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Drucknachweise und Anmerkungen 


Lieferbare Ausgabe:

Georg Britting
Sämtliche Werke  

Taschenbuchausgabe
in 23 Bänden

Band 5 »Unter hohen Bäumen«
Seite 75
Editionsnotiz zu dieser Ausgabe



Georg Britting
Sämtliche Werke 
» Unter hohen Bäumen «   Band 4   Seite 198
© Georg-Britting-Stiftung - Alle Rechte vorbehalten /   zu den Rechten:
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DER GROSSE HERBST

Nun aus dem Sommerlaube 
Tritt er her.

O Traurigkeit!
Sagt seine Stimme, schwer 
Und süß.
Er spricht im Apfelfall
Und klopft ins Gras die Verse der Vergänglichkeit, 
Und weint im Regen
Die langen Nächte durch, 
Die gelben Tage.

Dann wird der Himmel blau 
Wie er im Mai nicht war,
Im Juli nicht.
Der Kürbis schwillt, der rosenfarbene,
Die schwarze Traube glänzt,
Die Sonnenblumen drehn die schweren Teller –
Du blähst dich üppig auf,
Hochmütiger,
Und krähst,
Recht wie der Hahn es tut,
Wenn sie am Herde schon
Die Pfannen rüsten und den Spieß
Fürs Fest!

Am Abend wartet
Die junge Magd vergeblich, 
Weil sich der Knecht versäumt.

Und Schmerz durch Schmerz zu täuben,
Greift sie in den Brennesselstrauch
Und preßt und reibt die Blätter
Mit zorniger Hand,
Und haucht die Blasen
Mit ihrem tränennassen Atem an.
Und wartet lang, und späht nach dem Geliebten.

Das Veilchen ist nicht mehr.
Vergißmeinnicht ist fort.
Hellblau und silbrig klang sein Wort.

Wer hats gehört?
Ach, jeder wird vergessen!

Auf unbewegtem Flügel kreist
Der Turmfalk überm Dorf.
Sein Blick geht weit.  Er sieht
Fern das Gebirg
Mit schon beschneiten Höhn.

Schafherde zieht.
Den Widder stößt die Schürze.
Die kahlgeschornen Lämmer rupfen
Das Gras vom Hang,
Daneben
Das Stoppelfeld, entblößt, der Frucht beraubt,
Sich schämt.

Noch aber schwebt
Am braunen Mittag
Die späte Biene von den Gärten her,
Mit golden brummendem Gesang
Die warme Enge preisend
Und das Honighaus.

Ein schwächliches Gewitter,
Oh, ohne Sommerkraft!
Gibt sich verhallend aus.
Es sieht sein Regenbogen
So ausgebleicht,
Verwaschen her,
Wie ein verregnetes, durchnäßtes

Sommerkleid, zum Trocknen aufgehängt am Zaun.
Still hebt der Dieb
Die Reuse, die triefende, empor.
Wie er den Aal sich greift,
So schlingt sich der
In nasser Wut
Um seinen nackten Arm,
Daß er erschauernd ihn
Zum Himmel reckt
Mit dem lebendig schwarzen Armreif,

Und er spürt ihn so,
Als läg er um sein Herz.
Und seiner Beute wird er heut nicht froh.

Die Luft schmeckt scharf,
Getränkt von rauhen Würzen.
Ein Essigkrug ward ausgeschüttet –
Ihn stieß der Wind um,
Schabernackisch.
Sie sei ihm süß,
Die bittere Wacholderbeere,
Die sich der Vogel pickt,
Und jeder lebe so mit seinem Schmerz
In gutem Einvernehmen.