Bd. 1 – Der irdische Tag

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Gedichte

Wessen der andre auch ist,
der ewige,
göttlich und engelumflügelt,
droben, der glänzende,
den das Herz nur zu ahnen vermag –
abgespiegelt hier unten auch glänzt er, der unsre,
mit Bäumen und Wind und dem lärmenden Schlag
des unbehausten, flüchtigen Kuckucks,
der untre,
der irdische Tag.

Der Morgen

Der Morgen graut über die Dächer
Stumm herauf.
Er reißt den silbernen Fächer
Des Himmels auf.

Kühl durch die Windgemächer
Rinnt grün das junge Licht
In den Tag, der mit Schlag und Gelächter
Anbricht.

Das rote Dach

Das Dach glänzt brandrot aus den schwarzen Ästen,
Die es, wie Stricke einen Fuchs, fest binden,
Und wie mit Stricken, zähen, dicken, festen,
Muß es gebunden sein, sonst flög es mit den Winden

Auf und davon, ein Frühlingstier, zu räuberischen Fahrten.
Zum Steuer nähme es die rote Dachrinnrute –
Und ich, sein Herr, ich stünd im kahlen Garten,
Fluchend, voll Zorn, und gelben Neid im Blute.

Im Wind

Die Winde kommen alle von grünen, klaren Flüssen her
Und klatschen über die Dächer wie Schiffstaue schwer.
Vor ihrem nassen und fröstelnden Geruch
Wickeln sich die Frauen fester in ihr Schultertuch.

Die Sonne spritzt in die Gassen
Mageres Licht. Und wenn die kurzen Nachmittage verblassen,
Rollt der Mond über den Himmel wie ein grüner, unreifer Apfel und
Hinter jedem Lattenzaun bellt ein verliebter Frühlingshund.

Hinterm Zaun

Die mageren Frühlingsbäume
Schütteln sich schnaubend im Wind,
Wie Esel ohne Zügel und Zäume,
Die kaum mehr zu halten sind.

Der Schnee beflaumt ihre Äste
Mit dünnem, krausen Haar,
So trappelt die benäßte,
Aufgeregte Eselschar.

Der Wind bewirft sie mit Körnern,
Wirft Hände voll Hagel auf sie.
Ihre Rinde, rauh und hörnern,
Knackt brechend um Fessel und Knie.

Die weißlichen Nüstern erhoben
Und die schlagenden Hufe pechbraun –
Sie wären davongestoben,
Wär nicht der Gartenzaun.

Verschneiter Frühling

Man sagts, ich sah es selber oft,
Der Wald im März sei grün, grün jeder Baum!
Da steh ich nun, betäubt und unverhofft,
Vorm weißen Wald am weißen Ackersaum.

Und nichts ist grün! Der krumme Vogel dort
Am schiefgesunknen, überschneiten Zaun
Ist schwarz, nicht grün, und krächzt, und fliegt dann fort –
Und nun ist nur ein großes Weißes mehr zu schaun.

Der Himmel zwar will farbig sein. Sein Blau
Wird aufgeschluckt vom ungeheuren Weiß.
Drum flog der Vogel fort, so schwarz wie schlau,
Der vielerfahrne, flügelschnelle Greis,

Drum flog er weg, ins Dorf, zu Tor und Mauern,
Wo Bauern schaun auf die verschneiten Wiesen:
Sein Rabenfederschwarz, es könnte dort nicht dauern,
Wo Himmel, Wald und Feld in eins, in Weiß, verfließen.

Er müßte, weiß vor Scham, in den gefrornen Furchen kauern,
Und dem verlornen Schwarz, ein weißes wunderliches Wintervieh, nachtrauern.

Vorfrühling

In das große, graue Himmelstuch
Ist ein blauer Streif gerissen.
Aufgeschlagen wie ein Buch
Liegt der Acker. Die zu lesen wissen

Lesen: Frühling! in der groben Schollenschrift.
Ackerfurchen sind wie krumme Zeilen,
Pappeln Ausrufzeichen, und zuweilen
Setzen Tümpel, die ein Lichtstrahl trifft

Hinter einen Satz den Punkt.
Die Scheune mit dem grünen Dach,
Auf Bretterfüßen, morsch und schwach,
Ist von einem Lichterkranz umprunkt.

Drei Krähen, schwarz und in Talaren,
Hocken auf dem Heckenband.
Schlag in die Hand! In Federwindfanfaren
Schaukeln sie zum nächsten Ackerrand.

Ihre schwarzen Schatten schwanken
Spukhaft überm Wasserloch,
Wo sie krächzend niedersanken,
Sich schnell die Maus in ihren Höhlengang verkroch.

März

Über der Isar fliegen
Die Möwen im knatternden Wind.
Die Enten schnattern und liegen
Am Ufer dann still. Es sind

Die Wolken nie höher gestiegen
Als diese Stunde im März.
Die Möwen schreien und fliegen
Der taumelnden Sonne ans Herz.

Unruhiger Tag

Da: ein kalter Atemstoß
Wind fährt in die lauen Räume,
Durch die Bäume knospenlos.

Und die grünen Wiesensäume,
Schmale Bänder, Wald zu Wald,
Grün, das in der Sonne raucht,
Plötzlich eisig überhaucht
Frösteln kalt.

Wie gekommen, so verschwunden!
Wärme wallt zum Himmel auf.
Gierig stehn der Bäume Schrunden
So wie durstige Mäuler auf.

Frühlingslandschaft

Fußweg. Saatgrün wogt im Wind.
Pappeln, schwarz und steil gestellt,
Sind Zaunpfähle vor der Welt,
Die dahinter goldblau erst beginnt.

Krähe dort, mit Flügelschlagen,
Schwingt sich übers Feld,
Darf sich in das Goldne wagen,
So ein Vieh, das Flügel tragen –
Uns sperrt immer von der Welt
Schwarzer Zaun und Graben.

Gläserner März

Das ist ein anderes Licht als gestern noch,
Das ist als gestern noch ein anderes Blau!
Neben dem gelbverschlammten Wasserloch
Wackelt auf einmal eine Blume, schau!

Wackelt im Winde eine Blume, sieh!
Über den gelben Wasserspiegel läuft
Mit raschen Beinen, daß es nicht ersäuft,
Läuft da ein lederiges Spinnenvieh!

Rennt da ein warzenbraunes Tausendfüßlertier,
Das eilig flitzt
Und in den Spiegel blanke Linien ritzt
Wie ein Glasermeister schier.

Wohl auch ein Glasermeister hat
Den blauen Himmel blitzend aufgebaut –
Die Sonne auch, die durch die nackten Zweige schaut,
Ist wie aus Glitzerglas ein Rad.

Neue Lust

Die Häuser rücken die Dächer schief
Wie verliebte Schuljungen.
Der Brunnen, der den Winter verschlief,
Ist wieder silbern entsprungen.

Fensterblumen im leichten Wind
Zischeln mit grünen Zungen,
Wie Mädchen, die süß hinschwankend sind,
Zu Ranken und Ketten verschlungen,
Geschaukelt von Frühling und Wind.

Dicke, braune Tiere summen

Dicke, braune Tiere summen
Auf und ab, um jeden Baum,
Flügellos, glanzheiß, und brummen
Wie aus einem Käfertraum.

Biene? Hummel? Fühlertier,
Panzerhart behaust?
Brauner Knospen Frühlingsgier
Tiergleich um die Stämme braust.

Von einem Hügel aus

Frühlingshimmel
Spannt sich bläulich grün.
Nackte Pappeläste schlagen
Windgezaust die rosigen Schimmel,
Die den Wolkenwagen
Ziehn.

Viele solche, viele heiße
Pferde stürmen sausend hin!
Unten blitzt der Fluß, der weiße.

Schräg am Talhang, gelb besonnt,
Die jungen Wiesen, zittern sie nicht leis?
Wie betrunken schwankt der frühe Mond.

Am Gebirge, goldgerändert,
Purpurstreifig, lichtbebändert,
Glüht das Eis.

Schlüsselblumenland

Ach, die Wiesen! Seht die Wiesen!
Seht, die Wiesen werden wieder grün
Und die gelben Schlüsselblumen blühn!

Der Teich glänzt schwarz und unbewegt und klar.
Die Weide steht im Flatterhaar.
Am Himmel segelt, selig leise,
Schnelle Reise,
Eine weiße Wolkenschar.

Zwischen Knospen, in den Zweigen
Des Hollunders singt die Meise.
Wandelnd auf den feuchten Steigen
Junge Männer, mit dem Hute in der Hand,
Und durch Mädchenzöpfe flicht sich manch ein rot und blaues Band.

Wolken gehen, und die Mädchenkleider wehen
Schattenwerfend übers Schlüsselblumenland.

Marsch der österlichen Wälder

In vielen Kolonnen, die grünen Wipfel wie Fahnen
Stürmisch geschwenkt, begannen
Die Wälder den Marsch.

Langsam und schwer, finster, mit dunkelm Tritt
Kamen die schwarzen Tannen und die bläulichen Fichten.
Heller gefleckt und rascher die Buchen in dichten
Reihen. Es glitt

Ein Fähnlein Jungholz singend vom Hügelkamm.
Von allen Höhen stiegen sie wiegend
Und rauschend. Die schmalen Stämme sich biegend,
Die festen ernsthaft und stramm.

Sie wanderten schattig und schoben sich, schwarze Vierecke,
Über die Ebene weit und tief in den Himmel hinein.
Wie Hunde umsprangen sie Sträucher und Büsche. Die Hecke
Mit raschelndem Schwanz hinterdrein.

Die Ebene schwankte. Es liefen
Die Wolken, und Schwärme von Bienen rauschten
Im taumelnden Flug.
Im Winde bauschten sie sich, und aus den Tiefen
Der Wälder erhob sich ein singender Vogelzug.

Kleine Stadt

Von den grünen Fensterläden
In dem gelbgestrichnen Haus
Schaukelten die Schlingpflanzfäden
Lustig in die Luft hinaus.

Und sie zitterten, als spähten,
Schwank die Schwänze, Ratt und Maus:
Auf dem heißen Pflasterplatze
Ziegelgrell die rote Katze
Schnurrte vor dem Frühlingshaus.

Wiese vorm Dorf

Das Gras
Hält mit fetten Fingern die Blumen am Stengel,
Kleine, pausbäckige Rosaengel.
Sie würden ins Blaue sonst steigen,
Auf die Zäune sich setzen an allen Wegen,
Hinter die Ohren der Mägde sich legen,
Auf die braunen Hälse sich neigen,
Sonntäglich verwegen –
Aber das Gras
Hält sie am Strick wie die Luftballons der speckige Bauernbengel.

Im Park

Leichtfüßig traben die Pferde,
Der grüne Wipfel schwirrt.
Eine Butterblumenherde
Rennt über die Wiese verwirrt.

Zwei Kinder stehn vor dem Gitter,
Das den Weg ins Grüne verwehrt,
Behorchen das Bienengewitter,
Das sausend über das Gras hinfährt.

Die alten Buchen

Die alten Buchen tragen,
Wie alte Frauen kühn,
Auf ihren mausgrauen Haaren
Den Sommerhut, das Grün.

Wie können sie es wagen?
Und wie sie sich bemühn
Zu tun, als seis Behagen,
In ihren Jahren noch einmal zu blühn!

Sie sehen auf die Jungen,
Die in der gelben Sonne glühn
Und sagen: es sind die selben
Blätter und das selbe Grün.

Überraschender Sommer

Der Kuckuck schreit schon wie verrückt,
Ists schon soweit im Jahr?
Die Wiesen, löwenzahngeschmückt,
Schütteln im Wind das Haar.

Den Frühling hab ich kaum geschmeckt.
Des Winters Bitternis
Spür ich im Herzen noch. Erschreckt
Mich drum der Wirbel, heiß und süß?

Die Sonne brennt. Der Kuckuck schreit,
Das dumme, sommertrunkne Tier.
Ich schmecke noch die Bitterkeit
Des Winters, und der ist nicht weit –
Jauchzt auch das Tier wie irr –
Ist vor und hinter mir!

Gras

Fettes Gras. Der Panzerkäfer klettert
Schillernd halmempor.
Beuge dich! Ganz tief das Ohr!
Hörst du, wie es klirrt und schmettert?

Wie sich die Eisenringe wetzen!
Gelbes Gold das Schuppenhemd.
Die gestielten Augen widersetzen
Sich den Menschenaugen fremd.

Blau der Stahlhelm. Und die Fühler
Tasten jeder Rispe Rand.
Weht ein Wind her. Kühler
Trifft er deine griffbereite Hand.
Flügel schwirrn. Er fliegt davon.
Fernhin in sein gräsern Käferland.

Neben einer Weide liegend

Es flimmert die silberne Weide,
Darunter der Raubhecht steht,
Von seinem Schuppenkleide
Glanz durch die Wellen weht.

Umstachelt von starren Stahlfäden
Des Blumentellers Brokat
Wiegt den Käfer mit krüpplig verdrehten
Füßen aus Golddraht.

Eine Goldmünze, glänzig, betäubend,
Die Sonne auf blauem Tuch,
Und aus den Wäldern, stäubend,
Beerengeruch.

Der Wald

Die Tannen, Ast in Ast gedrängt,
Werfen die Zapfen in das Moos,
Das lüstern wie ein Weiberschoß
Die prallen unhörbar empfängt.

Im Steinbruch kollert Sand und Kies.
Die Beere nickt im grünen Halmverlies
Und blickt durch Gras und Kraut dich an.

Ist lange her, daß hier ein Waldhorn blies.

Es schärft der Fuchs den Räuberzahn
Am Draht, zerbeißt die Schlinge nicht,
Die ihm den Fuß hellblutig sticht.

Der Marder schleicht, die Schnecke kriecht,
Das rote Licht
Vom Fliegenpilz schwelt giftig durch den Tann.

Süddeutsche Nacht

Das Schilf brummt einen tiefen Ton,
Berauscht vom Mond. Traumtrunken schwankt der Weg davon.

Zierüberglänzte Schnur, der Strom,
Verrinnt ins Schwarz. Der Dom

Dreht hoch, in steilem Fechteradel,
Wie einen Degen seines Turmes Nadel

Ins Sterngeklirr. Wie Feuer fällt,
Grell abgesprengt, ein Stern in diese Welt.

Tauben überm Ecknachtal

Wie die Wipfel sich im Winde wiegen –
Tälerwind, Wälderwind, kühl und stark!
Wie die Vögel unterm Himmel fliegen,
Taubenpaare prächtig, Rabenpaare karg!

Wie die Hügel auseinandgefaltet liegen –
Grüne Hügel, gelbe Hügel, sanft und kühn!
Wie die Kirchentürme, bauerndorfentstiegen,
An den Himmel anzustoßen sich mühn.

Wie die Äcker in der Sonne rauchen –
Und die Büsche stehn an ihrem Rand in Brand,
Flammenfingrig! Und vom Talgrund hauchen
Kühle Dünste ins erwärmte Land.

Wie die Wege durcheinander schießen –
Weiße Straßen, krumme Pfade, Wiesenwege schmal!
Taubenschwärme, wie von einem Riesen
Von dem Vogelbaum gezupft, flattern, eine Handvoll Blätter, weit geworfen übers Ecknachtal.

Leeres Bachbett

Nur Geröll und grün bemooste
Steine zeigt das leere Bett,
Und ein Nagel, rot vom Roste,
Klüftet das zermorschte Brett.

Eine gelbe Butterblume
Hats gewagt
In der schwärzlichgrauen Krume
Einzuwurzeln. Und im Takt

Wiegt sie den runden
Kugelkopf im Abendwind.
Das Brett beginnt
Zu dunsten aus den Schrunden.

Aufgehellter Himmel

Das Pflaster glänzt: gesalbt, geölt, geteert.
Eine blaue Hand hat dem Regen gewehrt.
Nun läuft ein Wind, glashell, glasklar,
Und trocknet den Bäumen das nasse Haar.
Die Stadt ist aus Glas geschnitten.
Aus dem Himmel niederfährt
Silbern ein Blitz am Turm der Karmeliten.

Da hat der Wind die Bäume an den Haaren

Das ist die Zeit,
Da die Vögel aus den Nestern fallen.
Juli ist nicht weit.

Da findet man die federlosen Bälge im Gras
Unter den Bäumen: ein Kinderspiel oder ein Katzenfraß.
Sie sind etwas
Verängstigt, klappen die Augen aus Glas,
Und wie drollige Drachenklauen
Sind ihre winzigen, grauen
Krallen.

Da hat der Wind die Bäume an den Haaren,
Und die schneeweißen Wolken fahren
An dem blauen, reinlichen, klaren
Himmel dahin in stürmischen Scharen.

Die Stadt in allen Winden

Von allen Seiten gleiten die Winde in die Stadt,
Die Fenster und Türen selig offen hat.
Ob der Morgenwind den Duft von Wäldern und Wiesen bringt,
Der Mittagswind von der Hitze der reifenden Felder wie stählern klingt,
Der Abendwind die Fackel des Monds und die sternblauen Tücher schwingt:
Immer gehn alle Männer der Stadt, alle Jungfrauen und Frauen wie Segel und schief geneigt,
Weil der Atem der Wolken und Wälder auf ihnen wie silbernen Saiten geigt.

Im Gebirge

Das geschindelte Dach hängt
Übern kleinen Garten vor,
Das schwarze Wasser des Brunnens drängt
Im Trog wie Silber empor.

Der Berg erhebt sein Haupt,
Die Brennessel wallt feurig schwer,
Die Haselstaude, hell belaubt,
Zeigt ihre hartbeschalten Früchte her.

Des Tümpels schwarze Schande
Glänzt moorig her, ein Mückenbett.
Gelb an des Tümpels Rande
Der Hahnenfuß steht fett.

Krummfingrig greift ins Leere,
Entwurzelt, der gestürzte Stamm.
Er nährt an seiner Schwäre
Den silbergrünen Schwamm.
Die rote Vogelbeere
Erglüht in dunkler Scham.

Vorm Wald

Die Hitze blickt grünäugig aus dem Wald.
Riesenfichten, urgewachsen, alt,
Drehen ihre Äste rauchend. Kuckucksruf erschallt.
Rote Kerzen,
Blumen treiben übern Weg wie Kinderherzen.

Tirol

Gelbe Hühner, braune Hühner,
Und ein weißes kratzt im Staub,
Und ein junger, flaschengrüner
Frosch hockt unter Gras und Laub.

An der Straße steht ein Stier.
Mit den weißen, fäustegroßen,
Kugelrunden, regungslosen
Augen glotzt er her zu mir.

Der Zwölferkopf liegt wie ein Tier.
Und mit Augen milchglashellen,
Gletscherkühlen, eisesgrellen,
Glotzt er wie der Stier her schier.

Hühner, Kühe, Fichtenzapfen,
Und der Bergbach kocht.
Turmuhr sieben Schläge pocht.
In der Stube glühn die Krapfen
Braun beim abendlichen Docht.

Mittag

Busch und Baum in Grün und Gold,
Jedes Schattenschwarz ist fort.
Dampfend durch die Bläue rollt
Die Sonn zu ihrem Abendort.

Licht fließt über jeden Hang,
Silbern sirrt das heiße Gras.
Dunkler drunten schallt ein Sang,
Des Waldes kühlgeschwärzter Baß

In der Gärtnerei

Die großgezackten
Blätter an dem krummen Strauch,
Weiße Haare auf dem nackten,
Fetten, dunkelroten Bauch,

Sind wie Menschenfresserfratzen
Schaukelnd aufgehängt.
Schlägt der Wind mit groben Tatzen
Wirbel: Blatt an Blatt gedrängt,

Rasselt kriegerisch.
Wie ein dünner, roter Rauch
Blutes fliegt es um den Strauch,
Haarig glänzt der Blätter Bauch –
Dann ein Brummen, siegerisch!

Abgemähte Wiesen

Bräunlich dorrt die abgemähte Wiese,
Auf dem Strauche, statt der Blüte, sitzt der Schmetterling.
Fett vom Himmel tropft die Hitze, diese
Salbt ein jedes tote, jeds lebendig Ding.

Und der Käfer, den ich fing
Mit dem Halm, den ich zur Schleife schließe,
Und den ich mit meinem Atemhauch verdrieße,
Wandert emsig um den grünen Ring.

Rennt und rennt,
Unaufhörlich, beingeschäftig, eine Reise, hat kein End –
Und der weiße, mittagsheiße Ofenhimmel dröhnt und brennt.

Raubritter

Zwischen Kraut und grünen Stangen
Jungen Schilfes steht der Hecht,
Mit Unholdsaugen im Kopf, dem langen,
Der Herr der Fische und Wasserschlangen,
Mit Kiefern, gewaltig wie Eisenzangen,
Gestachelt die Flossen: Raubtiergeschlecht.

Unbeweglich, uralt, aus Metall,
Grünspanig von tausend Jahren.
Ein Steinwurf! Wasserspritzen und Schwall:
Er ist blitzend davongefahren.

Butterblume, Sumpfdotterblume, feurig, gelblich rot,
Schaukelt auf den Wasserringen wie ein Seeräuberboot.

 

Regenlieder

Nach langem Regen

Seit Tagen regnet es, seit Wochen,
Jeder schwarze Stein ist blank gespült,
Regenwürmer haben sich emporgewühlt
Und die Blumen haben sich im Gras verkrochen.
Plötzlich hört der Regen auf zu pochen,
Einen spitzen Sonnenpfeil hab ich gefühlt.

Augen aufwärts! Ja, zerrissen
Sind die Wolken, eine Handvoll Himmel blaut,
Sonnenpünktchen, wie Hornissen,
Stechen meine lichtnichtmehrgewohnte Haut.

Mückenschwärme heben
Sich vom sumpfigen Grabenloch.
Aus allen Poren dampft das liebe Leben,
Und die Blumen, noch verkrochen eben,
Brennend richten sie sich wieder auf und schweben
Siegreich überm Grasgewoge doch.

Urgraue Verwandlung

Wie sich die Welt urgrau verdüstert,
Wenn der Regen mit den Blättern flüstert,
Wie der feuchte Rasen riecht!

Nicht nach Moder, Tod und Leichen –
Riesige Eidechsen schleichen,
Urgraswelt wird, zeitenlos.
Farnkraut fächert, baumig groß,

Durch die Furt dort trabt der Troß
Von Büffelstier und Steppenroß.

Schwarzer Regengesang

Ein schwarzer, singender Regen stürzt
Schrägher über das Haus.
Die Kammer duftet, apfelgewürzt,
Auf dem Speicher verbirgt sich die Maus.

Vom Küchenfenster das Handtuch hängt,
Wallt im Winde wie Engelsgewand.
Das Wasser in der Tonne drängt
Mit Schäumen übern Rand.

Der Engel seine Flügel hebt,
Wildflatternd, und fliegt nicht davon.
Über den nassen Dächern schwebt
Ein leiser Trommelton,

Ein zarter, dünner Posaunenschall,
Sanft dröhnende Musik,
Und Tropfenfall und Tropfenknall,
Das schweigt keinen Augenblick.

Die Maus hat es vernommen,
Sie spitzt im Nest das graue Ohr
Und lauscht beglückt und beklommen –
Es rauschte noch nie so zuvor –
Dem zauberisch brausenden Chor.

Das Blattgesicht

Wie an der zerfallenden Mauer,
Von wildem Wachstum behängt,
Unterm Regenschauer
Blatt plappernd an Blatt sich drängt!

Wie unter den silbernen Güssen
Das Astwerk sich windet und bäumt,
Das Wasser in strudelnden Güssen
Die moosigen Spalten durchschäumt!

Ein großes, schweflig gefärbtes,
Pockennarbig gegerbtes
Blatt peitschte der Regen vom Stamm:
Da liegt es und hebt sein verderbtes
Gesicht aus dem Straßenschlamm.

Die Regenmuhme

Wie schluckt das Gras den Regen!
Taktak klopft der Regen den Kies.
Von den schwarzen, schlüpfrig benäßten,
Geringelten Frühlingsbaumästen
Die Spinne ein Seil niederließ.

Sie wackelt und schaukelt, die Spinne,
Und webt an der Netzhängematte.
Gelb sprudelt die Dachregenrinne.
Die Krot hebt die Nase, die platte,

Und bläht sich, und glotzt, und spritzt Gift,
Das die Silbernetzblume,
Die Regenmuhme,
Die Graugespinstweberin nicht trifft.

Krötenlust

Regen träuft von allen Dächern,
Regen trommelt überall,
Bald mit stärkern, bald mit schwächern
Schlägen dröhnt der Tropfenfall.

Von dem grauen Himmel brechen
Wasserfluten, Schall um Schall.
Gelber strudelts in den Bächen
Und die großen Kröten zechen
Schwelgerisch in dem Überschwall.

Unstillbar lechzt nur das Moos.
Seine grünen Polster schwellen,
Triefend in den tiefsten Zellen
Giert es nach dem Tropfenstoß.

Fröhlicher Regen

Wie der Regen tropft, Regen tropft,
An die Scheiben klopft!
Jeder Strauch ist naß bezopft.

Wie der Regen springt!
In den Blättern singt
Eine Silberuhr.
Durch das Gras hin läuft,
Wie eine Schneckenspur,
Ein Streifen weiß beträuft.

Das stürmische Wasser schießt
In die Regentonne,
Daß die überfließt,
Und in breitem Schwall
Auf den Weg bekiest
Stürzt Fall um Fall.

Und der Regenriese,
Der Blauhimmelhasser,
Silbertropfenprasser,
Niesend faßt er in der Bäume Mähnen,
Lustvoll schnaubend in dem herrlich vielen Wasser.

Und er lacht mit fröhlich weißen Zähnen
Und mit kugelrunden, nassen Freudentränen.

Landregen

Jedes Blatt ist murmelnd naß,
Der See wie Silber so blaß.
Aus des Himmels gewaltig gewölbtem Faß
Rinnt Regen ohne Unterlaß.

Und die Wege, sumpfig getränkt,
Und die Grashalme, windgeschwenkt,
Und die Blumen, die Köpfe gesenkt,
Und die Sträucher, struppig verrenkt,
Und die Frösche, trommelnd im Baß,
Sind triefend und tropfend naß.

 

Dritte Sammlung

Die Sonnenblume

Über den Gartenzaun schob sie
Ihr gelbes Löwenhaupt,
Zwischen den Bohnen erhob sie
Sich, gold und gelb überstaubt.

Die Sonne kreist im Blauen
Nicht größer, als ihr gelbes Rad
Zwischen den grünen Stauden,
Den Bohnen und jungem Salat.

Weißer Morgen

Der Sommer lag schwer schnaufend,
Dickbrüstig wie ein Bäckerweib,
Mit fettem Schweiß sich taufend
Den nackten Wackelleib.

Das Rößlein zog den Karren
Den weißen Hügel hinauf,
Da klang das Räderknarren
Wie das wüste Weibsgeschnauf.

Ein Hase hob die Ohren,
Fuhr stracks in den Klee hinein.
Der schmeckte wie frisch gegoren
Ein spritziger Hügelwein.

Feuerwoge
jeder Hügel

Feuerwoge jeder Hügel,
Grünes Feuer jeder Strauch,
Rührt der Wind die Flammenflügel,
Wölkt der Staub wie goldner Rauch.

Wie die
Gräser züngelnd brennen!
Schreiend kocht die Weizensaat.
Feuerköpfige Blumen rennen
Knisternd übern Wiesenpfad.

Blüten schwelen an den Zweigen.
Rüttle dran! Die Funken steigen
Wirbelnd in den blauen Raum –
Feuerwerk ein jeder Baum!

Die Wolke

Die Sonne, eine gelbe Butterscheibe, schmolz
Am Himmel hin. Eine Föhre, hart, aus heißem Holz,
Rührte triefend in dem fetten Glanz,
Bis die Wolke kam und ihren schwarzen Schwanz

Fauchend in das Gelbe schlug.
Es erblindete die Föhre und ihr Nadelfirlefanz.
Die Wolke tanzte einen schweren Tanz.
Der Windriese kam und trug
Auf breiten Schultern den gewölbten Regenkrug.

Am offenen Fenster bei Hagelwetter

Himmlisches Eis
Sprang mir auf den Tisch,
Rund, silberweiß.
Schoß wie ein Fisch

Weg von der Hand,
Dies greifen wollt,
Schmolz und verschwand.
Blitzend wie Gold

Blieb auf dem Holz
Nur ein Tropfen dem Blick.
Mächtig die Sonne
Sog ihn zurück.

Waldweiher

Nicht nur Wasserrosen liegen
Auf der schwarzen Flut
Und die grüne Algenbrut –
Wolken, die am Himmel fliegen,
Spiegeln schäumend ihre Glut.

Bei der Weide, schorfergraut,
Moosig grün gefleckt,
Klagt der Frosch mit dunklem Laut,
Bläht er seine Warzenhaut,
Die Fraun und Kinder schreckt.

Lautlos durch die Binsen gleitet,
Grünbefloßt und sternenäugig,
Glanzbeschuppt,
Wie durch Gold der Wasserfisch.

Drüben auf der Wiese stehen
Blumen auf erhobnen Zehen,
Daß sie übers Gras hinsehen,
Schamlos ihre Neugier stillen
Bei dem Liebeslied der Grillen.

Der Wald rauscht wie zum Fürchten her,
Stämmemeer,
Tief im Sinnen,
Steingeklüftet, dämmerschwer
Quellenköstlich.

Zauberisch aus dem Walde drinnen,
Tröstlich,
Tönt das Lied der Beerensucherinnen.

Sommer

Hinter jener Scheunenwand,
Hinter jenem Holzstoß muß er sein!
In der Dämmerung,
Wenn das Dunkel in den Büschen schwillt,
Da geht er wieder fort.

Durstig ist er,
Die Flüsse trinkt er halb leer,
Und die Weiher im Wald
Macht er zu Sümpfen,
Daß der Schleier der Mücken wallt,
Wenn der Lustschrei der Frösche schallt.

Die Eidechsen kennen ihn
Und fürchten ihn nicht,
Und die Kinder hören ihn
Lachen am Hang.

Wenn er am hohen Tag
Hebt sein weißes Gesicht
Aus dem Himbeerschlag,

Rennt der Hahn, rotspornig und blaugeschwänzt,
In den Brunnenschatten und schreit.

Des Rotlippigen Auge glänzt
Zornig
Über die Zeit.

Die Stallmagd

Auf den prallen, festen Armen
Trägt sie Klee und Kraut.
Die braune Haut
Der Stirne glänzt vom Schweiß. Die warmen

Lippen zittern
Auf und ab bei jedem Schritt,
In ihren Röcken bringt sie noch den bittern
Tiergeruch des Stalles mit.

Sie drückt die Brust
Fest und verliebt gen Klee und Kraut,
Weil wie die Bauernabendlust,
Trompetengelb, tanzbodenlaut,
Der Mond durchs Netz der Ahornäste schaut.

Bayerischer Sonntag

Still die Kirche steht mit weißen Mauern,
Und vom Turm das Dach ist schwarz,
Schindelschuppig schwarz.
Vor der Kirche lärmen laut die Bauern,
Lachen, lümmeln, lauern –
Und das braune Holztor, knarrts?

Und hoch oben läuten jetzt die Glocken,
Grob die große und die kleine zart,
Maussilbrig zart.
Die schurzglänzend auf Geländerstangen hocken,
Stangen gelb und trocken,
Bäuerinnen rumpeln auf, daß das Holz hart knarrt.

Wie ein Schwarm von Vögeln, großen,
Vielen Vögeln, schwarz,
Rabenflügelschwarz,
Wackeln nun die Frauen, rauschen, stoßen,
Schieben sich die Männer mit den Adlerköpfen, jetzt hutlosen, bloßen,
Durch das Tor, das hinter ihnen zufällt.

Still die Kirche steht mit weißen Mauern,
Nur vom Turm das Dach ist schwarz,
Schindelschuppig schwarz.
Und vom Himmel – wer sah einen blauern? –
Hängt herab das Licht, haardicht,
Und schnarrts
Metallisch saitenklimprig nicht,
Als harfte sanft drauf Wind? Der bricht,
Der Waldtalwind, ins Dorf herein und riecht
Nach grünem Moos und Harz.

Bauerngarten

Ein Johanniskäfer, rot, mit weißen Tupfen
Schläft auf dem Brennesselblatt.
Heuschrecken, langschenklig, hupfen
Durch den Zaun auf den Salat.

Eine Hummel wackelt und rumpelt
Drohend durch die Gräserspitzen.
Der alte Bauer humpelt
Zur Bank, in der Sonne zu sitzen.

Zwei Lerchen und da noch eine!
Drei Punkte in blauer Luft –
Der Alte hebt witternd die Nase
In den braunen Roggenduft.

Die Lerchen steigen und fallen
Und fiedeln immerzu.
Der Hollunderbaum schlägt die Krallen
In die schwarze Bodenruh.

Bayerisches Alpenvorland

Die scharfgezackte, schwarze, wilde
Wolke in dem Abendblau
Kündet dem erschrocknen Volke
Hagel, wüst und körnerrauh.

Gähnend hockt das Kind des Bauern
Beim Gebüsch am braunen Zaun,
Und es sieht im Niederkauern
Durchs Gestrüpp den Käfer blaun.

Und es rührt mit frechem Nagel
An den krummen Käferflügel,
Aufschwirrt glänzend das Insekt –
Silbern über sieben Hügel
Weht der weiße Abendhagel,
Der die Flügel ihm zerschlägt.

Die Kapelle

Die Maria mit dem silbernen Kind
In der dunklen Kapelle
Ist die Königin. Die Heiligen alle sind
Ihr zu Diensten. Der Ritter Georg beugt sich zur kristallenen Quelle

Und schöpft den Helm voll von dem glänzenden Saft,
Für den Prinzen, daß er davon trinke.
Sebastian folgt dem gebietenden Winke,
Zieht sich die Pfeile aus dem Leib, legt sie Schaft an Schaft,

Gibt sie, daß er damit spiele, dem Knaben.
Der befleckt sich mit rotem Blut die silbernen Hände,
Und er will sie alle haben.
Ist er müd, wirft er sie klirrend gegen die Wände.

Sebastian sammelt sie, bohrt sie wieder in seine Wunden.
Tritt ein Beter in die Kapelle ein,
Stehen sie alle unbeweglich, aus Stein,
Fromm und feierlich, mit einem Heiligenschein.
Aber ein Mädchen hat einmal einen Pfeil zwischen den hölzernen Bänken gefunden.

Die Ehebrecherin

Wie die ungetreue Frau
Durch die Felder rennt!
Und zu ihren Füßen brennt
Rot vom Klee die grüne Au,
Rot wie ihre Sünde!

Weiß stürzt durch die schwarze Schlucht
Der ungestüme Wasserfall.
Wo er um den Felsen sprüht,
Frech am Strauch die Beere glüht,
Fett und prall,
Rot wie ihre Sünde!

Wie sie aus der Waldschlucht flieht,
Geisterhaft vom Specht durchhämmert,
Liegt vor ihr der Wiesengrund,
Drauf der erste Nebel dämmert.
Will schon finster werden und
Am Himmel fährt des Mondes Boot
Silbern hin durchs fahle Rot,
Abendrot,
Rot wie ihre Sünde!

Auf dem Turm die Zwiebelhaube,
Droben dort, blühweiß am Hang,
Eine kleine Kirche hockt,
Die zur Reu die Sünder lockt.
Vor der Türe eine Taube,
Ängstlich fliegt sie gleich davon
Vorm wilden Ton vom roten Rock
Der ungetreuen Frau.

Schrecklich durch das kühle Dunkel,
Rötlich überm Goldgefunkel
Glüht des ewigen Lichtes Schimmer
Wie ein lüstern Aug sie an.

Beten will sie, doch sie kann
Es nimmer:
Allzu zärtlich
Glänzen ihr die schönen Engel
Mit den weißen Knabenhüften,
Dran die Hemdlein unkeusch flattern.
Offen sind der Hölle Schlünde
Und wie ausgespien aus Klüften,
Züngelnd, eine Schar von Nattern,
Bricht wild über sie herein
Roter, roter Flammenschein,
Rot wie ihre Sünde!

Die kleine Welt in Bayern

Der Himmel ist hoch und weit über das Land gespannt,
Daß alles unter ihm Platz hat: die weiße Felswand,
Der Kirchturm, Zigeunerpferde mit farbigen Bändern
Im Schopf, Hirsche, Nachtigallen und Stare
Und der spiegelnde, blaue und klare
Waldsee mit den schilfigen Rändern.

Liegt ein Kerl im Moose,
Schlägt die Augen auf und im kleinen Stern
Sammelt er alles, den Kirchturm, die Felswand, den Himmel und sein Begehrn
Geht darüber und über den Himmel hinaus ins Große und Grenzenlose.

 

Gedichte vom Strom

Der Strom

Der große Strom kam breit hergeflossen
Wie ein großer, silberner Fisch. Wälder warn seine Flossen.
Mit dem hellen Schwanz hat er am Himmel angestoßen.

So schwamm er schnaubend in die Ebene hinein.
Licht wogte um ihn, dunstiger Schein.
Dann war nur mehr er, nur mehr er, der silberne, nur mehr er allein.

Grüne Donauebene

Grün ist überall. Grün branden die Felder.
Nur die Straße ist ein weißer Strich
Quer durchs Grün. Aber herrlich,
Herrlich grün lodern die Wälder.

Die Lerche sirrt. Der Himmel ist blau,
Sonst überall ist nur Grün.
Ein kochendes Grün, ein erzgrünes Glühn –
Flirrend darin eine Bauernfrau

Mit weißem Kopftuch, und ihr rotes Gesicht
Trieft flammend vom unendlichen Licht.

Aufgehender Mond

Der Himmel ist rot, mit schwarzen Flecken besetzt,
Wie des Feuermolchs Haut.
Das Altwasser dunkelt in Schilf und Kraut.
Durch die Stille flackert laut
Der Ruf des Fußballspielers, der über den Rasen hetzt.

Dann erlöschen am Himmel die Brände,
Der Vater geht heim mit dem Sohn.
Der Fluß wallt spiegelnd davon.
Mit einem silbernen Ton
Bläst jetzt der Mond über die Himmelswände.

Donaunachmittag

Nackte Pfosten stehen schief im Sumpf,
Wie Jäger, die auf Vögel zielen.
Schwarzes Wasser schäumt durch Rillen.

Wie große Vögel ziehn die braunen Zillen.
Aus dem Sumpf aufsteigen
Wasservögel, und sie spielen
Um die großen mit den vielen
Ruderflügeln. Und sie kreischen hell wie diese dumpf.

Früh am Fluß

Drehende Nebel trägt er auf dem Rücken.
Wir wandern ihm im Morgengrau entgegen.
Die Sonne will ihr breites Schwert schon zücken
Und mächtig auf die Berge legen.

Sie reißt es hoch. Wie Mücken
Umsausts ein Funkenschwarm und rinnt als goldner Regen.
Silbernes Entzücken
Strömt der Fluß dem Licht entgegen.

Abend an der Donau

Die langen Stangen schwanken überm Wasser.
Kein Fisch spielt um den Köder.
Der Himmel wird rot, röter,
Und überm Fluß schon blasser.

Die Kühle haucht aus Strauch und Rohr.
Die Angler gehn. Von ihren Schultern neigen
Die Gerten sich. Die ersten Nebel steigen.
Und als sichs rührt jetzt in den Weidenzweigen
Bricht raschelnd aus dem Busch ein scheues Liebespaar empor.

Geistliche Stadt

Eine funkelnde Bischofsmütze tanzte über den Wellen des Stroms,
Tauben schwangen sich, goldene Vögel, um die mächtige Kuppel des Doms.
Auf der Donau tanzte der Bischofshut,
Aus den Wolken stürzte die blaue Flut,
Die Fenster der Kirche brannten süß wie das Blut
Vom Herzen Mariens, das an Liebenden Wunder tut.

An der Donau

Der Damm ist schilfentblößt und blumenleer.
Spuren im Schlamm, zickzack, verstört, und hin und her,
Wie hundgehetzt,
Im Kreis gestolpert und zuletzt
Im Sumpf versunken und Morast.
Schief aus dem Schlamm, verkrallt und sturmzerfetzt,
Ein krummer Weidenast.

Herbst an der Donau

Groß am Berge liegt die Wälderfrau,
Sie bläst durchs Zitterblatt den klaren Ton.
Ihr seidnes Haar verhängt die kühle Schau.
Laub rollt wie Blut so braun aus ihrem Haupte grau
Ins Steinetal.

 

Fünfte Sammlung

Sehr heißer Tag

Das dorrende Schilf und das trockene Gras
Summen einen Ton, wie auf einer Flöte von Glas.

Und der Himmel summt mit,
Und die Hummel summt mit, und vor meinem Tritt

Raschelt ein Vogel ins Flimmern des Lichts,
Ins weiße, tönende Nichts.

Am Steg

In den hellen Himmel, in den grünen Himmel, über den schwarzen Bach hinweg
Springt der dichtberankte, zackblattüberschwankte Stangensteg.

Die Feuerwarzenunken, tief im Schlamm versunken,
Blinzeln urgreisbös auf die Libellendschunken

Mit den surrenden Motoren.
Traumverloren

Steht die Weide, regt sich kaum,
Eingekleidet, eingeseidet in den spinnwebdünnen Juliflaum.

Garten am See

Herkräht der Hahn
Vom Dorfe fern.
Im Gras der Löwenzahn
Zeigt seinen gelben Stern.

Der See wie blaues Eis,
Feuer der Hahnenschrei.
Am Kiesweg weiß
Die Schnecke schleppt ihr Haus herbei.

Die Malve trägt
Das Netz, das schlau die Spinne hing.
Den schwarzen Trauerwirbel schlägt
Die Fliege, die sich drin verfing.

Am Waldrand, wo er Bretter sägt,
Der Bach saust mit Gebrumm
Unwillig durch ein Rohr.
Gelbwolkig stäubt das Sägemehl
Empor.

Vom Wiesengrund,
Mit offnem goldnen Mund,
Starrt sprachlos her die Sonnenblum.

Im Tiroler Wirtshaus

Als erster kommt der Hahn.
Er kräht im Tau sein Frühsignal
Beim Röhrenbrunnenwasserfall –
Und nicht viel später dann

Orgelt die brumme Kuh
Ihr dröhnendbraunes, schallendes,
Von der Holzwand widerhallendes,
Wiesenblumes Muh.

Dann schlagen Türen auf und zu,
Dann spritzt der erste Tropfen Licht
Mir mitten ins Gesicht.

Ich fahr empor im Nu,
Tief aus der weiß und rot karierten Polsterruh,
Tief in die schwarzen Nagelschuh.

Einem Wirtshausgarten gegenüber

Einer Mandoline Zittern
Winselt, wispert, brummt
Hinter grünen Blumengittern
Und verstummt.

Nur der Fluß tönt ohne Rast.
Lockert sich ein Stein am Dache,
Zirpt. Stirbt das schwache
Gläserklirrn vom letzten Gast.

Frech der rote Wirtshauskater
Tatzt nach meinem Schatten, scharf,
Den ich, weißer Nachthemdpater,
Schwarz vor seine Krallen warf.

Federn

Hier hat man Hühner gerupft –
Federn, weiß und braun,
Liegen wie hingetupft
Neben dem schwarzen Zaun.

Blühen wie Blumen im Gras,
Zartbeflaumt und hold,
Ist eine vom Blute noch naß,
Schimmert die andre wie Gold.

Hebt sich ein Wind und bläst,
Fahren die Federn empor,
Und eine, vom Blute durchnäßt,
Tut es den andern zuvor,

Schwebt und schaukelt und fliegt
Grellrot und so hoch wie noch nie,
Als sie noch war engangeschmiegt,
Dem gackernden, scharrenden
Am Boden beharrenden
Graukralligen Glasaugenvieh.

Ziegelfuhren

Die Straße daher kommen drei Wagen geknarrt,
Mit Ziegeln, Ziegeln, ochsenblutroten Ziegelsteinen geht die Fahrt.

Den vordersten Wagen zieht ein rahmgelber Schimmel.
Der Fuhrmann schimpft mit der Peitsche. Wüst steht die Peitsche zum blauen Himmel.

Den zweiten Wagen zieht ein pechfarbener Rappe.
Der Fuhrmann schläft. Tief hängt die Schlafnase, die schlappe.

Den hintersten Wagen zieht ein brandroter Fuchs,
Eine samtbraune Hummel darüber, brummelnden Flugs.

Der blaue Himmel schweigt herab auf das Hummel und Räderknarren,
Auf die Hitze herab, durch die Ziegel, Ziegel leuchten und fahren.

Der Ziegelstein

Der zernarbte Ziegelstein
Auf der weißen Gartenstiege
Glüht im prallen Sonnenschein,
Wie eine dicke Feuerfliege.

Und am Abend ist er blutrot
Noch, von Fleisch, und bebend,
Und verströmt die Glut wie lebend:
Erst erkältend wird das Tontier tot.

Im Lechtal

Braune Frau, an deinen roten Haaren
Häng ich am Galgen dieser Tage!
Wolken wehen hin und her in Scharen
Und vom Schlage

Des Kuckucks dröhnt das Lechtal.
Strampelnd wie ein aufgeregter
Hampelmann, ein windbewegter
Delinquent am Galgenpfahl
Hör ich noch des Kuckucks Schrei.

Hier ist der Steg, wo die Forellen waren
Wer kann sein Herz vor Liebesschmach bewahren?

Und während, wie Ameisenscharen,
Mir gemeinen Henkertodes
Schauer durch die Kniee fahren,
Brumm ich wackelnd mit des Leches Melodei.

Der Minnesänger

Warum soll ich dein rotes Haar besingen
Und zimperlich von andern Dingen schweigen?
Ich könnte sagen, daß wie Falterschwingen
Deine Wimpern auf und nieder steigen.

Von deinem Knie, von deinem Fuße
Könnt ich vertraulich sprechen,
Von dem Verborgnen unter deiner Bluse –
Doch eher will ich mir die Zung abbrechen,

Als lang zu schwätzen von Banalem.
Kurz: deine Brust ist weiß und rund,
Auch hast du einen schön geschwungnen Mund –
Ich einen Nachgeschmack von Schalem
Und ein Lachen tief im Schlund.

Als Minnesänger geb ich davon Kund.

Der Kamin

Schwarz in das Blau stieg der Kamin
Und stand den ganzen Nachmittag
Bei Vogelruf und Zimmermannsschlag
Kohlschwarz getuscht. Doch wenn um ihn

Die Abendröte sanft erblühte,
Der Hammerruf, der Vogelschlag
Sich müde klang wie jeden Tag,
Dann glühte

Ein Stern wild ob dem schwarzen Strich,
Der wehend nun mehr einer ranken,
Zartgekrausten, schwanken
Rebe glich.

Flußfahrt

Steinbilder stehn den Fluß entlang,
Der aus den blauen Bergen rollt,
Aus Sandstein, Marmor, aus Basalt, aus Gold,
Wie Riesen groß, wie Zwerge klein, so reihn sie sich am kahlen Hang,
Mit Köpfen rund, mit Köpfen lang,

Verhüllt und nackt, die Männer und die Frauen,
Urgreise, deren Bart erstarrt,
Kinder mit Augen weiß und hart
Unter den wilden Brauen.

Ein Segel rauscht, ein Ruder knarrt,
Ein Lebender befährt den Fluß. Er singt.
Erbebte lauschend jetzt die Schar? Kein Schrei entringt
Sich ihrer Brust, der Antwort bringt, der tröstlich klingt
Dem Mann im Boot auf seiner Fabelfahrt.

Rabenschrei verhallt

Rabenschrei verhallt,
Schwarz und grün der Wald,
Schwarz und grün am Bach der Strauch,
Golden der Forellenbauch.

Gold dreht sich die Mückensäule,
Gold die Sonne, gelb und rund,
Gold des Sumpflochs grüne Fäule,
Blasig auf dem Grund.

Krumm der Baum im Feld
Und der Wind wie Hefe herb,
Und das Sumpfloch schreit Verderb
In die Welt.

Binsen, Schilf und solches Volk
Wackelt schief, gerade.
Fern im Dunst, im Weißgewolk,
Blaß und naß und fade:
Des Regentags Ungnade.

Drachen

Die Drachen steigen wieder
Und schwanken mit den Schwänzen
Und brummen stumme Lieder
Zu ihren Geistertänzen.

Von wo der knallende Wind herweht?
Von Bauerngärten schwer!
Jeder Garten prallfäustig voll Blumen steht,
Die Felder sind lustig leer.

Der hohe Himmel ist ausgeräumt,
Wasserblau, ohne Regenunmut.
Eine einzige weiße Wolke schäumt,
Goldhufig, wie ein Roß gebäumt,
Glanzstrudlig durch die Luftflut.

Im goldenen Blättersturm

Im goldenen Blättersturm
Der Birken und Platanen
Polternd übers Feld hinschnurrn
Schwerflüglig die Fasanen.

Am Himmel flattern, ohne Laut,
Die weißen Wolkenfahnen.
Am Bachrand wächst das Knabenkraut,
Und drüben, wo das Dorf herschaut,
Stehn schwarz und spitz die Tannen.

Der Kastanie grüne, gestachelte Frucht
Treibt auf der schwarzen Flut,
Von Wirbeln umwallt.
In der Schattenbucht birgt sich, windzitternd und kalt,
Mit ängstlichen Wurzeln im Moorgrund verkrallt,
Blauglockig der Fingerhut.

Oktoberlich bei Solln

Weil fern wo eine Peitsche knallt
Und Räder auf der Straße knarrn,
Will auch der grüne Wald
In Schweigen nicht verharrn.

Der Wind biegt einen Wipfel krumm,
Hell schnarrt das Föhrenholz,
Und dornenstolz, glotzaugendumm
Rauscht jeder Brombeerstrauch ringsum.

Der Wind ist fort, der Ast gestreckt,
Und zittert noch.
Im Brombeerstrauch, verdeckt, versteckt,
Regt sichs, eidechsenflink, erschreckt, vorm Loch.

Weil fern wo eine Peitsche haut
Mit scharfem Schlag durchs Räderrolln,
Duckt sich das Vieh in Moos und Kraut
Im Brombeerstrauch bei Solln.

Abend

Wenn der Dämmerung schwarzes Licht
In der Stube liegt,
Der Ledersessel, schief vor Gicht,
Dreimal schnattert, fliegt
Der Abendvogel bald, ein stummer
Geier, Kahlhals, Federflaumgespenst, herein.
Schweigend hockt er, schnabelruhig, schwarz wie Kummer
Auf dem Schranke, daß der Ofenspalt, ein krummer,
Lippenschwerer, roter, dummer
Feuermund aus Kohlenstein,
Fängt an zu schrein,
Fängt wie besessen an zu schrein.

Der Talgrund glänzt

Gelb im gelben Oktoberlicht
Die Birne am Birnbaum hängt,
Der Winzer die Traube vom Rebstock bricht,
Der Wein den Zecher tränkt.

Im Bach, der über die Kiesel hingeht,
Eisblau sein Wasser und kalt,
Ohne Regung die Forelle steht,
Wie aus Glas und rötlich bemalt.

Der schwarze Krähenflügel
Ist schwärzer nicht als die Beere am Zweig,
Wie eine Schlange über den Hügel
Windet sich weiß der Steig.

Wie liegt die Welt klar, unverhängt!
Der Talgrund glänzt, als wär er naß:
So üppig ist vom Licht getränkt
Das kurze, grüne Gras.

Das unzufriedene Herz

Der Herbst müßte nicht traurig sein:
Rotblättrig stehn die Büsche,
In dicken Trauben hängt der Wein,
Im Wasser springen die Fische.

Der Wind, der weht noch frisch und rein
Und sommerlich vom Wald her,
Doch muß was mit dem Winde sein,
Auf dunklen Hörnern schallt er.

Das Licht, das von dem Himmel träuft,
Ist blau und weiß und goldgesäumt,
Vom Licht ist jedes Tal ersäuft.

So ists um diese Zeit. Die tut
Wie Sommer, brennt und schäumt.
Trunken auf üppigem Hügel ruht
Der Tag mit aufgeblasnem Mut,
Doch wenn er gleich von Segen überfließt,
Man ihn doch nicht mit reiner Lust genießt.

Ein jedes goldne Blatt hat seinen Schatten.
Zaubrisch der Abend, wenn im Mondenschein
Hinunter steigt die Treppe, Stein nach Stein,
Zum Fluß, der stäubend über Felsen schießt
Und silbrig wallend sich ins Tal ergießt –
Im Schilf am Ufer aber rühren sich die Ratten!

Was mags denn sein,
Was so das Herz, was so das ewig unzufriedne Herz verdrießt?

Erste Italienfahrt

Und als der Zug übern Brenner fuhr,
Wurde der Himmel hell,
Die Wolken weniger, kleiner, und nur
Eine beharrliche flog mit uns schnell.

Bei Verona zerging auch sie,
Und der Himmel war blau und allein.
Bis zum Brenner sah man viel scheckiges
Vieh, Dann nicht mehr, dann nur mehr Wein.

Die Häuser sahen wie Würfel aus
Und hatten ein flaches Dach.
Und kein Wind ging. Der ging wohl in nordischen Wäldern mit Braus.
Nur Weizen wogte hier schwach.

Florenz war schön und war alt wie Stein
Und hatte ein strenges Gesicht,
Der Arno war stumpf wie ein Sumpf und kein
Mondstrahl brachte ihm Licht.

Der Mond, der war wohl im Norden, rot
Und gelb über Wiesen und Rohr.
Hier in der Schenke bei Wein und Brot
Scholls fremd an unser Ohr.

Wir saßen verlorn wie im Käs der Wurm,
Der Arno dunkelte, schwieg,
Bis der Morgen kam, bis der steinerne Turm
In den grünen Himmel stieg.

Da trugen die Morgenhügel
Toskanas Zypressen schmal,
Und ein Raubvogel, ernst, ohne Flügel
Zu rühren, hing über dem Tal.

Die Galeere

Die Ruder stiegen und fielen.
Die Galeere rauschte hinaus aufs Meer.
Die Ruderer fühlten die Schwielen
Und den krummen Rücken nicht mehr.

Am Schnabel des Schiffes schwebte
Die goldene Göttin voran.
Ihr mächtiger Flügel bebte,
Sie sahen
sie alle an.

Die Peitsche der Wächter zischte,
Sie dampften in Schweiß und Blut.
Wie Blut und Schweiß sich mischte
Und
roch in der Mittagsglut!

Mit gläsernen Augen starrten
Sie auf das hölzerne Weib,
Die Ruderbänke knarrten,
Sie bogen den nassen Leib.

Die Göttin spannte die Flügel
Und hob die Arme steil
Und über die Wellenhügel
Schoß das Schiff wie ein Pfeil.

Die Ruder stiegen und fielen,
Die Ruderer sangen im Braus,
Es zog sie zu fernen Zielen
Die goldene Göttin hinaus.

Die Wärter senkten die Gabel
Und rührten die Ruderer nicht an.
Das goldene Weib am Schnabel
Durchpflügte mit ihnen den Ozean.

Salome

Salome tanzte vor ihrem Herrn und Gebieter.
Sie trug ein kleines, schwarzes Mieder,
Das hielt ihre hüpfende Brust kaum.
In ihrem Nacken glänzte der Haare Flaum.

Herodes rief: Tanze, mein Kind, tanze schneller!
Er beugte sich weit zu der Tanzenden vor,
Es rauschte das Blut in seinem Ohr,
Er warf von goldenem Teller

Ihr Früchte und Blumen zu.
Sie drehte sich wie der Wirbelwind,
Es saß betäubt das Hofgesind,
Und tanzend verlor sie den Schuh.

Tanze, mein Kind, tanz ohne Schuh,
Tanz, liebliche Judenbraut,
Ich schenke dir wieder andere Schuh,
Schuhe aus Menschenhaut!

Salome tanzte. Der Wirbel riß
Den König mit. Er streckte die Zehen.
Er entblößte sein gelbes Gebiß
Und erhob sich und konnte kaum stehen

Und schwenkte die Arme und stellte das Bein
Und drehte den fetten Leib.
Die Juden schrien: König, halt ein,
Setze dich wieder, und bleib!

Herodes saß auf dem goldenen Thron
Und keuchte und schnaufte laut.
Salome tanzte lächelnd davon,
Sie tanzte schon unter der Türe,
Da rief sie: Vergiß nicht die Schnüre
Zu den Schuhen aus Menschenhaut!

Die Juden schwiegen beklommen
Und tranken ohne Genuß.
Zu wem wird das Messer kommen?
Sie krümmten erschrocken den Fuß.

Der Bethlehemitische Kindermord

Die Soldaten des Herodes stiegen herab von den Bergen,
Sie trugen Schwerter vor sich her.
Viele schämten sich ihres Amtes, schalten sich selber Schergen.
Andre grinsten. Sie liebten die Arbeit sehr.

Die war nicht schwer.
Sie schlugen den Kindern die Köpfe ab. Mit einem Streich
Oft. Manchmal trafen sie nicht gleich,
Brauchten zwei und drei Hiebe und mehr.

Und sagten zur Mutter, wenn sie entsetzlich schrie:
»Na, was! Kannst wieder andre gebären!«
Und hörte das Weib nicht auf zu plärren:
»Schieb ab, du Vieh!

Was willst du? Er wills, Herodes, der Herr!«
Die Mütter fragten: »Wie sieht er aus?«
Er wohnt in einem goldenen Haus,
Hat Augen aus Glas, einen Bart wie ein Bock,
Einen roten Rock und Hände von Ringen schwer.«

»In unseren Tränen soll er ersaufen!
Sie solln ihm versalzen sein Brot!«
Sie konnten vor Lachen nicht schnaufen.
»Herodes, der Herr, nur Rebhühner frißt.«
Sie warfen die Leichen mit Schwung auf den Mist
Und zogen in lärmenden Haufen
Weiter und schlugen die Kinder tot.

Er hatte Krüge voll Rotwein stehn,
Herodes, betrank sich und lag.
Einen Bart wie ein Bock, die Schenkel fett.
So lag er auf seinem seidenen Bett
Und schnarchte bis tief in den Tag.

Laubfall

Falln die Blätter immerzu
Von den schwarzen Bäumen,
Daß sie unter meinem Schuh
Wie bittrer Wein aufschäumen.

Buchenblätter, Ahornblätter
Und das Laub der Linden –
Wirbelnd fällt das Laubgeschmetter
Bei den kühlen Winden.

Ist der Fuß grausame Kelter,
Ist der Rinnstein Weinbehälter,
Krümmt sich jedes Blatt vor Schmerz:

Steigt aus Schaum und Blasen
Der Geruch von diesem Saft,
Hat er sonderbare Kraft
Über unsre Nasen,
Über unser Herz.

Der verlorene Sohn

Bei den Schweinen saß der verlorene Sohn.
Die weißen mit den rosigen Rüsseln
Fraßen aus den ledernen Schüsseln,
Die schwarzen und borstigen schmatzten aus Trögen von Holz und Ton.

Er saß auf einem trockenen Stein,
Zwischen seinen Zehen wuchs Gras,
Seine Haare warn steif und gedörrt, wie aus Glas,
Eine Schwäre befraß sein Bein.

Eine Hirtenflöte hielt er am Mund.
Er blies ein Lied, das war dünn und klar.
Es schwirrte der Wind in seinem gläsernen Haar.
Das Lied wurde glänzend und rund

Und stieg von der Flöte empor,
Eine Seifenblase, schillernd und bunt.
Eine zweite und dritte taumelten nach,
Die Kugeln stiegen und bauten ein Dach.
Er hielt nicht ein mit dem Blasen, bevor

Er nicht ganz und gar inmitten der schwebenden Kugeln war,
Wie in Bernstein gefangen ein Götterbild
Die schwarzen Fliegen umbrummten ihn wild
Und ein Käfer mit funkelndem Rückenschild
Fuhr klirrend vor ihm durch das Gras.

Chinesische Generäle

(Wie im Puppenspiel)

I.

Das Gesicht des Generals Wupeifu
Ist gelb wie das Wasser der Flüsse,
Seine gelben Seidenschuh
Scheun Schlamm und Regengüsse.

In einer riesigen Sänfte
Schwankt Tschangsolin heran,
Rote Trommeln, gedämpfte,
Begleiten den stolzen Mann.

Goldene Drachen glotzen
Verwegen von jedem Dach,
Die geringelten Leiber strotzen
Gewaltig auf Füßen schwach.

II.

Tausend Rosse traben
Über Steppe und Hang,
Die Pferdemäuler laben
Sich kühl im Jangtsekiang.

Krummnäsige Dschunken fahren
Die Ströme hinauf und hinab,
Die Segel singen und schnurren
Und schnattern: papperlapapp.

Gedämpfte Trommeln, rote,
Tschangsolin in der Sänftenruh,
Gelbe Trompetenschlote
Schmettern um Wupeifu.

III.

Das große, blaue Trommelfell
Des Himmels zittert kaum,
Wolken, weiß und wieselschnell,
Zergehen zu Flaum.

Die große Trommel des trägen,
Glasblauen Himmelplans
Schlagen mit schnellen Schlägen
Trommelschlegel aus Glanz.

In dem süßen Konzert
Aus gelbem und blauem Licht
Ist das singende Schwert
Ein Mückenmaul an Gewicht.

Zwei Libellen, behaarte,
Grün und mit goldenem Bauch,
Kämpften die wilde und zarte
Schlacht im Gräserrauch.

Maschinengewehre knistern,
Raketen sind farbenfroh,
Granateinschläge flüstern
Wie weiße Mäuse im Stroh.

IV.

Die Himmelstrommel, die große,
Hängt am verborgenen Strang.
Die nackte, die blaue, die bloße
Summt einen süßen Gesang.

Generäle im Seidenrocke,
Bemalt, und auf zierlichem Pferd
Reiten unter der Glocke,
Gezückt das puppige Schwert.

Glassoldaten, mutig,
Stürmen Wall und Wald,
Mit Rosenhändchen, blutig,
Aneinandergekrallt.

Blauhimmlisch erdröhnt da ein Gongschlag,
Sie kippen und kollern im Nu:
Wie Spielzeugfiguren aus Glas und Lack
Liegt goldgelenkig, im Marschallsfrack,
Tschangsolin neben Wupeifu.

V.

Ein dreckzehiges Kulikind
Kichert über die Steppe,
Kreischt und trägt im Abendwind
Über die Hühnertreppe

Zwei Hampelmänner in Gelb und Rot –
Die funkeln grell,
Die wackeln schnell
Mit ihm durch Schlaf und Traum der Hütte
Bis zum morgendlichen Brot.

Drei am Kreuz

Das Kind in der hölzernen Krippe,
Mit den weißen Fingern, den goldenen Zehn,
Trug auf der geschwungenen Lippe
Ein Lachen ungesehn.

Die Mutter neigte sich, froh war ihr Herz,
Und sah das Lachen nicht.
Josef war blind, und beim Kerzenlicht
Glänzte sein Bart von Erz.

Die Könige sahen es alle drei nicht,
Kaspar, Melchior, Balthasar,
Mit dem gelben, dem weißen, dem schwarzen Gesicht
Unterm Zopf und gescheiteltem Haar.

Ein Schafbock, mit Krauswoll, mit krummer,
Ein Esel mit grauem Schwanz
Stampften durch seinen Schlummer,
Das dröhnte wie Sternentanz.

Das Lachen sah keiner. Und es verging
Das dreiunddreißigste Jahr.
Es kam, daß er krumm am Kreuze hing
Unter dem Himmel klar.

Landstreicher zur Linken, Strauchritter zur Rechten,
Sie fuhren zu dritt in den Tod.
Die Strolche, die bösen, die schlechten,
Sie soffen sein Lachen wie echten
Taufwein und fraßens wie Hostienbrot.

Mit dem weißen, dem gelben, dem Negergesicht,
Die drei Könige ritten heran.
Sie sahen die Drei tot und hochaufgericht,
Und Kaspar, Melchior, Balthasar spricht:
Warum lacht der mittlere Mann?

Unterwegs

Es hatte sich einer der heiligen drei Könige verlaufen,
War abgekommen vom Trupp und irrte nun hinter ihm drein,

Silbernen Bart
Wallend vom erhitzten Gesicht.
Sein Mantel, gelbfarben wie Wein,
Schleifte im Staub, und in der Rechten
Trug er das Räuchergefäß:
Das sollte sein Königsgeschenk sein
Dem Angekündigten.

So kam er allein in einen finsteren Wald,
Wo die Tannen standen wie bärtige Riesen
Und das Strauchwerk zu ihren Füßen wuchs wild.
Kalt war es im Wald, und den Himmel sah man nicht,
Und eine große Kröte saß mitten im Hohlweg,
Dickbäuchig und sprungbereit.

Er traute sich nicht weiter zu gehen,
Der König, und blieb vor der Kröte stehen,
Die war mit Warzen besät
Und wie ein Drache anzusehen
Auf krummen Beinen gebläht.

Da barg im Mantel der alte Mann
Erschrocken das Räuchergerät.
Er sah an sich herab, er war waffenlos
Der Hohlweg war schmal,
So konnte er dem Untier auch nicht ausweichen,
Beiseite
gehn und sich von dannen schleichen.
Fahl
Hing
an den Wänden das Moos.

Da schrie ein Vogel und schwang sich vom Ast,
Schwarzglänzende Rabengestalt,
Und packte die Kröte und trug sie fort,
Weit fort in den düstersten Schattenort,
Und schrie noch einmal.
Zorniges Echo schallte der Wald.

Aus einem Loch im Boden pfiff es heraus
Wie eine fröhliche Flöte,
Das war eine Maus in ihrem Haus,
Die Nachbarin der Kröte.

Da lachte der Weißbart und ging seinen Weg,
Über den Bach, auf hölzernem Steg,
Und da, wo der Wald sich lichtete,
War es, daß er die vorausgegangenen Gefährten sichtete.
Denn da war ein großes, unruhiges Blitzen
Und Schimmern von Seidengewändern, im Winde schlagenden,
Und auf gestürzten Baumstämmen sitzen
Sah er, auf ihn wartend, die Kronentragenden.

Könige und Hirten

Im finstern Stall,
Auf Stroh, das welk,
Unterm Wagen
Schläft das Kind.

Stimmen singen im Gebälk
Mit süßem Schall.
So süßen Schall singt nicht der Wind.

Kühe mit den
Schwänzen schlagen,
Muhen brusttief lind.

Eilig reiten,
Lang schon ritten,
Feine Leute,
Ungeduldig, heilig zornig,
Mit Gesinde
Hinter sich und
Goldbehängten
Sattels, silberspornig,
Im gedrängten
Truppe zu dem Kind.

Hirten gingen
Nicht von ihrem Platze vorn
Beim Klingen
Von dem Silbersporn.

Und die Feinen
Leiden es,
Daß die Gemeinen
Schulterbreit vor ihnen sind.

Heben sich nur auf den Zehen,
Sagen ein Bescheidenes,
Daß ihre Gastgeschenke gehen
Still von Hand zu Hand nach vorn,
Zu dem Kind,
Das sie nicht sehen.

So die dunklen Hirten hoben
Königsgold und fremd Gewürz,
Gelber Schalen Lichtgestürz
Vor den weißen Schläfer hin.

Einstimmig loben
Ritter und
Gesind
Und Hirtenmund
Das Kind.

Süß singts mit vom Balken oben.

Die heiligen drei Könige

Der heilige Sankt Kaspar spornt den glänzenden Rappen.
Er bebt im Sattel, rauscht mit brokatnen Gewändern:
Er kommt aus palmenüberblühten Ländern,
Fiebernder Pfeil, wie der springende Leopard in seinem Wappen.

Der heilige Sankt Melchior auf weißem Elefanten
Verließ den Palast mit den schönsten Frauen
Und den hängenden Gärten. Er runzelt die Brauen,
Weil bisher die Tage und Nächte des Suchens so schmerzlich umsonst verbrannten.

Der heilige Sankt Balthasar auf gelbem Dromedar
Lehnt wie eine sehnsüchtige Fahne aus dem geschwungenen Sessel.
Ihn peitscht die Begierde wie eine brennende Nessel,
Er ist der ungeduldigste der lodernden Schar.

Es werfen die Drei die Hände wie brennende Fackeln voran.
Über Berge und Wälder treibt sie ihr Blut.
Wie eine Wolke umwölkt sie die eigene Glut.
Gott zieht mit den ewigen Wandrern als feuriger Schwan,
Mit seinen gespreiteten Flügeln stößt er an Himmel und Erde an.

Will der Winter kommen

Will der Winter kommen,
Jetzt zur Weihnachtszeit –
Komm nur her!
Kommen die Flocken geschwommen,
Von hoch überm Dächermeer,
Silbergeflügeltes Heer.

Will der Mond kommen,
Jetzt im Abendwind,
Komm nur, leucht!
Durch die halboffne Kirchentüre rinnt
Dunkel das Gebet der Frommen,
Leis die Orgel keucht.

Hat der Winter gewonnen,
Ist alles Frost
Und kalt.
Kommen die schwarzen Nonnen
Getrost gewallt
Zur schneeweißen Heilandsgestalt.

Lob der Kälte

Der braune Bretterzaun
Ist weiß von Reif,
Konnt gestern kaum mehr stehn, war greisenhaft und wacklig anzuschaun,
Und ist nun jung und steif.

Das Viereck Wiese gestern war ein Moor,
Sumpfbraun und pfützenüberstreut:
Da sie die kalte Nacht steinfest gefror,
Wie tanzplatzlustig ist sie heut!

Wie war der Himmel gestern fad
Und stumpf und grau –
Heut tropft das Licht vom Sonnenrad
Wie Gold durchs weiße Blau!

Alles, was trübe war
Und feucht verflossen,
Ist hart und klar
Und zum Kristall zusammgeschossen.

Die Kälte trabt einher, die lange, lange Schar,
Silbern der Huf, das Mähnenhaar,
Je Hengst und Stute, Paar nach Paar
Von weißen Zauberrossen.

Mitten im Föhrenwald

Der Schnee fiel nicht mehr, aber die Wolken hingen
Über dem Wald.
Der Fuchs umschlich witternd die heimtückisch treuherzigen Schlingen,
Der Rabe saß auf dem Föhrenast, blinzelnd, großväteralt.

Das Eichhörnchen lockte es, über den gefrorenen Weiher zu springen,
Die Luft war silbern und kalt.
Die blaue Eisdecke fing an zu singen,
Und der Mond sah gelb aus dem Wolkenspalt.

Vorm Tor der Scheune, im wollnen, geringen
Janker stand Josef und hatte die Fäuste geballt,
Und seine Ohren, die geschärften, wachsamen, empfingen
Jeden Laut, und plötzlich hat er breit und befreit übers bärtige Antlitz gestrahlt.

Das Eichhörnchen rief er an, den Raben, den Fuchs, und vor allen Dingen
Das gelbe Gesicht, das über der Waldlichtung hing, den Mond, kreisrund von Gestalt.
Und er hob die Arme, als wolle er sie alle umschlingen,
Denn er hatte einen seligen Seufzer vernommen,
Und er schrie: Freut euch mit mir, ihr Tiere, ihr frommen,
Maria ist niedergekommen
Mitten im Föhrenwald!

Und das Eichhörnchen stellte schräg den brennroten Schwanz,
Und der Fuchs nieste höflich und kam Josef sehr nah.
Der Rabe wackelte am Ast einen steifen Tanz,
Und eine Sternschnuppe fiel und sang zwitschernd: Halleluja!
Der Mond ging so tief herab, daß er Josef gelbäugig ins Auge sah,
Und Josef im Janker lachte und in der Scheune ganz
Leis lachte Maria.

Zwei Krähen vorm roten Himmel

Das hungerschwarze, flügellahme
Kummerweibchen schwankt am Ast.
Schnee fällt auf der dunklen Dame
Abendrast.

Nicht die Schnauze einer Schneemaus
Und kein blauer Regenwurm!
Nur der Schneesturm
Kämmt der Müden höflich schwarze Federn aus.

Die tuschgefärbte, aasgenährte
Vogeldame neigt
Den kleinen Kopf, duckt sich und schweigt,

Wie nun der nasse Frackgefährte,
Mutvoll krächzend, Hohngebärde,
(Unten liegst du, weiße Erde!)
Schwarz zum roten Himmel steigt.

Rumpelstilzchen

Ja, das ist er, grau wie Schiefer,
Winterhimmel, der sich biegt!
Auf den Wiesen, vor der Vorstadt,
Liegts wie Rauch. Die alte Kiefer

Stöhnt im Wind. Sein Ungeziefer
Jagt der Hirtenhund und bellt.
Wie Wellen gehn der Schafe Rücken,
Nur der Schwarm der schwarzen Mücken,
Der sonst über ihnen tanzte, fehlt.

Wie der Bach rennt! Losgerissen flattern
Algen auf den Wassern fort,
Und mit weißern Steinen, glattern
Als im Sommer tauschen sie ihr Wort.

In der Grube, im Gebiet der
Braun versumpften Regenpfützen,
Scherben und verbeulten Büchsen,
Hüpft das Männchen, rot die Mütze,
Zauberhähnchen,
Zirpt den Vers und kräht das Lied,

Kies, der kollert, übertönt es:
Ich bin froh, daß niemand weiß –
Und so flötet es und flennt es,
Zwerg und Flachsbartwackelgreis.
Daß ich Rumpelstilzchen heiß!

Pfeift der Wind. Das Männchen kräht.
Still die Schafe grasen.
Auf der Straße, abendspät,
Durch die grellen Nasen
Schnelle Autos blasen.

Junger Schnee

Fällt der Schnee vom Baum,
Den der Wind geschüttelt,
Fällt der Schnee mir weißkalt ins Gesicht:
Wars ein Vogeltraum,
Fiel, vom Flügelschlag gerüttelt,
Diese Locke licht?

Läuft die Spur im Schnee –
Wo birgt sich das Reh,
Das hier eben noch den Atem stieß?
Atemwolke, blaß,
Zart und bläulich naß,
Schwebt sanft schimmernd noch über der Wies,
Wie eine Seifenblas,
Die der junge Schneegott schnaubend blies.

Langen Eichen zum
Himmel, greifen Weiden krumm,
Zur Baches Mitt.
Bienenschwärme, stumm,
Hummeln, ohn Gebrumm,
Umsilbern plötzlich aufgestöbert meinen Schritt.

Der Hase

Zwischen den Türmen, an Läufen,
Erstarrten, hängt der Hase am Fensterbrett.
Der Schneewind pfeift, der Dachwind weht,
Und von Dachziegeln träufen

Dicke, schwarze Wassertropfen,
Die zerknallend auf dem Blech
Wie rasche Flintenschüsse klopfen.
Rührt es nicht, halb scheu, halb frech,

Das Wiesentier, die Ohren?
Hier ist kein Feld, kein Dämmerwald,
Nur der dicke Tropfen knallt
Feucht und unverfroren.

Von der Straße, schrill und wüst,
Viele Pfiffe stürmen.
Mit geknicktem Knochengerüst
Schwankt der Hase zwischen den Türmen.

Wintermorgen im Gebirge

Über den Alpenwall,
Mausnackt, schneeblaß, eisgrau
Und dann kühldämmernd blau
Erhob sich aus schwarzem Tal

Die Sonne. Es lief die Gipfelschnur
Auf und ab durchs rote Gestirn,
Umriß wie mit kohlschwarzem Zwirn
Fleischblutig die Herzfigur.

Das Herz schwebte schimmernd und dröhnte
Vor dem bleichen Hintergrund,
Stieg siegreich dann auf ins ersehnte
Blaue, nun goldstückrund.

Die silberne Alpenkette
Schaukelte auf und ab.
Aus befiedertem Wolkenbette
Warf lichtjubelnd die fette
Goldfaust nun Stab um Stab.

Krähen und Enten

Weil der Schnee seit Stunden fällt
Über diese weiße Welt,
Über Dächer schräggestellt,
Will die Krähe, Schwarzgemäld,
Der das Wirbeln nicht gefällt,
Auf dem Zaun vorm Garten
Das End vom Schnee erwarten.

Ach, der weiße Flockentanz
Hört wohl nimmer auf!
Auf dem schwarzen Krähenschwanz
Türmt sich der Schnee zu Hauf.

Krähe sitzt mit krummem Mund,
Bös, ein stummer Hasser.
Doch die Enten schnattern bunt,
Fliegen durch den Flockenfall
Langgehalst und brustkorbprall –
Auch der Schnee ist Wasser!

Krähentanz

Vögel gibts im Winter auch,
Raben, Krähen, solch Getier,
Schwarz von Farbe, krumm geschnäbelt,
Und den Bauch voll Freßbegier.

Auf den weißen Feldern hocken,
Vor bereiften Büscheln Grases,
Vor den Mäuselöchern sie,
Kämpfen wild um jeden Brocken
Faulen Aases.

Und die Sieger fliegen
Schweren Fluges und verwegnen
Schreiens auf das Hüttendach.
Die gerupften Unterlegnen
Äugen ihnen nach.

Zupfen schamvoll am Gefieder,
Und die Schmach
Empfangner Prügel,
Die der Federn sie beraubt,
Bergen sie im Auf und Nieder
Eines tollen Wackeltanzes,
Daß der Schnee staubt
Bei den Schlägen ihrer Flügel,
Ihres Schwanzes.

Winterliches Landhaus

Es ist der Wald, der steifgefrorne Wald:
Doch hat man um ihn einen Zaun gelegt,
Sind Wege drin, gerade, blank gefegt,
Und an der Türe steht: Kein Eintritt! Halt!

Schief auf den Fichten, moosbebartet, alt,
Hockt nur ein Rabe, der die Flügel schlägt.
Längst ist das Reh entschlüpft. Kein Specht, der sägt.
Der Maulwurf schläft. Dem Maulwurf ists zu kalt.

Da knallt vom Berg ein Schuß, ein zweiter und ein dritter.
Dort bricht der Hirsch wie Donner durch die Schlucht,
Die Gemse pfeift, quer durchs Geröll die Flucht –

Da draußen sind die Jäger und die Ritter,
Im braunen Knie die Freiheit und die Kraft:
Hier ist der Park, das Haus, die Fett-, die Bettgefangenschaft!

Schneefall

Der Schnee fällt,
Der Wind weht,
Der Hund bellt,
Weil wer im Dämmern vorübergeht.

Über das weiße, weite Feld
Stiebt das Silbergeflügel,
Die Vogelscheuche am Waldrand hält
In der Hand einen krummen Prügel.

Auf der Spitze des Prügels hockt
Eine Krähe und schreit.
Der weiße Schnee flaumt und flockt
Lautlos, unabsehbar weit,
Als ob einer oben wo säße, der brockt
Weißes Zeug die ganze Zeit.

Der Mond kommt, rötlich und kalt.
Die Uhr acht Schläge schallt.
Sind die Schläge verhallt,
Stumm in der Stille tanzen die Flocken zum Wald.

 

Editionsnotiz

Die Gedichtsammlung »Der irdische Tag« ist zuerst 1935 im Verlag Albert Langen/Georg Müller in München erschienen. Sie bringt Gedichte, die Georg Britting schon seit 1919 entworfen, geschrieben und zum Teil wieder umgeformt hat und von denen einige bereits 1930 in dem Band „Gedichte“ bei Wolfgang Jeß in Dresden erschienen, andere zuvor in vielen Zeitungs- und Zeitschriftenabdrucken – Jugend, Simplizissimus, Frankfurter Zeitung, Vossische Zeitung, Münchener Neueste Nachrichten – veröffentlicht worden waren.
Mit der Zusammenfassung nun in diesem Band »Der irdische Tag« ist 1935 ein zentraler Text der deutschen Naturlyrik des 20. Jahrhunderts erschienen. Er ist, entsprechend der langen Entstehung, ein Zeugnis auch für eine Stilperiode, die mit dem Begriff Nachexpressionismus bezeichnet wird. Historisch wird dieser Gedichtband begleitet von verwandten und gefolgt von angeregten Werken anderer Autoren, und er bleibt, wofür schon der Titel spricht, prägend für eine lyrische Erfahrungs- und Ausdrucksweise, die sich ideologischen Ansprüchen des Nationalsozialismus entzieht.
So ist »Der irdische Tag« auch die erste Wiederauflage eines Einzeltitels, die Britting nach dem 2. Weltkrieg 1948 in seinem neuen Verlag, der Nymphenburger Verlagshandlung, zum Druck gibt. In der von ihm selbst verantworteten „Gesamtausgabe in Einzelbänden“ ergänzt er noch einige verwandte Motive. Zuletzt versieht die Ausgabe der „Sämtlichen Werke“ (1987-1996) im List- und im Süddeutschen Verlag die Gedichte mit Anmerkungen und einem ausführlichen werkgeschichtlichen Kommentar.
Schon 1931 schrieb Gottfried Kölwel in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ über Britting: „Etwas Unverbrauchtes in seinem Material, etwas Barockes in seiner Form, Freude am eigenwilligen Rhythmus, der sich aber trotzdem niemals in Gefühlsgeschwülsten verliert, sondern einfach und sachlich bleibt, kennzeichnen sein Gedicht ebenso wie jene frischen, satten Farben, in die er alle Dinge taucht.“

Dietrich Bode

 

Impressum

Band 1
Hrsg. von Ingeborg Schuldt-Britting

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Informationen über den Dichter und sein Werk in www.britting.de.

Alle Rechte vorbehalten
© 2012 Georg-Britting-Stiftung
83101 Höhenmoos
Wendelsteinstraße 3
Satz u. Layout: Hans-Joachim Schuldt
Made in Germany
Gedruckte Taschenbuchausgabe:
ISBN: 978-3-9812254-6-4 (Sämtliche Werke – Gedichte)
ISBN: 978-3-9812254-0-2 (Bd 1: Der irdische Tag)