Bd. 8 – Das treue Eheweib

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Erzählungen 1920 – 1937

Das Waldhorn

1

Der Abstieg durch das Kar war sehr mühevoll, besonders wenn man was zu tragen hatte, und die beiden Männer hatten was zu tragen, und so hatten sie nicht Zeit und Lust, viel um sich zu schauen. Sie sahen zu Boden, auf den steinigen Pfad, daß sie die Schritte recht setzten, nur der Mann, der hinter ihnen ging und nichts zu tragen hatte, der sah manchmal hinüber zu dem grauen Dunst über dem fernen Wald. Das Kar lag weiß und heiß in der Nachmittagssonne, die Luft zitterte von der Glut, und die Träger setzten ihre Last von Zeit zu Zeit ab, um sich den Schweiß von den braunen Stirnen zu wischen. Dann blieb auch der Mann hinter den Trägern stehen, ging sogar, wenn er sah, daß jene Miene machten, die Last niederzustellen, ein paar Schritte zurück, um ihr nicht so nahe zu sein.

Weiter ging es talwärts, einzelne Legföhren streiften schon die Beine der Träger, schlugen mutwillig nach ihnen, schlugen nach der Last, und auf dem grünen Plan, den sie nun schon erreicht hatten, stand ein Rudel kleiner Tannen um einen mächtigen schirmenden Baum. Hier, bei den Tannen, blieb Anton, der Mann hinter den Trägern, stehen und sagte den Leuten, daß es nun ja nicht mehr weit sei zur Drexelalm, wo das Maultierfuhrwerk warte: Er aber, Anton, wolle von hier aus den Weg über die Loserer Hänge nehmen, wie ihm das sein Dienstweg vorschreibe. Die Männer nickten nur, brummten einen Gruß, trugen ihre Last, gingen ihren Weg und waren bald hinter einem grünen Buckel verschwunden.

Anton setzte sich zu Füßen der mächtigen Schirmtanne. Dort vor ihm war der Rieglekopf, aus dem wie aus einer blutenden Wunde, die nimmer heilt, Geröll niederfloß, und dort, östlich davon, war das Stück begrasten Bodens an der Bschöllwand, wo vor zwei Stunden noch der tote Mann gelegen hatte, den jetzt das Maultier zu Tal zog. Dort hatte der Mann gelegen, aber er hatte sich nicht freiwillig hingelegt, mit dem Rücken im Gras, um in den Himmel zu schauen, wie das müde Bergsteiger tun. Als ihn die vielen Männer umstanden, hatte er auf dem Bauch gelegen, das Gesicht ins kurze Gras gedrückt, als behorche er die Erde, und ob ihm die wohl Antwort gab, das wußte niemand. Der Arzt hatte ihn umgedreht, auf den Rücken gedreht, da hatte der tote Mann mit weitaufgerissenen Augen in die Sonne geblickt, wie das nur Tote können. Es war, als hätte der Tote eine große Neugier gehabt, zuerst die Erde zu behorchen und dann dem großen Licht einmal mitten ins Geheimnis zu schauen. Den Halsschuß festzustellen, war dem Arzt leicht gefallen, einen tadellosen, sauberen Halsschuß, ein tüchtiger Schütze, der ihm den beigebracht hatte.

Anton, der Mann unter dem Baum, stand auf und machte sich auf den Weg zum Abstieg über die Loserer Hänge. Bald nahm ihn der dunkle Wald auf, der ihn kühl umhauchte, großfächeriges Farnkraut breitete geheimnisvoll und feierlich sich. Eine Strecke lang sickerte mitten im steinigen Weg ein dünnes Rinnsal, breitete sich zwischen den bemoosten Steinen zu kleinen, schwarzen Tümpeln, der Weg wurde so feucht und schlammig, daß Anton ihn verließ, pfadlos neben dem Weg durch den Wald ging.

Der Weg trat aus dem Wald in das Tal hinaus, er wurde breit und ordentlich, wie sich das gehört für einen Talweg, lief weiß und staubig zwischen Wiesen dahin. Auch die kleinen Wasserläufe der Loserer Hänge hatten sich zu einem Bach zusammengetan, der in einem viel zu breiten Bett floß, jetzt, im Sommer, viel zu breit, im Herbst und Frühling wollte ihm das Bett wohl manchmal zu schmal sein, und beide, Bach und Weg, liefen zu dem Dorf, zu dem auch Anton ging. Bach und Weg liefen weiter, durch das Dorf hindurch, liefen zu anderen Dörfern, liefen weit, vereinigten sich mit anderen Wegen und Wassern, liefen immerzu. Anton blieb.

Das Forsthaus, nicht allzu groß, in das Anton eintrat, lag neben Pfarrhaus und Kirche, und wenn er aus seiner Stube im ersten Stock durchs Fenster auf den Friedhof sah, schien ihm angesichts der vielen Grabsteine und Holzkreuze, es müsse wohl mehr tote Rossöder geben als lebendige.

Als Anton sich wieder erhob am Morgen nach diesem Tag, gut ausgeruht und mit frischem Kopf, und schon Sonne war in seinem Zimmer, wusch er sich lange und sorgfältig. Es klopfte, es kam die Magd mit dem Morgenkaffee, und Anton, nun schon fertig angezogen, setzte sich zum Frühstück, den Rücken gegen das Fenster, das noch von der Nacht her offenstand. Er aß sein Morgenmahl, aß und trank langsam und bedächtig, aber einmal, und wenn die Pausen noch so lang sind zwischen den Bissen, geht jedes Mahl zu Ende. Auch nach beendetem Mahl noch blieb Anton sitzen. Es wär wohl jetzt an der Zeit gewesen, seinem Dienst nachzugehen, aber er ging nicht, Anton, der Mann, tat nun Magddienst, schüttelte sein Bett auf, strich das Leinen glatt, legte die Polster zurecht, machte sich an seinem Schrank zu schaffen, zog Schubladen auf und zu, aber er ging nicht, er blieb im Zimmer, und es war doch Wochentag und nicht Sonntag, und durch das offene Fenster hinaus warf er keinen Blick.

So sah er nicht, was draußen war, Himmel und Wald und Feld, und den Friedhof von einer niederen Steinmauer umgeben, und sah nicht, wie sich vorm Friedhof viele Menschen sammelten, Männer und Weiber, die Männer in den schwarzen Anzügen, die sie tragen bei besonderen Anlässen, bei freudigen und bei traurigen, immer ist das Kleid schwarz der schwerfälligen Männer. Er sah nicht, daß Fahnen wehten, umflort, daß die gelben Helme blitzten der Feuerwehrleute, und Federn schwankten auf den grünen Hüten der Schützen. Und daß sich ein Zug bildete, sah er nicht, aber jetzt hörte er, Anton in der Stube, den Klang der Kirchenglocke. Die gleiche Glocke auch läutet bei freudigen Anlässen wie bei traurigen, wie die Männer den schwarzen Anzug tragen in Freude und Trauer, aber wie die Glocke jetzt anschlug, das war Trauer, in kurzen, klagenden Tönen, und beim ersten Schlag war Anton in seiner Stube in die Ecke beim Kleiderschrank zurückgewichen, aber jeder Glockenton drang auch dorthin. Das Läuten hörte auf, es war seltsam still nun, und durch die Stille kamen andere Töne, langgezogen und einförmig, eine tiefe Stimme sang und helle Knabenstimmen antworteten, und die Stimmen lockten Anton zum Fenster. Er stellte sich so, daß er von unten nicht gesehen werden konnte, er hatte wohl Grund zur Annahme, daß manche von unten jetzt hierher zu dem Fenster sehen würden, statt zum Sarg hin, der vorm offenen Grab stand, weihrauchumwölkt. Anton erblickte den Sarg, den Priester im weißen Gewand, die Meßknaben, sah die Weinenden um den Sarg, und so viele Menschen um das Grab, daß der kleine Friedhof sie kaum faßte. Und als jetzt der Sarg in die dunkle Tiefe sank, hörte er das Schluchzen der Trauernden, deren Schmerz aufwallte beim ewigen Abschied. Nun traten Männer vor das Grab, die Kränze hielten und in das Grab hineinredeten, und was sie sagten, konnte Anton nicht verstehen. Ein Mann im gelben Helm sprach, und einer in der Schützentracht, und dann sank alles in die Knie und antwortete dumpfbrausend im Chor den Gebeten des Priesters. Dann warf ein Mann drei Schaufeln Erde in das offene Grab und eine Frau dann, und andere folgten, Männer und Frauen, und auch Kinder waren dabei, und taten ebenso, denen die Mütter die kleine Hand lenkten. Die da schaufelten, nahmen kein Ende, so schien es Anton, und obwohl einzelne schon wieder dem Friedhofstor zugingen, war der trauernde Haufe nicht kleiner geworden, es waren ja nicht nur die Rossöder gekommen zur Beerdigung, aus den Dörfern und Weilern der Umgebung waren sie gekommen, viele und viele.

2

Immer sind die Berge da, und der unendliche Himmel darüber und der Wald auf den Bergen und das Gras in den Tälern und die Dörfer an den Hängen, nur die Jahreszeiten kommen und gehen, und der Frühling ist die kürzeste in den Bergen und geht rasch in den Sommer über, in den kurzen, wildaufflammenden Bergsommer, und dann ist bald der klare Herbst da, und am längsten währt der Winter. Auch Menschen sind immer da in den Tälern und auf den Bergen, aber man kann sie vermeiden, man kann ihnen aus dem Wege gehen, die Menschen braucht man nicht. Der Jäger Anton lief auf alle Berge, tagaus und tagein, strich über alle Hänge hin, kroch in Höhlen und ging die Sturzbäche entlang abwärts, stieg über manches Joch und rastete in vielen Kars, bei Tag und bei Nacht, im Abendschatten und in der Morgenröte. Menschen traf er selten auf seinen Gängen, und es ist wahr, manche rückten freundlich den Hut, wenn sie ihn sahen, Holzfäller im grünen Wald und Almer auf den Bergwiesen, und er dankte ihnen freundlich und sprach ein kurzes Wort mit ihnen und lachte auch, aber wohler war ihm, wenn er allein durchs Geröll aufstieg und die Murmeltiere warnend pfiffen vor ihm. Auch im Dorf, das ist wahr, waren Menschen, Männer und Frauen, die ihn unbefangen ansahen und eine Rede mit ihm tauschten. Aber da waren auch andere, die sahen weg, wenn er daher kam, und machten sich mit irgend etwas zu schaffen, oder sahen angestrengt zum Himmel auf, wenn er an ihnen vorbeiging. Anfangs hatte er dann auch zum Himmel geschaut, ob da ein Raubvogel kreise vielleicht, aber da war nichts zu sehen, wußte er bald.

Ja, Xaver war ein munterer Sänger gewesen, jetzt sang er nicht mehr, war ein guter Tänzer gewesen, jetzt tanzte er nicht mehr. Die Mädchen hatten freundlich nach ihm geschaut, und die Frauen auch, und die Männer sogar auch, und war keiner gewesen, der ihn nicht gern gemocht hätte, Anton nicht ausgenommen. Aber konnte einer singen mit einer Kugel im Hals? Anton hatte ihm die Kugel auch nicht in den Hals geschickt, um ihn am Singen zu hindern. Der Sänger, als er ihn traf, neben der Steinwand, hatte er nicht gesungen. Er war erschrocken, der Jäger Anton, und den er gern sah in der Wirtsstube, hier sah er ihn nicht gern, der einen Stutzen
trug – wozu? Der seinen Stutzen hob, der Sänger, gegen den anderen Mann, warum? Der den schwarzen Lauf richtete gegen den Ankömmling, unvermutet aus der Waldschlucht. Anton hatte nicht gewartet, bis der Sänger schoß, hatte zuerst geschossen, war schneller gewesen als der Sänger und hatte in den Singehals geschossen den Sänger, und der war tot umgefallen, ehe er losdrücken konnte.

Nun, er hatte ein männliches Herz, der Jäger Anton, und es ließ sich wohl auch ertragen, daß es Leute gab, die in den Himmel sahen, um ihm nicht ins wohlgebildete Gesicht sehen zu müssen, es war wohl zu dulden, daß im Wirtshaus, wenn er es betrat, manche Gäste eben mit ihrem Bier fertig geworden waren und gingen. Er hatte sich auch daran gewöhnt, daß er, aus seinem Fenster auf den Friedhof blickend, das schöne und große Grabmal vor Augen hatte, das dem toten Sänger gesetzt worden war. Es war ein großmächtiges Steinkreuz und ein eisernes, schön gearbeitetes Gitter war um das Kreuz, und im Sommer blühten rote und gelbe Blumen dort. Es war vielleicht keine böse Absicht gewesen, Xavers Grabkreuz gerade gegenüber dem Fenster Antons aufzurichten, er übersah ja sowieso von seinem Fenster aus den ganzen Friedhof, aber es wäre immerhin möglich gewesen, eine Grabstelle zu finden, daß er, wenn er aus dem Fenster sah, den Kopf hätte drehen müssen, nach links oder rechts, um sie zu erblicken, jetzt mußte er nach links oder rechts den Kopf drehen, um sie nicht zu sehen. Der Förster, sein Vorgesetzter, hatte ihm einmal vorsichtig angedeutet, daß er auch ein anderes Zimmer haben könne, ein Zimmer nach vornheraus, auf die Straße heraus. Aber Anton hatte abgelehnt, und der wohlmeinende Mann war nicht mehr auf seinen Vorschlag zurückgekommen.

Er hatte ein männliches Herz, Anton, der Jäger, und warum sollte er nicht das Grab vor Augen haben, in dem der von ihm Erschossene lag? Er hatte nichts Unrechtes getan, er hatte Schweres getan, aber es ist ja nur rühmlich, Schweres zu tun, und dazu zu stehen. Und er hatte einen Brief vom hohen Amt, in dem ihm ausdrücklich die Anerkennung für sein pflichtgetreues Verhalten ausgesprochen worden war.

Er hatte ein männliches Herz, Anton, der Jäger, das machte sich nichts daraus, daß Leute, die ihm begegneten, den hohen, blauen Himmel anschauten, oder wenn es sich was daraus machte, so trug es die Mißachtung mit Würde und Stolz und Trotz, und den Kopf hob Anton dann nur immer höher. Einmal aber senkte er bei einer Begegnung den Kopf tief, und sein männliches Herz schlug hart und laut und fast anklägerisch, und das war an einem schönen Maimorgen.

An einem schönen Maimorgen kam er von einem Dienstgang den Lufflattlweg herabgestiegen. Er war schon seit der ersten Frühe auf den Beinen gewesen, er hatte sich des schönen Wegs gefreut, der Wald war jung, ja, der alte, urgraue, bärtige Wald, der düstere, er war wieder jung geworden, wie das die Menschen nicht können, die einmal alt sind, der Wald konnte das, er war wieder jung und roch freudig und frech, schwenkte die jungen Triebe, das Gesträuch zu Füßen der Stämme war gelbgrün und zart und lusterregt, blau blitzte der Himmel zwischen den Wipfeln. Nun mündete der Lufflattlweg in ein Wiesental, die Hänge zu beiden Seiten waren von lichtem Jungwald bestanden, auf einem abgeholzten Platz wucherten Brombeersträucher, gelber Löwenzahn war schon aufgeblüht, und die Luft war grünkühl. Er kam bis zum Martinskreuz, da stieg aus einem Stück Buchenwald zur linken Hand ein Weg herab, von Frommsreuth herab, und den Weg daher kam eine Frau, eine noch junge Frau in bäuerlicher Tracht, und die Frau erkannte ihn sofort, und blieben beide stehen.

Man hatte früher in Rossöd gemunkelt, daß der Jäger Anton der Maria schöne Augen gemacht hatte, aber wenn das wahr war, dabei war es auch geblieben, zu mehr war es nicht gekommen, und dann war es ja auch ganz und gar unmöglich geworden, daß je mehr daraus werden sollte, und Maria hatte einen Dienst in Frommsreuth angetreten. Anton hatte sie seit drei Vierteljahren nicht mehr gesehen, und daß sie heut im Sonntagsstaat an einem Werktag des Wegs kam, war nicht so verwunderlich, vielleicht ging sie zu einer Hochzeit oder einer Taufe oder einem Begräbnis.

Sie blieben beide stehen, er spürte eine Kälte im Gesicht, er war bleich geworden. Fürchtete er, daß sie zum blauen Himmel aufsehen würde, um einen unsichtbaren Raubvogel zu betrachten? Sie blickte nicht zum blauen Himmel auf, sie sah ihm voll ins Gesicht. Wie sah sie dem Xaver ähnlich, ihrem Bruder!

Sie sah ihm voll ins Gesicht, Maria, Xavers Schwester, seit der einzige Bruder tot war, ganz allein auf der Welt, Dienstmagd in Frommsreuth. Nun stand sie vor dem Mann, der ihr den Bruder hatte nehmen müssen, der ihr früher einmal schöne Augen gemacht hatte, niemand wußte, wie ihr das getan hatte, auch er nicht, Anton, der Jäger. Wenn ihr es gefallen hatte, sein Blickegirren, und wenn sie Hoffnungen darauf gesetzt und geglaubt hatte, daß es bei den schönen Augen nicht bleiben würde, der Schuß an der Bschöllwand hatte dem allen ein Ende gemacht.

Man spricht oft von großer Liebe, die alles überwindet, aber so groß war ihrer beider Liebe wohl nicht. Es soll Zeiten gegeben haben und Länder und soll sie noch geben, wo der Mann, der den Bruder niederschießt, die Schwester heiraten muß, um wieder gutzumachen. Aber ein solches Land war hier nicht, und Anton, der Jäger, hatte ja auch nichts gutzumachen, kurz, derartiges kam ihnen gar nicht in den Sinn, und es war schon sehr viel, daß sie nicht zum blauen Himmel aufschaute nach einem Bussard oder einem Falken oder auch nur nach der Krähe auf der Tanne dort, daß sie ihm voll ins Gesicht sah und dann den Mund auftat nicht zu einem unguten Wort, daß sie »Grüß Gott, Anton«, sagte und nicht erstaunt war, daß er den Gruß nicht erwiderte, und dann weiterging. Er sah sich nicht um, als sie ging, sah ihr nicht nach, blieb stehen beim Martinskreuz, lange.

Blieb stehen beim Martinskreuz, lange, sah dem steinernen Mann am Kreuz ins Gesicht, wandte sich dann um, sie war entschwunden, ein leiser Wind war im hellgrünen Buchenwald, er lauschte nicht dem Wind, lauschte noch den drei Worten, die die Magd gesprochen hatte, und ging seinen Weg weiter.

Anton lebte sein Leben gehend, gehend in Hitze und Kälte, in Frühlingsstürmen und in herbstlichen Regengüssen, er ging nicht, um ein Ziel zu erreichen, er ging seinen Weg, das war sein vorgeschriebener Dienstweg zwar, aber er ging ihn gerne, er lebte nur, wenn er ging. In der Stube schlief er und aß er und rastete er, aber es hielt ihn nichts in der Stube. Es gab keine Frau, die gewartet hätte in der Stube, bis er herabgestiegen kam von den Bergen, und so machte er oft noch einen Umweg, ehe er nach Rossöd einbog, er verharrte auf einer Waldblöße, er stand vor einem Ameisenhaufen, sah die schwarzen Tiere wimmeln, hielt sein Gesicht über den Bau, roch die Ameisensäure, betäubend.

Der Förster, der ihm schon einmal eine andere Stube anbot im Haus, hatte ihm auch von einer Versetzung gesprochen, aber Anton hatte abgelehnt, gebeten sogar, ihm seine Stelle hier zu lassen. Der Förster hatte das begriffen. Anton, der Jäger, wollte nicht weichen von den Bergen und Tälern hier, es hätte wie Flucht ausgesehen, hätte wohl gar als schlechtes Gewissen gedeutet werden können, und er hatte ein gutes Gewissen.

An der Bschöllwand kam er manchmal vorbei, wo eine Tafel an den toten Sänger Xaver erinnerte, oft mit Blumen geschmückt. Es kam wohl niemand so häufig an die Bschöllwand und die kleine Tafel wie Anton, und wie der streifende Jäger aus freien Stücken, über seine Dienstpflicht hinaus, den Wegwart macht und den Pfleger seines Bezirks, eine neue Holzrinne an einer Quelle anbringt, eine Wegtafel, wacklig geworden, festnagelt, einen Stamm, den der Wind über den Weg geworfen hat, forträumt, so kam es auch vor, daß Anton von der Erinnerungstafel an den erschossenen Sänger Xaver einen trocken gewordenen Blumenstrauß nahm und einen frischen Fichtenzweig dafür schmückend anbrachte.

Anton, der Jäger, stammte nicht von Rossöd, er war in einem anderen Teil des Gebirges aufgewachsen, hatte auch schon anderswo Dienst getan, und als er damals, vor vier Jahren, nach Rossöd versetzt worden war, war es ihm nicht in den Sinn gekommen, daß er nun für immer in Rossöd sollte bleiben. Erst seit dem Zweikampf an der Bschöllwand war es gekommen; daß ihm schien, nun sei hier seine Heimat, die er nie mehr wolle verlassen. Er würde es schon fertig bringen, daß man ihn nicht versetzte, er wollte hier bleiben, selbst wenn anderswo eine besser bezahlte Stellung für ihn frei würde, und wenn er Beförderungshungrigen freiwillig den Vorrang ließ, was sollte dagegen sprechen, ihn für immer hier zu belassen?

3

Als Anton heut am späten Nachmittag aus dem Wald herabgestiegen kam und Rossöd vor sich liegen sah, hemmte er den Schritt, als erschrecke ihn der wohlvertraute Anblick. Aber dann ging er mit verdoppelter Eile weiter, und erst als er die ersten Häuser des Orts erreicht hatte, ging er langsam, langsamer als sonst, sah nach links und sah nach rechts, bereit, feindseligen Blicken seine gleichmütigen entgegenzusetzen, aber das war nicht notwendig, denn der einzige Mensch, dem er begegnete, ein alter Bauer, grüßte freundlich und in Harmlosigkeit. Und daß ein paar Burschen, die auf der Bank vor dem Wirtshaus saßen, sich durch die Tür ins Haus schoben, als er herankam, konnte auch Zufall sein, und vielleicht hatten sie ihn gar nicht gesehen, und so war ihm fast, als habe das Dorf den Tag vergessen. Aber als er, in seinem Zimmer angekommen, eilig zum Fenster trat, wußte er gleich, daß dem nicht so war. Die Kreuze blitzten drunten, der Friedhof blühte und wucherte wie ein Garten, schwoll heftig und bunt von Blumen, strotzend waren die Pflanzen, die aus der Erde der Toten wuchsen. Und zu Füßen
des steinernen Grabkreuzes des Sängers lagen Kränze, die gestern nicht dort gelegen waren: ein großer Kranz aus Fichtenzweigen, weiße und rote Papierrosen waren hineingeflochten, kleine Kränze aus Alpenblumen und ein schillernder Kranz aus gläsernen Perlen.

Man hatte also wohl daran gedacht, daß auf den Tag genau heut vor einem Jahr der Schuß an der Bschöllwand gefallen war. Anton trat vom Fenster zurück, ging an ein kleines Wandschränkchen, holte sich Pfeife und Tabak heraus und stopfte die Pfeife und setzte sie vorsichtig in Brand und blies die ersten Rauchwolken ruhig von sich.

Die Abendsonne schien voll in das Zimmer, daß die weißen, blanken Bodenbretter glänzten und unsäglich sauber aussahen. Anton freute sich über diese Sauberkeit, freute sich über die Ordnung, die er im Zimmer hielt, wo alles und jedes stets an dem Platz sich befand, an den es gehörte. Da hing sein Hut und sein Rucksack, da schimmerten die Gewehre, da war der hölzerne Hirschkopf mit dem braunen Geweih und den schwarzlackierten fröhlichen Augen, da war sein Waschtisch, die weiße Schüssel glänzte und der weiße Krug. Die Stube war getäfelt, mit hellem, ungestrichenem Holz, auch die Stubendecke war aus Holz, es war schön hier, spürte Anton, schön für die paar ruhigen Stunden, da er nicht ging und stieg und kletterte durch Fels und Geröll und Wald.

Schön war der Friede hier, spürte er, und trat wieder zum Fenster. Dem großen Grabstein des fröhlichen toten Sängers hatten sich nicht nur die Kränze der Erinnerung gesellt, die Anton schon vorher bemerkt hatte. Das Grab hatte jetzt auch Besuch erhalten von einem Trupp von Burschen, von Freunden wohl des Sängers, die den ganzen Tag gearbeitet hatten, so daß sie unter Tags das Grab nicht hatten besuchen können und es nun des freien Abends nachholten, das galt dem Toten wohl ebensoviel wie ein Tagbesuch. Die Burschen waren nicht im Innern des Friedhofs, sie standen jenseits der niedrigen Mauer, von dort aus konnten sie das Grab gut genug sehen. Es war ein gutes Dutzend von Burschen, und einer von ihnen sprang jetzt auf die Mauer und sah zum Fenster hinauf, an dem Anton stand, und hielt die Hand vor die Augen, spähend, und beugte sich spähend weit vor, er tat das in einer übertriebenen Weise, er wollte den Burschen, die unter ihm standen, klarmachen, daß er nach jemand ausluge, und auch der Mann am Fenster sollte nicht daran zweifeln, daß nach ihm ausgespäht wurde.

Der Mann am Fenster zweifelte nicht daran, sein Herz schlug einmal stark und mächtig an seine Brust, dann pochte es im gewöhnlichen Gang weiter. Der Mann auf der Mauer streckte den Arm aus zur Gruppe seiner Begleiter, mit einer weitausholenden Bewegung, übertrieben weit ausholend, er tat wie einer, der auf der Bühne steht und alles recht unterstreicht, daß nur kein Zweifel aufkommen kann, was seine Bewegungen zu bedeuten hätten. Einer aus der Gruppe reichte ihm einen in ein schwarzes Tuch gehüllten Gegenstand, und der Mann auf der Mauer öffnete langsam den schwarzen Sack, und nun blitzte es gelb in der Hand des Mannes, er hielt ein Waldhorn mit einer wilden Bewegung noch, und die Abendsonne spiegelte sich darin.

Dann setzte er das blitzende Horn an den Mund und fing zu blasen an und blies ein wunderlich getragenes Lied. Anton wußte wohl, daß es des Toten Lieblingslied gewesen war, was jener blies, und der, der blies, der tat, als blies ers nicht dem Toten, als blies ers dem lebenden Anton. Er hielt die Augen während des Blasens unverwandt auf Anton gerichtet, als bringe er ihm ein Ständchen, und die Töne drangen über das geschmückte Grab hin und drangen herauf zu Anton, und was der Tote nicht mehr hörte, das hörte der Lebendige.

Da blies er, der Freund, der Rächer, jetzt scholl es klar und rein her zu Anton, da blies er, die Augen zum offenen Fenster im Forsthaus gerichtet, und die Burschen sahen zu dem offenen Fenster, und an den Toten unten dachte jetzt keiner, alle dachten nur an den lebendigen Mann in der Stube.

Da blies er, der Freund, der Rächer, das Waldhorn blinkte, die Töne kamen süß und schön, er blies gut, des toten Sängers Freund, und Anton dachte: er bläst wie die Posaunen des Gerichts! Das fiel ihm ein, Posaunen des Gerichts, wie er in der Schule vom Pfarrer gehört und es sich gemerkt hatte.

Posaunen des Gerichts, dachte er, und ich bin doch unschuldig! Posaunen des gerechten Gerichts, dachte er, nur Engel dürfen diese Posaunen blasen, dachte er, Engel, im Auftrag eines, der sich nicht irrt, und woher hatte dieser den Auftrag? Und der Engel mit dem Flammenschwert fiel ihm ein, er brachte die Engel durcheinander, der Engel mit dem Flammenschwert, der Adam aus der Heimat gewiesen hatte. So blies ihn jetzt der aus dem Rossöder Tal hinaus und aus dem Frieden seiner Stube, der Mann mit dem flammenden Waldhorn, der böse Engel mit den schmetternden Tönen, der die Toten nicht wecken konnte aus dem Schlaf, aber den Rossödern die Erinnerung weckte. Und wie er jetzt blies, so würde er noch oft blasen, würde noch oft da unten auf der Mauer stehen, von Burschen umringt. Und die Rossöder würden es hören, und die Berge und Wälder würden es hören, und immer würden die Rossöder zum Himmel aufsehen nach einem Raubvogel oder einer Wolke, wenn sie Anton begegneten, und es würde kein Friede werden zwischen Anton, dem Jäger im Rossöder Tal und den Menschen im Rossöder Tal.

Anton, der Jäger, war ruhig, er war ganz ruhig, ruhig nahm er ein Gewehr von der Wand. Er hatte auf die Tiere des Waldes angelegt, oft, auf das Reh und den Hasen und den Fuchs, und nie hatte sein Arm gebebt, und er hatte auch schon mit festem Blick auf Menschen gezielt, er hatte es bewiesen, im Frieden und im Krieg. Nun kam sein Meisterstück, und seine Hand durfte nicht zittern, da es einen Schuß galt auf den bösen Engel der Rache und des Hasses und der Ungerechtigkeit. Er hob das Gewehr, in der Stubenmitte stehend, daß ihn die Burschen unten nicht sahen, das flammende Horn blinkte gelb und teuflisch, es sang süß und falsch und ungerecht, er legte an und schoß, schoß nicht daneben und traf, was er hatte treffen wollen, dank seiner ruhigen Hand.

4

Die Burschen unten an der Friedhofsmauer waren alle etwas kleiner geworden, das kam, sie waren etwas in die Kniekehle gesunken alle, aber sie richteten sich wieder auf dann und sprangen einen Schritt zurück dann, wie einem Befehl gehorchend, den sie alle hörten, und während sie sanken und dann sprangen, sahen sie, wie das blitzende Waldhorn im Bogen in die Luft fuhr, und sahen, wie der Bläser die Arme hoch warf und taumelte und sahen beide dann, den Bläser und das Horn, neben der Mauer ins Gras fallen. Und sie hatten ja den Schuß vernommen, und wußten, warum Horn und Bläser fielen, und wußten, woher der Schuß gekommen war.

Es war auf einmal sehr still geworden, nur das Lied schien noch in der Luft zu hängen, es hatte ein paar Augenblicke niemand gesprochen, aber nun schrien ein paar, nun fluchten andere, schrien durcheinander, schrien zum offenen Fenster hinauf, fuchtelten zum offenen Fenster hinauf, verzerrten Gesichtes. Er hat an einem noch nicht genug! schrien sie, er will uns alle noch erschießen, schrien sie, schlagt ihn tot! schrien sie, und werft seine Leiche in den Bach! schrien sie.

Dann setzte sich der Haufen in Bewegung zum Forsthaus, nicht um die Friedhofsmauer herum, der Umweg war zu groß, sie schwangen sich auf die Mauer, sprangen in den Friedhof hinab, rannten brüllend quer durch den Friedhof. Wenn die Burschen hintereinander gelaufen wären, hätten sie auf den schmalen Steigen zwischen den Gräbern gehen können, aber sie blieben zusammen, sprangen über die Gräber, zertraten Blumen, zerstampften mit den schweren Nagelschuhen die Grabsteinfassungen, einer stolperte im Efeu, riß sich los, die grünen Schlingen ums Knie, aber sie hielten ihn nicht. Sie erreichten gleichzeitig wieder die Mauer, stürmten die Mauer, es war wie im Krieg, wenn ein Erdwerk genommen wird, sprangen drüben auf den Weg und waren mit ein paar Sprüngen an der Rückseite des Forsthauses, drängten zur Tür, und weil die Tür schmal war, konnten sie nicht zusammen und gleichzeitig hindurch, es mußte einer nach dem andern hindurch, nur manche, die sich ganz dünn machten, indem sie, die Rücken gegen die Türpfosten, Gesicht gegen Gesicht, sich durchzwängten, konnten gleichzeitig ins Haus. Die ersten polterten schon oben im hölzernen Gang, als die letzten noch am Fuß der Treppe waren.

Aber dann waren sie alle in dem Zimmer, aus dem der Schuß abgefeuert worden war, soviel Leute auf einmal waren noch nie in der Stube gewesen, sie schoben sich und stießen sich und schrien und rissen die Schränke auf und warfen die Kleider auf den Boden und traten darauf herum und holten die sauberen Hemden aus den Schubladen und verstreuten sie und fluchten und schrien.

Dann wurden sie ruhiger und sahen sich in die erhitzten Gesichter, und als einer sagte, daß man ihm nachlaufen müsse, dem Geflohenen, sagten die anderen, daß es doch auch noch eine Polizei gäbe im Lande, und daß es genüge, den Schuß zu melden, und sie sahen auf ihre Füße hinab, die auf der sauberen Wäsche standen, und fingen an, mit den Füßen die Wäschestücke gegeneinanderzuschieben, und so ein wenig Ordnung zu machen, und die Wäsche in eine Ecke zu bringen, auf einen ordentlichen Haufen zu bringen, aber ohne sich zu bücken, nur mit den Füßen.

Dann gingen die ersten, einige standen noch unschlüssig herum eine Zeitlang, und der letzte, als er schon unter der Stubentür stand, trat noch einmal in die Stube, bückte sich, nahm mit beiden Armen das Wäschebündel hoch, das in der Ecke lag, setzte es auf das Bett und ging auch.

Dieser letzte verließ das Forsthaus wieder durch die hintere Tür, schwang sich über die Mauer und sah, wie von des Sängers Grab her eine wüste, breite Spur lief durch den menschenleeren
Friedhof, quer durch die Gräberreihen, grabschänderisch und abscheulich, und auf seinem Weg zum hohen Grab Xavers richtete er da einen Strauch wieder hoch, schob ein Gitter ein wenig zurecht, ebnete eine tiefe Fußspur, die sich in einen Grabhügel geprägt hatte, und bei Xavers Grab setzte er wieder über die Mauer und sah auch das blinkende Waldhorn liegen, wie er es sich gedacht hatte.

Und er hob es auf und betrachtete es und sah den Einschuß, der glatt und rund und klein, und den Ausschuß, der zackig und groß war. Da hatte er nun sein Eigentum wieder, das ihm vor einer Viertelstunde aus der Hand geschossen worden war, und er legte den Finger an die Wunde, die das Metall trug und aus der kein Blut floß, das geflossen wäre, wenn die Kugel seine Brust getroffen hätte. Er setzte das Horn an den Mund und blies, es kam kein Ton, nur ein leises Fauchen tönte, aber er blies das Lied zu Ende, von der Stelle an, wo ihn die Kugel unterbrochen hatte, er wußte sie noch genau. Und er war kein böser, flammender Engel, Schlangenhaare um das Haupt und goldgepanzert, er war ein Bauernbursch aus Rossödund aus der Hosentasche holte er den schwarzen Sack, steckte das Horn in den schwarzen Sack und machte sich auf den Weg ins Wirtshaus zu den andern.

5

Die Stube im ersten Stock des Forsthauses war längst wieder in Ordnung. Die Gewehre hingen an ihrem Platze, die Wäsche lag sauber im Schrank, die Uhr tickte, der Ofen wärmte im Winter, und jetzt, da wieder Sommer war, stand das Fenster offen und der Bewohner der Stube, der hemdärmelige Jäger, sah pfeiferauchend aus dem Fenster, auf den Friedhof, auf die Gräberreihen und auf das prunkende, großmächtige Grab des Sängers Xaver.

Die Jägerstelle war rasch wieder besetzt worden, und Anton war nicht wieder zurückgekehrt, um dem neuen Mann den Platz streitig zu machen. Er hätte seine Stelle vielleicht doch behalten dürfen, Anton, der Jäger, oder er wäre an einen anderen Ort versetzt worden, trotz des Schusses. Man hätte sich vielleicht damit begnügt, ihm einen Verweis zu erteilen, in Rücksicht auf die große und begreifliche Erregung, in der er gehandelt hatte, immer in der Voraussetzung, daß er nicht die Absicht gehabt hatte, den Waldhornbläser zu erschießen, und das schien sehr wahrscheinlich, denn ein so guter Schütze, wie es Anton war, hätte auf eine so kurze Entfernung die Bläserbrust nicht gefehlt, wenn er auf sie angelegt gehabt hätte. Er hatte nur das tönende, ungerechte Horn zum Verstummen bringen wollen, nahm man an, und das war ihm gelungen.

Aber er war nicht mehr zurückgekehrt seit jenem Abend, hatte Kleider und Wäsche und all sein weniges Zeug zurückgelassen, hatte sich auch nicht mehr brieflich oder mündlich bei seiner Behörde gemeldet. Strafverfolgung gegen ihn war nicht eingeleitet worden, nur im Verordnungsblatt war ein halbes Jahr später zu lesen gewesen, daß er ohne Ruhegehaltsansprüche aus dem Amt entlassen worden sei.

Einige erzählten, sie hätten am Tage nach dem Schuß auf das Waldhorn einen Mann, in dem sie Anton zu erkennen glaubten, durch ein Geröllfeld absteigen sehen, besser, abfahren sehen, denn das lockere Geröll habe bei jedem Schritt nachgegeben und den Mann immer ein paar Meter abwärtsgetragen. Warum er nicht den Fußweg benutzte, der neben dem Geröll gemächlich hinabführte, konnten sie sich auch nicht erklären.

Andere erzählten, sie hatten es nicht selber gesehen, hatten es erzählt bekommen, man habe Anton, den Jäger absteigen sehen durch einen Latschenwald, das Gesicht gepeitscht von den grünen, harten Nadelbüschen, ausgleitend auf den schlangenarmigen Wurzeln, stürzend, sich fangend an den schwingenden Ästen, hängend an den krummen Stämmen, untertauchend in den schlagenden Wipfeln, sich wieder hocharbeitend mühsam, einen Latschenwald abwärts, und daneben sei ein bequemer Weg gewesen, und den habe er nicht benutzt.

Andere wieder sagten, man habe einen nackten Mann gesehen, bis an die Brust im kalten Wasser des Bergbaches sitzend, die Brust der Strömung entgegen, den Rücken an einen großen Felsblock und mit den Händen das Wasser platschend, einen fröhlichen Badenden, und das sei Anton, der Jäger, gewesen, am Tage nach dem Schuß.

Später, nach Jahren, erzählte man sich, man habe den Jäger Anton gesehen in einer großen Stadt, im Flachland, weit weg am Meer, aber es wußte niemand Genaueres, es konnte auch geflunkert sein.

Wie es wahrscheinlich auch geflunkert war, daß er übers große Wasser nach den Vereinigten Staaten gegangen sei. Viele begriffen überhaupt seine Tat nicht und erklärten, sie, an seiner Stelle, hätten nach dem Schuß an der Bschöllwand sich einfach versetzen lassen, das Gebirge sei groß, Rossöd sei nicht die Welt, anderswo lasse sich auch leben, und eine feste Stelle mit Ruhegehaltsansprüchen hätten sie nie und nimmer fahren lassen.

Und schlimmstenfalls, sagten diese, sie, an Antons Stelle, wären auch in Rossöd geblieben. Das Waldhornlied, einmal im Jahr, das hätten sie schon ertragen, und einmal hätte der Waldhornbläser wohl auch aufgehört zu blasen, Anton hätte nur warten sollen, und wenn man es recht bedenke, er habe im Dienst gehandelt, und heute hätten es ihm alle schon vergessen und verziehen, und nannten ihn voreilig und heftig.

So ging die Rede um Anton, den Jäger, in Rossöd und in den Tälern um Rossöd, und ein Senn auf der Kümmerlesalp dichtete ein Lied über Xaver, den Sänger, und Anton, den Jäger, und das sangen die Burschen oft abends, im Wirtshaus, auch auf den Bänken vor den Häusern, wenn sie zusammensaßen, drei oder vier.

Sie sangen, und die Wälder rauschten, der Himmel war blau und zitternd heiß im Sommer, ein Wind kam von den Bergen, große, weiße Wolken trieben am Himmel hin, die Bäche stürzten zu Tal, die Holzfäller schlugen schallend zu, und manches Reh fiel im Feuer zusammen, im brechenden Blick den wehenden grünen Strauch und im Ohr den wilden Donner des Schusses.

Das treue Eheweib

Der Esel stieg langsam, obwohl er sehr eifrig stieg, mit eifrigen Beinen und eifrigem Kopfnicken. Er kannte jede Biegung des Wegs, nahm die Wendungen von selber, er setzte jedes Bein mit einem sonderbaren und schönen Nachdruck. Sein Fell glänzte wie graues Silber, seine Ohren spielten. Maria, die hinter ihm stieg, sah den Berg und manchmal auch das himmlische Blau zwischen den Eselsohren schwanken. Sie hörte den Takt des Aufschlags der zierlichen kleinen Hufe und hörte den eigenen Schritt nicht, weil ihre Füße in weichen Lederschuhen staken. Manchmal blieb sie stehen und dann blieb auch der Esel stehen, warf den lächerlich großen Kopf hin und her, im Kampf gegen die fetten, schwarzen Fliegen, die nicht abließen, ihn zu umsummen.

Der wolkenlos blaue Himmel hatte noch einen Schimmer von kalter Klarheit und Feuchte, einen Rest von Morgenfrische, obwohl der Vormittag schon weit vorgeschritten war. Wenn Maria spähend voranblickte, schimmerten vor ihr die grauen Windungen des Wegs, der sich an den Hängen des kahlen Karstberges hinaufarbeitete, in immer neuen und überraschenden Drehungen, seltsamen Krümmungen und Schleifen, daß es aussah, als sei er vor sich selber auf überstürzter Flucht vom Tal zur Höhe. Wandte sie den Kopf, blitzte es grün herauf von den Wiesen vor der kleinen Stadt, breiteten sich die flachen Dächer, überragt von den weißen Minaretts, und sie konnte den Platz erkennen zu Füßen des alten Türkenturms, wo sie heut früh, am Mittwochmarkt, Zwiebeln und geräucherten Schafskäse und selbstgemachten Zwetschgenschnaps verkauft hatte.

Maria klatschte in die Hände, der Esel fing wieder zu steigen an, mit spielenden Ohren, den Weg zum Paß empor, und Maria hinter ihm drein, und müd war sie nicht, und wenn sie gerastet hatte und noch ein paarmal rasten würde, so geschah das nicht, weil sie sich verschnaufen mußte, stark und ruhig ging ihr Atem, auch nicht um den Esel zu schonen, dem diese Schonung wohl auch nicht zugestanden worden wäre, wenn er sie gebraucht hätte – wer bedenkt so etwas bei einem Esel? –, wenn Maria von Zeit zu Zeit stehenblieb, so geschah das, um nachzudenken. Dieses Nachdenken war sehr schwierig, nahm ihre ganze Kraft in Anspruch, bedingte so vollständige Sammlung, daß sie, wenn sie dachte, nicht auch noch gleichzeitig gehen konnte.

Wenn sie wieder zu steigen begann, dann sagte sie irgendeinen Satz, der das Ergebnis ihres Denkens gewesen war, vor sich hin, und so sagte sie jetzt vor sich hin: Er hat so schwarzes, glänzendes Haar, und daß die Locke nur so hält, aber schön ist die schwarze Locke!

Sie hatte jetzt die Paßhöhe erreicht. Das war eine große flache Steinmulde, wohin sie blickte, war nur Blau und Grau, das wenige Grün der Wiesen unten war nicht mehr zu sehen, die Stadt war schon lange hinter einer Wegbiegung zurückgesunken, nur graue Berge glänzten, lauter runde, graue Kuppen, eine hinter der anderen, und darüber der blaue Himmel. Die gelbe Sonne war da, aber die konnte man nicht sehen, der ins flammende Auge zu sehen, hätte das eigene geblendet, es tat schon weh genug, den unendlichen schwärzlichen Stein flimmern zu sehen, da sah sie lieber auf den braunen Korb, den der Esel trug, und die verschossene braune Decke auf seinem Rücken. Sie blieb auf der Paßhöhe stehen, und der Esel blieb stehen, und sie dachte wieder nach, sie holte sich wieder ein Bild herauf aus dem Dunkel, ja, das Bild stieg selber herauf, sie brauchte es nicht zu holen, es wäre vielleicht möglich gewesen, das Bild abzuwehren, aber sie wehrte es nicht ab, und so sah sie einen schwarzen, kurzen, gekräuselten Bart, der um zwei gelbliche Lippen war, und dachte: Eigentlich ist der Mund gar nicht schön, und sagte das nun vor sich hin, als sie den Esel wieder antrieb und hinter ihm herging den Weg, den der Esel schon kannte.

Der Weg ging nun eine Zeitlang geradeaus und eben dahin, in das graue, steinerne
Meer hinaus. Daß es auf Erden Pflanzen gab, starke, hohe Bäume, wehende Sträucher, daß es Äcker gab mit Weizen und Hafer, daß es grünes Gras gab, oder auch nur das demütige Moos, von Blumen ganz zu schweigen, das war hier nicht zu glauben, wo der Stein herrschte, streng und hart herrschte. Nicht die armselige Distel wuchs hier, nur die Sonnenblöcke glänzten, und manchmal huschte eine Eidechse, und die kleinen, dünnflügeligen Mücken begleiteten die Frau, auf Blut gierig, das von ihr zu holen war, denn der Stein gab kein Blut, wußten die Mücken wohl. So waren sie jetzt eine flattrige Wolke um den Kopf der Frau, eine tanzende, schwanke Wolke, und die Frau schlug manchmal mit der Hand durch die Wolke, dann teilte sie sich, zwei Fahnen von Mücken waren es dann, aber die Fahnen schlugen wirbelnd wieder zusammen und waren wieder eine Mückenwolke und manchmal eine Mückenkugel um den Kopf der Frau. Jetzt hatte es der Esel besser, ihn ließen diese kleinen Mücken in Ruhe, denen die Eselshaut wohl zu dick war, und die fetten schwarzen Fliegen, die den Esel umbrummt hatten, waren klüglich in halber Höhe des Berges zurückgeblieben. Die Frau, Maria, hatte eine glatte, dünne, braune Haut, die aber nur an den Händen zu sehen war und im Gesicht, mehr von ihr ließ das weiße Gewand nicht frei, das bis zum Hals hoch geschlossen war, und die enganliegenden Ärmel liefen bis zum Handgelenk. Maria war mittelgroß, hatte einen starken, ruhigen Gang, sie war nicht zu dick und nicht zu mager, sie hatte ein schönes, ruhiges Gesicht und sehr große schwarze Augen.

So zog sie mit dem Esel dahin, durch den ewigen, grauen Stein, im prallen Licht, das Gesicht im Schatten eines Kopftuches zwar, aber das half nicht viel; denn die Sonne schüttete ihre große Hitze über den Stein, und so von unten her sprang die Glut der Frau röstend ins braune Antlitz.

Der Weg lief nicht immer hier hoch oben so eben dahin, rechts schob sich jetzt ein Steinwall, langsam anwachsend, heran, der Weg machte eine Biegung, neue Steinkuppen zeigten sich, und in einiger Entfernung leckte einen Hang hinab eine grüne Zunge, eine grüne Zunge mitten im höllischen Stein, mit scharfen Rändern, das Grün verlief nicht allmählich im Grau, scharf abgegrenzt war es, wunderbar genug war es. Auf dieses grüne Stück nun hielt der Weg zu, und der Esel schritt rascher aus, und auch Maria beschleunigte ihren Schritt. Man sah Bäume, Feldstücke, kleine Gärten, weiße Mauern glänzten aus dem Grün, schimmernd die Nadel eines Minaretts. Es war, als wär alles, was lebendig war in der Steinwüste, eilig auf die grüne Insel zugelaufen, es drängte sich fast zu viel zusammen auf dem einen Fleck, Sträucher und Hecken und Häuser und Menschen und Schafe, und auch der blaue Himmel über dem Dorf im Grünen war nicht so blendend blau wie hier über dem Stein.

Der Mückenschwarm über dem Kopf der Frau war verflattert, vielleicht war auch er von dem Strudel ergriffen worden, der alles Lebendige zu der grünen Zunge riß. Die ersten Felder breiteten sich, von niedrigen Steinmauern sorgfältig eingefaßt, das erste niedrige Haus war da, das Dorf war da, und Maria mußte durch das Dorf hindurch, ihr Haus lag am andern Ende. Sie ging an der Dorfmoschee vorbei, die ganz aus Holz war, silbergrau gebrannt von der Sonne, das Minarett schief und gebrechlich. Hühner liefen über den Weg, Weiber begrüßten sie mit Zuruf, die von der Arbeit aufsahen. Das Dorf blieb zurück, links am Hang lag das arme Steinhaus, und unter der Haustür stand Peter, ihr Mann. Er sah ihr entgegen, unbeweglich an der Tür lehnend, und als sie im Hof war, verschwand er im Haus, ohne sie gegrüßt zu haben, ohne ihr einen Gruß entgegengerufen zu haben, und Maria hatte wohl auch keinen Gruß erwartet, gleichmütig nahm sie dem Esel die Decke ab und den Korb. Der Esel trabte um das Haus herum in seinen niedrigen, türlosen Stall.

Maria trug die Decke und den Korb in den Flur und ging dann in die Stube. Da saß Peter schweigend am Tisch, schweigend nahm er die paar Münzen, die sie auf den Tisch legte, den Erlös ihres Handels am Markt unten in der Stadt. Schweigend nahm er die paar Münzen, und schweigend ging er aus der Stube.

Ja, das war Peter, ihr Ehemann, mit dem kurzgeschornen Haar, mit der niederen Stirn unterm kurzgeschornen Haar, da ging er weg, sie sah ihn durchs Fenster mit dem Beil weggehen, zum Brückenbau in Jezero, einem Dorf in einem entfernten Tal. Wie jeden Nachmittag ging er weg, das Beil in der Hand schwingend, aber die Gedanken unter seiner niedern Stirn unterm kurzgeschornen Schwarzhaar waren nicht bei den Pfosten und Balken der Brücke, seine Gedanken waren anderswo, das wußte Maria, so dumm war er nicht, Peter, wenn er auch nicht der Klügste war. Er sah wohl in Gedanken ein Gesicht vor sich, und Maria wußte, das war das Gesicht, das auch sie in Gedanken immer vor sich sah, ein braunes Gesicht mit einer hohen Stirn, und in diese hohe Stirn fiel eine schwarze Locke. Aber Peters Haar war kurzgeschoren.

Peters Haar war kurzgeschoren, und er war ein Christ, und hätte er sich auch das Haar lang wachsen lassen, da wär doch nie eine Locke geworden.

Das Dorf war klein, in dem Peters Haus lag, aber wär es auch groß gewesen, den Weibern des Dorfes wär sie doch nicht verborgen geblieben, die Sache zwischen Maria und Achmed, und wenn es einmal die Weiber wußten, dann wußten es auch bald die Männer, warum sollten die Weiber hier in dem bosnischen Dorf schweigen, wo sie es nie und nirgends und in aller Welt nicht tun? Und als es das ganze Dorf wußte, schon lange wußte, da erfuhr auch sehr spät Peter von der Sache zwischen seinem Weibe und dem Moslem, und wenn er auch nicht sehr klug war, so gescheit war er doch, um zu verstehen, was das für eine Sache war. Was gab es da auch viel Möglichkeiten? Das konnte er sich zusammenreimen, Peter, der kurzgeschorne Christ.

Die Weiber im Dorf und auch die Männer im Dorf mißbilligten natürlich die Sache zwischen Achmed und Maria, besonders die Weiber mißbilligten sie, wenn sie auch Verständnis dafür hatten, Verständnis dafür, daß Maria der lockige Opankenschuster Achmed besser gefiel als der kurzgeschorne Peter. Oh, das verstanden sie gut, das verstanden sie sogar sehr gut, möglich, daß sie es sogar besser verstanden und begreiflicher fanden als Maria, die sich sehr gesträubt hatte, die sich sehr gewehrt hatte dagegen, daß ihr eine schwarze Locke das Herz verrückte, so sehr das Herz verrückte, und die ihren Peter, ihren guten Peter nicht leiden sehen mochte, und es war klar, daß er litt, wenn er auch nichts gesagt hatte, nie etwas gesagt hatte, ihr nicht einmal einen bösen Blick gegeben hatte, keinen schiefen, bösen, harten Blick, der gute Peter, er vermied es nur, sie überhaupt anzusehen.

Maria sah immer noch zu dem kleinen Fenster hinaus, sah nicht die Häuser und Dächer des Dorfes, sah nicht Baum und Strauch und Fußweg und Feld, sah mit einem leeren Blick zum kleinen Fenster hinaus, spürte nur innen, tief innen, eine zehrende Erwartung, ein Reißen und Drängen, eine peinigende Ungeduld. Sie lief, ja, sie lief, sie ging nicht, sie lief durch Stube und Hausflur zur Haustür, scheuerte den Rücken am Türpfosten, sah zum blauen Himmel auf, zum zitternden, blauen Himmel, dem wolkenlosen, heißen Maihimmel, sah einen Falken, in großen, schönen Schwüngen kreisend, dann wieder unbeweglich, flügelgespannt, verharrend das Tier, sah es stürzen, Maria seufzte, das Weib, lächelte, hatte Tränen auf einmal in den Augen, lächelte dann, unter Tränen, wippte fröhlich auf den Fußspitzen, seufzte wieder, Maria, das Weib, wischte sich die Tränen, schüttelte den Kopf, atmete tief, einmal, zweimal, spannte die Brust, stampfte mit dem Fuß und ging dann, ungern, sich losreißend, mit der Hand vor den Augen zum Dorf hinspähend noch einmal, ging wieder ins Haus, Maria, das Weib des kurzgeschornen Peter.

Ein Opankenschuster hat nicht viel zu tun, sie sind sparsam, die bosnischen Bauern, laufen im Dorf vom März bis Oktober mit bloßen Füßen, er könnte verhungern, der Opankenschuster, wenn er nicht auch anderes triebe als die Schusterei, seine kleine Bauernwirtschaft betriebe, seine sehr kleine. Ohne Dienstboten, versteht sich, sich sogar selber kochte, aber was kocht sich schon ein lediger Opankenschuster? Ist rasch gekocht, das bißchen, und immer dasselbe.

Gegen den späten Nachmittag bereitete sich Achmed Kaffee im langstieligen Messingkännchen, rauchte eine selbstgedrehte Zigarette, saß mit gekreuzten Beinen auf einer Matte, streichelte sich den kurzen, schwarzen, gekräuselten Bart, zerrte an der schwarzen Stirnlocke, rückte den Fez hin und her. Das Fenster stand offen in der kleinen Werkstatt, still war es in der kleinen Werkstatt, er hatte wohl wieder nichts zu nähen und zu flicken, da die Bauern alle barfuß liefen, jetzt im Mai, gleichviel, er stand auf, gleichviel, er verließ Werkstatt und Haus.

Es verläßt mancher Werkstatt und Haus, ohne zu bedenken, ob er je wieder zurückkehren wird. Aber wer wäre auch so bedachtsam, so schwarzgallig, der Opankenschuster Achmed jedenfalls nicht! Er stand zögernd vorm Haus und setzte sich dann in Bewegung, und wer ihn gehen sah, konnte nicht etwa meinen, er ginge zu Peters Haus, was man bei ihm leicht argwöhnte, er ging in die entgegengesetzte Richtung, schlenderte langsam dahin, zum Dorf hinaus. Aber es gibt ja Feldwege, die dorthin laufen und sich dann andersrum drehen, und auf einen zweiten Pfad stoßen, und steigen und fallen und sich winden, wie verrückt laufen ja alle Feldwege durcheinander. Es gibt kleine Hänge, die einen decken, und Wege, von Steinmauern eingefaßt, die den Wanderer verbergen, es gibt Baumgruppen, deren Schatten einen aufnimmt, Mulden, in denen man untertaucht, und wenn man eine halbe Stunde so geht, wie ein Fuchs so schleicht, der doch immer zum Hühnerstall findet – gleichviel, wie er geht, traut keinem Fuchs! – wen wunderte es,
daß des Opankenschusters Achmed Weg wie zufällig, ganz wie von selber, auf Peters Haus stieß? Und das war ja auch Marias Haus, und unversehens stand er in der Wohnküche und verzog die gelblichen Lippen, unter dem kurzen, schwarzen, gekräuselten Bart lächelnd, und lächelte Maria zu, und setzte sich und drehte sich eine Zigarette und rauchte, stieß den Rauch in kurzen Stößen von sich, Achmed, der Türke, der Opankenschuster.

Maria, das Weib Peters, wie vergaß sie des kurzgeschornen Christen, wie trat sie Pflicht und Treue mit Füßen, wie folgte sie dem wütenden Drängen ihres Herzens, wie hielt sie das Lächeln nicht zurück, das um ihren Mund sein wollte, wie wehrte sie dem Glanz nicht, der über ihr Gesicht lief, wie preßte sie die Arme nicht an den Leib, die sich nach dem Achmed streckten, wie wandte sie das Gesicht nicht ab, das nach Achmeds Gesicht strebte! Wie benahm sie sich wie eine schamlose Geliebte, wie girrte sie mit kurzen, heißen Worten, die ernste Maria, wie plapperte sie zierlich und aufgeregt, das schweigsame Weib, wie hatten die Dorfweiber unrecht, die Achmed einen Verführer hießen, wie hatten die Männer unrecht, die Achmed einen Teufelskerl nannten, der es verstehe! Wie konnte man sagen, Maria sei in die Schlingen des Türken gefallen, wie er so dasaß und fast nichts sprach und nur ein wenig lächelte mit den gelblichen Lippen und sich umarmen ließ und abküssen und pressen und herzen und sich ruhig hielt unter der Flut von Liebkosungen, unter den zärtlichen Worten der gurrenden Taube Maria, des ungetreuen Weibes Peters, des kurzgeschornen Christen!

Es war noch der volle Tag draußen, aber es war nicht mehr die Lichtfülle der Mittagsstunde und das Überschäumen des Nachmittags, es ging gegen den Abend, das Licht war klarer geworden, schärfer standen die Bäume gegen den immer noch blauen Himmel, und unter diesem blauen Himmel dahergegangen kam ein Mann, über einen steinigen Weg daher, bestaubt und barhäuptig, und er hatte einen stillen, langsamen Gang, aber er ging ohne je innezuhalten, und wer nie innehält, der kommt voran, auch wenn er langsam geht, wenn er nur sein Ziel weiß, und der Mann wußte sein Ziel und hielt sein Gesicht unter dem kurzgeschornen Haar dem Ziel entgegen und stieg einen Hügel hinan und stieg einen Hügel hinab, gleichmäßigen Fußes, ob es hinanging, ob es hinabging. Er trug Lederschuhe an den Füßen, Opanken des Opankenschusters Achmed, und er ging zum Dorf, wo Achmed wohnte, es war sogar so, daß er zu Achmed strebte, dem Schuster, aber doch wohl nicht um sich die Schuhe flicken zu lassen, deshalb wäre er nicht so früh von seiner Arbeitsstätte aufgebrochen, früher als sonst, und er war ja auch auf dem Weg zu seinem eigenen Haus im Dorf, der kurzgeschorne Christ, und nicht zu dem des Schusters, und er wünschte wohl nicht, daß er Achmed in seinem, des Christen, Haus anträfe, wie konnte er das wünschen? Er fürchtete es, und hoffte es doch auch, hoffte und fürchtete es in einem, so ist schon der Mensch.

Sie waren gesättigt, die beiden in der Stube, und saßen wieder auf der Bank, und Maria spielte mit der schwarzen Locke und der Opankenschuster spähte zum Fenster, immer wieder, und den Mann, der eben jetzt von der letzten Höhe vor dem Dorf zum Dorf herabstieg, den Mann konnte er nicht sehen, aber er war doch unruhig, der Opankenschuster, und schob die Zigarette von dem einen Mundwinkel in den andern, und schob mit dem Arm leicht Maria von sich und drängte zum Aufbruch. Was sie ihm sagte, daß der Peter wie immer nicht vor dem späten Abend kommen würde von seiner Halbtagsarbeit an der hölzernen Brücke in Jezero, war richtig und war beruhigend. Und wenn auch, wenn er auch käme, warum sollte nicht der Schuster bei ihr sein in der Stube am hellen Tag und ihr ein paar Opanken für den Sonntag anmessen? Die brauchte sie schon lange, und sie hielt ihm den Fuß hin und lachte und sagte: Nimm mir das Maß!

Ja, das war wohl ein Grund, daß ein Schuster am Nachmittag im Haus einer Frau sein konnte, da hatte sie wohl recht, die listige Maria, und der Opankenschuster sah das auch ein, aber sein unruhiges Herz war andrer Meinung, das drängte zu gehen, und das Herz sollte recht behalten: Glaube jeder, was ihm sein Herz sagt! Denn als jetzt der kurzgeschorne Mann unter der Stubentüre stand, bestaubt vom Weg und mit Holzmehl am Gewand, das Arbeitsbeil in der Hand, da fragte er erst gar nicht lang danach, was den Schuster hergetrieben haben mochte, er sah den Schwarzlockigen bei seinem Weib sitzen, und da atmete er tief und befriedigt auf, man hätte meinen können, er freue sich, und er freute sich auch.

Es war das Reden und Fragen nicht Peters Sache, er hatte nie viel geredet, hatte in seinen guten Zeiten mit Maria nicht viel geredet, und er hatte lange gute Zeiten mit Maria hinter sich, und seit er von der Sache zwischen Maria und dem Opankenschuster wußte, hatte er mit Maria noch weniger geredet, hatte nichts mehr mit ihr geredet, kein Wort, mit Reden war da nichts getan. Er stand unter der Tür, mit dem Beil in der Hand, mit dem er gearbeitet hatte den ganzen Nachmittag, und mancher Schlag, der auf einen Balken gezielt gewesen war, hatte etwas Lebendigem gegolten, und nun war das Lebendige vor ihm.

Hier vor ihm war das lebendige Weib Maria, die eine Sache hatte mit dem Opankenschuster Achmed, hier saß sie, atmend, und sah ihn an, ein wenig Trotz in den Augen und ein wenig Trauer und Mitleid und ein wenig unbestimmte Hoffnung, und gar keine Furcht, gar keine Furcht, obwohl sie das Beil sah in Peters Händen und seine Kraft kannte, und aus blühendem Fleisch und rinnendem Blut war, Maria, die Sünderin, und sich ihrer Sünden bewußt war, und wußte, daß sie Strafe verdiente, und die Strafe lag und lauerte vielleicht in dem Beil. Maria, die Sünderin, war ein richtiges Weib, und weil sie ein Weib war, schaute sie vertrauend auf zum Mann, und glaubte zutiefst, daß die Lösung dieser Sache wie jeder schwierigen Sache nur von Männern zu erwarten war, in diesem Fall von diesen zwei Männern, und welche Lösung ihr Weiberherz erhoffte, wie sollte sie das wissen?

Achmed aber hatte Furcht, wenn er sie auch verbarg, und sollte doch weniger Furcht zu haben brauchen als Maria. Nicht er hatte Peter Treue geschworen, das hatte Maria getan, und hatte sie gebrochen, also war sie die Schuldigere von den zweien. Aber Peter würde wohl nicht so fein unterscheiden, fühlte Achmed, und so hatte er Furcht und berührte mit dem Bein den Hocker hinter sich, spürte die Kante des Hockers in seiner Kniekehle, spürte das wie tröstlich, denn man konnte sich bücken und den Hocker heben und sich den Hocker über den Kopf halten, wenn über diesem Kopf ein Beil schweben sollte. Denn immerhin, Achmed war ein Mann, wie Peter ein Mann war, und Schuld hin, Schuld her, er billigte den Angriff, wenn er ihn auch fürchtete.

Es wäre nun vielleicht an der Zeit gewesen, dem Peter die Geschichte von dem Maßnehmen für den Sonntagsschuh zu erzählen. Der Peter war nicht sehr klug, aber ihm das zu erzählen, wagte Achmed nicht, und Maria, die doch noch vorhin so siegessicher diesen Ausweg genannt hatte, sie machte auch keine Miene, diese Geschichte zu erzählen, sondern schwieg, preßte sogar die Lippen fest aufeinander, und wenn man das Gesicht Peters sah, so begriff man, daß man ihm jetzt diese Geschichte nicht mehr erzählen konnte.

Man hätte ihm jetzt vieles erzählen können, er hätte doch nicht mehr darauf gehorcht, er sprach jetzt in einer Weise, wie er den ganzen Nachmittag gesprochen hatte, mit dem Beil, mit dem Holz, er sagte nichts, er knurrte kurz und dann ging er mit langsamen Schritten auf Achmed los. Die Stube war klein, so mußte er Achmed bald erreicht haben, besonders wenn man bedenkt, daß er ja gar nicht so dicht an Achmed heranzugehen hatte, weil sein Arm und das Beil an seinem Arm ihm erlaubten, immer einen Schritt vor Achmed zu bleiben. Achmed bückte sich nach hinten, wo er immer noch tröstend die Hockerkante spürte, und als Peters Beil in der Luft war, hoch in der Luft war, war auch Achmeds Hocker in der Luft, und das Beil traf das Holz, wie es schon den ganzen Nachmittag Holz getroffen hatte, glitt ab, mit der breiten Fläche rutschte es am Hockerbein entlang, und das war der erste Schlag.

Peter erhob das Beil zum zweiten, aber Achmed kam ihm zuvor, traf Peter mit dem Hocker vor die Brust, hatte nicht gewartet, bis der zweite Schlag sauste, war selber einen Schritt nach vorn gesprungen, und Peter taumelte von dem Stoß, war aber damit noch lange nicht aus einem Angreifer der Verteidiger geworden, denn das Beil war stärker als das Holz, das wußte er und wußte Achmed, war hart und scharf und blitzend, und das Holz war weich und stumpf und schwach.

Und der nächste Schlag schon bewies diese Überlegenheit, denn das scharfe Eisen zerschmetterte eines der vier Hockerbeine und drang dann in die Schulter Achmeds, aber die war wohl härter als Holz und hielt, und wenn sie einen Sprung, einen Riß, einen Biß, eine Wunde erhalten hatte, so sah man das nicht, das spürte höchstens Achmed, an dem es nun war zu taumeln, aber taumelnd noch vergaß er nicht, den dreibeinigen Hocker zu schwingen.

Der Esel war ins Freie getrottet aus dem offenen Stall, in dem er sich vor der heißen Mittagssonne verborgen gehalten hatte, aber jetzt, da es schon gegen Abend war, tat ihm die Sonne gut, die ihm das Fell beschien. Langsam, ganz zärtlich, genießerisch und wie spielend zupfte er an dem spärlichen Gras des Hofes, riß mit vorgestülpten Lippen hartes, grünes, stachliges Zeug ab, das zwischen den Steinen der niedrigen Hofmauer wucherte, fraß, spie manches wieder aus, und wenn er auch aus dem Haus splitternde Hiebe hörte, so scherte er sich nicht darum, was ging das ihn an! Er hätte sich auch nicht darum geschert wahrscheinlich, wenn er gesehen hätte, was er nicht sah, daß da zwei Männer, ungleich bewaffnet, miteinander kämpften.

Maria
in der Stube aber hörte nicht nur die Schläge krachen, sie sah auch die kämpfenden Männer, den angreifenden, eisenbewehrten Peter und den sich verteidigenden, stuhlschwingenden Achmed, aber ihre Gleichgültigkeit, ob sie echt war, ob sie gespielt war, war wie die des fressenden Tieres draußen, und vielleicht, wenn ein Stück Brot auf dem Tisch gelegen wäre, hätte sie das genommen und gekaut, langsam, mit weißen Zähnen, so tat sie wenigstens, so teilnahmslos.

Auf die Dauer zwar mußte wohl Peter der Sieger bleiben, Peter mit dem Beil, aber jetzt und augenblicklich war er im Nachteil, war zurückgewichen gegen die immer noch offenstehende Tür, und Achmed mit dem Stuhl war trotz seiner Schulterwunde im Vorwärtsdringen, und vor ihm lockte der Ausgang, vor ihm war die Tür, die offene, weit offene Tür, die zog ihn mächtig an, wenn er die erreichte und hindurchschlüpfte und hinausschlüpfte und floh, dann war er gerettet vor dem Beil. So versuchte er, Peter nicht mehr zum Schlag kommen zu lassen, hieb ihm den schweren Hocker ein paarmal fest über den Unterarm, daß Peter stöhnte, ob vor Schmerz, ob vor Wut, er stöhnte, und Achmed war der Tür jetzt sehr nah und Peter hatte er jetzt etwas seitwärts zur Tür gedrängt und vor ihm winkte die Freiheit.

Da geschahs, daß Maria sich den Kämpfenden nahte, im Rücken Peters jetzt war, sie wollte Peter in den Arm fallen wohl, dem geliebten Achmed zu helfen wohl, dem Heißbedrängten, daß er entrinnen konnte wohl, sie schlüpfte ganz nah zur Tür, stand unter der Öffnung fast. Wollte sie selber fliehen, fürchtete sie, der Zorn Peters könnte sich auch gegen sie richten, wenn erst Achmed erledigt war? Sie hatte keinerlei Furcht gezeigt bisher, und sie hatte auch jetzt keine Furcht, sollte es sich zeigen: sie warf die Tür ins Schloß, schallend, der lichte Schein, der Achmed getröstet hatte bisher, konnte nicht mehr herein, und sie schob den Riegel jetzt vor, klirrend.

Nun wurde es dunkel für die Augen Achmeds, nun wurde es auch in seiner Seele dunkel, schwarz schattend schlug die Verzweiflung über ihn zusammen. Aber er kämpfte weiter den Kampf, wenn er auch aussichtslos geworden war, er kämpfte ihn gut, den Endkampf, er schwang den Hocker und traf Peter vor den Kopf, daß der starke Mann wankte. Aber seinen Rücken zu decken, daran dachte er nicht, der Opankenschuster, und daß Maria, die Geliebte, ein Küchenmesser nehmen könnte, daran hatte er nicht gedacht, und nicht daran, daß sie es ihm in den unverteidigten Rücken stoßen würde. Er spürte den Stich, er fühlte den Schmerz, er wandte sich um, das Messer stak noch in seinem Rücken. Maria, die Geliebte, stand noch mit erhobener Hand, und sah ihn an, sah ihm offen in die Augen, eine fremde Frau sah ihn an. Der Stich war nicht tödlich gewesen, nein, er war nicht sehr tief gegangen, so viel Kraft hatte sie nicht, Maria, die Frau, mit einem Stich einen Mann zu töten. Aber Peter war stärker als sie, sah sie stolz jetzt, sein Beil sauste nieder auf Achmed, hinter dem er stand, zwischen dessen Schultern er das hilfreiche Messer sitzen sah, und spaltete des Schwarzhaarigen Hinterkopf. Achmed taumelte, nun wurde es ganz schwarz für ihn, innen und außen, die Schwärze breitete sich aus, er fiel, der Opankenschuster, auf die Knie zuerst, dann der ganzen Länge nach, mitten in das Finstere hinein.

Die Nacht war gekommen, Dämmerung, grünes Licht und Abendröte, die Sonne war hinter den Karstbergen untergegangen und der Mond war dafür über die Karstberge heraufgestiegen, gelb und glänzend. Auf der Bank vor dem Haus saßen zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, saßen schon stundenlang und sprachen nichts, Peter und Maria.

Ob Peter sich wunderte, daß Maria Beistand geleistet hatte seiner Rachetat? Er fragte sie nicht, er hatte sie nicht gefragt, er würde sie nicht fragen, es hatte ihm wohl gut getan, daß sie ihm half, den Eindringling zu vertreiben, wenn es auch wahr war, daß sie selber dem Eindringling die Tür geöffnet hatte, aber das hatte sie wieder gutgemacht dadurch, daß sie rechtzeitig die Tür schloß, als der in der Falle saß.

Ob Maria sich wunderte über sich selber? Was sollte das Fragen unter dem gelben Licht des Monds? Maria stellte sich keine Fragen, die sie nicht beantworten konnte. Sie hatte sich von etwas befreit, was ein Zwang für sie gewesen war, und so spürte sie wohl eine stille Genugtuung, sie atmete manchmal wie erlöst und saß fromm neben ihrem Mann, den sie nun wieder allein hatte, der sie nun wieder allein hatte. Jetzt war eine Sache wieder in Ordnung, die sehr in Unordnung gewesen war, und Ordnung zu haben tat gut, so oder so.

Sie saßen im gelben Mondlicht und gingen gar nicht mehr in ihr Haus, als gehöre es jetzt einem andern und sie wußten wem. Und der Mond beschien in der Stube einen Mann, dem gehörte jetzt das Haus, er schlief, wie die meisten Menschen jetzt schliefen tief in der Nacht, er schlief auf dem harten Boden der Stube, aber wenn es sein Haus war, warum sollte er nicht auf dem Stubenboden schlafen, wenn er nur gut und fest schlief, und das tat er!

Der Mond stand hoch über dem Dorf und den Bergen und sah in viele Stuben und sah viele schlafende Menschen und sah auch in Stuben, die leer waren, und sah in einer leeren Stube Opanken von einer Stange baumeln, große und kleine, und sah Schusterwerkzeug liegen, das rastete!

Der Mond steht hoch und scheint über Gerechte und Ungerechte, nicht nur die Sonne tut das, der man das nachsagt, auch der Mond tuts, so schien in dieser Nacht der Mond in eine Stube, da lag im Bett ein Mann und schlief und wußte nicht, daß morgen ein großer Tag für ihn sein würde, an dem es galt, einem Mörderpaar Handschellen anzulegen.

Der Mond steht hoch, drum sieht er so weit, und so sah er die nackten steinernen Karstflächen kalt in seinem Licht liegen, wie erstarrt, ohne Leben, wer sollte jetzt es wagen, durch die Öde zu gehen, die schaurig funkelnde?

Der Mond steht hoch, drum sah er auch im Tal die kleine Stadt mit beglänzten Dächern, hoch stachen die Minaretts in die Luft, hoch für menschliche Augen, vom Mond aus betrachtet nicht so besonders hoch. Der Mond beschien die vielen Kirchen, mohammedanische und römisch-katholische und griechisch-katholische und Wirtshäuser und Ställe und Wälle und Türme und auch das Gefängnis, und sah Sträflinge schlafen in den Zellen und sah leere Zellen und manch eine Zelle würde morgen einen Bewohner bekommen, täglich werden im Gefängnis Sträflinge eingeliefert und täglich werden Sträflinge entlassen.

Aber das würde morgen sein, am Tag, und noch war Nacht, und wenn zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, im Freien auf einer Bank vorm Haus sitzen und den Morgen erwarten, wie fern ist er da noch, wie lange dauert das noch, das dauert sehr lange!

Der Sieger

1

Der alte Bauer saß auf der Ofenbank, in einer kurzen, dunklen Joppe, in schwarzen Hosen und schwarzen Lederpantoffeln. Da hockte er rückenwarm und schnurrte wie eine Katze. Er trank die Wärme, in tiefen Zügen, und sie machte ihn wohl auch betrunken, denn sein Gesicht hatte den Ausdruck eines Glücklichen, der sich nichts Besseres wünscht. Die Bäuerin saß neben ihm und hatte die Hände links und rechts neben sich auf der Bank liegen wie lederne Handschuhe. Ob sie träumten, die beiden? Wovon mochte die Alte träumen? Vom Hühnerstall wohl, von braunen Hennen, von rotschwarzgefleckten, und von den weißen Eiern, die sie legen, die braunen wie die rotschwarzgefleckten. Nun zog sie die Beine hoch und saß selbst wie eine Henne auf der Stange. Wovon träumte der Alte? Vom Kuhstall wohl, von den Pferden vielleicht, von einem Gang durch den Wald, den er einmal vor dreißig Jahren gemacht hatte, früh, ganz früh, in der ersten Dämmerung, als es noch grau und kalt war und der braunnasse Weg nicht mehr aufhörte.

Der Bauer sah durchs Fenster. Schnee lag draußen, Januar wars, ein neues Jahr hatte begonnen. Und dieses Jahr tat ers noch nicht! Am niedern Fenster ging jetzt eben ein Mensch vorbei, von dem man die Füße nicht sah und nicht den Kopf, nur den Leib vom Knie bis zu den Schultern. Das war sein Sohn, war Franz, sein Sohn und der Sohn der Alten da neben ihm, und ihm, dem Alten, ihm, ihm, ihm gehörte der Hof und Haus und Stall und nicht dem Menschen da draußen!

Und der da draußen schwarz durch den weißen Schnee ging, wie ein schwarzer Rabe, wie ein schwarzer Unglücksvogel, der fühlte sich auch wie so ein Flügelvieh. Der Vater wollte sich nicht zurückziehen in die Dachkammer hoch hinauf, sich nicht aufs Altenteil setzen. Er wollte nicht und er wollte nicht, und er tat es nicht, und blieb als Herr am Ofen in der braunen Bauernstube und wärmte sich.

Franz hatte ein großes, starkes Gesicht, und weil er die glatten, glänzenden, schwarzen Haare enganliegend und tief in die Stirn gekämmt trug, sah es aus, als säße ihm ein runder römischer Helm auf dem Kopf. Er stieg ein Stück den Bergwald hinauf, es trieb ihn, irgendwohin zu gehen, viel zu tun war jetzt, im Winter, nicht, und wie kleine Kähne blieben seine Fußstapfen im Schnee zurück und schwammen hinter ihm her. Bei der großen, alten Tanne blieb er stehen und sah über das Land hin. Hügel waren da, leicht gewellt, und Waldungen, und fern zwei, drei spitze Kirchtürme. Schnee war überall, und der Himmel war grau, und da unter ihm lag der Hof, und drinnen in der Stube saß der Alte, und ging nicht heraus, und ließ ihn nicht hinein. Was sollte man da tun? Ratlos schüttelte Franz den Kopf. Da begann es zu schneien, und er ging schnell den Weg wieder zurück, als fürchte er, der Schnee, der schnell und dick herabwirbelte, könnte das Haus mit einer weißen Haube gänzlich zudecken, und dann müßte er in der Nacht unter dem blauen, kalten Himmel wie ein Hund immer rund um das Haus traben, eine Gasse rund um das Haus traben, rund um den braunen Ofen tief drinnen im Herzen
des Hauses.

2

Franz ging in den Kuhstall. Im Dämmern sah er die Hinterteile der Kühe, ungeschlacht und bedreckt. Es war warm und dunstig im Stall, und eine Kuh drehte den Kopf zu ihm, bewegte wiederkäuend die weißlappigen Lippen und sah ihn gutäugig an. In der Ecke stand eine Mistgabel mit fünf schwarzen, krummen Zinken, gebogen wie Adlerschnäbel, und er faßte sie am Stiel und ging, von einer Hand in die andere sie schleudernd, über den Hof ins Haus und in die Stube.

Er trat vor die beiden hin, die am Ofen saßen, und es war, als habe er ihnen vieles zu sagen, aber dann war es doch nur ein einziger Satz: »Wann übergibst du mir eigentlich den Hof?« Er hatte die Gabel vor sich auf den Boden gestellt, kriegerisch die Zinken gegen das Gesicht des Bauern gerichtet, und die beiden mittleren Zinken zielten gegen die gekniffenen Augen des Alten. Der lachte und sagte: »Was willst du mit der Mistgabel in der Stube?« »Ja«, sagte Franz, die gehört nicht hierher!« und trug sie wieder in den Stall. Da standen alle Kühe auf, und alle drehten ihm die Köpfe zu und kettenrasselnd sanken sie wie huldigend wieder zusammen, breit sich hinlagernd, das demütige Volk. Er aber begann den Stall auszumisten.

Die Bäuerin erwachte aus ihren Träumen von braunen und schwarzrotgefleckten Hühnern. Sie sah zu ihrem Mann hin, und wie ein rundes, weißes Ei, wie eins der schönen, kalkigen, drolligen Dinger, die sie eben im Traum noch gestreichelt hatte, fiel ihr ein Wort in die Hand, die sie vor den Mund hielt. Sie sagte laut: »Übergib ihm halt den Hof! Er ist dreißig – und übergib ihm halt den Hof!« Das Ei, das Wort-Ei, kollerte auf die Bank, rollte hinüber zum Alten, der es zögernd ansah, damit spielte und dann: »Nein!« sagte. »Ich bin noch zu groß und zu breit für die Dachstube«, sagte er, »und hier ist der große, braune Ofen, und da bleib ich, und ich weiß nicht, wie lange noch.« Er ging in der Stube auf und ab und es freute ihn die Wärme.

Franz hatte einen einrädrigen Karren mit Mist beladen und die Gabel hineingesteckt und schob nun die Fuhre zum Düngerhaufen. Aber er ließ den Karren stehen, als er am Fenster vorbeikam, zog die Gabel heraus und schlich an die Scheibe heran. Die Stirn preßte er fest an das Glas und sah in die Stube. Da war die große, alte Katze, buckelnd und wärmeliebend, und strich die Wände entlang. Die Katze war größer als eine gewöhnliche Hauskatze, viel größer, wie eine Wildkatze etwa, der Kopf unmäßig dick und löwenhaft und die Krallen der großen, gummiballigen Pfoten lang und scharf. Und die Wärme liebte sie unbändig, die große Katze, denn jetzt hockte sie schon wieder auf der Ofenbank und schnurrte. Das Brummen klang zu ihm durchs Fenster. Franz nahm die Gabel, trat einen Schritt zurück und warf sie wie einen Speer durchs Fenster in die Stube. Das Glas splitterte, die Öffnung war gezackt, wild und schön, und im braunen Boden steckten die schwarzen Adlerkrallen der Zinken, und der lange Schaft bebte. Anfangs bebte er so kräftig, daß die Zinken im Holz sich fest verbeißen mußten, um nicht entwurzelt zu werden, dann wurde die Bewegung schwächer, dann zitterte nur das Schaftende noch ein wenig, und dann stak die Gabel stumm und unbeweglich wie eine winterkahle Topfpflanze in der Stubenmitte.

3

Der Weg, den Franz nahm, zwei Tage später, an einem Sonntag, duckte sich krumm, als zaudere er, die flache Höhe zu erklimmen. Er wand und schlängelte sich, machte eine lächerliche und unberechtigte Schleife, aber besann sich dann und lief schief und verwegen empor. In der Ferne war Wald, der sah aus wie ein dunkles Tier mit vielen schwarzen Beinen. Der Weg stieg immer noch, und da drehte sich wie auf einer Scheibe von rechtsherein ein Dorf, in der Mitte der Kirchturm und eng um ihn die kleinen Häuser, und die Scheibe drehte sich so schnell, daß, noch ein Ruck und ein Riß, das Dorf flach geschleudert durch die Luft davonsausen mußte. Aber jetzt hatte Franz die Höhe erreicht, und nun lag das Dorf ruhig vor ihm, und viele Rauchsäulen, weiß und zitternd, stiegen.

An einem Tümpel kam Franz vorbei, der war am Rand zugefroren, in der Mitte glänzte das schwarze Wasser. Im Sommer gab es da wohl Schlangen und Frösche und Stechmücken, aber jetzt war Winter, die Frösche schliefen, und die graue Winterluft schwieg.

Im Wirtshaus dann setzte sich Franz in die kleine Nebenstube, allein an einen Tisch, und trank das dunkle, bittre Bauernbier. Im großen Saal wurde getanzt, und die Musik und das Gestampf der Tanzenden dröhnte in sein Ohr, als ob da nebenan eine große Mühle ginge. Da flatterte ein Rock herein, ein wehender Rock über zwei weißen Strümpfen in schwarzen Schuhen, dann kam ein grüner Rock, und dann ein blauer, und unter dem blauen Rock liefen eilig rote Strümpfe. Dann war es nicht mehr Rock nach Rock, die wie Pilze hintereinander hertrippelten, es kam auf einmal eine Schar von Röcken und viele Strümpfe strudelten eilig.

Die Mühle nebenan hatte aufgehört zu klappern, man hörte jetzt das Brausen des Wassers und darüber Schrei auf Schrei. Franz stand auf und trat unter die Tür zum Tanzsaal. Da sah man keine Frauen mehr, keine Röcke mehr, nur Männer sah man, und die Männer wie zwei Bienenschwärme aneinandergedrängt, zwei Schwärme, tief summend. Dann fuhren aus den Schwärmen Arme hoch, fuchtelten, es wurde ganz still. Und dann mußte hinter jedem Schwarm ein riesenhaftes Maul sein, das sich auftat und blies. Prasselnd stießen die Schwärme gegeneinander und waren schon eins. Nun rollte eine mächtige Kugel im Saal. Sie rollte schwer ächzend in eine Ecke, schob sich entlang der Wand, rollte schräg her in die Saalmitte, stehenbleibend, und mit neuem Anlauf sich weiterdrehend. Franz ging langsam und zögernd auf die Raufenden los. Als er nahe an ihnen war, riß es ihm die Beine hoch, und dann verschmolz er mit der Kugel, er drehte sich mit ihr, es wirbelte ihn auf und ab. Er kämpfte wie ein Landsknecht, die dunkle Vorzeit in der Brust, und wußte nichts von der Sache, für die er focht, und schlug nur desto wilder um sich, und der wütende Grimm, der seit Tagen in ihm war, löste sich und er war fast glücklich. Aber dann kam ein Messer, das ihm in die Brust fuhr, ein Messer von irgendwoher, und warf ihn zu Boden.

Es waren auf einmal viel weniger Menschen im Saal, nur an den Wänden drückten sich noch einige herum, und die Musikanten hielten rastend ihre Instrumente auf den Knien, und in der Mitte des Raums lag Franz langausgestreckt. Sein Gesicht war bleich, und weil es bleich war, war sein schwarzes Haar noch schwärzer als sonst. Und Blut sah man keins an ihm, das wenige, das aus der Brustwunde geflossen war, war schon vom Hemd aufgesogen worden und nicht durch die Joppe gedrungen.

Zwei Burschen legten den Ohnmächtigen auf eine Bahre und machten sich auf, ihn heimzutragen, und einen dritten Burschen schickte der Wirt zum Arzt, ihm zu sagen, er solle gleich nach dem Verwundeten schauen, der schon unterwegs sei zu seinem Vaterhaus. Die Träger gingen in die Winternacht hinaus. Es war sternklar geworden, mondhell, silberweiß, blau der Himmel, schwarz die fernen Wälder. Die beiden Mildtätigen waren nicht ganz nüchtern, und leicht schwankend trugen sie die Last dahin.

Sie kamen zum Tümpel. Der sichelförmige, honigglänzende Mond hing am Himmel, und sein Spiegelbild schwamm im schwarzen Wasser. Auf dem Eisrand des Tümpels glitt der vordere Träger aus, stolperte, die Bahre rutschte von seiner Schulter, Franz fiel und schlug mit den Stiefeln ins Wasser, daß es den Burschen totenfingerkalt ins Rauschgesicht spritzte. Da ließen sie ihn liegen, treulos, ließen ihn schlafend liegen, mit den Stiefeln im kalten Wasser bei den schlafenden Fröschen, und rannten verstört davon, querfeldein.

4

Der alte Bauer schlief tief, und nur wie im Traum war ihm, daß jemand am Fensterladen geklopft habe. Als es jetzt zum zweitenmal pochte, erwachte er und drehte schlaftrunken das Licht an. Die plötzliche Helligkeit blendete ihn, die Würfel des weiß und rot gemusterten Bettüberzuges schienen durcheinander zu taumeln, so, als zerfiele das Tuch in viele Steine, und die würden jetzt gleich klappernd zu Boden fallen und er unbedeckt dann im Bett liegen. Der draußen klopfte ungeduldig schon wieder, und der Alte stieg brummend nun aus dem steinigen Bett und ging zum Fenster. Der Arzt stand draußen, der nach dem verletzten Sohn fragte. Aber der war noch nicht gebracht worden, die Träger mußten sich verlaufen haben, oder sie säumten rastend irgendwo, und von Unruhe getrieben machte sich der Bauer auf, ihnen entgegen zu gehen, und die Bäuerin ging mit, und auch der Arzt.

Sie gingen suchend in die Nacht hinaus und der Mond leuchtete ihnen, der auch den fiebernden Verletzten am Tümpel beschien. Der seufzte im Traum und öffnete die Augen und sah die Sichel im Blau hoch hängen und griff nach ihr und war gar nicht erstaunt, daß sein Arm so weit reichte und er sie zu fassen bekam. Und nun war ihm, sein Arm wäre ein langes Seil, das vom Mond bis zum Tümpel schwang. Von den Wäldern kam ein starker Wind gefahren, der traf das Seil, daß es wie eine Saite tönte. Der Gesang wurde mächtiger, und nicht nur Franz hörte ihn, auch die drei Suchenden, die von Zeit zu Zeit stehenblieben und lauschten. Wie ein Tanzlied klang es, und alle Bauernhöfe Bayerns begannen sich zu heben und waren wie Mägde und drehten sich wie Bräute beim Schall des Brautliedes.

Auf allen Höhen und in allen Tälern rührten sich die Höfe, schwer und kreisend, und stiegen, und standen im Kranz um den Mond, und Franz sprengte es fast die Brust vor Bräutigamssehnsucht, als er den väterlichen Hof unter den Beglänzten erkannte.

Der Bauer und die Bäuerin und der Arzt fanden den Vermißten nicht mehr in dieser verzauberten Nacht, und hätten fast den Hof nicht mehr gefunden, den sie von dem Hügel
hier doch liegen sehen mußten und nicht liegen sahen. Das ungewisse Mondlicht mußte sie getäuscht haben, denn als sie verwirrt weitergingen, erreichten sie ihn endlich doch: der Sohn aber war noch nicht gebracht worden.

5

Der Januar verging, der Februar kam, und im März rieselte Wasser in allen Erdfalten talwärts. Das Blau des Himmels war anders geworden, heller, mehr Grau darin, und auf einmal waren auch viele weiße Wölkchen da, und Veilchen wuchsen schon hinterm Zaun, auch an Ackerrändern, überall wo Platz war. Auf dem gepflasterten Steig vor dem Haus war es schon heiß im Sonnenschein, aber immer noch im Ofen brannte das Feuer, und es saß ein Mann auf der Bank, den Rücken an den Kacheln, und trank die teure Wärme, die draußen die Sonne umsonst ausschüttete. Aus dem Stall kam einer, drückte das Gesicht gegen die Scheiben, und schüttelte den Kopf, als er drinnen den weißen Menschen sitzen sah, dem das schwarze Haar wie ein Helm tief ins Gesicht stieg. Von ihren Hühnern kam eben auch die Bäuerin, und wie sie nebeneinander standen und durchs Fenster beide auf den Bleichmann starrten, schimpfte der Bauer wüst. »Am Ofen hockt er«, schrie er, »am warmen Ofen, und ich darf arbeiten, und du darfst arbeiten!«

Franz war nicht mehr aus der Stube zu bringen. Der Messerstich war gut verheilt, und der Arzt kam schon seit Wochen nicht mehr. Aber die Stube verließ der Genesende nicht. Auf der Ofenbank trank er seine Frühsuppe, dort aß er das Mittagsrauchfleisch, aß Kraut, die Schüssel auf den Knien, und abends aß er dort Käse und Brot. Und den Schnaps trank er dort, und sein Gesicht blieb fahl, wie Mottenflügel, und er redete fast nichts, und manchmal hustete er hölzern, und ins Freie ging er nicht und stand nicht auf von der Bank.

Nur abends stieg er in seine Schlafkammer empor. Der Mond sah durchs Fenster, und Franz stemmte die Hände in die Hüften und ließ sich langsam, die Knie beugend, auf die Absätze nieder und richtete sich wieder auf und befahl sich selbst: Kniee beugt! Kniee streckt!, wie er es als Gefreiter bei den Soldaten gelernt hatte. Oder er spreizte die Beine, streckte die Hände nach oben, beugte sich weit vor, bis er mit den Fingerspitzen den Boden berührte. Und er nahm den schweren Stuhl und stemmte ihn hoch, achtmal, zwölfmal, sechzehnmal, und turnte und übte beim Mondschein, wenn die Sterne glänzten, beim Kerzenlicht und wenn der Regen an die Scheiben schlug. Und am Morgen saß er bleich und einsilbig am Ofen, weit weg vom Fenster, das Gesicht ins Dunkle gereckt, fledermausverkrochen. Durchs Stubenfenster aber starrte wütend der Bauer, sah den großen schweren Menschen untätig dämmern, Enzian trinken und mit müden Händen die Kacheln abtasten.

6

Es war an einem Sonntag, und neben dem Sohn saß auf der Bank der Bauer und die Bäuerin. »Setz dich auf die Bank vors Haus!« sagte haßerfüllt der Alte. »Nein!« hüstelte Franz. »Die warme Luft tut dir gut!« lockte die Bäuerin. »Nein!« sagte fröstelnd der Bleiche. »Ich soll dich wohl hinaustragen wie ein Wickelkind?« höhnte der Bauer. »Nein!« seufzte der Blasse. »Ich führ dich hinaus!« versprach die Bäuerin. »Nein!« lispelte der Fahle. Der Bauer schrie vor Wut, sein Kopf wurde rot wie ein Hahnenkamm: »Ewig willst du da sitzenbleiben?« »Ja!« schluchzte Franz.

Es wurde April, täglich höher stieg die Sonne, auf den Ästen saßen die Vögel und pfiffen, aber die Mutter legte immer noch Holz nach im großen Kachelofen, daß Franz nicht friere. Der Alte lehnte unter der Tür. »Ich will dir zehn Mark geben«, sagte er zum Sohn, und griff in die Tasche. »Geh in die Stadt damit!« Franz sah ihn müd an. »Vor einem Vierteljahr, Vater«, sagte er, »wäre ich so hoch gesprungen.« Er zeigte es mit der Hand. »So hoch!« Er hustete. »Geh hinaus!« brüllte der Alte. »Die Sonne scheint draußen. Leg dich ins Gras! Lehn dich an den Gartenzaun!« »Mich friert«, greinte Franz. »Geh hinaus!« kreischte der Alte, »halt dich am Birnbaum fest!« Der Alte preßte die Hände an die Kacheln, schob sich an den Sohn heran, Brust an Brust waren sie jetzt fast. »Geh hinaus!« sagte er, und winselnd und lockend wiederholte er: »Geh hinaus!« Beider Atem vermischte sich.

7

Und als des Immermüden käseweißes Gesicht auch nach Wochen noch wie der Mond in der Stube hing, und es draußen schon Mai geworden war, schlich einmal der Alte herein und schlich um den Ofen, und die Wut auf den Ofenplatzprinzen war so groß in ihm geworden, daß seine Stimme, als er nun redete, sich ihm wie ein trockener Faden im Mund verknäuelte. »Es ist Mai«, sagte er, »und du willst nicht hinausgehen?« Der Sohn, der Erbe schüttelte nur sanft den Kopf. Das war kein Mensch mehr, schien es dem Alten in seinem verzweifelten Zorn, das war nur noch ein Stück weißen Fleisches, stinkend wie eine verfaulende Katze, die man hinter den Zaun geworfen hat; er roch es fast, und Maden und Würmer rührten sich darin, er glaubte es zu sehen. Sollte er den müden, weißen Mann auf den Schubkarren laden und hinausfahren mit ihm in den Mai, und hinunter ins Dorf und zur Kirche? Sollte er ihn auf dem Schubkarren vor der Kirche stehen lassen und sich zum Altar schleichen und dort ein Männlein aus weißem Wachs an einem roten Band opfern, das Männlein aus weißem Wachs an einem roten Band zu den wächsernen Herzen und Armen und Beinen hängen, daß vielleicht ein Wunder geschehe, und der Schubkarrenmann draußen aufspränge und ginge und liefe wie andere Menschen aus Fleisch und Knochen und Haut?

Da versuchte der Alte sein Äußerstes. Er stand am Fenster, mit dem Rücken zum Fenster, und langsam, lockend Wort für Wort setzend, sagte er: »Wie kann ich dir den Hof übergeben, wenn du nicht vom Ofen weggehst?«

Franz am Ofen zog die Beine an, als wolle er aufstehen, und ein Schein war über sein Gesicht gegangen, aber er stand dann doch nicht auf und maulte nur: »Ach, der Hof!«

Der Alte hatte sich aufs Fensterbrett gesetzt. Sein Herz schlug laut an seine Brust, als er nun sagte: »Steh auf, und geh hinaus, und ich fahr jetzt gleich in die Stadt und laß dir den Hof überschreiben.« Franz war aufgestanden, langsam, und lauernd sah ihm der Bauer zu, und langsam ging der weiße Mann zur Tür und trat durch die Tür ins Freie, und bot sein Gesicht, das er fünf Monate im Stubendunkel verwahrt hatte, dem himmlischen Licht. Der Alte stürzte zum Stall, zog den Gaul heraus, spannte ein, saß auf dem Bock. »Willst du den Hof?« schrie er und fuchtelte mit der Peitsche. Franz schien nachzudenken. »Willst du den Hof!« schrie der Alte und sah bange auf die blassen Lippen des Sohns. »Vielleicht!« sagte der, und »Ja!« sagte der und trat hinter das Wägelchen, griff zu mit beiden Fäusten, schob an, daß der Wagen dem Gaul gegen die Hinterbacken stieß, daß der Braune einen Sprung machte, und dann schoß das Gefährt zum Hoftor hinaus.

8

Am Abend war der Alte zurück und ging in die Stube und legte das Papier auf die Bank. Das war weiß wie des Sohnes Gesicht. Der las das Papier, da wurde sein Gesicht rot. Er stand auf, schon saß der Alte auf dem noch warmen Platz. »Ja, heute noch«, sagte Franz, »heute kannst du hier noch sitzenbleiben, aber morgen richt ich dir unterm Dach die Austragsstube her.«

Er ging zur Stubentür, zitterte gar nicht mehr in den Knien, streckte sich, wuchs, er füllte fast den Türrahmen aus, und es schien, als brauche er nur die Schultern zu recken, um die Balken aus ihrer Lage zu reißen. Mißtrauisch sah ihn der Alte an und sagte: »Das hat dich aber gesund gemacht!« »Ja!« sagte Franz und ging hinaus.

Die Sonne stand kreisrund über dem Abendwald. Er ging den Gartenzaun entlang, trat in den Stall, wo die Kühe standen und die Mistgabel in der Ecke lehnte. Er nahm sie, das harte Holz des Stiels schmiegte sich in seine Hand, und er hielt die krummen, schwarzen Eisenzinken nach oben. An der Decke brannte matt das Licht, und die Schatten der Zinken standen an der Wand wie die Zacken einer Krone.

9

In der Stube sah ihm der Alte bös entgegen. »Das war eine gute Medizin«, sagte er. Franz stand vor ihm, lachte. Es lockte den Alten, die Abdankungsurkunde, die vor ihm auf dem Tisch lag, zu zerreißen, er sah schon Schnee wirbeln, weiße Flocken die Stube ausfüllen, einen Schneewirbelsturm. Er tat es nicht, er berührte das Papier nicht, aber die Papierflocken wirbelten weiter, sie wirbelten dichter, er saß, es schneite ihn ein. Schnee fiel ihm auf Kopf und Schultern und Knie. Er saß geduldig. Die Knie wurden starr, die Hände wurden steif, der Kopf drehte sich nicht mehr. Ein Schneemann war er, ein Eismann war er, Kohlenstückchen im Gesicht statt der Augen. Und mit den schwarzen Kohlenstückchenaugen sah er immer das weiße, runde Gesicht des Sohnes, der ihn besiegt hatte.

Die Nacht kam schnell, und mit der Nacht der Mond. Franz ging durch alle Räume des Hauses, ging über alle Treppen. Vom Dachboden aus schwang er sich durchs Fenster aufs Dach, saß rittlings am First. Der gelbe Mond hing über ihm, und vom Zaun sah er jede einzelne Latte. Im Birnbaumgezweig flatterte ein Vogel. Franz saß am Dach und sah über sein Königreich hin, sein Haarhelm glänzte, und er schlug mit den Händen das Dach wie ein Pferd, das man antreibt.

Der Major

Es war eine hügelige Landschaft, im späten Frühling, Ende Mai. In jeder Wiesenmulde lag ein Dorf, jedes Dorf hatte eine Kirche, jede Kirche einen hohen, spitzen, weißen Turm, und ging man die auf und ab steigenden Wege, immer sah man gleichzeitig vier, fünf der weißen Glockenträger. Es waren fette, grüne Wiesen, und leuchtend gelber Löwenzahn wuchs reichlich. Auch Saatfelder waren da, einen Viertelmeter hoch, einen halben Meter hoch waren die grünen Halme, und das Grün war ein anderes als das der Wiesen. Wälder waren da, Tannen-, Fichten-, auch Föhrenwälder,
oft schwankten am Waldrand Birken, und das Weiß ihrer schmalen Stämme stand lieblich und zart gegen das dunkle, harte, fast schwarze Grün der Nadelhölzer. Die Wege waren sandig, weißgelb, mehlig, mit tiefen Radfurchen. Darüber war ein blauer Himmel, wolkenlos, eine gelbe, heiße Sonne, aber es ging ein kalter Wind in diesen Tagen, so daß die Sonne zwar die Haut bräunte, aber man fror gleichzeitig. Nur im Schutz eines Hügels, am Waldrand, wo noch kahle Brombeersträucher standen, war es sommerlich heiß. Auf Wiesenwegen sah man Bauernmädchen schnell dahingleiten. Sie saßen auf Fahrrädern, aber die langen Röcke verbargen die Beine bis zu den Knöcheln, man sah die Frauen nicht treten, lautlos sah man sie dahinschweben, geheimnisvoll, denn auch die Wiesenpfade, auf denen sie fuhren, sah man nicht, fast wie große Insekten waren diese Radlerinnen.

Obstbaumblüte war, die schwarzen, krummen Äste waren dick und knollig besetzt mit weißen Blüten, mit Rosablüten, die kleinen Häuser bargen sich unter der Pracht, groß stand nur die Kirche.

Eine große, gelbe Sandgrube tat sich auf. Ein alter Mann saß auf einer verfallenen Bank, und in der Grube sonnten sich Schweine. Es waren mächtige Tiere, fett, einige hatten sich Löcher gewühlt, drin lagen sie, dicht nebeneinander, übereinander, mit riesigen Schenkeln. Andere rannten einen kurzen Galopp, schnell, wie auf der Flucht, hielten plötzlich, drehten den Kopf mit dem kurzen Rüssel, schauten aus kleinen Augen scharf und rätselhaft her, und setzten sich plötzlich und starrten zu Boden, verzaubert. Es war eine Welt für sich, die gelbe Sandgrube, der blaue Himmel darüber, die Säue, und der alte Mann am Eingang der Grube, der sie bewachte. Und die Schweine waren lebendiges, atmendes Fleisch, es war unheimlich, es waren keine Einzeltiere, Fleisch, fettes Fleisch rannte hier herum, lag hier herum, erschreckend war es, das in der tiefen Stille allein lebendige Rosafleisch.

Der alte Mann, der Wächter, der Schweinehirt mit seinem Stoppelbart erzählte und schüttelte sich vor Lachen, heut früh sei ein Hase, ein nicht mehr junger Hase, ein ganz tüchtiger, großer Hase, die Dorfstraße dahergekommen, frech mitten auf der Dorfstraße, und sei auf einen Trupp Hühner gestoßen, mit einem Hahn an der Spitze des Trupps, und der Hase habe ein Männchen gemacht und sich das Federvieh betrachtet, lange. Bis der Hahn krähte, mutig, und auf den Hasen losging. Der habe gewendet und sei sausend davon, vor dem Gockel, dem Schwanzfederkrummen, dem stolzen, dem Sporenträger, dem Ritter und Krähmaul. Das erzählte der Schweinehirt und kratzte seinen Stoppelbart, daß es hart klang, und schüttelte sich vor Lachen, und ein großer, tüchtiger Hase sei es gewesen, aber der Gockel ihm über.

So war es hier in dieser Landschaft, das waren die Abenteuer dieser Gegend, das waren die Freuden dieses Hirten in der gelben Sandgrube, bei den fettwackelnden Säuen, unter dem blauen Himmel.

Der Weg ging weiter hinan, an der Grube vorbei, wieder ein weißer Kirchturm stieg auf, der Weg schlängelte sich noch höher, da lag ein großes Dorf, ein Marktflecken, fast ein Städtchen, neben der Kirche stand ein altes Kloster, ein großer Platz breitete sich, von fünf Wirtshäusern umstanden. Und zu einem, und es war das kleinste der fünf, führten ausgetretene Steinstufen, ein kühler Flur dämmerte, und durch eine niedre Tür gings in die Wirtsstube.

Wie sah die schönste Wirtsstube aus, in der je ein Glas roten Weines getrunken wurde? Der erste Eindruck war: weiß und leer. In Weiß war alles gehalten. Der Fußboden war aus weißen Brettern, die Tische und die Bänke waren weiß, hellgelblichweiß, von dem Farbton, der nur entsteht, wenn Holz seit Jahren mit Sand gescheuert wird. Es gab keine Stühle in der Stube, nur Bänke: Bänke, die in der Wand fest eingelassen waren, an der Wand entlang liefen, und auch bewegliche Bänke an der Tischseite, die sich zur Stubenmitte kehrte. Das ist selten geworden, und davon rührte es wohl auch her, daß die Stube gleich beim ersten Anblick sich von andern unterschied. Die Stube war niedrig, die Decke weiß gekalkt. Bis zur halben Höhe waren die Wände holzgetäfelt, die Täfelung war wieder weiß gestrichen, weiß gestrichen wie die Türrahmen, wie die Fensterrahmen. Die Farbe saß dick auf dem Holz, es war gewiß schon dutzende Male nachgestrichen worden, er sah so vertrauenerweckend sicher und haltbar aus, der Anstrich, man mußte nicht fürchten, daß, wenn die Farbe abblätterte, darunter das Holz grämlich hervorsähe. Denn wenn sie sich geschuppt hätte, die Farbe, drunter käme fröhlich glänzend eine andre, frühere weiße Schicht zum Vorschein. Es stand ein weißer Kachelofen in der Stube, und dann waren der Tische und Bänke nicht gar so arg viele, Tische standen nur längs der Wände, so daß in der Stubenmitte viel freier Platz war. Das unterschied die Stube wieder sehr von sonstigen Wirtsstuben, in denen gewinnsüchtig jeder freie Fleck zum Aufstellen von Tischen benützt ist.

An den Wänden hingen alte Stiche. Einer stellte den großen Kaiser Napoleon dar, mit vorgewölbtem Bauch in der weißen Weste, einer den General Kleber. Der Wirtin Urgroßvater war Soldat in napoleonischen Diensten gewesen, von ihm stammten diese Bilder. Das Haus hatte früher zum Kloster gegenüber gehört, von dem es der alte Soldat erworben hatte. Die Familiengeschichte der Wirtin war auch sonst merkwürdig genug. Es war französisches Blut in der Familie, in die ein Bretone, ein Kriegskamerad des Ahnen, eingeheiratet hatte. Und zum Beispiel hing da ein Stich von Meran an der Wand, aus der Zeit um 185o, da hatte eine Tochter oder Enkelin des Soldaten einen Südtiroler, einen halben Italiener geheiratet. Und die Wirtin selbst, jetzt eine Frau von fünfundvierzig Jahren ungefähr, vielleicht auch etwas älter, mit rötlichen Haaren über einem verrunzelten Gesicht, hatte einen früheren österreichischen Major aus der Gegend von Trient zum Mann.

Man saß so behaglich in der Stube. Man bekam sofort Lust sich zu setzen und sitzen zu bleiben. Die Fenster steckten tief in den dicken Mauern, so daß die Fensterbretter einen halben Meter breit waren; da können die Katzen gut drauf schlafen. Neben einem Fenster hing ein halbes Dutzend Hinterglasbilder, starkfarbig, bauernfarbig, viel Rot, viel Blut, Marias Herz, von Schwertern durchbohrt, der heilige Florian, der heilige Sebastian.

Der hellrote Tiroler Wein war dünn, aber rein, der österreichische Major und Wirt wußte wohl noch gute Lieferer aus seiner früheren Zeit.

Was machte die Wirtin für einen verrunzelten Eindruck! Der Mund war klein und eingeschrumpft, die Augen fast ohne Wimpern, was dem Blick etwas Unruhiges gab. Sie hielt sich schief in der Hüfte, die Wirtin, vielleicht von einem Unfall her, vielleicht wars ein Fehler schon von Geburt an.

Ein großer, hagerer Mann kam zur Tür herein. Er war sorgfältig gekleidet, halb städtisch, halb bäurisch, trug lange, schwarze, sauber gebürstete Hosen, unten, um die Knöchel herum, nach Bauernart geschweift und breit, eine kurze, graugrüne Jägerjoppe über einem blütenweißen Hemd. Er war vornehm gewachsen, der Mann, die kurze Joppe ließ die Beine sehr lang erscheinen, noch länger, als sie waren, und den kurzen Oberkörper noch kürzer. Sehr klein war der Kopf. In dem kleinen Gesicht saß eine mächtige, krumme Nase; die Augen, grau und wässerig, waren ein wenig vorquellend, unter der Nase war ein großer, wehender, graublonder Schnurrbart, den der Mann mit dem Handrücken – das war eine stets wiederkehrende Bewegung – strich und glättete. Dann sah man einen kleinen, blutroten Mund, so rot, daß man dachte, gleich müsse ein Blutstropfen durch die allzudünne Haut dringen. Der hagere Mann ging auf den Ecktisch zu, setzte sich. Es war der Major, der Wirt.

Er fing ein Gespräch an, mit Leuten, die am Nebentisch saßen, Städtern. Wenn er sprach, sah man, daß er nur noch wenige Zähne hatte. Im untern Kiefer staken nur noch zwei schiefstehende, gelbe, oben aber deren drei. Diesen Mangel zu verdecken, trug er vielleicht den Bart. Aber er mußte ihn wohl immer getragen haben, er gehörte zu ihm, es war nicht zu denken, daß er je ein bartloser Knabe mit glatten Wangen gewesen sei. Es war etwas Fahriges in seinem Wesen, er hatte merkwürdig schnelle und schroffe Armbewegungen.

Die Gäste drüben sagten: »Eine schöne Stube!«

Der Major grinste: »Für Bauern ganz nett.«

Die Gäste sagten: »Die Kirche soll schon tausend Jahre stehen.«

Der Major strich seinen Schnurrbart. »Kann sein. Ich kümmere mich nicht darum. Ich bin nicht aus dieser Gegend. Ich kümmere mich hier um niemand.« Er warf seine aufgeregten Augen hin und her. Es war klar, er wollte den Städtern zeigen, daß er kein gewöhnlicher Bauernwirt sei. Er war ja Major, österreichischer Major, Standschützenmajor. Standschützen, das war eine Tiroler Truppe, die sich aus Gebirglern zusammensetzte, die ihre Offiziere selber wählen durfte, so daß mancher Bauer, mancher Wirt und Handwerker und kleiner Beamter Leutnant und Hauptmann und auch wohl gar Major werden konnte.

Im Gespräch ließ der Wirt einfließen, daß er die Realschule besucht habe, und als ein Bauer durch die Stube ging, »Herr Major« zu ihm sagte, die Gäste so von seinem Rang erfuhren, nun wohl auch einen gemesseneren, höflicheren Ton ihm gegenüber anschlugen, da benahm sich der Wirt vollends wie ein Offizier und Edelmann. Er ließ das Gespräch nicht mehr ausgehen, und als die Gäste aufbrachen, begleitete er sie zur Türe, verneigte sich knapp in den Hüften, sagte »gnädige Frau«, strich seinen Bart und ging wiegend auf seinen Platz zurück.

Er saß allein in der Stube. Sein kleiner Vogelkopf stand traurig, schräg. Er war ein Verbannter. Er war ein Herr, ein Ritter, und war als Wirt hier unter Bauern zu sitzen verdammt.

Die Wirtin kam und sah ängstlich zu ihm auf. Sie bewunderte ihn, das sah man aus jedem ihrer Blicke.
Mit seinem soldatischen Rang, seinen herrischen Umgangsformen, mit dem Glanz seines Wesens hatte er sie erobert.

Er war faul, er tat nichts. Er kümmerte sich nicht um das Geschäft. Er sah verächtlich auf alles in seiner Umgebung herab. Er war zu gut für die Frau, für das Dorf, für das Leben, das er hier führte.

Es war Mittag. Die Hausmagd kam, deckte einen Tisch mit einem farbigen Tischtuch. Es kam das Gesinde zum Essen. Zuerst ein rothaariger Knecht, mit zu hohen Schultern, gebräunt, bärenstark sah er aus. Dann kam die Stallmagd, mit bloßen, braunen Füßen, in einem enganliegenden, schwarzen Leibchen, nicht mehr jung, zehn Jahre älter als der Knecht, mit einem harten, männlichen Gesicht, schwarzen Haaren, die sie dicht an den Kopf gebürstet hatte. Mit ihr kam ein etwa sechsjähriges Mädchen, ihre Tochter wohl, die sah dem Knecht ähnlich, hatte sein rötliches Haar, der Knecht war der Vater augenscheinlich. Die Hausmagd brachte eine blecherne Suppenschüssel, setzte sich auch an den Tisch, und die vier begannen nun schweigend zu essen. Nach der Suppe gab es fettes Schweinefleisch und grünen Salat. Es fiel kein unnützes Wort während der Mahlzeit.

Der Wirt saß in seiner Ecke und sah verächtlich auf die Essenden hin. Als erster war der Knecht fertig, wischte den Löffel am Tischtuch ab, und Gabel und Messer, und legte sie in die Tischschublade dann und ging hinaus mit langsamem, schwerem Schritt seiner kotigen Schaftstiefel. Er trug eine blaue Schürze. Die beiden Mägde machten es wie er mit dem Eßgerät. Das Mädchen leckte den Teller leer, dann gingen die drei auch. Gebetet hatten sie nicht, nicht vor und nicht nach dem Essen, wie es sonst wohl üblich ist. Vielleicht hatten sie es im stillen getan.

Nun kam die Wirtin, legte vor dem Major eine weiße Decke auf, brachte das Essen, das vorhin das Gesinde gehabt hatte. Das Ehepaar aß und sprach nicht. Der Major aß wie ein feiner Mann, mit zierlichen Bewegungen, gemessen, und voll von Stolz und Demut folgte die Wirtin dem Weg seines Löffels vom Teller zum Mund.

Es war heiß im Hof hinterm Haus, der zur Hälfte gepflastert war. Die Stalltüre stand offen. Der Major kam gelangweilt aus dem Haus. Er mußte seine überlange Gestalt beugen, als er in den Stall trat. Der Stall war leer, in dem für gewöhnlich Kuh und Pferd nebeneinander standen. Der Major setzte sich auf die große Futterkiste, ließ die Beine baumeln, griff einen langen Strohhalm, nahm ihn in den Mund, ließ die beiden Hälften links und rechts herunter hängen wie einen zweiten gelben Schnurrbart, nur länger, nur dünner. Er roch den Stallgeruch, und das war kein edler Geruch, der Geruch eben, wie er ist, wenn Kuh und Pferd im selben Raum gehalten werden. Bauernwirtschaft! knurrte der Edelmann.

Die Langeweile war schwer zu bekämpfen. Das Mittagessen lag drei Stunden zurück, bis zum Abendessen mußten noch drei Stunden vergehen. Der Major gähnte, daß man seine gelben Zähne sah, seine schiefstehenden. Er träumte, der Major, mit wachen Augen. Es war dunkel im Stall, das Licht fiel durch eine kleine, schmutzige Scheibe über der Tür, der Boden war mit roten Ziegeln gepflastert, es war nicht reinlich im Stall. Der Major war zu vornehm, sich viel um den Stall zu kümmern, er war zu müd, er war zu gleichgültig, er war todmüde, ohne Grund, aber immer todmüde, es war schrecklich langweilig.

Ein Schatten fiel durch die Tür, dann wurde die Tür aufgestoßen, es kam die Magd, mit bloßen Füßen, das schwarze Leibchen eng um den Oberkörper, der wie der Oberkörper eines Mannes war, mit einer ganz flachen Brust. Sie begann mit der Stallarbeit. Wenn sie sich arbeitend nach vorn beugte, glitten ihre Röcke hinten hoch bis über die Kniekehlen. Sie hatte braune sehnige Beine, sie kümmerte sich nicht um den Major, tat ihre Pflicht. Der Major blieb auf der Kiste sitzen. Es war warm im Stall, drückend heiß, schwül, der Mistgeruch war so stark, daß es sich schwer atmete.

Die Magd bat den Major, sie aus der Kiste etwas nehmen zu lassen. Der Major, immer noch den Strohhalm zwischen den Lippen, lächelte auf einmal, aber er stand nicht auf. Die Magd blieb, nun auch lächelnd, vor ihm stehen. Er sah nah vor sich ihr lederiges Gesicht mit den schwarzen, funkelnden Augen und den Tränensäcken unter den Augen. Ihr Mund war dünnlippig, wenn sie lächelte, wie jetzt, sah man, daß sie, im Gegensatz zum Major, noch alle ihre Zähne besaß. Sie war wohl schon über vierzig Jahre alt, die Magd, ihr Körper hatte schon etwas von dem einer alten Frau, nur die funkelnden, beweglichen schwarzen Augen waren jung. Sie blieb lächelnd vor dem Major stehen, unbeteiligt, wie unbeteiligt auch an dem, was nun kam, nur ihre schnellen Augen waren beteiligt.

Der Major also stand nicht auf von der Kiste, sagte: »Ich mag nicht«, und legte seinen Arm um die Hüften der Magd. Sie streifte seinen Arm nicht weg und sagte: »Ich brauch was aus der Kiste.« Der Major schob sein rechtes Knie vor, drückte es gegen ihren Oberschenkel und sagte: »Wart noch ein wenig.« Die Magd wartete.

Jetzt stieg der Major von der Kiste herab, er zog die Magd an sich heran, drängte die wenig Widerstrebende in die Ecke des Stalls, wo Heu gelagert war, ließ sich ins Heu fallen, die Magd ließ sich willig mitfallen.

In der Wirtsstube dann die Wirtin wiederholte unaufhörlich die Frage, die sie mit schiefem Mund und nach oben gerichtetem Kopf sang: »Warum mußte ich das sehen?« Ihr kleines, verrunzeltes Gesicht hatte noch mehr Falten und Fältchen als sonst. Sie ging in der Stube auf und ab, mit gekrümmtem Körper und sang mit leise zitterndem Mund: »Warum mußte ich das sehen?« Der Wirt und Major stand am Fenster, sah zum Fenster hinaus, und bei jeder Frage der Wirtin zuckte sein lächerlich kurzer Oberkörper ruckartig. Er hatte die Hände in den Hosentaschen, und als jetzt auf der Straße jemand vorbeiging, ihn grüßte, nahm er sie aus den Taschen, machte seine tiefe, schwungvolle, in den Hüften schaukelnde Offiziersverbeugung, wischte sich den Schnurrbart, daß sein hellblutroter Mund einen Augenblick sichtbar wurde. Seine dicken Augen hatten etwas Erschrockenes. Aber dann nahm er wieder Haltung an und wagte es sogar, sich umzudrehen, wenn er es auch nicht wagte, seiner Frau in die Augen zu sehen, er ihr nur auf die Füße sah, an denen sie Lackschuhe, ein wenig abgetretene Lackschuhe, trug.

Die verwelkte Wirtin wiederholte ihre Frage noch ein paarmal, dann sah man, sie hatte einen Entschluß gefaßt, was ihrem Gesicht Festigkeit gab, ihr schlaffer Mund zitterte nicht mehr, die wimperlosen Augen verloren ihre Unruhe, sie setzte sich auf eine Bank und sagte zum Wirt: »Ich lasse mich scheiden.«

Der Major riß wütend an seinem Schnurrbart, er machte eine zappelnde Bewegung mit seinen langen Beinen, als marschiere er auf der Stelle, aber dann blieb er stehen, als die Wirtin zum zweiten Male mit noch festerem Erz in der Stimme und ganz ruhig sagte: »Scheiden laß ich mich natürlich!«

Die Magd trat in diesem Augenblick in die Stube, gesenkten Blickes. Sie hatte einen schweren Gang vor sich, sie mußte zum Knecht, dem die Wirtin Bericht gegeben hatte. Das stand ihr bevor, und nun mußte sie zuerst noch zwischen diesen beiden hindurchgehen. Der Major machte es ihr leicht und machte es sich leicht und sah nicht hin auf sie. Er schloß die Augen und horchte. Er horchte immer noch auf das Wort seiner Frau, das »Scheidung« gelautet hatte, und über dieses Wort dachte er nach.

Die Magd war stehengeblieben in der Stube, und die Wirtin knurrte. Sie zog etwas die Oberlippe hoch und knurrte. Die Magd sah ihr offen ins Gesicht, sah ihr frech ins Gesicht. Da standen sie, die beiden ältlichen Frauen, verbraucht, nicht hübsch, wohl nie hübsch gewesen, und zwischen ihnen der Mann geschlossenen Auges. Sein Schnurrbart hing herab, der Strohhalm hängt nicht mehr herab, dachte die Magd. Und schön ist er nicht, dachte die Magd, und es fiel ihr ein, daß sie jetzt zu dem Knecht gehen müsse, und da zitterte sie. Ihre schwarzen, funkelnden Augen sahen zur Tür. »Kannst mich nicht anschaun?« knurrte die Wirtin. »Schämst dich? Geh jetzt zum Hans!« frohlockte sie, »geh nur zum Hans jetzt!« Sie schüttelte den Kopf, daß ihr verwaschenes, rotes Haar in die niedre Stirn fiel. Sie hatte ein gerötetes Gesicht jetzt, ihr Gesicht war jetzt wie ein geröteter, verschrumpfelter Apfel. Die Magd machte einen Schritt zur Tür. Die Wirtin zischte: »Geh!« und die Magd ging.

Sie ging durch die Tür auf den Flur. Der war mit großen gelblichen Steinplatten belegt. In der Ecke hing von der Decke eine alte, eiserne Waage, und sie dachte an die Waage der Gerechtigkeit, von der der Pfarrer oft Sonntags gepredigt hatte. Sie warf einen Blick durch eine gegenüber offenstehende Tür, in einen Kramladen, der auch von der Wirtin geführt wurde, wo Stricke von der Decke hingen und landwirtschaftliches Gerät und Strümpfe und Hosen, wo Gefäße standen voll Zucker und Schnaps in großen, gewölbten Flaschen und Pantoffel und Schuhe und blaue Arbeitsschürzen.

Sie ging über die Treppe und den Gang entlang, und da hüpfte ihr die sechsjährige Tochter entgegen, mit dem roten Haar des Knechts, barfuß, gekleidet wie eine Erwachsene, mit langem Rock und dem engen Mieder, wie eben Bauernkinder aussehen, kleine und ernsthafte Ebenbilder der Großen. Sie wollte auf die Tür zum Knechtzimmer zugehen, da faßte das Kind sie am Rock. »Geh, geh!« sagte die Magd.

Aber das Kind ging nicht, es sah sie von unten herauf an. Der Scheitel im roten Haar des Mädchens war nicht gerade gezogen, das war ihre Schuld, der Magd Schuld. »Geh spieln in den Hof!« befahl sie dem Kind. Das lief jetzt weg. Das Haar war hinten zu einem kleinen Zöpfchen geflochten, stand ab vom mageren Kinderhals.

Und die Magd ging in die Stube des Knechts. Der Hans lag auf einer alten Bank, die mit schwarzem Leder überzogen war. Als sie eintrat, sah er sie mit
einem schnellen Blick an, sah dann wieder weg. Er hatte die Stiefel ausgezogen, an den Füßen trug er rote, wollene, dicke Socken, die Fersen waren bis zur Hälfte der Fußsohle verrutscht. Er lag und sah sie nicht an und atmete ruhig und gelassen. Plötzlich sagte er: »Die Alte hat euch erwischt?« Die Magd nickte.

Es war gegen sieben Uhr des Abends. Draußen war ein hellblauer Himmel, der mit einem großen Stück in das Zimmer hereinsah. Auf dem Tisch lag ein Stück Brot, auf einem blauen Teller ein Stück Geräuchertes, ziemlich fett, das gelbe Fett mit hellrosa Streifen mageren Fleisches durchzogen. An einem Krug lehnte ein Spiegel, ein Stück Spiegelglases, schlecht geschliffen, ohne Rahmen, und in dem Spiegel war Fleisch und Brot noch einmal zu sehen, und die Magd sah nur die Spiegelung an. »Heiraten«, sagte plötzlich der Knecht, »heiraten tu ich dich jetzt nicht mehr.« Er sah sie neugierig an.

Da hinaus also will er, sagte sich die Magd. Wütend schrie sie: »Das sieht dir gleich!«

Der Knecht richtete sich halb auf, griff nach dem Spiegel, sah hinein, strich sich das Haar zurecht, sah sich lange und sorgfältig an, schnitt Fratzen, besah Stirne und Mund und Augen und sagte: »Seh ich denn so dumm aus, daß ich dich jetzt noch heiraten würde?« Schallend lachend ließ er sich auf die Bank zurückfallen und behielt den Spiegel in der Hand und sah immer noch hinein:

»Das sieht dir gleich!« sagte die Magd zitternd und stampfte mit dem Fuß auf. Das Zimmer des Knechts lag gerade über der Wirtsstube, wo unten der Wirt und die Wirtin waren. Die Wirtin hörte den Knall des aufstampfenden Fußes und sagte: »Jetzt redet der Hans mit dem Weibsbild.« Der Major streichelte seinen Schnurrbart und sah nach oben zur Decke. »Also Scheidung«, sagte die Wirtin, und: »Du kannst heut noch gehen, kannst ja gleich gehn, kannst leicht gehn, hast ja nicht viel mitzunehmen. Alles gehört ja mir.« Sie ging in der Stube auf und ab und blieb wieder stehn und horchte beseligt nach oben, wo es wieder wild pochte.

Die Magd hatte gesagt: »Das paßt dir jetzt, dich darauf auszureden«. »Und dir täten zwei Liebhaber passen«, lachte der Knecht. Er lachte über das ganze sommersprossige Gesicht, und seine roten Haare glänzten lustig.

Die Magd setzte sich, schnitt sich ein Stück Brot ab, schnitt sich ein Stück Fleisch ab und begann zu essen. Mit funkelnden Augen sah sie den Knecht an und sagte: »Das wird dir nicht hinausgehen. Da wird dir nichts draus.«

Das Gesicht des Knechts lief mit einemmal blutrot an. »Luder«, schrie er. Das laute Wort hörte man drunten in der Wirtsstube. Man verstand es zwar nicht, aber man hörte es, man hörte, daß es ein böses und grobes Wort war. Der Major wiegte sich in den Hüften. »Horch!« sagte er zu seiner Frau.

Die hielt sich die Ohren zu, steckte die Finger in die Ohren und stand so, daß es aussah, als wären ihr am Kopf hinter den Ohren zwei Eulenflügel gewachsen und sagte nur immer: »Scheidung! geh! Scheidung! geh! geh nur! geh gleich!«

Der Major raffte sich zusammen, riß sich zusammen, richtete sich auf, seine Augen traten noch stärker aus dem Gesicht heraus, die Brust wölbte er vor, gockelig, sein Körper sagte: Ich nehme die Herausforderung an. Seine blutroten Lippen zog er hin und her, schob die Unterlippe vor, biß sich auf die Lippen, spielte mit den Lippen und dann antwortete er: »Gut, ich kann auch gehn! Gut! Lassen wir uns scheiden! Sehr gut!«

Er betrachtete seine Frau lauernd. Jetzt mußte sie erschrecken. Jetzt, da sie sah, es wurde ernst, sie würde ihn verlieren, ihn, den Major! Wie hatte sie ihn geliebt, wie hatte sie ihn angebetet, er riß an seinem Schnurrbart, sah sie herausfordernd an, ging vor ihr durch die Stube, sich wiegend in den Hüften, vornehm, auf seinen zu langen Storchbeinen, auf und ab, stolz wie vor seinem Bataillon, aller Augen auf ihn, ein Herr, ein Offizier.

Aber die Wirtin war in die Küche gegangen. Das merkte er, als er wieder umdrehte am anderen Stubenende, er hörte Teller klappern von nebenan in der Küche und von oben drang Geräusch, drang Stampfen von Stiefeln, dumpfer Schall, hohler Lärm, Geraufe, Prügel oder sonst was. Es kümmerte ihn nicht.

Entschlossenheit! Gehen! Scheidung! sagte sich der Major. Dieses Bauernnest! Er war zu gut dafür! Endlich es verlassen, Grund haben, es zu verlassen, fröhlich drüber sein! Heiter, lustig!

Er packte in einen kleinen Handkoffer das Notwendigste, einen größeren mit dem Rest seiner Wäsche, seiner Kleidung, seiner alten Uniform, konnte er sich nachschicken lassen. Sonst gehörte ihm nichts, kein Möbelstück, alles gehörte der Wirtin. Er nahm den Koffer, und mit einem schnellen Entschluß nahm er seinen Offizierssäbel, der in einem Leinenüberzug steckte, auch mit, so ging er.

Er ging auf der Straße, drüben stand die alte Kirche. »Bauernkirche«, brummte er. Er nahm die Richtung zum Bahnhof, das waren zwei Stunden Wegs. In der Rocktasche trug er achtzig Mark, mehr besaß er nicht, damit konnte er vorläufig leben. Er schlenkerte das kleine Lederköfferchen in der Hand, in der andern trug er den Säbel, benutzte ihn als Spazierstock, stützte sich nicht darauf, aber trug ihn wie einen Stab, berührte sanft den Boden mit der Spitze im Takt seines Ganges.

Vor den Türen standen Leute. »Bauernkerle«, brummte der Major. Er hatte unrecht, es war fast ein Städtchen, es waren fast Bürger, Städter, halbe Bauern nur. Sie grüßten ihn. Der Herr Major fährt heut noch fort, sagten sie sich. Nun taten sich die vielen Hügel auf, einer hinter dem andern. Wälder glänzten, der Himmel war abendblau, abendgrün fast, ein kleiner zierlicher Mond stand drüben über einem Kirchturm, Kirchtürme überall. Der Major schritt fest aus. Er ging so eine Stunde, die Straße war staubig, seine Stiefel waren schon grau, auch die Hose war unten grau. Hier bog die Straße nach rechts ab. Hier ging es zum Bahnhof, hier stand eine Bank, hier setzte sich der Major.

Den Kampf mit dem Leben aufnehmen, diesen Satz wiederholte er sich kampfesmutig immer wieder, dieser Satz gefiel ihm, er flößte ihm Mut und Zuversicht ein. Es wurde dämmerig. Er nahm seinen Säbel aus der Leinwandhülle, zog die Klinge aus der Scheide: den Kampf mit dem Leben aufnehmen! Er machte ein paar Fechtergebärden, nahm Ausfallstellung an, stach, hieb auf einen unsichtbaren Gegner. Mut! sagte er sich.

»Was fällt dieser Frau ein?« brüllte er, »mich so laufen zu lassen, mich?« Er blähte sich, stülpte seine blutroten Lippen vor, die paar gelben schiefen Zähne bleckte er bösartig. »Sie wirds bereuen! Was ist sie ohne mich?«

»Ja, liebt sie mich denn nicht mehr?« fragte er sich. »Unmöglich!« antwortete er sich laut. »Ganz unmöglich!« schrie er. Er steckte den Säbel neben der Bank in den Boden. »Diese Frau liebt mich!«

Er dachte nach. »Sie bereut es wohl jetzt schon. Ist wohl jetzt schon unglücklich.« Er freute sich darüber: »Recht geschieht ihr!«

»Ich aber«, sagte er, »ich nehme jetzt den Kampf mit dem Leben auf.« Das Leben nahm die Form eines großen, sagenhaften Untiers an, elefantenmäßig, ungeheuerlich, mit grinsenden Augen, schleimig triefend das schlappende Maul. Er aber nahm den Kampf mit dem Tier auf, besiegte es.

Was konnte er leisten? Was hatte er gelernt? Wo wollte er unterkommen? Ach, was! Kämpfen und siegen! Er triumphierte.

Aber die weinende Frau zu Hause? Denn natürlich, jetzt hockte sie zu Hause und weinte unaufhörlich, sehnte ihn zurück, konnte ohne ihn nicht sein, fand nicht mehr Gefallen am Leben ohne ihn.

»Zurück!« sagte er. »Nicht zurück!« sagte sein Stolz.

Es war jetzt fast dunkel geworden, die Wälder lagen schwarz um ihn, aber der halbe Mond war klar geschnitten am Himmel.

Und von der Wiese dort erhob sich das geifermäuliges Untier, das Leben, mit dem er kämpfen mußte, das er besiegen mußte, richtete sich auf den krummen Beinen mächtig auf, wandte ihm den Kopf zu, grinste und wartete auf den Angriff des Majors. Er griff nach dem Griff des Säbels, ließ die Waffe aber im Boden stecken.

Unten in einer Wiesenmulde lag ein kleiner Weiher, der schwarz herschimmerte, es war ein Froschteich, und jetzt begannen die Frösche mit ihrem klagenden, unablässig auf und abwimmernden Getön. Das setzte, nachdem es jäh begonnen hatte, nun keinen Augenblick mehr aus. Der Major sah hin und sah natürlich nichts und sah doch, wie unter der Oberfläche hundert der grünen, geblähten Tiere saßen, das Maul am Wasserrand, und bliesen. Er nahm seinen Säbel und ging zum Weiher hinunter. Schwarzgrün war die Wasserfläche, und der Gesang der Frösche schwoll jetzt in der Nähe ungeheuer an. Der Major schlug wütend mit dem Säbel in den Weiher, daß ihm kaltes Wasser ins Gesicht spritzte, der Lärm der Frösche verstummte kurz, aber brüllend, doppelt laut, setzte er gleich wieder ein.

Der Major wußte, wenn er den Abendzug in die Stadt erreichen wollte, durfte er nicht mehr länger zögern. Es war kühl hier am Weiher, der Mond war schon höher gestiegen, sein Ebenbild schwamm im Wasser, und sein Glanz machte die Frösche wohl noch toller, denn sie steigerten, soweit das möglich war, noch ihre dumpfen Rufe.

Der Major zog die Uhr, rechnete, nein, es ging nicht mehr, für den Abendzug wars zu spät geworden, aber es mußte ja doch der Abendzug nicht sein, er hatte ja Zeit, und morgen früh ging ja auch ein Zug ab, in der ersten Frühe, wußte er, da nahm er eben den und blieb vorläufig noch ein wenig hier, in der Gesellschaft der Frösche. Blieb die Nacht über hier, beschloß er, und eine Nacht im Freien, im Mai, er dachte an den Krieg, die war leicht auszuhalten, hier, wo nicht geschossen wurde. Aber klang das gleichmäßige Tönen der Frösche nicht wie das Rumpeln eines fernen Trommelfeuers? Der Major schlüpfte in den Mantel. Am Weiher stand eine Weide, zu deren Füßen setzte er sich ins Gras, legte den blanken Säbel quer über die Knie und
saß so wie Wache haltend.

Der Mond spiegelte sich in der Klinge, und wenn er sie drehte, spritzte es wie Lichterfunken von ihr. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm der Weide, und ein leichter Wind bewegte die Blätter, daß es geheimnisvoll raschelte. Er spähte um sich, Dunst stieg in der Mulde und schleierte sanft. Die Frösche quakten und dröhnten ohne Unterlaß, plapperten in ihrem nassen Gefängnis, und er saß hier als Wächter und Gebieter. Als einer besonders laut schrie, verwies er es ihm, ahmte ihn höhnisch nach, und wie Rede und Antwort ging es hin und her zwischen dem Mann unter der Weide und den unsichtbaren Tieren.

Ich will schlafen hier, dachte der Major, im Sitzen schlafen, das kann man, und er schloß die Augen, aber mit dem Augenschließen war es noch nicht getan, der Schlaf kam nicht. Er rückte unruhig am Boden, spürte unterm Knie die harte Weidenwurzel, die ihn drückte, und auch der Weidenstamm als Kopfstütze war nicht lind.

Kühle hob sich vom Gras auf, Feuchtigkeit hauchte her vom Weiherspiegel, er fröstelte, es schüttelte ihn. Er sah wieder auf die Uhr, im Mondlicht war die Zeit abzulesen, eine halbe Stunde erst saß er und bewachte die Frösche.

Wars nicht klüger, fragte er sich, zum Dorf zurückzugehen, eine Stunde Weg wars ja nur, und eine Nacht noch, eine letzte Nacht noch, in seinem alten Bett zu schlafen, und morgen, beim Tagesgrauen, aufzustehen, zum Morgenzug?

Die Klinge war feucht geworden, er wischte sie am Ärmel ab, steckte sie in die Scheide, schrie die Frösche an mit »Ruhig!« und »Wollt ihr wohl!« und drehte seine Adlernase witternd in die Richtung zum Dorf zurück, hob den Koffer auf und ging auch schon zurück.

Auf der weißen Landstraße ging mit ihm sein langer schwarzer Schatten. Das Geschrei der Frösche war nun schon nicht mehr zu hören, aber der Mond war noch am Himmel, der blau und klar war, mit vielen Sternen besetzt.

Im Schlafzimmer saß die Wirtin, und war unlustig sich zu entkleiden, nur die Schuhe hatte sie abgestreift, saß in Strümpfen am Bettrand, wie ein kleines Schulmädchen saß sie, die unjunge Frau, mit weinerlichem Gesicht, und der Mond sah zu ihr durchs Fenster. Das gelbe Himmelslicht, das den jetzt wandernden Major beschien, beschien auch sie, und es war, als horchte sie auf seine Schritte, die sie doch nicht hören konnte, und dachte an ihn, nur an ihn.

Nun war er also gegangen. Sie hatte ihn fortgeschickt, und ein Mann wie er hatte sich das nicht zweimal sagen lassen und war gegangen, und niemals kam er wieder.

Mit ihren fast wimperlosen Augen blickte die Wirtin auf die Dächer nieder, die vor ihr im Mond lagen, überwölbt von Baumkronen.

Sie hatte dem Major nur gesagt »Geh!«, weil sie es gekitzelt hatte zu erproben, ob er wohl ginge. Er lebte von ihr, und sie hatte fürchten müssen, er habe sie nur geheiratet, weil sie ihm einen Unterschlupf gab, einen seiner nicht würdigen Unterschlupf zwar, aber doch eine Höhle, ein Nest, in dem sich sein ließ.

Aber nun war er stolz aus dem Nest aufgeflogen, mit mächtigen Adlerschwingen, tief unter sich die kleine Welt, zu unbekanntem Ziel. Wo strich er hin, der Unbekümmerte?

Sie weinte. Sie stützte die mageren Ellenbogen auf die Fensterbrüstung und seufzte.

Was hatte sie sich da groß getan mit dem schlechten Dach, das sie ihm bot? So etwas fand er wohl überall wieder, man riß sich wohl um ihn. Undeutlich sah sie Frauenarme sich nach dem Major strecken.

Wenn er also bisher bei ihr geblieben war, dann nicht des bißchen Essens wegen. Sie atmete tief. Ihretwegen war er so lang geblieben: weil er sie liebte!

Sie weinte stoßhaft auf.

In seiner Kammer der Knecht lag und schlief tief. Die Decke hatte er zurückgeschlagen in der warmen Nacht. Sein rotes Gesicht unterm roten Haar hatte einen zufriedenen Ausdruck, und jetzt träumte er, und lächelte, und sagte etwas im Traum, und das Fenster antwortete klimpernd, von einem Lufthauch bewegt. Dann war wieder Stille, und das Atmen des Knechts nur, und der Ton der bewegten Blätter der Bäume.

Und die Magd lag in ihrem Bett und schlief nicht. In einem andern Bett in der Ecke lag das Mädchen, nicht zu sehen, tief in die Polster vergraben. Mit dunklen, funkelnden Augen sah die Magd zur Decke auf. Das mit dem Major, bereute sie es? Das wohl nicht, aber es war dumm gewesen, es zu tun, vor allem, daß die Wirtin dazugekommen war, und nun der Knecht davon wußte. Die Magd setzte sich im Bett auf. Der Mond beschien sie. Was würde nun werden? Die Nacht gab keine Antwort. Sie legte sich nieder, schob das Gesicht höher auf das Kissen, auf einen Platz, der kühl war. »Kommt Zeit, kommt Rat«, sprach sie sich Trost zu. Und vielleicht konnte sie nun auch einschlafen.

Die Wirtin dachte: nun ist er wohl schon an der Bahn, nun steigt er wohl schon in den Zug, nun pfeift der Zug, nun fährt der Zug ab, mein Mann, mein Mann, mein Mann fährt mit und kommt nicht wieder!

Jetzt spürte sie die ganze Größe ihres Verlustes. Allein nun in Zukunft, ihr ganzes Leben allein! Das durfte nicht sein, das war unmöglich, ihm nach!

Sie ging die Treppe hinab, eine Katze drückte sich an der Wand entlang, buckelte verlegen, sprang mit einem lautlosen Satz auf ein Flurfenster. Sie ging über den Flur, an der alten eisernen Waage vorbei. Ihm nach! dachte sie.

Sie dachte es und stieß die Tür auf, und groß vor dem blauschimmernden Hintergrund des Himmels stand der Major und sagte: »Nur noch einmal für diese Nacht.«

Die Wirtin sagte nichts, ging ihm voraus ins gemeinsame Schlafzimmer. Sie entkleideten sich, sahen sich nicht an, redeten kein Wort zueinander und legten sich schlafen.

Als der Major am andern Morgen erwachte, war das Bett neben ihm schon leer. Er blieb lange auf der Bettkante sitzen, zog sich dann an, ging in die Wirtsstube hinunter, wo ihm die Hausmagd den Kaffee brachte wie sonst und immer. Er trank ihn, spreizte vornehm den kleinen Finger ab vom Tassenhenkel.

Nach dem Frühstück, dachte er, mit dem Mittagszug!

Aber er fuhr auch mit dem Mittagszug nicht, blieb, blieb bis zum Abend, und noch eine Nacht, blieb für immer.

Äußerlich war nun alles wieder, wie es immer gewesen war. Die Magd wollte die Wirtin entlassen, zuerst, und den Knecht, sie wollte sie nicht mehr vor Augen haben, aber dann besann sie sich, und sie behielt die beiden im Dienst.

Die Wirtin saß in der Stubenecke, fahlrötlich glänzte ihr Haar, und ihre Augen, die damals zum erstenmal geblitzt hatten, als sie zum Major das Wort »Scheidung« gesprochen hatte, ein stilles Funkeln behielten sie nun ständig. Wie eine Spinne saß sie in der Tiefe des Netzes und beobachtete die drei Fliegen, die rötlich pralle, das war der Knecht, und die schwarzschillernde, das war die Magd, und die sumpfgrün prahlende, das war der Major.

Der Knecht und die Magd heirateten nicht, sie lebten zusammen wie bisher. Und der rothaarige Knecht, der doch auch im Netz saß, spielte mit der Magd sein besonderes Spiel, sein boshaftes Spiel, und die Magd war hilflos, und die Wirtin weidete sich an ihrer Qual, denn die war die wohlverdiente Strafe.

Auf den Major warf der Knecht scheue Blicke, wütende, eifersüchtige manchmal, dann wieder dankbare, daß er es ihm erspart hatte, sich an die Magd fest binden zu müssen.

Die Magd nun und der Major, die drehten sich verlegen umeinander und schämten sich, und die Magd war zornig auf den Major, und oft, wenn er ihr einen Auftrag gab, sah sie ihn stechend an und gehorchte nicht, und wenn der Major aufbegehren wollte und dann grad der Knecht ins Zimmer trat, dann waren sie alle drei stumm und stumm gingen sie in drei Richtungen auseinander, und in der Ecke saß die Wirtin und freute sich.

Saß die kleine Wirtin mit blitzendem Blick und war nun auf einmal die Königin im Haus und herrschte über alle. Anfangs zwar, hie und da, hatte der Major noch den Versuch gemacht, den Stolzen zu spielen, den vornehmen, überlegenen Mann ihr zu zeigen, aber mitten in der schönsten Verbeugung, die er seinen Gästen machte, erschrak er, wurde klein, ging unsicher ab.

Und die Wirtin sah ihm nach. Er ist wiedergekommen! jubelte sie. Draußen im Flur stand der Major gesenkten Blicks: Ich bin wiedergekommen! klagte er.

Sein Schnurrbart hing tief herab. Der Stolze durfte sich nicht mehr zu gut fühlen für seine Umgebung, er durfte sich nicht mehr erheben über sie alle, die um ihn waren, nicht mehr prahlerisch auf sie herabsehen, denn alle wußten nun, und er wußte es nun, daß es nur ein Spiel war, was er gespielt hatte die ganze Zeit, und es spielt sich nicht mehr gut unter solchen Umständen.

Da begann sein Verfall. Er saß stundenlang allein in einer dunklen Ecke und dämmerte vor sich hin. Er hatte früher großen Wert gelegt auf saubere und schöne Kleidung, jetzt fing er an sich zu vernachlässigen. Sein Hemd war blütenweiß gewesen sonst immer, es zeigte braune Flecken jetzt vom Kaffee und rote vom Wein, so unachtsam war er geworden. Täglich hatte er sich früher rasiert, nun standen ihm die Stoppeln struppig am Kinn, tagelang, und es war zu sehen, daß weiße darunter waren. Er trank viel, mehr als je, am frühen Nachmittag schon hatte er den Wein vor sich auf dem Tisch.

Die Wirtin konnte sich ihres wiedergewonnenen Mannes nicht freuen. Er vermied sie, schlich aus der Stube, wenn sie kam, trieb sich viel im Stall herum, saß auf der Futterkiste mit baumelnden Beinen und rief hie und da der Kuh ein Wort zu, die den Kopf nicht zu ihm wendete.

Sein Gesicht wurde gelb, als sei er krank, und er war auch krank, und die Krankheit saß tief, tief innen, spürte er. Wie ein schönes Spielzeug war er, an dessen Feder etwas in Unordnung geraten ist, eine beschädigte Tanzpuppe, die ein paar Bewegungen noch macht, aber dann plötzlich mitten im schönsten Schwung knackend und wie gelähmt stillhält.

Das Haar
wucherte ihm wirr und ungeordnet auf dem Schädel, hing in Strähnen ihm in die Stirn.

Wie ein Adler war er der bewundernden Frau einmal vorgekommen, nun waren ihm die Flügel gestutzt und er hüpfte lahm und ungelenk und kläglich herum.

Es war trübes Wetter in diesen Wochen. Ein gleichmäßig grauer Himmel spannte sich über das Land und Regen, Regen fiel ohne Unterlaß. Es plätscherte und tropfte von allen Dächern, trommelte gegen die Scheiben, es regnete des Abends, man ging zu Bett beim Geräusch des rinnenden Wassers und hörte es noch in Schlaf und Traum und beim Erwachen dröhnte die Regenorgel schallend noch. Der Regen fiel oft lange Stunden dünn und gleichmütig und verstärkte sich plötzlich dann, rauschend brauste es herab, wolkenbruchartig, Wasserfluten stürzten, aber dann ließ seine Gewalt wieder nach, dünner floß er, als sei er ermattet, und manchmal schiens, als versiege er ganz. Aber eben dann begann er mit neuer Kraft zu strömen. Die Kastanie im Hof stand mit schlappen Blättern, aber ihr Grün war leuchtend und üppig geworden, ihre Rinde glänzte feucht, und ihr bekam der lange Regen.

Der Major lehnte unter der Tür zum Hof und sah in den Regen hinaus, und um seine Beine schmeichelte buckelnd die Katze. Er hob das Tier auf, das seinen dicken Katzenkopf zärtlich an seinen Hals drückte, streichelte es, wohlig beganns zu schnurren. Er hielt es fest im Arm, tat ein paar Schritte in den Hof hinaus und stand im Regen. Die Kastanie rauschte wie in langem Selbstgespräch, aber der Major verstand nichts und hörte kopfschüttelnd zu. Er hob das Gesicht zum Baum empor, und der Regen rann ihm übers Gesicht und in den Hals. Die Katze suchte Schutz vor der Nässe, wühlte sich mit dem Kopf unter seine Schulter, preßte sich fest an ihn, sie liebte das Feuchte nicht, wie alle ihresgleichen. Aber das half ihr wenig, der Regen traf sie, sie miaute leise, wurde ungeduldig dann, zappelte und buckelte, schlug zornig mit dem Schwanz und drängte zur Türe. Der Regen wusch ihr das Fell, und der Kopf des Tieres war viel kleiner geworden, weil ihm die nassen Haare so eng anlagen. Es versuchte sich loszureißen, warf sich hin und her, gebrauchte die Krallen, fauchte bös und biß den Major wütend in die Hand. Er sah das Blut, mit Regen vermischtes helles Blut, und das Blut hatte sich auch auf den Katzenkopf hingeschmiert. Da gab er das Tier frei, mit einem Satz war es am Boden stand mit gekrümmtem Rücken einen Augenblick und schoß dann durch die offene Tür ins trockne Haus.

Der Major blieb stehen im Regen, der sich wieder verstärkt hatte. Er fühlte, wie die Nässe ihm durch den Anzug drang, wie ein eiliger, dünner, kalter Wasserfaden den Weg zwischen seine Schulterblätter genommen hatte, ihm über den Rücken lief, als rühre ihn eine eisige Hand an. Das trockene Haus lockte auch ihn, wie es die Katze gelockt hatte. Er tat einen Schritt auf die Tür zu, aber schüttelte verzweifelt den Kopf und blieb. Er war bald gänzlich durchnäßt dann, kein trockener Faden war mehr an ihm, er fror, und einmal durchzuckte ihn wie ein Feuerstoß plötzliche Hitze. Wenn er den Arm schlenkerte, fuhrs tropfensprühend von ihm, wenn er von einem Fuß auf den anderen trat, rührte sich das Wasser in den Stiefeln, aber es mußte ihm hier unter den Güssen des Regens doch wohler sein als im trockenen Haus, denn er verharrte, obwohl ihn der Frost schüttelte, und horchte auf das Plätschern und Wispern der Kastanie.

Drei Tage später und drei Wochen nach dem Tag, an dem er bei dem Froschteich umgekehrt war, ging der Major mit dem Fronleichnamszug, den er sich die Jahre vorher nur vom Fenster seiner Stube aus angesehen hatte. Er ging in Uniform hinter dem Traghimmel, die Offiziersmütze in der Hand, auf der Brust die Orden, den Säbel an der Seite, in der rechten Hand eine brennende Kerze. Die Glocken läuteten, alles sank in die Knie, bekreuzigte sich. Der Wirt, der Major tats auch, er kniete in edler Haltung, wie bei einer Feldmesse, er war das Glanzstück der Prozession. Der Himmel war blau, der Schnurrbart des Soldaten wehte, der Major war häßlich, aber vornehm.

Die Magd sah ihn an und fand das, und die Wirtin sah ihn an und fand das, und der Knecht sah ihn an und fand das, die ganze Gemeinde fand das.

Das Dorf war festlich geschmückt. An allen Haustüren standen junge Birken, schwarzweißgefleckt die Rinde, die grünen Blätter sausten im leichten Wind. Auf den Straßen war Gras gestreut, von den Fenstern hingen rote Tücher, goldgestickt. Aus allen Wirtshäusern roch es nach Bratwürsten.

Der Major ging heim nach Schluß des Umgangs. Der Säbel schaukelte an seiner Seite, die Orden auf seiner Brust schaukelten, die halbniedergebrannte Kerze trug er gesenkt, mit dem schwarzverkohlten Docht nach unten. So ging er ins Haus, durch den Hausgang auf den heißen Hof und über den Hof in den leeren Stall. Er setzte sich auf die Futterkiste, befahl »Stillgesessen!«, nahm die Absätze fest zusammen, sah gerade aus, rührte sich nicht, wie er es sich befohlen hatte.

Er rührte sich nicht, bis eine schwarze Fliege surrend gegen ihn geflogen kam und sich auf der Kiste niederließ, dicht neben ihm. Er bog die Hand, das schwarze Tier zu fangen, aber das summte ein Stück weiter, zum Kistenrand. Der Major rückte nach, nun auf allen Vieren, die Ordenskreuze hingen schräg nach vorn, und mit raschem Zugriff hatte er die Fliege, in seiner hohlen Hand saß sie gefangen, brummte zornig, stürmte, er fühlte es kitzelnd, gegen seine Handfläche, versuchte in die Täler zu entkommen, die seine nebeneinanderliegenden Finger bildeten, stieß heftig in dem schwarzen Turm nach oben.

Der Major saß wieder auf der Kiste, neben ihm lag die Kerze, er hielt die Faust vors Ohr und horchte auf das Rütteln und Rasseln seines Gefangenen, das immer stärker anschwoll.

Und plötzlich verstummte, als er zudrückte.

Er blieb auf der Kiste sitzen den Rest seines Lebens, und dieser Rest war ja nur mehr sehr kurz, und er stand in seinem Leben nur noch einmal auf, um in die Stallecke zu gehen und sich dort davonzumachen. Vorher holte er noch Streichhölzer aus der Hosentasche und entzündete die Fronleichnamskerze noch einmal. Er ließ vom weißen Wachs auf die Kiste tröpfeln, drückte das Kerzenende fest in das allmählich verhärtende Flüssige, so brauchte er keinen Halter, die Kerze stand aufrecht, und die kleine Flamme brannte ruhig und schön und leuchtete ihm.

Sie brannte ruhig und schön noch, als sie ihn hängen fanden, das Kinn auf die Brust gedrückt, eigensinniges Kinn.

Die Wirtin schrie, als sie ihn so sah, die Magd ging nach rückwärts hinaus, ohne einen Blick von dem Toten zu wenden, der Knecht schnitt ihn vom Strick, und die Kerze auszulöschen vergaß man.

Niemand sah, wie dann der Brand entstand, aber es ist wohl kein Zweifel daran erlaubt, daß die sterbende Kerze es war, die vorm Verlöschen das Feuer weitergab. Das mag gequalmt und gewirbelt haben im engen Stall, die Schwaden stiegen und fielen und drängten und schoben sich, und durch das kleine Stallfenster muß der schwarze Rauch gefahren sein, dick und fett und branstig riechend und in wütenden Stößen. Und es muß schön gewesen sein, wie durch die Rauchwolken die gelben Flammen unruhig zuckten, wie das aufgeschüttete Heu in der Ecke prasselnd und funkenwerfend sich aufbäumte, wie das Holz der Balken und der Futterkrippen glühend sich wand.

Aber niemand sah etwas, niemand roch etwas, niemand hörte etwas, weil alles im Haus um den toten Major versammelt war.

Als endlich der Ruf »Feuer!« scholl und man vom Toten weg aufgestört in den Hof lief, saßen die Flammen schon züngelnd am First, und aus den Dachfenstern schlug das Feuer mit zornigen Armen. Der Stall brannte nieder, und die Feuerwehr konnte nur noch erreichen, daß der Brand nicht auf die Nachbargebäude übergriff.

Es war ihr aber nicht möglich, und sie versuchte es auch gar nicht, zu verhindern, daß die Hitze, die von dem Feuer ausstrahlte, die Blätter des Kastanienbaums versengte, auf der Seite wenigstens, die dem Stall zugekehrt war. So war es ein furchtbarer Anblick, den der Baum bot, dessen Krone zur einen Hälfte üppig und grün und in Büscheln wuchernd prahlte, strotzend und in Saft, während zur andern Hälfte die Blätter schwarz verkohlt und von der Glut schrecklich und schmerzlich gekrümmt an den verrußten Zweigen sich noch mühsam hielten.

Das Gespann des Vetters

Der Hofbesitzer und Viehhändler Ignaz Tremoner, ein kleiner, stiernackiger Mann mit rotem Trinkergesicht, das die Augen fast nicht herzeigte, den Augenlosen nannte man ihn darum, ein jähzorniger Mann mit dicken, kurzen Händen, graues schon im schwarzen Haar, friedlos, aufbegehrerisch und händelsuchend, ein lediger Mann und guter Geschäftemacher, von Frauen umseufzt, die er nicht suchte, die sich an ihn drängten, und für die er nur zwischen einem Gelag und einem Handel eine kurze rosige Stunde frei hatte, lag seit über einem Jahr eines Waldstückes wegen mit seinem Vetter Heinrich in einem Rechtsstreit, den der ungenau gefaßte letzte Wille eines gemeinsamen Onkels möglich gemacht, ja geradezu herausgefordert hatte.

Der Streit, unentschieden hin und herschwankend, von den Anwälten listig geführt, durch Einwendungen von vielerlei Art, die immer neue Vernehmungen nötig machten, sich hinziehend, derart, daß es war, das Waldstück, bildlich gesprochen, schwebe auf der Spitze eines aufgerichteten Degens, und wohin es falle, war immer zweifelhaft, und mit aufgehobenen Händen standen Ignaz und Heinrich, jeder hoffend, es fiele ihm zu, der Streit also schien nun durch einen letzten Beweisantrag, den Heinrich anbot, sich zu einem diesem günstigen Ende neigen zu wollen.

Diesen Beweisantrag Heinrichs, den der Augenlose eine boshafte, niederträchtige, falsche und gemeine Einwendung nannte, über die er an vielen Wirtstischen wetterte,
daß sein Gesicht anschwoll, nur mehr eine rote Fleischkugel war, dieser lügnerischen und abscheulichen Einwendung mit einiger Aussicht auf Erfolg entgegenzutreten, hielt schwer, da sie sich auf einen Zeugen stützte, in dessen Gegenwart der tote Erblasser eine für Heinrich günstige mündliche Auslegung seines letzten Willens gegeben haben sollte, und es war nun so weit, hatte achselzuckend und bedauernd der Anwalt dem Ignaz erklärt, daß bei der nächsten Verhandlung dem feindlichen Vetter, wenn er und der Zeuge auf ihrem Wort bestünden, das Waldstück zugesprochen werden würde.

Da verschwor sich der Augenlose, noch vor dieser entscheidenden Verhandlung mit seinem Vetter Heinrich notwendig ein Gespräch führen zu müssen, und es müsse sonderbar zugehen, sagte er, ja, es sei ganz und gar ausgeschlossen, und so schlecht könne kein Mensch auf Erden sein, daß Heinrich es wagen würde, ihm ins Gesicht hinein bei seiner Behauptung zu bleiben, und daß der Zeuge bestochen sei, maulte er, das arme und verkommene Luder, ohne jeden Zweifel bestochen, das liege klar auf der Hand.

Ignaz also setzte sich auf sein Fahrrad, rasch zu seinem Vetter zu kommen, und fuhr an einem wunderlich erregten Märztag, Regenschauer verrauschten und dann brachen Ströme von Licht vom Himmel, zum Hof Heinrichs, wo man ihm sagte, der Bauer sei draußen auf dem Feld beim Eggen. Ignaz wartete nicht auf seine Rückkehr, schwang sich gleich wieder aufs Rad, den Vetter bei der Arbeit aufzusuchen. Das Land lag unter einer grellen Sonne, über einem Hang, auf dem ein paar Bäume mit kahlen Ästen standen, schob sich eine rauchgraue Wolke herauf, die vielleicht Hagel ankündigen mochte, und während Ignaz auf der schmalen, weißen Straße dahinfuhr, fest und glatt war die Straße, daß das Rad sausend ging, brach auf einmal ein Wind los mit kalten Stößen. Er fiel den Radfahrer von der Seite an und tat, als wolle er ihn, der schwer war und kein Federspiel, wie ein Federspiel von der Straße weg samt dem Rad auf die Felder hinauswirbeln. Ignaz lag über der Lenkstange, das Rad stand schräg geneigt, wie Bäume stehn im Wind geneigt, aber die Bäume haben haltende Wurzeln in der Erde, das Rad klebte nur mit den schmalen Reifen auf der glatten Straße, und so trat er sich mühsam voran.

Es wäre besser für ihn gewesen, den Augenlosen, wenn ihn der Wind von der Straße gerissen hätte, besser für ihn, selbst wenn ihn der tobende gegen einen Baum geworfen hätte und es wäre ihm dabei ein Bein gebrochen worden oder eine Rippe oder ein Arm. Aber um den wehrenden Wind als Mahnung zu nehmen, abzustehen von seinem Plan, dafür war sein Herz schon zu verdunkelt, und die Begierde zu groß, dem Vetter Heinrich ins Gesicht zu sehen, und vielleicht wollte er mehr als nur das, klar wußte er das selber nicht, aber seine dumpfe Entschlossenheit war auch auf mehr gerüstet.

Es ließ an diesem sonderbaren Tag auf einmal der Wind nach, hörte dann ganz auf, der bisher so mörderischen Tons durch die Speichen gepfiffen hatte, das Rad schnurrte nun munter und freudig, ein Lichtschwall fiel über die Straße her, dort am Hang sah Ignaz Tremoner seinen Vetter hinter der Egge gehn; seine weißen Hemdärmel glänzten hell. Ignaz bog von der glatten Fahrstraße ab und auf einen sandigen, holperigen Feldweg, er schwankte hin und her auf dem Rad, und stieg ab, als der Vetter in der Richtung seiner Arbeit gerade auf ihn zukam und mit den beiden Pferden dicht vor ihm haltmachte.

Ignaz hatte fest und fest gemeint, daß der Vetter Gesicht gegen Gesicht seine verlogene, lästerliche Einrede nicht wiederholen werde. Nun standen sie Gesicht gegen Gesicht, ja, es waren drei Gesichter gegen seins, die beiden Pferde sahen ihn auch an, schüttelten die Köpfe und sahen ihn mit ihren großen, scheuen Tieraugen auch an, und traten unruhig auf den Beinen, und der Vetter Heinrich mußte sie beschwichtigen, das verteufelte Wetter, das jetzt wieder die Sonne niederstechen ließ, während ein kalter Zug leis herschauerte, machte die braunen Gäule zapplig und sie klirrten im Geschirr. Der Vetter Heinrich aber sagte ruhig, er bleibe bei seiner Aussage, und er habe einen Zeugen dafür, und nachdem er Ignaz mit einem kühlen Blick gemustert hatte, sah er weg von ihm, sah zum Himmel auf, der blau gefleckt war, auch in die grauschwarze Wolkenwand waren blaue flatternde Striche gezeichnet, sah über die Felder hin, die braun und aufgerissen waren, sah die nackten, ästespreizenden Bäume an, nur seinen Vetter Ignaz nicht mehr, der immer hitziger auf ihn einsprach.

Sag das alles vor Gericht! bedeutete er dann dem schreienden Viehhändler. Sag das den Gerichtsherren! sagte er, und laß mich in Ruhe und laß mich arbeiten! So wollte er das Gespräch abbrechen, und begab sich an seinen Platz hinter der Egge und faßte den Griff fest. Daß der Mann da vor ihm nicht von seiner ungerechten Aussage abweichen wollte, ergrimmte den stiernackigen Ignaz, und daß er ihn einfach so stehen lassen wollte, darob wallte ihm sein Blut. Er zitterte, er sah die welligen Hügel im höhnischen Licht tanzen, und die Pferdeköpfe, die nickenden, schienen ihn zu verspotten, und ob er die Waffe immer bei sich trug, ob er sie zu dieser Unterredung eigens mitgenommen hatte – er riß sie aus der Joppentasche, der Augenlose, der er war, er sah sein Schicksal nicht, er taumelte, warf den Körper nach vorn und den Arm gegen den Vetter und vorn am Arm war die Waffe, und der Vetter hob den Arm wie schützend gegen das Gesicht, aber Ignaz schoß, und sah den Vetter im Feuer stürzen mit einem geringen und erschrockenen Wehlaut.

Jetzt riß Ignaz sein Rad hoch, das er auf die Erde hingeworfen hatte, und saß auf und fuhr los, mit aller Kraft seiner Glieder. Er floh, er war auf der Flucht, und da mußte es schnell gehen, und er überlegte nicht, daß es doch noch nicht so weit war, daß doch die Polizei und die Gerechtigkeit noch gar nicht hinter ihm her war, er trat, als könne er sich selber und der Welt und allem was jetzt noch seiner harrte durch rasche Flucht entkommen. Er fuhr blindlings dahin, auf dem holperigen Weg, wie in Feuer eingehüllt, umflammt von den brennenden Schauern seiner Untat, kochend vor Verzweiflung, und er erreichte die glatte Straße und sah nicht um, und es war auf einmal wieder kalt geworden, die Sonne war wieder einmal weg, wie schon oft heut, und dafür war auch schon wieder der Wind da, der ihn von der Seite stark anfiel und ihn von der Straße werfen wollte.

Dann hörte er Pferdegetrappel hinter sich, hart schlugen und wild die Hufe der Pferde die harte Straße, unregelmäßig, wie durchgehende Pferde den Boden schlagen, einen schauderhaften Wirbel, und es wirbelte hinter ihm drein, und die Egge kreischte schrill dazwischen, wenn sie mit den spitzen Stacheln die Straße traf. Das Gespann des Vetters war hinter ihm drein, die Gäule waren scheu geworden vom Knall des Schusses, waren querfeldein gestürmt, hatten die Straße erreicht und liefen nun dem weißen Band der Straße nach, in aufgeregter Flucht, und ihre Flucht war eine hitzige Verfolgung des Mörders. Sie rasselten hinter dem Radfahrer her, die Egge schlug gegen ihre Fesseln, stachelte sie tobend an. Der Wind blies mächtig von der Seite, der Radfahrer kam nur langsam voran, aber die breitbrüstigen Gäule in ihrem Sturmlauf vermochte das Wehen nicht zu hemmen.

Der Augenlose hörte sein Schicksal hinter sich, Schweiß troff ihm übers Gesicht, und der Wind kältete den Schweiß, daß er die kühle Nässe schrecklich empfand, und hätte er Besinnung gehabt, er wäre vom Rad gesprungen und hätte sich von der Straße weg ins Feld geworfen, hätte sich vom Wind, der ihm wieder gut gesinnt war, wie heut schon einmal, ins Feld wehen lassen, aber er hatte keine Besinnung mehr, wie er keine mehr gehabt hatte, als er schoß.

Die Hufschläge waren ganz nah nun, Ignaz Tremoner hörte das Keuchen der Pferdekehlen, das Geklirr hinter ihm schwoll dröhnend an. Dann stieß ihn etwas, er stürzte, das Rad fiel, er hing im Lederzeug der Tiere und wurde so getragen. Schaum der schweißigen Rasenden klatschte ihm ins Gesicht, er sah nichts mehr, der Augenlose, der nie viel gesehen hatte, er krallte sich mit der Hand in eine Pferdemähne, er rutschte, fiel zwischen viele polternde Hufe, der Boden krachte, und den krachenden Hufschlag, der ihm den Schädel zertrümmerte, hörte er nicht mehr.

Das war der Tod, den der Bauer und Viehhändler Ignaz Tremoner zwischen den schlagenden Hufen durchgehender Pferde fand, an einem merkwürdig wetterwendischen Tag, denn als die Gäule kaum über ihn weg waren und er blutig und mit den von den Stacheln der Egge zerfetzten Kleidern auf der Straße lag, schien schon wieder die heiße Märzsonne über dem brauenden, unruhigen Land.

In der alten Zeit, die längst vergangen ist, hätte man sichs als den Eingriff der Götter gedeutet, die des Erschlagenen Pferde mit goldenen, unsichtbaren Peitschen dem Mörder nachstachelten, die heiligen Tiere, dem göttlichen Wort und Wink dienstbar, mit sprühenden Nüstern, die furchtbaren, gehorsam den Oberen wie Blitzschlag und das Beben der Erde und der Berge.

Das Waldstück, um das der Rechtsstreit sich gedreht hatte, der Hof des toten Heinrich und Vermögen und Besitz des Augenlosen fiel dem einzigen Sohn des Heinrich zu, der die zwei braunen Pferde verkaufte an einen Bauern in einer entfernten Landschaft, wo sie noch lange vor dem Pflug gingen und der Egge und dem Wagen.

Die Tischdecke

Es war im Mai 1917, Mitte Mai 1917, wie Männer und Frauen, die damals schon erwachsen waren, sich zu erinnern wissen, war zu dieser Zeit Krieg, war immer noch, immer noch Krieg im alten Europa, wie er es auch rund drei Jahre früher gewesen war und anderthalb Jahre später immer noch sein sollte, immer noch, immer noch. Die damals draußen waren an der Front, unverbesserliche Schönseher, glaubten natürlich nicht daran, damals im Mai 1917
nicht daran, daß der Krieg auch achtzehn Monate später immer noch, immer noch sein würde, aber er dauerte so lange, wissen wir heut, er dauerte noch so lange.

Wir hatten damals schon einiges gelernt im Kriegshandwerk, in den fast drei Jahren, die hinter uns lagen, und sollten noch einiges dazulernen, vier Jahre sind eine lange Lehrzeit, jeder Schneider, jeder Schuster lernt sein Gewerbe nur drei Jahre, dann kann ers: in über vier Jahren lernten wir also allerhand, wurden recht tüchtig, bei Gott, ungewöhnlich tüchtig, und auch damals, im Mai 1917, waren wir keineswegs mehr Lehrlinge in unserm Fach, Gesellen schon zum mindesten, wenn auch vielleicht noch nicht Meister.

Wir lagen vor Arras damals, lagen, das sagt man so, das ist so eine Redensart, ja, des Nachts lagen wir wohl auch einmal ein paar Stunden, auf dicken, harten Bohlen, aber mehr als fünf, sechs Stunden waren wir nicht ausgestreckt, und der Tag hat der Stunden vierundzwanzig, und in den übrigen achtzehn hatten wir zu tun, Posten zu stehen zum Beispiel, oder zu schanzen, oder Essen zu holen, oder Tote zurückzutragen. Es war ja eine unruhige Gegend, damals vor Arras, nicht recht geeignet sich auszuschlafen, wenn man nicht die Toten zu den Schlafenden rechnet, und die schliefen ja wohl sehr tief und sehr gut.

Es gab ein Wort damals, ein Wunderwort, ein Zauberwort, wenn das erklang, dann lächelten einige, die vorn waren, und einige, die hinten waren, die kriegten ernste Gesichter, das wird wohl auf beiden Seiten der Front so gewesen sein, hüben und drüben. Das Wort hieß »Ablösung!«, und wie es auf französisch und englisch und russisch und italienisch und portugiesisch und serbisch und rumänisch und ungarisch und türkisch hieß, das weiß ich nicht. Aber wenn das Wort vorn fiel, in irgendeiner Sprache, so bedeutete es, wir kommen zurück, in Quartiere, vielleicht in Betten sogar, und man kann sich die Schuhe putzen und sich das Kinn glatt schaben. Und wenn das Wort hinten fiel, so bedeutete es: Jetzt gibts bald wieder Stoppelbärte und schmutzige Stiefel, und das Wort erklang täglich, täglich wurden ja hunderttausend Männer an beiden Fronten ausgetauscht, und als nun damals, vor Arras, das Wort »Ablösung!« erklang, waren wir auch recht froh, begreiflicherweise, denn wir waren vorn im Graben, und wußten zudem, so viele gingen nicht zurück, als fünf Tage vorher nach vorn gegangen waren, so war das nun einmal, vor Arras und auch anderswo.

Das Wort »Ablösung« kam also, es kam zu uns, auf einen Zettel hingeschrieben, mit Bleistift hingeschrieben, kam zu mir, zuerst zu mir, in meinen Kompagnieführerunterstand, und ich ließ es rasch weitersagen. Es kam die Nacht dann, mit Sternen am Himmel und dem Mond am Himmel, aber das war nicht das einzige Leuchtende am Himmel, da waren noch Leuchtkugeln, die übertrafen an Glanz weitaus den Mond und die Sterne und übertrumpften schimmernd auch die zuckenden Lichter, welche die Front entlang flammten, Mündungsfeuer war das, und diese kleinen zuckenden Lichter hatten allerhand Lärm im Gefolge, denn nie hat man gehört, daß Granaten lautlos eingeschlagen hätten, es wären denn Blindgänger gewesen, die gabs zwar häufig, aber doch nicht häufig genug, für unseren Geschmack wenigstens und selbst sie polterten ein wenig.

In einer Mainacht also gingen wir zurück, nachdem wir unsere Plätze abgetreten hatten an glattrasierte Leute, deren Stiefel aber schon nicht mehr sauber waren, der zweistündige Vormarsch hatte ihnen rasch die Lust ausgetrieben, den Dreckpfützen auszuweichen, und wir hatten noch weniger Lust dazu, unsere Stiefel waren ja sowieso noch dreckig; so gingen wir zurück in dieser Mainacht, und weil wir die Front mit ihrem Glanz im Rücken hatten, so war bald der Mond das glänzendste Gestirn am Himmel hoch über dem Hinterland, und die Sterne glänzten freundlicher, fanden wir, als selbst die schönen, schwebenden, an Seidensäcken schwebenden französischen Leuchtkugeln.

Hinten erwartete uns ein großer Schuppen, mit Holzpritschen, und zuerst würden wir nun einmal schlafen, und wenn wir erwachten, dann würden wir uns rasieren oder uns rasieren lassen und uns die Stiefel putzen und würden wissen vor allem, daß wir fünf lange ruhige Tage vor uns hatten.

Ich schlief auch in dem großen Schuppen, aber meine Pritsche war durch eine Zeltbahn abgetrennt von den andern, ich schlief so tief und so fest wie meine unrasierten Männer alle, aber während sie nicht geweckt wurden, man ließ sie schlafen, so lang sie wollten, bis tief in den Tag hinein, mich weckte man, es war noch Nacht, als man mich grausam weckte, ich sah auf die Uhr, ich hatte noch keine zwei Stunden geschlafen, mich weckte man und gab mir einen Zettel, auf dem stand zu lesen schon wieder das Wort »Ablösung«, aber das war jetzt ein böses Wort, ich war ja jetzt hinten. Da war nun vorn in eben dem Graben, den ich vor einigen Stunden verlassen hatte, der Führer verwundet worden, und auf dem Zettel stand, ich müsse gleich wieder nach vorn gehen und aushilfsweise die Kompanie übernehmen, für die nächsten fünf Tage.

Wir hatten damals nicht viele Offiziere im Regiment, wir lagen schon an die drei Wochen vor Arras, da liefen jetzt schon viele von uns in der Heimat herum, mit einem Arm in der Binde, wenns noch glimpflich abgegangen war – ja, und da stand also nun der Bote mit dem Zettel von der Befehlsstelle, die von vorn durch den Draht von der Verwundung erfahren hatte, und da schlüpfte ich also wieder in meine dreckigen Stiefel und strich mir übers unrasierte Kinn, daß es raschelte, und weckte meinen Burschen, und eine Viertelstunde später waren wir zwei wieder auf dem Weg nach vorn.

Es war immer noch Nacht, aber der Mond stand nun schon tief, es ging schon gegen Morgen, vorn war es ruhig, wie meistens um diese Stunden, lautlos stiegen die Leuchtkugeln. Als es grau dämmerte, war ich wieder im Graben, es war ein niedriger Graben, so viel konnten wir nicht ausbessern in der Nacht, als uns am Tag wieder zusammengeschossen wurde. Ich ging in meinen Unterstand, der war aber gar kein richtiger Unterstand, kein richtiger in die Erde getriebener Stollen, es war ein kümmerliches Erdloch nur mit einer Balkendecke, vor dem Eingang hing eine Zeltbahn. Ich setzte mich vor das kleine Tischchen in der Ecke, im Mantel, ohne abzuschnallen, den schweren Stahlhelm auf dem Kopf, und schickte nach den Zugführern, um Dienstliches mit ihnen zu besprechen.

Ich war nicht recht heiter, versteht sich, Krieg führen, gut, das mußte sein, meinetwegen, aber auch Ordnung mußte sein, Gerechtigkeit mußte sein, jetzt hätten mir fünf Tage Ruhe gebührt, die hatte man mir genommen, abscheulich gestohlen, so war ich nicht recht heiter, ich war sogar wütend, und aus Wut und Trotz machte ich es mir nicht bequem, nahm den drückenden Helm nicht ab; blieb so, wie ich war, mürrisch sitzen und wartete auf die Zugführer.

Eben jetzt fiel schwaches Granatfeuer auf den Graben, das war nicht schlimm, es mußten kleine Dinger sein, die nahmen wir schon längst nicht mehr so ernst. Grad hatte es neben meiner Erdhöhle eingeschlagen mit einem dumpfen, hohlen Ton. Ich hob die Zeltbahn hoch, im grauen Morgenlicht sah ich aus dem flachen Loch, das die Granate gegraben hatte, bläulichen Rauch wirbeln, da roch es auch schon nach Äpfeln, es war also Gas, die schossen also mit Gasgranaten, wie schon manchesmal. Ich ging in den Graben hinaus, eben kam ein Feldwebel, hatte die Maske schon aus der Büchse genommen und trug sie in der Hand, ich holte die meine auch aus dem Blechbehälter, setzte sie aber noch nicht auf, es war noch nicht nötig. Bald waren die zwei anderen Zugführer auch da, ich beredete, was zu bereden war, um das bißchen Gas kümmerten wir uns wenig. Sie sahen lustig aus, die kleinen, blauwirbelnden Rauchfahnen überall, vor und hinter dem Graben, aber am Schluß unserer Unterhaltung hatten wir doch alle vier die Masken vor dem Gesicht und sprachen in dumpfem Ton, wie Verschwörer.

Dann ebbte das Feuer ab, die Zugführer gingen wieder zu ihren Abschnitten, ich kroch in mein Erdloch, wo mein Bursche auf dem Hartspiritus gerade Kaffee kochte für mich, ein bißchen nach Äpfeln roch es noch, aber der Kaffee roch stärker. Dann deckte er den Tisch, und als Tischdecke nahm er eine Zeitung, die er mit Reißnägeln befestigte, damit sie nicht verrutschte. Ich war schon immer ein ordentlicher Mensch, gewöhnte mir das auch im Schützengraben und in Unterständen nicht ab, hatte diese Art des Tischdeckens meinem Burschen beigebracht, und so war an der Somme und in der Champagne, in Flandern und im Artois und auf den Cötes Lorraines mein Tisch mit Zeitungen gedeckt, denn richtige Tischtücher erlaubten wir uns nur hinten im Ruhequartier und in Unterständen an ganz und gar ruhigen Frontabschnitten, und von einem solchen konnte hier nicht die Rede sein.

Mein Johann brachte mir also den heißen Kaffee im Feldbecher, ich saß und trank in kleinen Schlucken, und las in der aufgespannten Zeitung. Es war eine Nummer einer großen, vielgelesenen, hochangesehenen süddeutschen Zeitung, ich erkannte sie sofort am Satzbild, wir waren eifrige Zeitungsleser damals, und wie ich den Blechbecher gerade wieder am Mund hatte und unter dem Stahlhelm hervor, den ich übellaunig immer noch auf dem Kopf sitzen hatte, die schwarzen Letternkolonnen überspähte, da traute ich, wie man so sagt, meinen Augen nicht, ich schüttelte den Kopf und schloß die Augen und öffnete sie wieder, aber es blieb dabei, da unterm Strich stand mein Name, stand mein Name Georg Britting unter einem Gedicht – und ich hatte doch noch nie ein Wort und eine Zeile an das Blatt geschickt gehabt! Wie hätte ich mich unterstanden, das zu tun! Ich hatte da allerhand glänzende Namen in dem Blatt gefunden, berühmte Dichter waren dort viel zu Gast, deren Namen ich mit scheuer Ehrfurcht las, wie hätte ich es da wagen können mit den Versen, die ich ab und
zu schrieb?

Aus der »Liller Kriegszeitung«, an die ich mich getraut hatte mit meinen Versuchen, mit Erfolg getraut, hatte das große und vornehme Blatt ein Kriegsgedicht von mir übernommen, aus eigenem Antrieb, mit einer schmeichelhaften Vorbemerkung sogar! Nun, das tat mir gut, die Hand, mit der ich den Feldbecher absetzte, zitterte sogar ein wenig, und vielleicht nicht bloß, weil meine Eitelkeit so unerwartet gestreichelt worden war.

Ich nahm den Stahlhelm ab, und war gar nicht mehr so übellaunig, mit dem Taschenmesser löste ich vorsichtig die Reißnägel los, nahm das kostbare Blatt an mich, das von meinem Vorgänger im Unterstand liegengelassen worden war.

Nun hätte ich meinen Burschen tadeln sollen, weil er den kostbaren Textteil, der sorgfältig gelesen werden wollte, als Tischdecke benützt hatte, und nicht den Anzeigenteil, wie ihm oft befohlen worden war. Ich tat es aber nicht, so wenig folgerichtig ist der Mensch, wenn es ihm gerade paßt.

Mein Bursche, mein Johann, er zog zwei Jahre mit mir von Graben zu Graben, wir sahen nicht viel in diesen zwei Jahren, Grabenwände, Unterstände, aber wir lernten manches Nützliche in diesen zwei Jahren, auch in tiefer Nacht, zum Beispiel, englische Flieger von deutschen zu unterscheiden, stets genau zu wissen, wann wieder Vollmond zu sein hatte, gute Kartoffelpuffer zu braten, aber wie man dem Tod entging, das lernte er nicht, das haben viele nicht gelernt, das soll kein Vorwurf gegen ihn sein, er war sehr anstellig sonst.

Das war vor Arras, aber ewig blieben wir dort nicht, die Front war groß, man brauchte uns auch anderswo, und da geschah mir wieder so eine sonderbare Sache mit meiner Zeitungstischdecke. Es war in der Nähe von Comines, ich lag mit der Kompagnie in der zweiten Linie, ich hatte einen hübschen viereckigen Betonklotz für mich, es war im Sommer, heiße Sommertage habe ich in der Erinnerung, im Betonklotz war es kellerkühl. So saß ich den lieben langen Tag vor dem Klotz auf einer Bank, die Betonmauer war heiß wie ein Ofenblech, die flandrische Ebene streckte sich baumlos, strauchlos, rechts von mir flimmerte ein grauer Trümmerhaufen, das war einmal eine Stadt gewesen Comines. Als ich 1914 dort war, war es noch sauber instand, alle Einwohner gingen ihren Geschäften nach, jetzt war es ein Trümmerhaufen, wie gesagt, und die Engländer schossen noch immer hinein, aber zu unserer zweiten Stellung her schossen sie Gott sei Dank gar nicht.

Früher einmal hatten sie schon auch hergeschossen, denn gerade vorm Eingang zu meinem Klotz war ein großer Granattrichter, schon alt, schon ein halbes Jahr alt, das Alter von Granattrichtern zu schätzen hatten wir gelernt, und der Trichter war ganz mit Wasser gefüllt. Das weiß man ja, wenn man in Flandern mit dem Absatz in der Erde herumbohrt, schon kommt auch Wasser, drum bauten wir Betonklötze, weil Unterstände alle ersoffen wären, und hie und da ersoff selbst ein Betonklotz.

Der Trichter vor meinem Klotz also war voll Wasser, und mancher Meldegänger ist hineingefallen in der Nacht, denn ein Warnungslicht aufzustellen verbot sich aus mancherlei Gründen, die Engländer waren ja keineswegs blind, hatten gute Augen sogar.

In dem Trichter hatten Wasserratten einen angenehmen Aufenthalt gefunden und tauchten langschwänzig darin herum. Es wurden ihrer nachgerade zu viele, und nachts suchten sie auch unsere Klötze auf, aßen gern Kommißbrot und Speck, und auch Marmelade verschmähten sie nicht, und manchmal knabberten sie auch einen Schlafenden an, das war nicht beliebt.

So ging ich an diesem heißen Augustnachmittag ein bißchen auf die Jagd, saß bequem auf meiner Bank und schoß mit meiner Armeepistole auf die Geschwänzten und traf auch den einen oder anderen, aber längst nicht alle. So war es, blauer Himmel über mir, die heiße Wand im Rücken, Comines stäubte grau und dunstig in der Ferne, und der Wasserspiegel des Trichters färbte sich ein bißchen hellrot vom Rattenblut.

Da schrie mein Johann aus dem Klotz heraus, daß der Kaffee fertig sei, ich sicherte die Pistole und trat in den Klotz, wo der Tisch gedeckt war, und der Feldbecher stand auf dem Tisch, und auf dem Teller lagen ein paar Marmeladebrote.

Nun muß ich dazwischen hinein sagen, daß wir bis vor einem Vierteljahr einen Oberarzt beim Bataillon gehabt hatten, den Oberarzt Doktor Speel, einen wunderbaren Burschen, der zur Laute das Lied von der schönen Lilofee singen konnte. Der war versetzt worden zum Alpenkorps, und wir hatten noch gestern von ihm gesprochen, daß wir gar nichts von ihm hörten, nicht einen Kartengruß. Niemand sang uns mehr früh um drei Uhr, hinten in der Ruhe, in der Bretterbude, die wir Kasino hießen, niemand sang uns mehr, wenn wir betrunken waren, und im Kasino waren wir häufig betrunken, niemand rührte uns da mehr mit dem Lied von der schönen, armen Lilofee. Andere konnten andere Lieder, auch schöne Lieder, auch gute Lieder, aber der Mann mit dem Lilofeelied ging uns schon sehr ab, der gute Doktor Speel.

Da saß ich nun also in meinem Klotz, die Kerze brannte, der Tisch war mit einer Zeitung bespannt, wie immer, mit dem Anzeigenteil befehlsgemäß. Es waren viele Todesanzeigen da zu sehen, man erinnert sich, wie der Anzeigenteil einer Zeitung damals aussah, ein dickschwarzumrändertes Viereck neben dem anderen, rechts oben in jedem schwarzen Viereck ein dickes, schwarzes Eisernes Kreuz, und so ein schwarzumrändertes Viereck mit einem dicken, schwarzen Eisernen Kreuz rechts oben meldete also, daß der Pionier Karl Frerking gefallen sei.

An den Namen Karl Frerking erinnere ich mich noch gut, noch sehr gut, ich sehe noch das galgenhafte, fette F der Schrift, Frerking, ich kannte ihn nicht, einer der Hunderttausende, und ich kannte kaum hundert um mich herum, Frerking, wie sollte ich ihn kennen, den Pionier?

Es sprang dann mein Blick zum schwarzumränderten Viereck nebenan, zu dem Viereck neben dem Frerkings, und schattenhaft dämmernd war da ein Name da, ich las ihn nicht, sah schnell wieder weg, nein, nein, das wollte ich nicht lesen, das nicht, da sah ich lieber nicht mehr hin, feige wollte ich nicht mehr hinsehen, um etwas zu erfahren, was ich nun doch schon wußte. Ein paar Minuten saß ich so, aber es nützte ja doch nichts, das mußte gelesen sein, und so las ich in dem Viereck neben dem Viereck des Pioniers Frerking – galgenhafter, fetter Buchstabe F! –, daß der Inhaber des Eisernen Kreuzes zweiter und erster Klasse, des bayerischen Militärverdienstordens vierter Klasse und des mecklenburgischen Militärverdienstkreuzes zweiter Klasse, der Oberarzt Doktor Speel, im serbischen Feldzug den Heldentod gefunden hatte.

Ja, das war nun wohl eben so gar nichts Besonderes, er war nur eben auch gefallen, wie viele vor ihm, wie der Pionier Frerking, keines besonderen Aufhebens wert, und es war eigentlich widersinnig und fast komisch, daß mir der so gemeldete Tod erstaunlich nahe ging, denn auch der Zufall, der mir das Blatt mit der Todesmeldung als Tischdecke hergeweht hatte, war nicht so außergewöhnlich merkwürdig, es gab seltsamere Zufälle, und fast muß ich mich entschuldigen, daß ich nun darüber so viele Worte verliere.

Aber, Entschuldigung hin, Entschuldigung her, es war so, der schwarzumränderte Name rührte mich tiefer an, als es das gelbe Totengesicht manches Kameraden tat, das ich, wenn es auf einer braunen Zeltbahn zwischen zwei Stangen an mir vorbeigetragen wurde, mit stiller Sachlichkeit so oft betrachtet hatte.

Und daß der Doktor Speel das Lied von der schönen Lilofee so oft gesungen hatte, nun, das war doch auch nichts so Auszeichnendes, daß ich das Recht gehabt hätte, dem toten Sänger mehr als üblich und billig war, nachzutrauern.

Ich will auch nicht sagen, daß mir der Kaffee nun gar nicht geschmeckt hätte, ich trank den Becher leer, und auch eins der Marmeladebrote aß ich, und in ein zweites biß ich noch hinein, unter der Marmelade war Butter, und die Marmelade saß dünn darauf, und die weiße Butter schimmerte hindurch, da sah der Belag hellrot aus, wie das Rattenblut draußen im Trichter, und dieses zweite Brot legte ich weg.

Die Frankreichfahrt

Die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika war zwölf Jahre nach Beendigung des Weltkrieges mit dem großherzigen und überraschenden Plan hervorgetreten, den Hinterbliebenen gefallener Offiziere und Soldaten eine Freifahrt nach Frankreich zu gewähren, in den besten und teuersten Schiffs- und Eisenbahnklassen natürlich, ihnen durch umsichtige und ortskundige Führer die großen Schlachtfelder zeigen zu lassen und die Gräber der Toten. Im Laufe von zwei oder drei Jahren sollten alle Kriegshinterbliebenen, Witwen, Mütter, Söhne, Töchter und Väter der Gefallenen, gleichviel, ob arm oder reich, als Ehrengäste des großen mächtigen amerikanischen Volkes, das wohl verstand, sich seiner toten Helden in Dankbarkeit zu erinnern, diese Fahrt unternehmen. Die ersten hundert Einladungen waren ergangen, es hatte begreiflicherweise, oder auch erstaunlicherweise, wie man es ansehen mag, niemand abgesagt, nun war das erste Schiff mit seiner Ehrenfracht unterwegs, schwamm schon tagelang auf dem Wasser, morgen mittag sollte es, feierlich empfangen von Kanonenschüssen, wehenden Fahnen und Truppenabordnungen, den französischen Hafen anlaufen.

Zwölf Jahre waren vergangen seit Kriegsende, ein Dutzend Jahre, achtundvierzigmal hatten die Jahreszeiten gewechselt, seit die letzten Schüsse verhallten, das ist eine lange Zeit. Aus Kindern waren Männer geworden, aus blutjungen Mädchen reife Frauen, aus Frauen Greisinnen. Viele hatten ihre Männer geliebt und hatten nach drei Jahren, nach fünf Jahren doch wieder geheiratet, manchen waren auch die zweiten Männer schon wieder gestorben und sie hatten sich zum drittenmal verehelicht und fuhren nun in Begleitung ihres dritten Mannes zum Grabe des ersten.

Anne
Brown, die Offizierswitwe, die diese erste Fahrt mitmachte, dreiunddreißig Jahre alt, groß, blond, schlank, mit einem kühlen Gesicht, saß vor einer Tasse Kaffee und sah hin auf das Gewirr in dem großen Saal, und die Musik spielte, und die Töchter der Gefallenen scherzten mit den Söhnen der Gefallenen, und es war wohl klar, daß das keine Trauerfahrt war, aber eine Freudenfahrt sollte es auch nicht sein, so war es eine gedämpfte Fröhlichkeit, und so kam es vor, daß eine Frau hell auflachte, aber sich dann besann und aus dem lauten Lachen ins leichte Lächeln überging, aber lächeln, das konnte man doch wohl, jetzt, zwölf Jahre nach dem Weltkrieg auf der Erinnerungsfahrt nach Frankreich.

Als Anne ein halbes Jahr mit dem Infanterieleutnant Brown verheiratet gewesen war, hatte er sich freiwillig zur Truppe nach Frankreich gemeldet, wie sich das ziemte für einen Berufsoffizier. Anne hatte James gut verstanden, hatte eingesehen, daß das sein mußte, sie hatte keinen Versuch gemacht, ihn zurückzuhalten, sie hatte, als er ging, nur den Versuch gemacht, ihr kühles Gesicht zu behalten. Der Versuch war mißlungen, aber immerhin, James, ihr Mann, durfte sehen, daß sie, die Beherrschte, unbeherrscht war, wenn es um sein Leben ging; es hatte ihm weh getan wahrscheinlich, sie so aufgelöst vor Schmerz zu sehen, aber tief innen hatte es ihm auch wohl getan, das mußte einem Mann doch gut tun, der ins Feld zog, wenn er sah, wie sehr seine Frau um ihn bangte und alle Fassung verlor, die kühle Anne.

James Brown war ein Mann gewesen, der immer fröhlich war, so obenhin, und immer traurig innen, tief mißtrauisch gegen das Leben, im Bewußtsein, daß alles vergänglich war auf Erden, alles sich wandelte, der darunter litt, daß die Zeit vieles überschwemmte, wegschwemmte, fortwischte und Neues herauftrieb, nicht nur das äußere Gesicht der Menschen änderte und da eine Falte hinlegte und dort einen krummen Zug hinschrieb, auch Gefühle wandelte, neue aufkeimen ließ und aufblühen und wieder abwelken, stets und ständig und immerfort.

So war James gewesen, ihr Mann, der sie liebte und den sie geliebt hatte, und der im großen Glück zu ihr gesagt hatte: »Spürst du sie schon geringer werden, deine Liebe? Änderst du dich schon?« Und sie hatte gelächelt und gesagt: »Nie!«, und er hatte gelächelt und hatte gesagt: »Wer weiß?« und »Wer weiß wie bald?« und »Wenn ich falle, heiratest du einen andern!« und war ins Feld gegangen und nach fünf Tagen von einer deutschen Maschinengewehrkugel getötet worden. So eilig hatte er es gehabt, der Infanterieleutnant James Brown.

Und jetzt, nach zwölf Jahren, fuhr seine Frau Anne, die kühle, beherrschte Frau Anne Brown, als Gast des großen und mächtigen und dankbaren amerikanischen Volkes nach Frankreich, sein Grab zu sehen und den Ort, wo er die Kugel erhalten hatte, und neben ihr saß Arthur, und mit Arthur war sie verlobt, seit einem halben Jahr, und er hatte es nicht gewollt, daß sie nach Frankreich führe, aber sie hatte darauf bestanden, und da war er mitgefahren, auf seine eigenen Kosten natürlich, denn wenn die amerikanische Regierung auch großzügig war in ihrer Dankbarkeit, so weit ging das natürlich doch nicht, daß sie auch noch die Fahrt bezahlt hätte für die Reisebegleiter der Töchter, der Söhne, der Mütter und der Frauen der Gefallenen.

Da saß Arthur neben ihr und war ein wenig bleich und still, und obwohl die See ganz ruhig war, hatte er vielleicht doch die Seekrankheit, dachte Anne, sagte es ihm aber nicht, das wäre nicht gut gewesen und hätte die Wirkung der Krankheit, wenn sie schon im Anzug war, nur gefördert.

Ja, und dann war Anne in Paris und Arthur war nicht bei ihr, denn die Blässe und das Zittern waren auch auf festem Boden nicht von ihm gewichen, und es war also nicht die Seekrankheit, die ihn plagte, die Blässe ging in Röte über, er fieberte, es war die Grippe, ein starker Grippeanfall schüttelte ihn, da blieb er, da mußte er bleiben im Krankenhaus der Hafenstadt, und er sollte Anne wiedersehen in Paris, wenn sein Anfall vorbei war und sie inzwischen die Schlachtfelder gesehen hatte und das Grab ihres Mannes, das gut erhalten war, wie sie wußte, sie hatte ja ein Lichtbild von dem Grab bei Saint-Mihiel, das Rote Kreuz hatte es ihr verschafft.

Ja, da war Anne nun in Paris, ohne Arthur, der ihr fiebrig nachgesehen hatte aus seinem schmalen weißen Krankenhausbett, der, als sie an der Tür gestanden war und sich noch einmal umgesehen hatte nach ihm, ein wenig die Arme nach ihr erhoben und »Anne« gesagt hatte, aber die kühle, beherrschte Anne hatte ihm zugelächelt und hatte »Auf Wiedersehen« gesagt, und war dann abgereist nach der Hauptstadt mit den anderen Kriegerwitwen und Soldatenwaisen und Offiziersmüttern.

Der Empfang in Paris war vorbei, und riesige Kraftwagen fuhren die Gesellschaft nun über die Schlachtfelder. Anne sah die guterhaltenen Schützengräben und das Gewirr der Drahtverhaue vor ihnen, und stieg in alte Unterstände, in denen es modrig roch und in denen Ratten huschten, Ratten, Nachkommen der langgeschwänzten Tiere, die vor zwölf Jahren hier ein schlaraffisches Leben geführt hatten, und die jetzigen hatten es nun viel karger als die damals: so wechseln gute Zeiten mit schlechten, aber alle lassen sich ertragen.

Heut übernachtete die Fahrtgesellschaft in einem alten Städtchen, das dicht hinter der ehemaligen Front lag, und morgen sollte es weiter nach Saint-Mihiel gehen, die Maashöhen entlang, und bei Saint-Mihiel würde Anne ein Grab finden, das sie gut kannte. Sie hatte das Lichtbild ja oft angesehen, und auch jetzt zog sie es heraus und betrachtete es und nahm aus ihrer Tasche auch das Bild ihres toten Mannes, legte beide Bilder vor sich auf den Tisch, sie saß in ihrem Hotelzimmer, und legte den Brief zwischen beide Bilder, den ihr eben das Zimmermädchen gebracht hatte, einen Eilbrief, der aufgedruckt auf dem Umschlag den Namen des Krankenhauses trug, in dem Arthur an seiner Grippe darniederlag, und die Schrift auf dem Umschlag war nicht die Schrift Arthurs.

Sie öffnete den Brief und las, was ihr der Arzt schrieb, und der schrieb, sie möge doch gleich zurückkommen, unverzüglich, der Kranke fiebere stark und verlange unaufhörlich nach ihr, und wenn auch nicht das Schlimmste zu befürchten sei, ernst sei der Fall doch, und er verspreche sich Gutes und die Heilung Beförderndes, wenn sie gleich und auf der Stelle komme.

Anne, die kühle, beherrschte Anne, sagte halblaut zu dem Bild ihres Mannes: »Höre, James, was mir der Doktor da schreibt«, und las ausdrucksvoll und mit guter Betonung den Brief des Arztes vor, und dann fragte sie ihren toten Mann: »Sage, James, soll ich nun gleich hinfahren zu ihm, ohne dein Grab gesehen zu haben?« Der tote Mann in der grauen Uniform lächelte und sah sie an mit seinen Augen, die immer in der Tiefe traurig und hoffnungslos gewesen waren und sagte: »Ich habe nie daran gezweifelt, daß du einen andern heiraten würdest, wenn ich fallen sollte!« Sie wollte schon sagen: »Nie!« wie sie es vor zwölf Jahren am Bahnhof zu ihm gesagt hatte, aber vor seinem Lächeln und seinen Augen mit der hoffnungslosen Überlegenheit unterließ sie es.

Sie trat zum Fenster und sah durchs Fenster auf die dämmerige Straße hinunter, da ging Arm in Arm mit einem Mann die rothaarige Frau, die sie vom Schiff her kannte, und der Mann, der neben ihr ging, war ihr Ehemann, und heute vormittag war die rothaarige Frau durch den Graben gestolpert, in dem ihr erster Mann vor zwölf Jahren sich verblutet hatte. Es war ein Bauchschuß gewesen, wie sie wußte.

Anne schrieb einen Eilbrief an den Krankenhausarzt, schrieb ihm, daß sie morgen zuerst noch das Grab ihres gefallenen Mannes besuchen würde, um dann übermorgen auf dem schnellsten Wege an das Bett ihres Verlobten zu fahren, und trug den Brief selber auf die Post, durch die sommerwarmen Straßen des Städtchens, über das eben der Mond heraufzog.

Am andern Nachmittag, gegen fünf Uhr, stand Anne vor dem Grab, das zu sehen sie die Frankreichfahrt unternommen hatte. Sie stand nicht vor dem Grab, sie kniete vor ihm, sie war ganz allein, den Führer hatte sie weggeschickt, sie kniete und hatte die Hände auf dem Grab, und ihre Tränen flossen und tropften auf das Grab und wurden von der heißen Erde geschluckt. »James!« sagte sie, und wieder holte sie sein Bild aus ihrer Tasche und sah ihn an und sagte: »Du bist tot, James, aber er lebt!«

Ihre Tränen hörten zu fließen auf, und dann legte sie sich ins Gras neben dem Grab, legte sich auf den Rücken, sah in den blauen Himmel, wo gerade über ihr eine kleine, dünne, weiße Wolke war, fast kreisrund von Form, und sie beobachtete, wie das Weiße langsam vom Blauen aufgesogen wurde, wie das Blaue, das neben dem Weißen schwarz wirkte, wie das Schwarze also das Weiße in sich aufnahm, bis zuletzt nichts und gar nichts mehr von dem Weiß da war und sie in ein tiefes, singendes, unermeßlich strudelndes Schwarz starrte, wie in einen Trichter fast, der alles in sich saugt.

So kam es, daß Anne Brown, die dann wieder in Amerika lebte, zwei Gräber in Frankreich hatte. Denn daß Arthur tot war, als sie im Krankenhaus eintraf, konnte man ihr nicht verschweigen, wenn man ihr natürlich auch verschwieg, wie alles gekommen war. Der Kranke nämlich, als man ihn einmal gegen fünf Uhr nachmittags eine Minute lang im Zimmer allein gelassen hatte, der Wärter war gegangen einen kühlenden Trunk für ihn zu holen, war in seinem hitzigen Fieber aus dem Bett gestiegen und zum offenen Fenster getaumelt, wo er in seinem liebenden Wahn wahrscheinlich Anne zu sehen glaubte. Aus dem Fenster, als sei das eine Tür, war er ins Freie, ins Blaue, ins Schwarze getreten. Der Wärter, der wiederkam mit einem Glas in der Hand, sah noch das lange, weiße Hemd wehen, wie bei einem Engel, sagte er, hörte den Kranken mit silberner Stimme »Anne!« rufen, und es sei ein schrecklicher und
atembeklemmender Eindruck gewesen, sagte der Wärter noch, zu sehen, wie das flatternde Weiß verschwand und ein tiefes, dunkles, fast schwarzes Blau den Fensterrahmen füllte.

Das betrogene Fräulein

Wie soll ich diese Geschichte erzählen, die wahr ist, und weil sie wahr ist, ein übles Licht auf uns alle wirft, die wir drin vorkommen, wie soll ich sie erzählen, wie soll ich sie vortragen, daß wir nicht gar zu schlecht abschneiden im Urteil der Braven und Unbescholtenen, die unsre Richter sind?

Im Frühjahr 1916 lagen wir auf den Maashöhen in stark ausgebauten Schützengräben. Es war nicht viel los dort, um diese Zeit, wir schliefen, schrieben Briefe und spielten Schach und Tarock, und unser schlimmster Gegner war nicht der Franzose, sondern der Regen, der Regen, der Regen.

Der fiel seit Wochen, beharrlich und grau von einem niedern grauen Himmel, trübte und verwirrte unsre Herzen, machte uns zu allem Unguten bereit, und ihm muß wohl auch die Schuld zugeschoben werden an dem bösen Plan, den der Leutnant Hinterhauser ausheckte und bei dessen Durchführung wir ihm halfen.

Wenn ich hinzusetze, daß der Leutnant Hinterhauser sich vor dem Krieg auf den Pfarrerberuf vorbereitet hatte, so tu ich das nicht, damit seine üble Tat sich noch schwärzer male, ich sage es, weil es die Wahrheit ist und ich hier die Wahrheit und nichts als die Wahrheit erzählen will. Er hatte übrigens, Hinterhauser, schon manchmal geäußert, daß er zum Pfarrer doch wohl schon verdorben sei, und wir hatten ihm nie widersprochen, und daß er umsatteln werde, nach dem Krieg, aber bis dahin war wohl noch weit, davon zu reden lohnte sich gar nicht.

Der Leutnant Hinterhauser also, als der Krieg ausbrach, Beflissener der Gottesgelehrsamkeit im ersten Jahr, und nun seit fast zwei Jahren Soldat, ein hübscher Kerl mit braunen Backen und gesunden Zähnen, erzählte uns, als wir vier Offiziere der Kompanie im Unterstand zusammen saßen, daß er im letzten Urlaub ein weibliches Wesen mit allerhand Reizen kennengelernt habe, das ihm half, die Heimattage, die wenigen, angenehm zu verbringen. Zwar habe er das Fräulein in gutem Andenken behalten, in sehr gutem sogar, aber mit allzu heftigen und dringenden und verliebten Briefen habe es sich an ihn gedrängt, habe zu schwärmen begonnen vom nächsten Zusammensein, und wie sie das genießen und auskosten wollten, und er, nun er, mit ihm stünde es anders, er habe gar nicht die Absicht, die Liebende wieder zu sehen, weil er, ganz einfach, genug von ihr habe, und darum habe er lange darüber nachgesonnen, wie er der Stürmischen sich so entledigen könne, daß ein dicker Schlußpunkt ein- und für allemal das Ende bringe.

In seiner Not, erzählte er uns, habe er zu einem Mittel gegriffen, das er selber verwerflich, abscheulich, wie vom Teufel ihm eingegeben nennen müsse: er habe dem Fräulein durch seinen Burschen schreiben lassen, daß er bei einer gewaltsamen Erkundung vor dem feindlichen Drahtverhau tot liegengeblieben sei. Er habe seinem Burschen Karl den Brief selber in die Feder vorgesprochen, einen langen und trübseligen Brief, und für das Fräulein sei er nun tot und seit Wochen schon begraben.

Ein wenig gruselte es uns, als wir in das braunbäckige Gesicht Hinterhausers sahen, der für irgend jemanden da draußen tot war und hier saß und rauchte und uns beichtete. Wir waren alle alte Soldaten, allerhand gewöhnt, vieles gewöhnt, aber es gruselte uns doch ein wenig, wenn wir es auch nicht merken ließen.

»Ja«, sagte Hinterhauser, »aber damit beruhigte sich das Fräulein keineswegs.« Es nahm, erzählte er, einen Briefwechsel mit Karl, seinem Burschen, auf, schrieb jammernde Briefe, daß es einen erbarmen konnte, erkundigte sich mit tausend Fragen, wo sein Herr begraben liege, wie die Art seiner Verwundung und ob er gleich tot gewesen sei? Wie seine letzten Worte gelautet hätten, wollte die Trauernde wissen, nach jeder Einzelheit habe sie gierig und unermüdlich geforscht, als könnte das ihrem armen Herzen ein wenig Trost bringen.

Und Hinterhauser, verstrickt in sein Lügengewebe, gab eine eingehende Schilderung seines eigenen Todes, erfand rührende letzte Worte, erzählte er uns, die sich seiner zerschossenen Brust entrungen hätten, und Karl, der geduldige Bursche, schrieb alles, wie es sein frevelnder Herr wollte.

Aber das Fräulein, ein hartnäckiges Wesen, war immer noch nicht zufrieden. Es schickte dem Burschen Wurst und Schnaps und wollene Unterwäsche allwöchentlich und fragte und forschte und bohrte, und schrie nach einem Andenken an den Toten, nach einem Ding, das er im täglichen Gebrauch gehabt habe, nach seinem Taschenmesser zum Beispiel, das es damals, in den verflossenen Urlaubstagen, bei ihm gesehen hatte.

Und Hinterhauser kaufte sich beim Marketender ein neues Messer und schickte das alte durch seinen Burschen dem Fräulein, dessen rührende Liebe zu dem Toten zu beobachten ihm eine aus Freude und Scham gemischte Aufregung bereitete.

»Und wahrhaftig«, sagte Hinterhauser, »wenn ich mich traute, dem Fräulein jetzt zu sagen, daß ich noch lebe, wenn ich den Mut hätte, es in meine Karten schauen zu lassen, wenn ich mich nicht so schämte, alles aufzudecken – jetzt hätt ich wahrhaftig Lust, das treue Wesen wieder zu sehen, aber, nicht wahr, jetzt kann das alles nicht mehr sein!«

Im Unterstand brannte nur eine einzige Kerze, wir tranken heißen Kaffee aus unseren Feldbechern, und Hinterhauser sah von einem zum andern und versuchte die Geschichte wie eine lustige Geschichte zu erzählen, aber obwohl wir ihm gern den Gefallen getan hätten, konnten wir nicht recht lachen.

»Ja«, sagte Hinterhauser, »aber sie gibt noch immer nicht Ruhe, gibt keine Ruhe. Es ist toll, was sie jetzt will!«

Die Franzosen hatten eine Mine herübergeschickt, das taten sie manchmal nachmittags, täppisch scherzend, eine einzige Mine, die war in der Nähe unseres Unterstandes niedergegangen, es rieselte hinter den Holzbohlen, und die Kerze verlöschte von dem Luftdruck.

Wir saßen im Dunkeln, und Hinterhauser sagte schnell aus dem schützenden Finstern heraus: »Sie will ein Bild von meinem Grab!« Ich zündete das Licht wieder an.

»Ja«, sagte er, »ich hab mir hinten in der Feldtischlerei Farbe und Pinsel verschafft, hab nun hier meinen Namen drauf gemalt«, und er zog aus der Tasche eine kleine, runde Blechtafel, drauf stand zu lesen:

Hier ruht der
Lt. d. R. Hinterhauser, xtes Infanterieregiment
Gefallen am 21. Februar 1916.

»Du hast so einen Kasten«, sagte Hinterhauser zu mir. »Jetzt gehn wir auf den Friedhof hinter unsrer zweiten Stellung, da nagle ich die Tafel auf ein Holzkreuz, und du knipst mein Grab!«

Wir kletterten hinter ihm aus dem Unterstand, es war am Nachmittag um vier Uhr, ein grauer Märzhimmel war über uns, es war kalt, aber es regnete gerade nicht, und die Posten standen gelangweilt in ihren Nischen. Die Kompanie vertrauten wir dem ältesten Feldwebel an und gingen im Gänsemarsch durch den Kampfgraben, gingen ein Stück den Laufgraben zurück, dann kam Wald. Wir stiegen aus dem Graben, gingen ein Stück in den Wald hinein, lautlos über das feuchte Moos, zu dem Friedhof, den die Preußen angelegt hatten, zu dem Waldfriedhof mit den schiefen Kreuzen.

Hinterhauser nagelte sein Täfelchen auf das Kreuz eines noch ganz gut erhaltenen Grabes, es schallten seine Hammerschläge durch den Wald, und ich nahm meinen schwarzen Kasten und drückte ab, während die andern verlegen lächelnd beisammen standen.

So war es, so taten wir an diesem grauen Märztag, es war nicht schön, wir zitterten, das war der kalte Wind, was sonst?

An dem Abend begann es wieder zu regnen, es hatte wohl zu lange ausgesetzt gehabt, denn es troff und schäumte mit verdoppelter Stärke vom Himmel. Wir saßen wieder um den Ofen herum, tranken viel und mehr als sonst, aber es blieb doch ungemütlich, und ich konnte mich wehren, wie ich wollte, ich sah immer wieder ein Gesicht mit braunen Backen sich verwischen, verformen, verrutschen, das Fleisch zerschmolz, die gesunden Zähne blieben, und dann war das wie ein Totenschädel, was über dem Kragen Hinterhausers saß und mich freundlich anfletschte.

Ich ging übrigens den Tag darauf wieder zum Friedhof zurück und nahm Hinterhausers Täfelchen vom Kreuz, damit die ursprüngliche Inschrift, die den Musketier X. als gefallen meldete, wieder die Wahrheit sprechen konnte. Das, schien mir, war ich dem Musketier X. wohl schuldig, der ein wackrer Mann gewesen sein mußte, denn er war gefallen, und das ist schon eine Sache, die Achtung einflößt – und unbesehen darf man solch einen Mann wacker nennen.

Es hat in diesem Krieg, den den Weltkrieg zu nennen man übereingekommen ist, auf deutscher Seite an die zwei Millionen Tote gegeben, und als man das am Kriegsende übersah, war auch Hinterhauser unter ihnen.

Er war unter ihnen, war gefallen wie eben viele fielen in diesem Weltkrieg – wie müßte man sich denn auch benehmen, was sollte man denn auch davon halten, was sollte man denn auch mit sich anfangen, wenn sein Tod mehr und ein anderer gewesen wäre als der übliche und häufige und billige und kostbare und blutige und wackere Soldatentod?

Und schließlich steht auf einem solchen, wenn auch unpassenden Spaß doch nicht die Todesstrafe, doch auch nicht für einen zukünftigen Pfarrer, wenn es sich auch für einen solchen schon gleich gar nicht schickt, so zu spaßen, und, wie gesagt, da waren ja noch zwei Millionen Tote, die nicht so übel gescherzt hatten und doch dran glauben mußten, die Verluste der Feinde gar nicht eingerechnet.

Die Trauer des betrogenen Fräuleins, wenn sie bei Kriegsende noch anhielt, hartnäckig wie die Liebende war, ist das vielleicht anzunehmen, bezog sich zuletzt also doch auf einen toten Mann und war im tiefsten nun berechtigt und in ihrer Würde wieder hergestellt
worden. Das Grab, dessen Bild die Treue auf ihrer Kommode stehen hatte, blumenbekränzt, unterschied sich wenig von dem, in dem der Geliebte wirklich lag. Das bißchen Unterschied spielt da keine Rolle.

Ich aber, Hinterhausers Mitschuldiger, bin ungestraft geblieben und lebe noch, und wenn ich an jene Monate zurückdenke, habe ich nur Regen, Regen, Regen in Erinnerung, der uns wusch in vielen Tagen und Nächten, wohl auch jene Schuld abwusch von uns, so daß ich mir diese Geschichte zu erzählen traue und zu hoffen wage, daß wir nicht gar zu schlecht abschneiden im Urteil der Braven und Unbescholtenen, die unsre Richter sind.

 

Editionsnotiz

für die Prosabände 7 bis 16.

Als Druckvorlage diente diesen Bänden die Ausgabe »Georg Britting – Gesamtausgabe in Einzelbänden« der Nymphenburger Verlagshandlung, München.

Zu den Bänden 13, 14 und 16:

Diese Bände enthalten die Beiträge des Bandes „Anfang und Ende“ der zuvor genannten Ausgabe, der nach dem Tod von Britting im Jahr 1964 erschien und folgende Nachbemerkung enthält: Mit diesem Band ist die Gesamtausgabe der Werke Brittings abgeschlossen.

Sechs Bände sind vom Dichter in den Jahren 1957 bis 1961 noch selbst redigiert worden, sozusagen als Ausgabe letzter Hand. 1965 erschienen und dem Titel »Der unverstörte Kalender« [Band 6 unserer Ausgabe] zunächst die Gedichte aus dem Nachlaß. Nunmehr wird der erzählerische und dramatische Nachlaß Brittings in Buchform zusammengefaßt. Wie schon der letzte Gedichtband, enthält er Werke aus allen Schaffensperioden: zunächst Erzählungen, sodann Bilder, Skizzen und Feuilletons, [unser Band 13] die Britting bisher in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht hatte, das Fragment eines größeren erzählerischen Werkes aus der Spätzeit, »Eglseder« [unser Band 16] und schließlich drei dramatische Arbeiten aus den zwanziger Jahren. [Unser geplanter Band 14] Das dichterische Werk Georg Brittings liegt damit, abgesehen von einigen wenigen peripheren Arbeiten, in acht Bänden vollständig vor.

Ausführlichere Informationen unter: www.britting.de

 

Impressum

Band 8
Hrsg. von Ingeborg Schuldt-Britting

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Informationen über den Dichter und sein Werk in www.britting.de.

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© 2008 Georg-Britting-Stiftung
83101 Höhenmoos
Wendelsteinstraße 3
Satz u. Layout: Hans-Joachim Schuldt
Made in Germany
Gedruckte Taschenbuchausgabe:
ISBN 978-3-9812360-0-2 (Sämtliche Werke – Prosa)
ISBN 978-3-9812360-2-6 (Das treue Eheweib)