Mächtiger die Erde durchhitzen,
Den trunken machenden Trank
In glühenden Kesseln
Zu kochen:
Schwerflüssig rinnt der
Mit Honigsüße,
Mit Löwenstärke.

Die zartere Kraft nur
Bildet den Duft aus,
Wie ihn die Rose nicht hat in den Gärten.
Seelenhaft schwebt er.

Herrlich verrichtets
Mit schmächtigem Feuer
Der Späte, der Enkel,
Der deutsche Weingott.

Labsal des Alters

Weißer Wein, der unruhig übers Glas drängt,
Perlend wie der Wortschwall der Mädchen, wenn sie
Aug in Auge mit dem Ersehnten ihre
Liebe verbergen,

Honigfarbner, koboldisch glühend, wenn der
Taumel rast bei Hochzeit und Taufe, mondschein-
Gelber, zarter, voll von Empfindung wie der
Vers eines Dichters,

Und der grüne, Hoffnungen weckend, grün wie
Morgenduft des kommenden Freudentages,
Ist der rechte Trunk für die Jugend, für die
Glänzenden Männer.

Doch der rote, Herz und die Glieder wärmend,
Dunkler, aus der Landschaft Burgund, der süßen,
Oder sanfter Wein von Bordeaux gehört den
Späteren Tagen,

Der schon still verzichtenden Weisheit – nicht zu
Sprung und Taten reizt er das alte Blut, er
Gibt ihm, das schon langsamer hinrollt, Kraft und
Schönes Gefälle,

Macht das ungesellige Zimmer rosig,
Bringt die schon gegangenen Freunde wieder:
Glück des grauen Hauptes, das einsam hinlebt,
Labsal des Alters!

Unter den Blumen

Von Blättern, Blumen bin ich ganz umgeben
In meiner Ecke, bei den irdnen Töpfen,
Umrahmt von schweigsam-frommen Blattgeschöpfen,
Die so die stillen Augen zu mir heben,

Als wäre ich ein buntes Heiligenbild.
Der Wirt ist kropfig, doch mit zarter Hand
Hegt er das grüne Leben an der Wand,
Das hoch hinauf bis an die Decke spielt,

Mit Wasser, Mist und andern guten Gaben.
Was einer braucht, das soll und muß er haben,
Der Strauch erst recht, der grad das Messer litt!

Denkt sich der Wirt, und schenkt mir wieder ein.
Den Blumen schmeckt das Wasser, uns der Wein
Nur desto besser, wenn das Messer schnitt.

Burgundische Fahrt

Zwischen Kraut- und Rübenäckern,
Zwischen Korn, Salat und Mais
Stehen an den niedern Stecken
Wie auf Füßen
Grün die Reben von Burgund.

Ihre Namen kennen wir –
Dieser Dörfer, dieser Flecken,
Dieser Städte mit den
Braunen Dächern,
Dieser Schlösser!

Auf den Feldern pflügt der Pflug:
Vorgespannt sind ihm drei Rösser,
Hintereinander! Und bei uns
Ist ein einziges genug!

An der Straße jede kleine
Ortschaft ist uns wohlbekannt:
Lauter hochberühmte Weine
Wachsen im Burgunder Land:
Beaune, Pommard, Macon geheißen.

Rote sinds zumeist. Die süßen,
Weißen sind Chablis genannt.

Der rote Wein

Stumm, stumm
Blickt er tigeräugig
Her,
In purpurner Tücke
Blinzelnd.

Neige das Glas,
So glimmt aus der Tiefe
Das Rot
Vom Rachen der Katze,
Und eine Zunge,
Naß und glühend,
Spielt am Glasrand,
Wie die Katzenmutter ihr Junges
Schmeichelnd leckt.

Hätte er Stimme,
Der Stumme,
Er schnurrte
In zärtlicher, träger,
Mordgieriger Wollust.

Was willst du sagen,
Tigerblick ?
Das Zicklein am Strick
Mag vor dir zagen –
Nicht der Jäger!

Der Perlentaucher

Dunkle Flut
Mir im Glas,
Schwarz-purpurn,
Tief, tief,
Als ging es
Zum Grunde des Meeres hinab.

Als Perlentaucher
Hol ich die glänzenden
Gedanken herauf,
Die Liebesgefühle,
Des Drachens nicht achtend,
Der zwischen den Klippen schläft
Als ein Wächter.

Nie ist die Sonne
Ohne den Schatten,
Nie war ein Schatzhaus,
Das unbewacht blieb
Von einem Drachen.

Hier brauchts nicht den Schwerthieb!
Dieser hier schläft ja noch,
Glückseliger Dieb!

Einsam trinken

Einsam trinken ist gefährlich
Und nicht jedes Herz erträgts.

Fürchtet doch der Mann im Felde,
Wenn er einsam geht, den Blitz
Mehr, als wenn er in Gesellschaft
Vom Gewitter überrascht wird
Und der Tag sich so verändert,
Daß die grünen Haselbüsche
Um das sanfte Felsgestein
Zischen wie die goldnen Schlangen
Um ein marmorweißes Haupt.

Feinde

Freunde sitzen um dich, schwärmend, des Weines voll.
Wenn ihr Zuruf dir gilt, hörst du verklungnen Ton,
Siehst du sie an der Tafel,
Die nun lang deine Feinde sind.

Hüttenfriedlich das Land, bis es ein Blitz erhellt
Und sein schwefliges Licht Felswand und Abgrund zeigt
Und den reißenden Strom. Gott
Schicke dir einen Blitz: den Feind!

Ernüchterung

Dein Herz ist klug genug, es zu wissen, daß
Der Mann, der neben dir an dem Wirtstisch sitzt
Und dir mit treuem Auge zutrinkt,
Tränenfeucht ists, und die Stimme schwankt ihm,

Wenn rauh der Rundgesang sich erhebt, nicht gleich
Dein Freund ist und vom festesten Gold! Der Wein
Verbindet euch, die volle Flasche
Gibt euch den Traum der Gemeinschaft. Träumt ihn!

Ihr wollt ja gern Betrogene sein! Schon naht
Die süße Stunde, da sich der Rausch euch neigt
Und euch aus rotem Munde gnädig
Schiefe und glänzende Worte zuraunt.

Ein Lügner er? Wer spräche die Wahrheit dann?
Der Morgen tuts! Die nüchternen Hähne krähn!
So hört die frechen Tiere sprechen:
Saufbrüder seid ihr und arme Narren!

Herbstgefühl

(gesprochen von Georg Britting)

Tiefblaue Trauben hängt der Herbst vors Haus.
Die Kürbisse, im goldnen Lichte, warten,
Daß man sie holt, und räkeln sich im Garten.
Der Brunnen glüht. Es sieht sein Wasser
aus,

Als sei es Wein, bestimmt zu Fest und Schmaus
Und jedem Glück. Am Himmel ziehts mit zarten,
Befiederten Gewölken weit hinaus.
Wo gehn sie hin, die unnennbaren Fahrten?

Bescheide dich! Begnüg dich zuzusehn!
Ein Krug mit Wein ist vor dich hingestellt.
Daneben liegt ein Buch. Was willst du mehr?

Lies einen Vers und laß die Wolken wehn!
Hör es gelassen, wie der Apfel fällt
Ins hohe Gras: noch ist der Krug nicht leer.

 

Editionsnotiz

Das Gedichtbuch »Lob des Weines« hat eine nicht ganz gewöhnliche Druckgeschichte. Am Anfang steht 1944 unter den Bedingungen der späten Kriegsjahre ein kleines Heft mit 20 Gedichten, darunter drei aus früheren Bänden, bei Hans Dulkin Hamburg. Es wird nach Kriegsende erweitert 1947 wieder aufgelegt. Seine fast endgültige Gestalt erfährt die Sammlung, an der weiterzudichten Britting einiges Vergnügen bereitet, mit 52 Gedichten und mit Zeichnungen von Max Unold 1950 im Hanser Verlag, München. Nur 1957 für die „Gesamtausgabe in Einzelbänden“ nimmt Britting noch einige Umstellungen und eine Ergänzung vor. Von der Entstehungszeit her und werkgeschichtlich sind die durchweg seit 1941, z. T. seit 1937 geschriebenen Wein-Gedichte mit den Tod-Sonetten der „Begegnung“ zusammen zu sehen: „Lebenslust und Totentanz“ schrieb ein Kritiker, von „Polarität“ in Brittings Dichtung ein anderer. Auch im »Lob des Weines« wirken indirekt die Kriegsjahre mit, Britting zieht sich zunehmend aus der Außenwelt zurück. „Ich krieche tief in mich hinein, / Wie in ihr Haus die Schnecke.“ – „Weil ich allein bin, / Hab ich den Wein / Mir zum Gefährten gemacht.“ – „Im Wein / Birgt sich viel: / Spiel / Schwermut und Lust.“ Formengeschichtlich ist bemerkenswert, daß neben dem Sonett nun von Britting auch antike Versmaße und Strophenformen in beeindruckender Weise aufgegriffen werden.

 

Impressum

Band 4
Hrsg. von Ingeborg Schuldt-Britting

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Informationen über den Dichter und sein Werk in www.britting.de.

Alle Rechte vorbehalten
© 2012 Georg-Britting-Stiftung
83101 Höhenmoos
Wendelsteinstraße 3
Satz u. Layout: Hans-Joachim Schuldt
Made in Germany
Gedruckte Taschenbuchausgabe:
ISBN 978-3-9812254-6-4 (Sämtliche Werke – Gedichte)
ISBN 978-3-9812254-3-3 (Lob des Weines)