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Georg Britting
Sämtliche Werke  - Prosa -
Herausgegeben von Walter Schmitz
Band 1  Seite 344 bis 357
Kommentar Seite 652

Aus: »Erzählungen, Bilder, Skizzen«



Hinterhauser und sein Fräulein
Die Könige
Ein Pferd überm Fluß


 
 
 
 
 


Hinterhauser und sein Fräulein

Wie soll ich diese Geschichte erzählen, die wahr ist, und weil sie wahr ist, ein übles Licht auf uns alle wirft, die wir drin vorkommen, wie soll ich sie erzählen, wie soll ich sie vortragen, daß wir nicht gar zu schlecht abschneiden im Urteil der Braven und Unbescholtenen, die unsere Richter sind?
 Im Frühjahr 1916 lagen wir in den Cötes lorrains in stark ausgebauten Schützengräben. Es war nicht viel los dort um diese Zeit, und unser schlimmster Gegner war nicht der Franzose, sondern der Regen, der Regen, der Regen.
 Einmal, es regnete gerade nicht, saßen wir vier Offiziere der Kompagnie in einem Unterstand zusammen, und der Leutnant Hinterhauser erzählte, und es war nichts Schönes, was er uns erzählte, und wenn ich sage, daß er ein Theologe war, so sage ich das nicht, damit seine üble Tat sich noch schwärzer male, ich sage es, weil es die Wahrheit ist.
 Der Leutnant der Reserve Hinterhauser also, als der Krieg ausbrach, ein Student der protestantischen Theologie im fünften Semester, und nun seit fast zwei Jahren Soldat, ein hübscher Kerl mit braunen Backen und gesunden Zähnen, erzählte uns, daß er im letzten Urlaub ein weibliches Wesen mit allerhand Reizen kennengelernt habe, die ihm half, die Heimattage, die wenigen, angenehm zu verbringen. Zwar, er habe sie in gutem Andenken, aber mit allzu heftigen und dringenden und verliebten Briefen habe sie sich an ihn gedrängt, habe zu schwärmen begonnen vom nächsten Zusammensein, und er, nun er - er wolle sie nicht wiedersehen, weil er, ganz einfach, genug von ihr habe, und darum habe er lange darüber nachgesonnen, wie er das stürmische Fräulein endgültig aus seinem Leben bringe.
 In seiner Not, erzählte er uns, habe er zu einem Mittel gegriffen, das er selber verwerflich, abscheulich, teuflisch nennen müsse. Und er erhob sich, Hinterhauser, machte eine lange und wirkungsvolle und ängstliche Pause, und stehend und die Hände auf den kleinen Tisch gestützt, schrie er wütend und verlegen: Er habe dem Fräulein durch seinen Burschen schreiben lassen, er sei gefallen!
Er habe seinem Burschen Karl den Brief in die Feder vorgesprochen, und für das Fräulein sei er nun tot und begraben.
 Ein wenig gruselte es uns, als wir in das braunbäckige Gesicht Hinterhausers sahen, der für irgendjemanden da draußen tot war. Wir waren alles alte Soldaten, allerhand gewöhnt, vieles gewöhnt, aber es gruselte uns, wenn wir es uns auch nicht merken ließen.
 »Ja«, sagte Hinterhauser, nun schon wieder sitzend, nun schon wieder gelassen, »aber damit beruhigte sich das Fräulein keineswegs.« Es nahm, erzählte er, nun den Briefwechsel mit Karl, seinem Burschen auf, schrieb Briefe mit hundert Fragen, mit tausend Fragen, wo sein Herr gefallen sei, wie die Art der Verwundung und ob er gleich tot gewesen sei? Wie seine letzten Worte gelautet hätten? Jede Einzelheit, jede Kleinigkeit wollte es wissen!
 Und Hinterhauser, erzählte er uns, gab eine eingehende Schilderung seines eigenen Todes, erfand rührende letzte Worte, die sich seiner granatzerfetzten Brust entrungen hätten, er war doch Theologe und redegewandt, und darüber hinaus, er hatte sein Vergnügen daran, die Darstellung seines letzten Stündleins in dem Ton zu halten, wie sie wohl dem Bildungsgrad, dem Ausdrucksvermögen eines einfachen Mannes entsprach, wie es sein Bursche war, und dieser, sein Diener, sein Mitschuldiger, schrieb und schrieb, schrieb alles, was sein Herr nur wollte.
 Aber das Fräulein, ein hartnäckiges Wesen, war immer noch nicht zufrieden. Es schickte dem Burschen Wurst und Schnaps und wollene Unterwäsche allwöchentlich und fragte und forschte und bohrte und schrie nach einem Andenken an den Toten, nach einem Ding, das er im täglichen Gebrauch gehabt habe, nach seinem Taschenmesser zum Beispiel, das sie damals, in den verflossenen Urlaubstagen, bei ihm gesehen hatte.
 Und Hinterhauser kaufte sich beim Marketender ein neues Messer und schickte das alte durch seinen Burschen dem Fräulein, dessen rührende Liebe zu dem Toten zu beobachten ihm eine aus Freude und Scham gemischte Aufregung bereitete.
 »Und wahrhaftig«, sagte Hinterhauser, »wenn ich mich traute, dem Fräulein jetzt zu sagen, daß ich noch lebe, wenn ich den Mut hätte, es in meine Karte schauen zu lassen, wenn ich mich nicht so schämte, alles aufzudecken - jetzt hätt' ich wahrhaftig Lust, das treue Wesen wiederzusehen, aber, nicht wahr, jetzt kann das alles nicht mehr sein!«
 Im Unterstand brannte nur eine einzige Kerze, wir tranken Kaffee aus unsern Feldbechern, rauchten und Hinterhauser sah von einem zum andern und versuchte die Geschichte wie eine lustige Geschichte zu erzählen, aber obwohl wir ihm gern den Gefallen getan hätten, konnten wir nicht recht lachen.
 »Ja«, sagte Hinterhauser, »aber sie gibt noch immer nicht Ruhe. Es ist toll, was sie jetzt will!«
 Die Franzosen hatten eine Mine herübergeschickt, das taten sie manchmal nachmittags, täppisch scherzend, eine einzige Mine, die war in der Nähe unseres Unterstandes niedergegangen, es rieselte hinter den Holzbohlen, und die Kerze verlöschte von dem Luftdruck.
 Wir saßen im Dunkeln, und das kam Hinterhauser gelegen, und er sagte schnell aus dem Finstern heraus: »Sie will ein Bild von meinem Grab.«
 Ich gönnte ihm sein Versteck im Schwarzen, brauchte drei und vier Streichhölzer, bis die Kerze wieder brannte, das richtete ich schon so ein.
 »Ja«, sagte er dann, »ich hab' nun hier meinen Namen drauf gemalt«, und er zog aus der Tasche eine ovale Blechtafel, drauf stand:
Hier ruht der
Lt. d. R. Hinterhauser, xtes Infanterieregiment.
Gefallen am 21. Februar 1916
»Du hast so einen Kasten«, sagte Hinterhauser zu mir. »Jetzt gehen wir auf den Friedhof hinter unserer zweiten Stellung, da befestige ich die Tafel auf einem Kreuz, und du knipst mein Grab!«
Wir kletterten hinter ihm aus dem Unterstand, es war am
Nachmittag um vier Uhr, ein grauer Aprilhimmel war über uns, es war kalt, die Posten standen gelangweilt in ihren Nischen, und wir gingen im Gänsemarsch durch den Kampfgraben, gingen ein Stück den Laufgraben zurück, dann kam Wald. Wir stiegen aus dem Graben, gingen ein s.k Stück in den Wald hinein zu dem Friedhof, den die Preußen angelegt hatten, zu dem Waldfriedhof mit den schiefen Kreuzen.
 Hinterhauser klemmte sein Täfelchen auf das Kreuz eines noch ganz gut erhaltenen Grabes, und ich nahm meinen schwarzen Kasten und drückte ab, während die andern verlegen lächelnd beisammen standen.
 So war es, so taten wir an diesem grauen Apriltag, es war nicht schön, wir zitterten, das war der kalte Wind, was sonst?
 An den Abend begann es wieder zu regnen, und wir tranken viel, aber es war doch ungemütlich, denn ich konnte mich wehren, wie ich wollte, ich sah immer wieder ein Gesicht mit braunen Backen sich verwischen, verformen, verrutschen, das Fleisch zerschmolz, die gesunden Zähne blieben, und dann war das wie ein Totenschädel, was über dein Kragen Hinterhausers saß und mich freundlich anfletschte.

  Ich ging übrigens den Tag darauf wieder zum Friedhof zurück und nahm das Hinterhausersche Täfelchen vom Kreuz, damit die ursprüngliche Inschrift, die den Musketier Z als gefallen meldete, wieder die Wahrheit sprechen konnte. Das, schien mir, war ich dem Musketier Z. wohl schuldig, der ein wackerer Mann gewesen sein mußte, denn er war gefallen, und das ist schon eine Sache, die Achtung einflößt - und unbesehen darf man solch einen Mann wacker nennen.
 Es hat in diesem Krieg, den den Weltkrieg zu nennen man übereingekommen ist, auf deutscher Seite an die zwei Millionen Tote gegeben, und als man das am Kriegsende übersah, war auch Hinterhauser unter ihnen.
 Er war unter ihnen, war gefallen, wie eben viele fielen in diesem Weltkrieg - wie müßte man sich denn auch benehmen, was sollte man denn auch davon halten, was sollte man denn auch mit sich anfangen, wenn sein Tod mehr und ein anderer gewesen wäre als der übliche und häufige und billige und kostbare und blutige und wackere Soldatentod?
 Und schließlich steht auf einem solchen, wenn auch unpassenden Spaß doch nicht die Todesstrafe, doch auch nicht für einen Studenten der Theologie, obwohl er sich für ihn schon gleich gar nicht schickt - und, wie gesagt, da waren ja noch zwei Millionen Tote, die nicht so übel gescherzt hatten und doch dran glauben mußten, die Verluste der Feinde gar nicht eingerechnet.
 Und wacker diese wie jene und auch Hinterhauser!
 Und ich, Hinterhausers Mitschuldiger, lebe ja auch noch, und wenn ich an jene Monate zurückdenke, habe ich Regen, Regen, Regen in Erinnerung, der uns wusch in vielen Tagen und Nächten, wohl auch jene Schuld abwusch von uns, so daß ich mich diese Geschichte zu erzählen traue und zu hoffen wage, daß wir nicht gar zu schlecht abschneiden im Urteil der Braven und Unbescholtenen, die unsere Richter sind.

[1928]


 
 

Die Könige

Der Schnee fiel schon seit Stunden, dick und fett und weiß, und so war nicht zu sehen, ob es Kartoffelfelder waren, die sich da hindehnten, ob Weizensaat hier keimte oder junger Roggen, vielleicht waren es Wiesen, weil ja alles weiß war, gleichmäßig weiß, wattebauschig weiß. Ein glanz weißes Dorf, nicht allzu fern, das sah aus, als habe ein großmächtiger Maulwurf einen überschneiten Berg aufgewühlt, und vielleicht würde er, der unsichtbare, schwarze Vierpfotenschaufler, den Berg noch höher wölben, immer höher, immer höher! Und immer noch fiel Schnee, das würde nimmer aufhören heut, morgen auch nicht, vielleicht übermorgen, wenn überhaupt je.
 Wahrscheinlich lief neben der Straße ein Straßengraben. Aber zu sehen war er nicht, so war er angefüllt mit Schnee.
 Drei Männer kamen die Straße daher, und es war wunderbar genug, daß sie immer noch die Straße unter den Füßen hatten, sie wußten auch nicht, ob es immer noch die Straße war, vielleicht gingen sie schon längst querfeldein. Bis an die Knie reichte ihnen der Schnee, und besonders der schwarze Balthasar, der Neger, der plattnäsige, kraushaarige, litt unter der Kälte, an die er nicht gewöhnt war, und sein roter Mantel sah blutig aus und auffallend, hätte besser zum gelben Wüstensand seiner Heimat gepaßt (wie war sie fern!), als zu dieser weißen Winterlandschaft, aber er ging unverdrossen hinter Kaspar und Melchior drein. Was die aushielten, ertrug er auch! Kaspar hatte einen langen spitzen Bart, weiß wie der Schnee, und trug einen schwarzen Mantel, der geräumig um ihn wogte, und Melchior war bartlos und faltenfrei im Gesicht, und sein Mantel war gelb, dottergelb, und um die Hüften herausfordernd eng geschnitten. Sie gingen im Gänsemarsch, einer trat in die Fußstapfen des andern, und da zeigte es sich, daß der Neger die kleinsten Füße hatte von den dreien, denn seine silbergeflochtenen Schuhe hätten gut zweimal Platz gehabt in den tiefen Gruben, die seine Vorgänger traten. Und einmal machte es ihm Spaß, das zu versuchen, in einer Grube Fuß vor Fuß zu setzen, Silberschuh vor Silberschuh, und so stehen zu bleiben. Wie komisch der schwarze Mantel Kaspars sich blähte!
 So gingen sie im Gänsemarsch und sahen manchmal zum Himmel auf. Der war nicht zu sehen, nur Schnee sah man herunterfallen, aber der Himmel war schon noch da, o ja, unerschütterlich, der Himmel, denn sie sahen den Stern, der sie führte. Klein zwar nur, laternenlichtklein, zartrosafarbig war der Stern, ein Sternlein nur, winzig im schwarzgrauen Flockenfall, aber er war da, war noch da, und führte sie.
 Das Dorf, das Maulwurfsdorf, blieb auch schon zurück, und sie gingen immer noch weiter, und Balthasar, der schwarze Moor, schüttelte den Rotmantel, ihn von der Schneelast zu befreien, und der spitzbärtige Kaspar blies in die erstarrten Hände, sie aufzutauen, und der dicke Melchior stampfte mit den Füßen, weil sich an seinen Absätzen Schneeballen bildeten und zu kugeligem Eis wurden, was das Gehen erschwerte.
 Zur linken Hand an der Straße, wenn es noch die Straße war, auf der sie gingen, stand ein starker Baum mit vielen Ästen, knorrigen und lustig verdrehten, und als sie bei ihm waren und wieder einmal zum Himmel aufschauten, war der Stern schon noch da, der Rosastern, war schon noch da, aber er glühte plötzlich stark auf, wie ein riesiges Katzenauge, funkelte, es war zum Fürchten, einen Augenblick lang waren Baum und Himmel und der unendliche Schnee rosarot, weithin alles rosarot, dann erlosch er, der Stern, war weg, wirklich, er war weg, fort, und der Schnee wieder weiß. Der Mohr im roten Mantel schrie: » Habt ihrs gesehen?« Sie hatten es natürlich alle drei gesehen, blieben alle drei unterm Baum stehen. » Dann muß es hier sein, irgendwo in der Nähe«, sagte Kaspar, » aber wo?«
»Wir warten hier«, entschied Melchior.
 Sie ließen sich unterm Baum nieder, breiteten eine Decke aus auf dem Schnee und setzten sich und hüllten sich fest in ihre Mäntel, daß sie waren wie drei merkwürdige Vögel, ein blutroter, ein rabenschwarzer und ein dottergelber.
 Sie sprachen nichts, der Schnee fiel lautlos, und der junge Balthasar wiegte den Krauskopf hin und her, immer hin und her, daß die goldenen Ringe in seinen Ohren klirrten. Dann hielt er den Kopf ruhig, die Ohrringe schwiegen, da war nur mehr der lautlose Schnee.
 Wahrscheinlich waren sie eingeschlafen und erwachten von einer Stimme, die sie anrief, und sie wachten alle drei gleichzeitig auf und da stand vor ihnen ein Mann, der hatte einen grauen Bart, grau wie das Fell des Esels, den er am Zügel führte, und auf dem Esel saß eine Frau. Das Tier schnappte mit weichem Maul nach dem roten Mantel des Mohren, und der Mann fragte: »Ist hier kein Dorf in der Nähe? Es wird Abend, und wir sind müd und suchen ein Unterkommen.« So fragte der Mann, und Balthasar, der ihn scharf beobachtete, bemerkte doch nicht, daß sich irgendwas bewegt hätte in dem Gesicht des Fragers. Denn, wenn auch seine Lippen vom Bart verdeckt waren, hätte man doch diesen, den Bart, sich rühren sehen müssen, oder die Wangen sich heben, oder die Nasenflügel, aber das alles geschah nicht, das Gesicht des Mannes blieb still und unbewegt, auch während er sprach. Das sah Balthasar und verwunderte sich und stand auf, und da standen die beiden anderen auch auf, und Kaspar sagte: »Dahinten ist ein Dorf, ein halbe Stunde zurück, und ihr werdet dort schon finden, was ihr sucht.«
 Der Mann nickte dankend, und die Frau nickte, und der Mann trieb den Esel an, der den roten Mantel ungern aus dem Maul ließ, und dann verschwanden Mann, Frau und Tier im Schneetreiben.
  Balthasar dachte darüber nach, ob wohl seine beiden Gefährten es auch beobachtet hätten, daß der Graubart mit stummen Lippen hatte reden können, und wollte sie fragen, da sagte Kaspar: »Sie sinds!« - »Wer?« fragte Melchior. »Wer?« fragte Balthasar und rieb an seinem Mantelärmel, der feuchtwarm war von der Eselmaulnässe.
 »Sie sinds«, wiederholte Kaspar und bekam ein ganz frommes Gesicht. Balthasar schrie wütend: »Sie sinds! Sie sinds! Ein Mann war es und eine Frau und ein Esel! Aber wir suchen doch ein Kind!« Der zornige Mohr drehte die Augen, daß man das Weiße sah. Und plötzlich wie flehend sagte er mit leiser Stimme: »Ein Kind doch suchen wir.«
 »Ihr habt nicht gesehen«, fragte Kaspar, der Weißbärtige, fragte sanft, fragte zart jubelnd, und lächelte dem Neger ins Gesicht, »ihr habt nicht gesehen, daß die Frau gesegneten Leibes war?«
 Der Mohr wurde selig bleich, Melchior fing eine Schneeflocke, glücklich, wie eine Hoffnungstaube, und der weiße, scharfäugige Kaspar fragte: »Habt ihr eure Geschenke noch?«
 Und sie holten aus den Manteltaschen Gold in blanken, runden Stücken, würzige Hölzer und Öle in kostbaren Flaschen.
 So hockten sie da, gelb und schwarz und blutrot, im Schneewirbel, und vor ihnen lagen die Geschenke im Schnee, und die Flocken tanzten darüber, aber keine einzige ließ sich darauf nieder, nicht eine, und sie glänzten unberührt, die Geschenke, bis sie zuletzt wie in einer Mulde lagen, wie in einer Schneeschüssel mit weißen Schneewulsträndern.
 Die drei Könige hockten die ganze Nacht, sie froren nicht, sangen leise Lieder vor sich hin, Balthasar ein seltsam verschnörkeltes, helles, afrikanisches, Kaspar ein brummendes, dumpfes und Melchior ein pfeifendes, mäusewisperndes, und sangen und erwarteten den Morgen.
 Der kam, die Sonne kam, es schneite nicht mehr, der Baum glänzte im Licht, und aus der Tiefe der Schneeschüssel leuchteten die Geschenke. Sie nahmen sie an sich, und Kaspar rief. »Jetzt vorwärts!«
 Sie drehten um, Kaspar voran, dann Melchior, dann der schwarze Balthasar im roten Mantel und nahmen die Richtung auf das Dorf, auf das Maulwurfsdorf, das sie gestern gesehen hatten.
 Und der plattnäsige Mohr, der jüngste der drei, fast wie ein Jüngling noch, blieb plötzlich in einer Fuß[s]tapfe stehen. Silberschuh vor Silberschuh, weil ihm wieder eingefallen war, wie der Graubart gestern hatte reden können, ohne daß sein Gesicht sich rührte.
 Wenn sie jetzt auf ihn trafen, wie zu hoffen war, wollte er sich das genau betrachten.

[I928]



 

Ein Pferd überm Fluß

Als wir, und das war gestern, uns in den Anlagen an der Isar trafen, wo die Wege feuchtschwarz glänzten, obwohl seit Tagen kein Regen gefallen war, wo an den Weidenästen schon.die ersten grausamtnen Kätzchen saßen, da betrachteten wir die handgroßen, blauen Flecken am sonst farblosen Himmel und erinnerten uns, daß wir in einem großen Saal zwischen bunten, papiernen Wänden und unter künstlichen, gelben und roten Monden getanzt hatten, auf glattem Parkett, auf spiegelndem Holz - und nun gingen wir auf feuchtschwarzen Wegen und der Sand knirschte bei jedem Schritt, bei jedem Schritt. Es war nun kein Mond da, auch keine Sonne, es war um vier Uhr nachmittags, graues Licht kam von überall her, und die Isar war grün und rauschte ein wenig herauf, ein wenig herauf. Du trugst jetzt ein blaues Jackenkleid, bis hoch oben geschlossen, und weil auch deine Hände in Leder vermummt waren, sah ich Fleisch und Haut und blaugrünes Aderngeflecht nur in deinem Gesicht, in deinem klaren und strengen Gesicht, und vor vierzehn Tagen doch, im Saal mit den Papierwänden, war dein Rücken tief entblößt gewesen, und dein Hals bis zum Brustansatz, und du hattest dich nicht geschämt, deiner Blöße nicht geschämt, aber war es nicht, als holtest du jetzt das nach, jetzt im hochgeschlossenen, blauen Jackenkleid unter dem farblosen, dem grauen Himmel, jetzt, wo der feuchtschwarze Sand unter deinen Schuhen knirschte, wie singend knirschte? Und damals, damals, da hatte ich dich doch auch geküßt, aber jetzt, wo die Weidenäste mit den grausamtnen Kätzchen uns den Weg sperrten, jetzt sahst du immer weg von mir, zeigtest nicht einmal die roten Lippen, die du mir vor vierzehn Tagen willig geboten hattest, begehrlich geboten hattest.
 Aber nun stand ich still, und da mußtest du auch stehen bleiben, und nun sahen wir beide auf die schnellfließende Isar hinab. Wir sagten nichts, auch der Weg schwieg nun, da wir standen, Wind ging, warm, das war Föhn, und die Weidenäste zitterten, zitterten.
 Da blies drüben, überm Fluß, der Frühling auf seiner Trompete. Es war ein hellschmetternder Ton, so konnte nur der Frühling blasen, aufreizend. Es war aber ein Pferd, das wieherte, ein Pferd, das ein Mann am Zügel führte, und weil das Pferd trabte, mußte der Mann auch traben, und das Pferd, ein braunes Pferd, schrie wieder, und das war natürlich das Frühlingspferd, das da trabte, das war natürlich die Frühlingspferdehalstrompete, die da schallte, flußüber.
 Ein paar Enten flogen auf, strichen dicht übers Wasser, fielen platschend und gleitend wieder ein. Das trabende Pferd, das braune, und der trabende Mann, Kopf neben Kopf, ein Wesen, zweiköpfig, sechsfüßig, nun war es weg, war nicht in die Luft gestiegen, wie es wohl gekonnt hätte, wie es sich wohl geschickt hätte, war bloß in eine Nebenstraße abgebogen.
 Die Weidenäste zitterten... Aber über der Brücke hing jetzt, gelb und gekrümmt, der Mond, messinggelb, wie eine Trompete, und blies aufreizend und lautlos darauf nicht der Frühling, mit Jünglingslippen, mit Lippen, wie deine, in deinem strengen, klaren Gesicht?

[1929]