zurück zum Inhaltsverzeichnnis
zur nächsten Prosa


Georg Britting
Sämtliche Werke  - Prosa -
Herausgegeben von Walter Schmitz
Band 1  Seite 232
Kommentar Seite 640
Aus: »Erzählungen, Bilder, Skizzen«


Der Bock

Er schritt den Zickzack des Gebirgsweges herab. Manchmal traf ein Stein das Leder der Sandale. »Au!« krümmte Esau die Fußsohle. Es ging gegen Mittag. Bei Tau war er aufgebrochen, den Felsenbock zu jagen. Aber er hatte nur einmal die spitzen Hörner von weitem gesehen. Ehe er den Bogen spannte, war das Tier in einer Steinlawine abgefahren. Also morgen, dachte er. Die Sonne stand lotrecht über ihm. Er hatte verdammten Durst und Hunger. Das Tal sah er schon liegen und die Hütten, nah dem Auge, aber zu gehen war's noch ein gutes Stück. Nun sang er: »Mit dem Pfeil, dem Bogen, durch Gebirg und Tal, kommt der Schütz gezogen, früh beim Morgenstrahl. « Dort gleich, wo der Wald eine spitze Zunge vorstreckte, gab's Wasser. Er kniete schon neben dem Quell, schöpfte mit der Hand. Der Durst war gelöscht, nun wurde der Hunger vernehmlicher. Er legte sich die gespreizten Finger auf den Bauch, es knurrte darin. Er lachte. »Bald!« sagte er beruhigend, »bald!« Knurrte der Magen nicht schon versöhnter? Die ersten bebauten Felder kamen, Männer und Frauen, gebückt, gruben mit Hacken. Der Rauch des Hauses stieg. Er lief. In der Halle war es kühl. Es war niemand zu sehen, alles war auf den Feldern, und er hatte Hunger. Da knarrte eine Tür; sein Bruder kam herein; er trug eine dampfende Schüssel, stellte sie vor sich auf den Tisch, grüßte Esau kaum. Und ging wieder, sich einen Krug Wein zu holen. Das roch gut; es waren Linsen, Esaus Lieblingsgericht. Die Mutter war nicht da; seufzend setzte er sich auf die Bank. Er hatte Hunger, aber zu faul war er doch, sich ein Essen zu bereiten. Verlangend sah er zu der Schüssel hinüber. Grad kam der Bruder wieder mit dem Wein. Er setzte sich breit an den Tisch und begann zu essen. Esau pfiff, sich zu trösten, aber das half dem Magen nicht, der wieder knurrte. So sagte er höflich zu seinem Bruder: »Gib mir doch auch
was ab.« Erstaunt sah ihn der Bruder an. »Koch dir was!« sagte er kurz. Esau schlug die Knie unwillig gegeneinander. »Kochen! Kochen! Ich mag nicht. Wo ist die Mutter?« - »Sie gräbt Rüben«, murmelte der Bruder mit vollem Mund und nahm dann einen Schluck Wein. Dann schrie er plötzlich: »Ich hab' mir auch selber gekocht. Du bist wohl zu fein, dir selber was zu kochen. Seht den Herrn! Den ganzen Morgen herumzustrolchen und dann zu warten, bis man ihm die Schüssel vor den Mund rückt. Ich habe fünf Furchen gezogen im Acker. Ich hab' mein Essen verdient und es mir selbst gekocht. Du hast den Wolken nachgesehn.« Er spuckte wütend aus. »Brauchst auch nichts zu essen.« Esau sah neugierig zu ihm hinüber. »Ärgerst dich wieder? Brüderlein, laß! Der Bock hatte solche Hörner.« Er beschrieb sie genau. »Das verstehst du nicht«, sagte er, als er merkte, daß der Bruder gar nicht zuhörte, nur den Mundwinkel hob, höhnisch. »Du bist der Erstgeborne und Erbe«, sagte der Bruder plötzlich. »Haus und Feld und Vieh bekommst du.« Er schrie zornig. »Was wirst du damit tun? Das Vieh wird verhungern, auf den Feldern wird Mohn wachsen und das Haus zerfallen. Warum bist du der Erstgeborne?« Esau lachte laut: »Bin's, Brüderlein bin's!« Er schlug gegen die Mauer: »Mein!« Er rüttelte am Tisch: »Mein!« Dann spürte er wieder seinen hungrigen Magen. »Bruder, gib mir was ab. Mich hungert.« - »Alles dein«, sagte der, »alles dein, und hast nichts zu essen. Nichts zu fressen, Erstgeborner! Meine Linsen sind mir heben« Er hatte ein Viertel der Schüssel schon leer gegessen. »Gute Linsen«, sagte er. »Die Erstgeburt kannst du nicht essen. « Plötzlich lachte er: »Tritt sie mir ab, und du kannst die Schüssel Linsen haben.« Saß schon Esau neben ihm: »Her damit!« Aber der Bruder legte den Arm über die Schüssel. »Trittst sie mir ab, die Erstgeburt?« - »Ja«, sagte Esau, »trete sie ab.« Schnell hielt ihm der Bruder die Hand hin. Esau schlug ein. »Gib die Linsen her, du hast schon zu viel genossen.« Es schmeckte. Er trank den Wein und aß die Linsen, und der Bruder lehnte am Türpfosten. Als die Schüssel leer war, schleckte er mit der Zunge sauber die letzten Reste ab. Er sah vergnügt umher. Die Mutter trat ein. Schon erzählte ihr der Bruder den Handel. »Esau!« rief sie, »Esau! Kind!« und dann zum Bruder: »Das ist doch nicht ernst zu nehmen, um eine Schüssel Linsen! Das nimmst du nicht an!«- »Ich nehm' es an!« rief der Bruder im Triumph. »Ich nehm's an, es ist abgemacht, und es war ein ehrlicher Handel.« - »Daß du dich so freust?« fragte Esau. »Warum freust du dich so?« Nun zürnte ihm auch die Mutter. »Dummes Kind, weißt jetzt noch nicht, was du getan.« Er erzählte. »Mutter, ich sah den Bock. Nie gab es solche Hörner, groß und krumm.« - »Die Hörner«, sagte traurig die Mutter. Mit einem Sprung stand der Bruder vor Esau. »Ich bin der Erstgeborne jetzt. Mein ist einmal alles. « Esau erzählte noch von den Wunderhörnern. »Ich muß die Hörner haben.« Er reckte sich. »Ich bin satt. Müde bin ich nicht. Ich will heut abend noch ins Gebirg. Daß ich ihn in der Morgendämmerung erlaure.« Der Bruder stand noch immer vor ihm. »Ich bin der Erstgeborne«, krähte er und wollte Esau den Weg vertreten. »Ja, du bist der König jetzt im Haus«, sagte Esau ruhig. »Ich will dich krönen.« Er nahm die Schüssel vom Tisch, schlug sie dem Bruder auf den Kopf, daß die Scherben splitterten und der Schüsselrand ihm über die Ohren glitt und wie ein gezackter Ring um den Hals schaukelte. Die Mutter schrie auf, aber von draußen lachte Esau: »Nie saht ihr Hörner so groß und krumm! «

[1923]