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Georg Britting
Sämtliche Werke  - Prosa -
Herausgegeben von Walter Schmitz
Band 1 - Frühe Werke - Seite 36

Anmerkungen
 

Die Kunst stirbt

So behauptet wenigstens Viktor Auburtin in seiner gleichbetitelten Schrift, die im Verlage Albert Langen in München erschienen ist und die das Glaubensbekenntnis eines Pessimisten enthält, der die künstlerischen Verhältnisse unserer Tage schwarz in schwarz malt und der auch keinen tröstlichen Ausblick in die Zukunft, keine Hoffnung auf eine spätere Besserung gibt. Es ist noch nicht lange her, daß ein anderer Schriftsteller von Ruf und Bedeutung eindringlich auf die Verflachung unseres Kunstlebens hingewiesen hat: ich meine Herbert Eulenberg, der in seiner Trauerrede an die deutsche Nation »Die Kunst in unserer Zeit« mit tiefem Ernst und mit sicherem Blick für die wechselnden Strömungen auf künstlerischem Gebiete auf die Merkmale hingewiesen hat, die dem Kundigen anzeigen, daß unsere Zeitepoche bei den weitaus meisten Menschen ein auffallend großes Minus an Interesse und Anteilnahme an Dingen der Kunst aufzuweisen hat. Aber Eulenberg ist ein Optimist, er glaubt an eine Besserung dieser Verhältnisse, an ein neues goldenes Kunstzeitalter und er weiß Mittel und Wege zu nennen, die diesen Aufschwung herbeiführen sollen. Anders Auburtin. Er sieht die Dinge schwärzer, er formuliert den Satz, daß die ganze Kunst am Ende sei, und daß wir einer vollkommen kunstlosen Zukunft entgegen gehen. Die Kunst stirbt an der Industrialisierung der Welt, an der Nützlichkeit, an dem, was wir großmäulig »die Errungenschaften« nennen. Und sie stirbt daran, daß in der immer straffer angezogenen sozialen Organisation die Persönlichkeit und die Leidenschaft ausgemerzt werden, ohne die eine Kunst nicht möglich ist. Eine Kritik der modernen Technik wird in dem kleinen Werk nur angedeutet, nicht durchgeführt, und das muß Nationalökonomen überlassen werden. Aber deutlich wird es gesagt, daß der Fortschritt oder was wir so nennen, der Tod der Kunst sein wird. Die Kunst entspringt alle den dunklen Dämonien, die wir jetzt glücklich abzuschaffen im Begriffe sind, dem Haß und dem Frevel, den entfesselten Temperamenten und der Auflehnung verschrobener Individualitäten gegen die Macht der Masse. Sie muß sterben, wenn eine allgemeine Gerechtigkeit durchgeführt wird, wenn wir die sozialen Gegensätze ausgleichen, und in den wohlpolizierten Staaten der Zukunft muß sie ersticken. Dieser Gedanke, daß die Kunst am Sterben ist, wird in dem kleinen Werke eindringlich und leidenschaftlich vorgebracht.
Ob Auburtin nur übertreibt? Jedenfalls: Daß große Künste jetzt eine schwere Krisis durchmachen? so das Drama und die Malerei ? muß auffallen. Alle Welt sieht, daß da wertvolle Kunstgüter verflachen oder durch schamlose Entrepreneure verpöbelt werden, aber allgemein tröstet man sich mit dem Gedanken, daß solche Verdunkelung schon oft dagewesen sei und auch diesmal wieder vorübergehen werde.
Qui vivra verra! Ob dieser Trost berechtigt ist, muß erst die Zukunft lehren. jeder Kunstfreund kann es nur wünschen und hoffen.

      [1911]