Bd. 5 – Unter hohen Bäumen

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Anhang

Drucknachweise und Anmerkungen

Auf der oberen schwarzen Leiste des Verzeichnises der Gedichte auf „nach Bänden sortiert“ klicken. Sie erhalten die Inhaltsverzeichnisse je Band und in der rechten Spalte die verlinkte Seitennummer zu den „Drucknachweisen und Anmerkungen“.

Gedichte

Früh im Jahr

Die Äste sind schwarz
Und das Licht ist schmächtig –
Woran erkennst du den
Frühling?

Die Luft ist trächtig,
Trägt Hauch und Gerüche.
Kocht schon in der Küche,
Im felsigen Hohlraum
Die alte Frau Mutter?

Wind sagt seine Sprüche,
Die stößig gekürzten,
Dem Schweigen ins Ohr.

Felsen, was flennst du
Duftende Tränen?
Was soll dein Gähnen,
Sumpfloch im Moor?
Wind, und das nennst du schon
Ahnung und Frühling,
Weil in der Küche,
Im felsigen Tief,
Der Alten, der Mutter
Ein Topf überlief,
Mit Sud vom Gewürzten?

Frühling im Alpenvorland

Nun erblühen schon die Weidenzweige
Und der Mond war gestern rot umraucht
Und im Wald die aufgetauten Steige
Warten darauf, daß man sie gebraucht.

Dieses Licht! Wer fände leicht die Worte,
So es zu benennen, wie es ist?
Bergher kommts! Vom hochgelegnen Orte!
Schön zu sehen, wie es abwärts fließt,

Wie das Wasser rinnt aus einer Quelle,
Ihr vertrauend, stetig, ohne Hast,
Bis im Tal die letzte finstre Stelle
Hell wie Gold wird. Diese schämt sich fast.

Den März erwartend

Der März bringt den Frühling, den warmen Wind,
Und wenn auch die Fenster gefroren sind,
Bald tauen und tropfen sie alle,
Und wo jetzt der schwärzliche Schnee noch liegt,
Wirds sein, daß sich zitternd im Windhauch biegt
Das Gras in der Buchenwaldhalle.

Dann ist es so weit, und dann kommt der Tag,
An dem auch das Veilchen sich rühren mag,
Im nassen Moose, noch schüchtern.
Das wird wie im trunkenen Rausch nicht sein:
So ist nicht der März, selbst sein Sonnenschein
Ist rauschig nicht, nein, er ist nüchtern.

Und probt dann ein Vogel den ersten Ton,
Staunt über sich selber und fliegt davon,
Erschauert der Himmel, als schäm er
Der prahlenden, hellblauen Farbe sich,
Ganz nackt, wie er glänzt, ohne Wolkenstrich –
Ja, so wird der März sein, o käm er!

Märzschnee

Der duftende Schnee,
Märzschnee,
Er ist wie
Frisch gewaschenes Linnen,
Und wie Mädchenbrüste,
Die sich zieren in ihrer Blöße,
Sind die Maulwurfshügel
Im Feld.

Weithin der Glanz,
Wie porzellanen,
Weiß und zerbrechlich,
Dünnwandig
Wie kostbars Geschirr –
Aber die Schatten
Sind bläulich
Des Wegrands im Mondlicht.

Märzempfindung

Der März ist wie ein kühles Haus,
Du schauderst in seiner Frische,
Und möchtest doch nicht aus ihm hinaus,
Bleibst sitzen am Veilchentische.

Die Reinlichkeit lobe, die Kälte,
Den Frühduft, den Abendhauch,
Und lobe es auch,
Daß man dir Veilchen hinstellte!

Alt-neue Freudigkeit

Die Pappel steht. Man sieht es ihr nicht an,
Daß sie den Frühling spürt, und wie er tut!
Ein bißchen Grün ists, was sie zeigen kann.
Unsichtbar steigt in ihr das junge Blut.

Die Wolke geht. Ihr sieht mans eher an,
Daß sie es fühlt: nun rührt es sich mit Fleiß!
Weiß weht sie hin. Man denkt an einen Schwan
Auf blauem See – zerschmolzen ist sein Eis!

Es schmolz vor kurzem erst. Wer denkt noch dran?
So schnell ist das Vergessen? O der Zeit!
Nun streicht ein neuer Wind an uns heran.
Ein neuer der? Alt-neue Freudigkeit,

Die kommt und geht! Und schau die Pappel an!
Im Vorjahr war es mit ihr ebenso:
Erst kahl im März! Dann laubig! Und ein Mann!
Im grünen Kornhalm wispert schon das Stroh!

Beim wachsenden Mond

Der Frühling will kommen –
Wer jung ist, der spürts!
Die Wolken schwimmen
Treuherzig im Blau.

In der Nacht zwar, da frierts,
Doch früh geht ein Wind,
Der rührt dir die Brust,
Wie dus nicht mehr gewohnt.

Beim wachsenden Mond
Da dehnt sich die Welt
Wie das Ei in der Haut.

Wie die Sonne schon sticht!
Sie ist rund und aus Gold,
Hat ein Frauengesicht.

Wer es anschaut,
Und ist nicht verführt,
Ist schwarz wie das Kraut,
Das der Gärtner am Zaun,
Unter Singen, mit Schwung,
Wirft zu Abfall und Dung.

Süß lacht da die Frau
Und tut einen goldnen Sprung
Höher ins Blau.

Veilchen

Wo die Veilchen stehn
Im ersten Gras –
Im Vorübergehn
Siehst du das:

Eine alte Frau,
Die sich zu ihnen bückt,
Und sich eines pflückt,
An die Brust sich steckt
Das junge Blau.

Und die Frau erschrickt,
Als hätte sie getan,
Was sich nicht für sie schickt,
Als gäbs für Blumenraub
Nur eben eine Zeit:

Die Zeit im Mädchenkleid,
Da Brust an Brust sich drückt –
(Nun wird sie rot) –

Als sei für Veilchen das,
Und ihnen vorbestimmt,
Der schönste Tod.

Wie trifft es dein Herz!

Immer ist von den Veilchen die Rede,
Die der blaue Frühling bringt,
Und nicht von den Gräsern, die der späte
Donauwind in einander verschlingt
Im März.

Kelche, o, blasse, entblühen dem Rasen –
Wie trifft es dein Herz!
Und die ersten mageren Bienen
Suchen nach ihnen und blasen
Ihren Gesang noch ganz still,
Anfang April.

Dann wird es lauter,
Dann strotzt es im Licht.
Grün rauschen die Bäume,
Die Wasser an schwellenden Ufern vorbei.
Hell tönt das Geschrei
Der Sumpfdotterblumen
Im Donaudickicht
Im Mai.

Blauer Osterhimmel

Es schlafen die Stürme.
Der Winter war rauh.
Nun glänzen die Türme
Im Morgenglück.

Der Sommer will kommen,
Mit Grün und mit Blau
Und dem schmetternden Schwarz der Gewitter.

Er tut, der goldene Ritter,
Stück für Stück seine Rüstung jetzt an:
Von seinem Brustharnisch das liebliche Blau
Zeigt sich zu Ostern am Himmel.

Wo war das im Winter verborgen?

Wo war das im Winter verborgen?
Nun rötet sich manches geschwind,
Und die Veilchen machen sich Sorgen,
Ob sie auch blau genug sind.

Im Winter war alles weiß,
Die Flüsse lagen im Eis,
Weiher und Wasserfall.

Nun rennen die Flüsse so schnell wie der Wind,
Und der Wasserfall schwätzt wie ein Kind.

Woher kommt das flammende Rot?
Das Lodern der Nessel am Pfad?
Warum schlägt der Pfau nun sein Rad?
Sie folgen all einem Gebot.
Aber wer sprach es aus?

Bald ist dein Haus nun im Grünen begraben,
Und deine Knaben
Stürmen mit Fäusten voll Blumen zu Tisch.
Hörst aus dem Laube den Vogelschall dringen,
Süß gurrt die Taube,
Und nur den Raben bringt niemand zum Singen,
Stumm schwimmt der Fisch.

Kalender

Im Mai, da blüht der Flieder,
Schön violett und rot und weiß.
Der Storch kam längst schon wieder,
Und auch die Blume Ehrenpreis.

Nun schüttelt sein Gefieder
Der liederliche Kuckuck schon,
Der Wald singt grüne Lieder
Und singend eilt der Bach davon.

Du brauchst nicht lang zu warten:
Der Juli kommt, bunt wie ein Pfau,
August dehnt sich im Garten
Wie eine reife, nackte Frau.

September und Oktober,
Die haben Runzeln im Gesicht:
Der Dichter ist ein Lober,
Und lobt sie dennoch im Gedicht!

Dann kommt der weiße Winter,
Mit Eis und Schnee, wies immer war,
Und sein wird, und dahinter
Blickt tröstlich her der Februar.

Dann wieder März, und wieder,
Schon wieder kommt der liebe Mai,
Und wieder blüht der Flieder
Und tönt im Wald der Kuckucksschrei.

Der Regen fällt. Gewitter
Erbauen sich die Purpurwand.
Dann donnert es. Und bitter
Nach Schlaf und Mohn riecht rings das Land.

Bei Nacht sehen die Sterne,
Die Venus, rot, der Jupiter,
Gleichgültig aus der Ferne
Auf unseren Kalender her.

Und der hat nie ein Ende.
Du stirbst. Es wird ein Kind geborn.
Und hinter jeder Wende
Beginnt das Jahr von vorn.

Der wilde April

Weh, der Narr, der wilde April! Aufs neue
Regen, Schnee und wirbelndes Eis und Windstoß
Bringt er. Veilchenäugig dazwischen leuchtet
Himmlische Bläue.

Einen Tag lang tut er wie Sommer. Kinder
Singen, und am Waldrand die Steine glänzen
Goldhell. Aber schmächtigen Glauben höhnend
Krächzt er schnell: Winter!

Unbeständig spielt der Gesell und seine
Laune. Warte! Sei wie ein Kind nicht! Bald sind
Mai und Juni. Wochenlang glühn dann Wälder,
Wiesen und Steine.

Pfingstmorgen

Der Garten, er spürt,
Daß es Sommer wird,
Und die Espen rührt
Kein Hauch eines Winds.

Das Wasser, wie rinnts
In das steinerne Rund –
Und klirrt
Wie Geschmeid
Auf der atmenden Brust
Einer Jungfrau,
Daß die Pfingstrose, weibschön,
Im bäurischen Kleid,
Beim Spottschrei des Kuckucks errötet!

Wie vorgeschirrt
Mit goldenen Fäden
Der Honigfuhre
Brummt es vorbei:
Die Bienen sinds!
Sind die Wespen!

Weg durchs Moor

Den Weg durchs Moor zu gehn,
Wo fern die Berge stehn,
Durchs braune Moor zu gehn,
Wo Torf gestochen wird,
Durch Schilf und Rohr zu gehn,
Wo Tümpel glänzen …

Klein auf dem Hügel sitzt,
Wie eine Schnecke schier,
Die Bauernkirche.
Über das Moor her kommt,
An einem Strick den Stier,
Der Metzgerbursch.

In den Furchen liegt
Der letzte Schnee,
Und am Himmel fliegt
Die weiße Wolke.

Im Tümpel spiegeln sich,
Und
sind voll Übermut,
Weil sie die ersten sind,
Die Schlüsselblumen.

Es rührt der Frosch sich schon,
Der grüne Strolch.
Durchs Kraut hin eilt davon
Der Feuermolch,
Es stach ein Blatt nach ihm
Grad wie ein Dolch.

Mit runden Augen schaut
Der Stier uns an.
Es rückt am Hut
Und sagt: Grüß Gott!
Der Metzgerbursch,
Und treibt mit Hüh und Hott
Das Tier dann an.
Dem gehts nicht gut, denkt man,
Was nützt ihm Horn und Mut?
Bald rinnt sein Blut.

Am Walde steht, ganz vorn,
Wo er das Moor erreicht,
Wie Silber ausgebleicht
Die morsche Hütte.
Die Lerche steigt so leicht,
Und singt ihr Lied dabei,
Nach Lerchensitte.
Wie schlafend liegt das Land,
Blauhimmelüberspannt,
Im müden Frühling.

Unruhe

Immer wieder
Blühn die Gärten,
Singen Vögel
Ihre Lieder,
Jedes Jahr.

Und die Sterne
Stehn am Himmel,
Weiß und prächtig,
Und die Ferne
Tut wie Gold sich
Mächtig auf.

Wär der goldne
Mond nicht über
Deinem Vogelgarten,
Über deinem
Stillen Haus,
Hieltest du das
Lange Warten
Nicht mehr aus.

Bei den Tempeln von Paestum

Hier läßt sichs atmen. Und hier stirbt sichs leicht.
Die weißen Ochsen tragen ihr Gehörn.
Der Falke jagt im dunklen Himmel.
Die Tempel stehen still erhaben da.

Es blüht der Löwenzahn, grad wie bei uns,
Mit goldner Farbe und in großer Zahl.
Die Götter mögen auch den Löwenzahn?
In Bayern steht er so auf jeder Wiese.

Mein Schatten wirft sich schwarz.
Und Schatten, Himmel und der Löwenzahn
Sind wie bei uns.

Die Tempel sind mir gar nicht fremd.
Sie stehen still erhaben da.
Hier läßt sichs atmen,
Und hier stirbt sichs leicht –
So denkt das Herz,
Und hört der Säulen weißes Wort
Im leichten Wind
Wie Zitherspiel am Tegernsee.

In der ersten Frühe

Es weht
Mit grauen, glänzenden Lüften.
Im Garten steht
Ein nackter Knabe mit rosigen Hüften,
Eine Blume im Haar überm Ohr.
Er bricht
Das nachttautriefende Rohr.
Seine silberne Stimme spricht:
Licht!

Mond überm Fluß

Nebel schickt der Fluß herauf.
Wallend dreht sich das Gewölk
Und still empor.

Dunkel glühend schwelt das Rund
Des Monds wie Feuersbrunst.
Wie Rauch stößt er aus seinem Mund
Blutroten Dunst.

Dann tritt er glänzend aus dem Qualm hervor,
Und immer höher hebt er sich hinauf.
Bald überm Nebelziehen schwebt er leuchtend,
Das Blaugewölb der Nacht mit Silber feuchtend.

Sommerlicher Garten

Grüne Wildnis, hinter dem Zaun zu schauen:
Blätterschatten und Wipfelneigen,
Und der Laube Geheimnis, bienenumbraust,
Herbergende
Zelle der Liebe,
Und neben dem Kiesweg das Beet,
Wo das Blumenvolk haust,
Und über dem Wasserfaß steht
Wie aus Gold die Libelle –
Ach, daß es so sommerlich bliebe!

Orakel

Wenn der Kuckuck schreit:
Schüttle dein Geld,
Daß es sich mehre!

Oder zähle die Zeit!
So oft er schreit,
So viel Jahre
Sind dir noch zugeteilt auf der Welt!

Er sagt das Wahre.
Du glaubst nicht daran?
Die rote Himbeere
Sieht dich mit glühenden Augen an.

Der Kuckuck

Der Mai ging hin, im Blütenrausch sterbend. Stark
Nun kommt der Juni, knabenhaft nicht mehr, nicht
Mehr Frühling. Sommer! schreit er lauthals,
Über die Wälder hin schreit er: Kuckuck!

Der Kuckuck schweigt und seine Genossin nicht.
Sie will die Lust auch. Späher im Busch, du hast
Das Paar ertappt und sahst es einig?
Purpurrot glühen der Mond, die Sterne.

In fremden Nestern wächst dann die Brut heran.
Der Erbe stürzt. Und siegerisch lärmt das Pack.
Den kleinen Müttern hüpft das Herz: Sie
Wundern sich über die starken Söhne.

Tiroler Dorf

Der Kirchturm, weiß und nadelspitz,
Schießt so ins himmlische Blau,
Als sei er ein umgekehrter Blitz,
Auffahrend aus Tannicht und Brennessel-Au.

Das Kirchdach ist braun wie vertrocknetes Blut,
Beinweiß gekalkt ist der Turm.
Dort atzen die Schwalben die zwitschernde Brut
Mitten im Glockensturm.

Der Bergbach hängt, wie ein Faden hängt,
Und schwenkt schräg durch die Luft.
Wo ihn die Schlucht einfängt, einzwängt,
Zerstäubt er zu grünem Duft.

Tiroler Sommer

Wie das riecht jetzt! Jetzt, im Sommer,
Was aus Holz ist: Bett und Schrank,
Jedes Hölzerne, die Treppe
Und die braune Bank!

Als ob Bienen, Honigsucher,
Schwärmten, dröhnt es durch die Kammer,
Wo das Harz zu Tropfen schmolz,
Und durchs Fenster strömt Geruch her
Von dem sommerlich erwärmten
Walde – er ist auch aus Holz!

Hoch am Berg

Hoch am Berg
In dem Wald
Fällt ein Wasser zu Tal.
Still nur, und hör, wie es saust!

Wohnt ein Zwerg
In dem Wald,
Ein Männlein uralt
Unterm Mond
In dem steinigen Riß.

Es gibt keine Zwerge!
Lachst du mich aus.
Die gibts so gewiß
Wie die Berge!

Gehören zusammen
Wie Löffel und Schmaus,
Wie Feuer und Flammen,
Wie Katze und Maus.

Drum glaub mir, es haust
Hoch am Berg
In dem Wald
Ein Zwerg in der Schlucht
Wo der Wasserfall braust!
Still nur! Und hör, wie er saust!

Blumen

Wiesensalbei,
Milchstern und die Akelei
Kommen schon im Mai.
Frauenschuh und Täschelkraut,
Katzenpfötchen, Jägerkraut
Und der Türkenbund
Brechen nicht viel später
Aus dem schwarzen Grund.

Ob sie in den Gärten stehn,
Ob an Ackerrändern,
Gerne lassen sie sich sehn,
Lassen sie vom Winde drehn
Ihre Blütenräder
Und die Prunkgewänder wehn.

Sind sie auch bald abgetan –
Einmal war es hold!
Einmal blitzten sie wie Gold,
Weiß als wie der Schwan,
Röter als wie Mädchenblut,
Einmal standen sie in Glut,
Spürten sie, wie da sein tut,
Hatten einen hohen Mut,
Zeigten Blütenrad und Stern
Ihm, der allen Sternen gut,
Selber zwischen Sternen ruht,
Oben, ihrem Herrn.

Kleines Sommerbild

Der Wiesenbach fließt schnell dahin,
Wo sich die Weiden neigen.
Sind Fische in dem Bach darin,
Sie zeigen
Wie ihre Schuppen blitzen,
Forellen und Ellritzen.

Sumpfdotterblume wächst am Bach
Mit goldenem Gesichte.
Die Entengrütze zittert schwach
Und schwankt vor dem
Gewichte jeder Welle,
Und bleibt doch auf der Stelle.

Von ferne glitzt
Mit Turm und Dach
Das Dorf im hellen Lichte.

Auf einem grünen Halme sitzt
Der blaue Fingerhut.
Im Gras die Grille sägt und schnitzt
An einem Bild voll Mut.
Ellritze und Forelle blitzt
Wie Feuer in der Flut.

Im Korn

Durch das Kornfeld hin
Bin ich gegangen.
Wenn ich mich bückte,
Riihrten mir den Mund,
Die Wangen,
Die langen Halme.

Mohn und Kornraden waren
In dem Kornfeld drin,
Hier und dort,
Und Scharen
Schwarzer Hummeln brummten
Wie ein Schlafhorn,
Fort und fort.

Beim Pfad im Kornfeld legte ich mich nieder:
Müde Glieder
Ruht euch aus!
Und das Horn der Hummeln tönte
Schwer wie Traumgebraus,
Und das Korn war um mich
Wie ein goldnes Haus.

Die Mühle

In der dunklen Schlucht
Muß die Mühle sein,
Von Sträuchern verborgen
Und stürzendem Fels,
Aber die kühle
Luft zeigt sie an,
Und das Klappern der Schaufeln dem Ohr.

Naß weht es herauf
Von der stäubenden Flut.
Das tut den Blumen gut.
Aber die Hasen mögen es nicht,
Das Wasser im Fell,
Und das harte Gebell
Und das Blasen.

Für sie ist das goldene Kornfeld da
Und der trockene Wald,
Wohin das nasse Gerüttel nicht schallt.

Aber die Blumen, Stern an Stern,
Verehren die Mühle als gnädigen Herrn,
Und baden im Triefenden gern.

Schwalben

Die Schwalben, weißbrüstig,
Und an dem Ufer,
Unter der Weide
Grünwallender Mähne,
Im halben
Schatten der trächtigen Wolke
Liegend die Magd.
Tief dröhnt die Orgel des Donners im Baß.

Bald wird stürzen,
Wie himmlische Lieder,
Das quellende Naß,
Und nieder ins Gras
Die unfruchtbare Träne.

Die Schwalben, weißbrüstig,
Gelüstig nach geflügelter Speise,
Werfen wie Blitze sich auf und nieder
Im schwindenden, blauen
Raume des Himmels,
Ohne nach Mädchen und Wolke zu schauen.

Nattern und Nesseln

Die Brennesseln wachsen am liebsten
Neben der Kirchenwand,
Als ob das fromme Gemäuer
Heilige ihre Schand.

Und willst du dich ausruhen,
So bleibe ihnen fern –
Sie wollen es nicht, und tuen
Dir weh doch mit grünem Stern.

Die züngelnden Nattern aber
Nennen sich ihre Gevattern
Und haben die brennenden gern.

Die kleinen Ungeheuer
Schützt ihr Ledergewand,
Sie wohnen in dem Feuer
Wie im gelobten Land.

Abend im Dorf

Still die Kirche steht
Mit dem Zwiebelturm,
Dahinter Gräber sind,
Um die der Efeu weht,
Um manches Kreuz.

Und Ställe sind am Haus,
Mit Pferd und Stier und Kuh,
Und auch ein Pfau ist da
Und schlägt sein Rad.

Unten fließt der Fluß
Durch
Weiden hin
Und Haselnuß.
Schlangen und Kröten sind
Wohl im Gestrüpp darin –
Bleib auf dem Pfad!

Fern die Berge sind
Mit manchem weißen Haupt,
Mit mancher schwarzen Schlucht,
Durch die das Wasser rinnt
Und Erdbeern stehn.

Wer aber Erdbeern sucht,
Braucht nicht so weit zu gehn,
Geht in den nahen Wald,
Dort gibt es viel.

Nun wird es Abend schon,
Und daß er uns belohnt,
Wie er es gestern tat,
Mit seinem Zauberspiel,
Steigt über Fluß und Turm,
Über die Berge noch,
Hoch in die Welt hinauf
Der alte Mond.

Der Inn

Daß der Himmel so hoch sein kann,
Wie über der Landschaft am Inn!
Du siehst ihn nicht, wo ist er denn?
Du weißt ihn bloß, wo sich die Weiden hinziehn.

Am Morgen haucht es kühl herauf:
Das ist der Atem vom Inn.
Ein Blinken schlägt am Mittag herauf –
Mehr hast du nicht von ihm.

Nur manchmal ist dir, gibst du nur acht:
Da spricht wer so vor sich hin!
Wenn die Sterne sich drehn durch die lautlose Nacht,
Da hörst du ihn.

Des Sommers Freudenfahne

Die Bohnen blühn, die Rosen,
Wie ist der Sommer schön!
Kein Wind geht in den Bäumen,
Der Weiher blitzt wie Gold.

Des Himmels blaue Seide
Ist weithin aufgerollt
Wie eine Freudenfahne –
Weit, weit weht sie hinaus.

Im Sand sonnt sich die Schlange,
Wie Tigerhaut gefleckt,
Vertraulich summt die Biene
Ihr gelbes Honiglied.

Die Hirsche sind, die Rehe,
Im schwarzen Wald versteckt,
Sie äsen erst am Abend,
Da feuchtet sich der Klee.

Nach dem Regen

Nebelstreifen sind geblieben
Über dem durchnäßten Wald.
Bald hat sie der Wind vertrieben!

Leichte Winde, wie sie schieben!
Und die grüne, feuchte Frische
Ist durchblitzt von goldnem Licht.

In dem Kieselbach die Fische
Stehen still und rührn sich nicht,
Nur die zuckende Libelle
Rührt sich und die schwarze Welle.

Sommergefühl

Kurzer Sommer, glühender, bleib! Dein Anhauch
Zwar verdrießt das ängstliche Gras. Das Korn doch
Liebt dich, der sich rötende Wein. Die Grille
Singt dir ein Loblied,

Und die Lerche, wenn sie ins Blaue klettert,
Tut es trillernd, dir zu gefallen, und des
Wilden Klatschmohns purpurne Blüte ist ein
Feuriger Juhschrei!

In den kühlen, glänzenden Nächten richtet
Sich das grüne Gras wieder auf. Die Schnecke
Wandert durch das taunasse Land und sieht nicht
Oben die Sterne:

Ihren Fühlern sind sie entrückt! Sie fürchtet
Jetzt schon wie die Kröte im schwarzen Hohlweg,
Wie der Salamander im Sumpf den süßen,
Rosigen Morgen.

Unter hohen Bäumen

Unter hohen Bäumen gehen …
Hoch, ganz droben, ist ein Wind,
Hörst ihn durch die Kronen wehen,
Bei uns unten aber sind
Warmer Sand und Gräser.

Sommer oben, Sommer unten,
Und ist doch ein anderer!
Hier am Wege stehn die bunten
Blumen vor dem Wanderer,
Oben bläst ein Bläser.

Hüpft der Heuschreck aus dem Grase,
Langgeschenkelt, grünes Vieh –
Wind du, oben, blase, blase
Deine Sommermelodie,
Lobe den August!

In dem Bache die Forellen
Springen wie der Heuschreck schier,
Goldgrün blitzen die Libellen
Und das schwarze Hummeltier
Fliegt dir an die Brust.

Will es Honig? Will es Süße?
Sind doch Blumen hier zu Hauf!
Achtung, setze deine Füße
Sorgsam und tritt nicht darauf –
Hummel will sie haben!

Hoher Sommer, schönes Leben,
Und der Kuckuck ist vorbei
Und die Trauermäntel schweben,
Holde Falter: einen, zwei
Fangen sich die Knaben.

Unerbittlicher Sommer

Unerbittlich
War das Licht.

Die Sonne wich
Den ganzen Tag nicht
Von dem Tal:
In der Hand die
Goldne Peitsche
Stand sie,
Schwang sie
Auf das aufgetürmte Heu.

Buckelnd flüchtete
Die Katze
Zu dem Brunnen,
Weil der Schatten selbst
Noch glühte
Der Hauswand,
Und der schwarze Efeu.

Am Abend stampften
Die scheckigen Kühe
Fliegenumbraust
In den Wald hinein.
Die finstre, die Nacht,
War wie Lavagestein,
Dunkel glühend
Bis wieder zur Frühe –
Aber so muß der Sommer sein!

Der Kastanienbaum

Alle Kerzen hat er angezündet.
Lautlos brennen sie mit weißer Flamme.
Eine rote, das ist ein Eichhörnchen,
Schraubt geschwind empor sich an dem Stamme
Und verschwindet in dem grünen Laub.
Und ein Windstoß weht. Er bringt schon Staub.

Aus den Dünsten bildet sich die Wolke,
Plustert sich im reinen Himmelsblau,
Schwillt gewaltig, mit gezacktem Rande.
Schrill im Hofe schreit der grüne Pfau.
Weiß er, was das Wetter hat beschlossen?
Von dem Hagel? Seinen weißen Schloßen?

Ach, der Pfau – was wird er denn schon wissen?
Dumm und eitel schlägt er nun sein Rad.
Langsam kommt die Bauernmagd gegangen
Her zum Hof auf dem Brennesselpfad.
Und sie denkt: es riecht so rot und bitter,
Jetzt wird es bald da sein, das Gewitter!

Rot im Laube züngelt das Eichhörnchen,
In der Wolke ist des Feuers Sitz.
Ungeduldig, daß man ihn entlasse,
Wetterleuchtet schon der erste Blitz.
Durch die Schwüle, grün wie Pfaugefieder,
Fällt ein nasser Regentropfen nieder.

Der Böhmische Wald

Das ist nicht ein Wald, wie sonst einer,
Der Böhmische Wald.
Er ist so schwarz, wie sonst keiner –
Es hat ihn noch keiner gemalt
Wie er ist.

Zwar sind die Wölfe, die Bären
Nicht mehr
In seinen dunklen Schlüften.
Ach, wären
Sies noch! Dann die Jagdhunde her!
Was das Hifthorn sang,
Das schallte zurück von dem Grunde.
Nur Pilze, die wachsen noch, schwarz und auch rot,
Und die Quelle, die rinnt, wie einst so kalt,
Und die Felstrümmer stehen in Bärengestalt,
Mit Moos um die riesigen Hüften.

Oft geht ein Wind,
Aus dem Böhmischen her,
Und der Winter ist lang,
Und der Sommer ist schwer
Vom Grün und vom Gold,
Das wipfelab rollt.

Wo das Wasser sich rührt
Im grundigen Moor –
O, wie dort mit List
Den Hasen aufspürt
Der Rotfuchs, der es durchschnürt!
Seine Nase hat ihn geführt.

Es hat ihn, in seiner schwarzen Gewalt,
Den Böhmischen Wald,
Noch keiner gemalt wie er ist.

Morgensonne auf dem Lande

Wie die Sonne durch das Fenster springt –
Nicht springt, nein schwillt und schäumt und flutet,
Daß die Flasche auf dem Tische blutet,
Daß die Flasche feurig singt und klingt –
Ein Zauberhorn, drauf so der Morgen bläst,
Daß die Zimmerwände beben!

Schwarz im Schattenspiel der Reben
Rührt sichs wie im Schlangennest,
Und wie eine Schlange, gebläht und dick,
Hängt der geflochtene Vorhangstrick.

Bauernburschen

In dem bunten Bauerngarten
Blühn die Blumen dick am Zaun.
Aus den Rissen, aus den Scharten
Der Zaunlatten quillt das Holzmehl braun.

Burschen, die vorm Zaune stehen,
Wartend einen Stengel kauen,
Die verliebten Burschen drehen
Holzmehlkugeln, fett und rund,
Während sie mit offnem Mund
Nach den roten Mädchen schauen.

Oberbayrischer Abend

Neben der Hauswand,
Im Sand,
Wächst mancherlei:
Grünes Gras, und die Wegwurz,
Und die brennende Nessel ist auch dabei.

In der Küche der kupferne Kessel blitzt,
Wirft ein Blinken heraus,
Und die Schwalbe flitzt
Durchs weiß duftende Haus
Und fürchtet sich nicht
Vor dem Kindergeschrei –
Sie füttert ja selber im Neste die Brut.

Auf dem Hausdach thront,
Aus Holz geschnitzt,
Ein Gemsenkopfpaar
Im schwindenden Licht.

Schon kommt der Mond
Aus dem Wald hervor,
Und der Bauer schiebt schallend
Den Riegel vors Tor –
Daß kein andrer es tut
Ist sein Hausherrenrecht!

Nun strählt sich die Magd
Das störrige Haar
Vor dem Spiegel.
Sie tuts für den Knecht.
Sie flicht sich zwei lange Zöpfe und lacht:
In der finsteren Nacht,
Wie soll er die Schönheit erkennen?

Greif nur zu und leide

Zauberäugig lockt die Frucht,
Aber krumme, scharfe Speere
Stehen neben jeder Beere,
Und sei noch so auf der Hut –
Bald so fließt dein Blut!

Und mit Händen, arg zerschunden,
Bös zerkratzt für wenig Lohn
Gibst du dich für überwunden
Und machst dich davon.

Heimwärts wandernd auf der Wiese,
Heiß und fliegenüberblitzt,
Wo auf filzig-weißer Blöße
Grün geschwärzt die Eidechs flitzt,
Hörst du hinter dir im Wind,
Aus der Waldschlucht, schwarz und fern,
Lachen und die Atemstöße
Eines, der bei Schaf und Rind
Braun und fellgewandet sitzt,
Schüttelnd mit dem Bocksgehörn.

Kennst du nicht den alten Brauch?
Greif nur zu und leide!
Beeren trägt der wilde Strauch,
Rosen schön der Rosenstrauch,
Beide
Aber Stacheln auch.

Die Vögel

Immer kommen die Vögel gefahren,
In goldenen Scharen am Himmel daher.
Sie treibens im Herbst so, sie tun es im Frühling,
Und schwarz tuns die Krähen.

Gezügelt der Hengst und sein stampfender Zorn!
Es säen die Menschen und mähen das Korn
Und bauen sich Häuser
Fest auf der Erden.
Aber die Vögel ziehen in Scharen,
Fremd wie die Engel, die wunderbaren,
Treibens geflügelt so
Seit allen Jahren.

Die Schlangen

Den schwarzen Weiher lieben die Schlangen,
Aber sie wohnen nicht darin.
Manchmal nur durchschwimmen sie ihn.

Wo wohnen die Schlangen? Im Gestrüpp? Im Laub?
Im Staub der Waldblöße? Im heißen Dickicht?
Den langen Landregen mögen sie nicht.

Am Abend, im Sommer,
Da tanzt in der Sonne
Der Mücken glasgeflügelte Schar.
Da sieht man die Frösche die Mücken fangen,
Im offenen Sprung, im goldenen Licht,
Wies ihrer Sippe Sitte schon immer war.

Aber die Schlangen
Tun das ihrige unsichtbar.

Die Eulen

Die in den Schlüften wohnen,
Im hallenden Dunkel des Turms
Und in felsigen Höhlen,
Feuchtes Moos und Gestrüpp
Atmet triefend zu ihnen
Hinauf und erkältend …
Aber im Juli,
Wenn den Pfad du findest, den rechten,
Kannst du sehen, wie sie
Im Sande sich baden,
Auf der Waldblöße sitzen, die Uralten,
Wo die Erdbeere ihnen zuschaut
Mit feurigen Augen,
Den Nachtgestalten,
Die mit schlagenden Flügeln
Die Brust sich erhitzen,
Und die Herzen, die kalten.

Krähenschrift

Die Krähen schreiben ihre Hieroglyphen
In den Abendhimmel, in den bleichen:
Wunderliche, schnörkelhafte Zeichen,
Tun geheimnisvoll mit ihren schiefen
Schwarzen Flügen.

Was sie schreiben, ob es uns betrifft?
Wer es deuten könnte, wär ein weiser Mann.
Ach, der Anblick nur muß uns genügen!

Hilflos sind wir vor der schwarzen Schrift
An der bleichen Himmelswand,
Wie ein Kind, das noch nicht lesen kann,
Und das Blatt verkehrt hält in der Hand.

Der See

Ruhig atmet der See, kindergesichtig, fromm
Glänzend. Du aber weißt, was in der Tiefe haust:
Schwarze Fische, der Waller
Und der mächtige Raubfisch Hecht.

Manchmal steigt aus der Flut silbern die Blase auf,
Manchmal rührt in der Bucht singend das Schilfrohr sich:
Jagt jetzt unten am Grunde
Grausam hetzend der Raubfisch Hecht?

Was hat, Achill…

Unbehelmt,
Voran der Hundemeute,
Über das kahle Vorgebirge her
Auf ihrem Rappen eine,
Den Köcher an der bleichen Mädchenhüfte.

Ein Falke kreist im blauen, großen,
Unermeßlich blauen,
Großen Himmel.

Er wird niederstoßen,
Die harten Krallen und den krummen Schnabel
Im Blut zu tränken, dem purpurnen Saft,
An dem das Falkenvolk sich wild berauscht.

Die nackte Brust der Reiterin.
Ihr glühend Aug.
Die Tigerhunde.
Der Rappe, goldgezügelt.
Sie hält ihn an.

Mit allem Licht
Tritt aus den Wäldern vor
Der Mann der Männer.
Die Tonnenbrust.
Auf starkem Hals das apfelkleine Haupt.

Er sieht die Reiterin.
Und sie sieht ihn.
So stehn sich zwei Gewitter still
Am Morgen- und am Abendhimmel gegenüber.

Der Falke schwankt betrunken auf der Beute.
Was hat, Achill,
Dein Herz?
Was auch sein Schlag bedeute:
Heb auf den Schild aus Erz!

Jägerglück

Du bückst dich, hältst ein Vierblatt empor, als gäb
Es viele: aber andere suchen lang
Im grünen Kleefeld glücklos. Dir doch
Zeigt es sich gerne, das sonst so scheu ist.

Und wills die Stunde, brauchst du wie träumend nur
Das Flintenrohr zu heben im Wald: schon stürzt
Das Reh. Das stieg aus heiterm Talgrund
Eilig herauf, um den Tod zu finden.

Was nicht der List des kundigsten Fischers glückt,
Oft glückts dem Neuling: hoch aus dem Bache schnellt
Er leichter Hand die alte, schlaue
Gumpenforelle ans grelle Taglicht –

Und wild sich schleudernd hilft sie noch selbst dem Feind.
Es zwingt das Herz, das reif ist, den Pfeil herbei.
Drum preise laut den Schuß nicht, Schütze!
Schultre den Bogen und troll dich schweigend!

Der Vogel Bienenfresser

Die den süßen Honig holen,
Von den Rosen, von dem Flieder –
Was sie eben sich gestohlen,
Raubt sich gleich ein andrer wieder
Auf die frechste Räuberweise,
Goldner Stacheln ungeachtet:
Und die Bienen, schwer befrachtet,
Selber sind sie nun die Speise,
Und wie Honig ihnen, besser
Schmecken sie dem Bienenfresser.

Und der Dichter? Voller Gier,
Ohne Vorsicht und Bewahrung
Schluckt er stachelige Nahrung
Wie das Bienenfressertier,
Nie und nie, daß er verzichte,
Kann er nur den Honig haben:
Bienen baun aus Honig Waben
Und die Dichter draus Gedichte.

Sonnenblumen

Wo, eisenumgittert,
Im Vorgärtchen,
Die Sonnenblume
Ihr mächtiges Haupt
Hebt zu dem Fenster hinauf,
Und ihr gespiegeltes Bild
Neidvoll und lachend erblickt:
Der Schwester Gesicht
Im goldenen Kleide –
Im Winde
Schwanken sie beide,
Wie es dem Winde gefällt,
Und trunken vom Licht
Verneigen voreinander sie sich,
Die Getrennten,
Und reden, du hörsts nicht,
Von ihrer sprachlosen Welt.

Die Bienen

Unirdisch glüht das Rot der Bohnenblüte.
Die Luft erbebt. Das ist der Bienenton.
Vorm Gartenzaun, von gelber Weizenflur,
Glänzt auch ein Rotes her. Das ist der Mohn,
Der heitre Unnütz in dem ernsten Brot.

Die Sonnenblume wacht am Gartentor,
Gesträubten Haars, und goldgeschmückt, ein Mohr.
Die Sonne sinkt. Da quillts wie Blut empor.
Und immer mehr. Das ist das Abendrot.
Die Bienen holen Honig wie zuvor.

Im Apfelgarten

Viel Äpfel liegen im Gras,
Weiß und rotbäckig –
Andere, hartnäckig,
Schweben an den Ästen, hoch,
Wespenumflogen,
Trotz manchem Wurmstichloch
Glänzend und speckig doch:
Komm du! Wir leben!

Der kommt nun

Das ist nicht der Sommer mehr:
Das hohe, raschelnde
Gras an dem Wegrand
Und der gelbe
Sand an dem Fluß,
Und was die Schmiede tun
Im Dorf
Und um die Kirche die Schwalben,
Und das ratlose Licht –
Aber Herbst ist es auch noch nicht.
Der kommt nun.

Der Kürbis

Der fette Kürbis schwillt, erdkugelhaft,
Und Länder sind ihm, Meere, eingezeichnet
Auf seiner Haut.
Die Traube glüht am Stock,
Das gelbe Korn steht weit den Fluß hinab.
Der Sommer schlief, vom großen Tagwerk müd,
Am Eichenhügel ein.
Als er erwacht,
Sieht er die Halme sinken,
Die frechen Mäher stehn.
Er lacht,
Und zeichnet schnell die letzte, schönste
Landschaft dem Kürbis ein,
Dem kleinen Abbild unsrer Erdenkugel.

Apfelbäume im Herbst

Eitel macht sie es nur, daß sie auf Krücken gehn!
Schon riß blutend ein Zweig, weil ihm die Last zu schwer:
Ohne stützende Stangen
Brächten nie sie die Ernte heim.

Männer kommen wohl so aus der Gefahr zurück,
Mühsam humpelnd am Stock, lachend und rot vor Stolz:
Gerne zeigen die Sieger
Ihre glänzenden Wunden her.

September

September, er wills mit der ganzen Kraft,
Dem störrischen Hochmut der Leidenschaft,
Das Fliehende will er noch halten.
Doch hüpfen die Äpfel vom Baum ihm fort,
Die Goldbirnen stürzen, das Gras verdorrt,
Die Flüsse und Weiher erkalten.

Die Wolken sind auch schon so weiß nicht mehr,
Und Pilzgeruch bringen die Nebel her
Auf regenfeucht schleppenden Füßen.
Den Brombeersucher, den mag er nicht,
Drum schärft er den Dolch, der die Hand zersticht:
Die Gier soll der Räuber nur büßen!

Nur manchmal, am Mittag, im weißen Glast,
Da tut er, als wär er der Sommer fast,
Da fühlt er sich noch wie ein Junger.
Da hat er noch Gold und ein Knabenherz,
Und treibt mit der Muhme, der Schlange, Scherz,
Und gibt ihr die Maus für den Hunger.

Nie schrie dann im Hof so verliebt der Hahn,
Es fangen die Blumen zu brennen an,
In Feuer stehn ringsum die Gärten.
Jetzt sammelt im Weine sich süß die Glut,
Drum heben die Winzer voll Dank den Hut
Vor ihm, den sie immer verehrten.

Doch nach einer regendurchtobten Nacht,
Scheel sieht er die nasse, vergilbte Pracht,
Zerrauft und wie Besen die Schober.
Da weiß er, nun gilt es nach Haus zu gehn,
Und ohne sich noch einmal umzusehn
Überläßt er die Welt dem Oktober.

Wespen-Sonette

I.

Das Stroh ist gelb. Das ist Septembers Farbe.
Die fette Birne ist so gelb wie er,
Und für die Wespe da, daß sie nicht darbe:
Verspätete, sonst flögen viele her!

Die goldne Sonne hängt am Himmel schwer,
Gelb wie die Birne, die zersprungen klafft.
Die Wespe trinkt bedächtig von dem Saft:
Die Birne, weiß sie, wird so schnell nicht leer

Und trocken sein, und nichts als dürre Haut!
Vom Himmel oben, der gewaltig blaut,
Strömt überreifes, süßes Licht hernieder.

Die Wespe trinkt. Bei jedem Zuge rührt
Die Brust sich ihr, spannt sich das enge Mieder,
Das ihre fräuleinshafte Hüfte schnürt.

II.

Die letzten Zwetschgen süßen sich am Ast,
Die Tafel sonst ist nicht mehr reich bestellt.
Die Wespe spürt: es ändert sich die Welt.
Doch weiß sie, was sich ziemt für einen Gast

Und hört nicht auf die Gartenlust zu preisen,
Das blaue Mahl. Die Sonnenblumen prahlen:
Komm her! Mach schnell! Um auch bei uns zu speisen,
Bevor die Vögel sich das Beste stahlen!

So lebt sie ihren Tag, Mitsingende
Im dünn gewordnen Chor der gelben Schwestern,
Noch
als der Wind, der regenbringende,

Sich austobt an den leeren Vogelnestern
Im Baumgeäst – ein Raufbold der, ein grober:
Kennt seinen Namen nicht, doch ihn, Oktober!

Das kleine Erntefest

Die Trauben freun sich der erwärmten Wand.
Jetzt sieht man auch das Nest. Es war gebaut
Ins volle, grüne Laub. Das ist nun dünn
Schon und verfärbt: das hat der Herbst getan!

Wir wußten nichts von diesem schlauen Bau.
Jetzt hängt die Traube ins verlassne Nest.
Drin pfiff die Brut. Wir hörten nichts davon.
Wir waren taub und blind: du auch, mein Sohn!

Die Trauben sind schon reif: geh, hol die Leiter!
Wir halten jetzt ein kleines Erntefest,
Und gibts nur wenig, fügt es doch zum Mahl

Die Freude an der selbstgepflückten Beere.
Wo jetzt die Vögel sind? Weit, weit, am Meere!
Die Leiter hol, den Korb, die scharfe Schere!

Der große Herbst

Nun aus dem Sommerlaube
Tritt er her.

O Traurigkeit!
Sagt seine Stimme, schwer
Und süß.
Er spricht im Apfelfall
Und klopft ins Gras die Verse der Vergänglichkeit,
Und weint im Regen
Die langen Nächte durch,
Die gelben Tage.

Dann wird der Himmel blau
Wie er im Mai nicht war,
Im Juli nicht.
Der Kürbis schwillt, der rosenfarbene,
Die schwarze Traube glänzt,
Die Sonnenblumen drehn die schweren Teller –
Du blähst dich üppig auf,
Hochmütiger,
Und krähst,
Recht wie der Hahn es tut,
Wenn sie am Herde schon
Die Pfannen rüsten und den Spieß
Fürs Fest!

Am Abend wartet
Die junge Magd vergeblich,
Weil sich der Knecht versäumt.
Und Schmerz durch Schmerz zu täuben,
Greift sie in den Brennesselstrauch
Und preßt und reibt die Blätter
Mit zorniger Hand,
Und haucht die Blasen
Mit ihrem tränennassen Atem an.
Und wartet lang, und späht nach dem Geliebten.

Das Veilchen ist nicht mehr.
Vergißmeinnicht ist fort.
Hellblau und silbrig klang sein Wort.
Wer hats gehört?
Ach, jeder wird vergessen!

Auf unbewegtem Flügel kreist
Der Turmfalk überm Dorf.
Sein Blick geht weit. Er sieht
Fern das Gebirg
Mit schon beschneiten Höhn.

Schafherde zieht.
Den Widder stößt die Schürze.
Die kahlgeschornen Lämmer rupfen
Das Gras vom Hang,
Daneben
Das Stoppelfeld, entblößt, der Frucht beraubt,
Sich schämt.

Noch aber schwebt
Am braunen Mittag
Die späte Biene von den Gärten her,
Mit golden brummendem Gesang
Die warme Enge preisend
Und das Honighaus.

Ein schwächliches Gewitter,
Oh, ohne Sommerkraft!
Gibt sich verhallend aus.
Es sieht sein Regenbogen
So ausgebleicht,
Verwaschen her,
Wie ein verregnetes, durchnäßtes
Sommerkleid, zum Trocknen aufgehängt am Zaun.

Still hebt der Dieb
Die Reuse, die triefende, empor.
Wie er den Aal sich greift,
So schlingt sich der
In nasser Wut
Um seinen nackten Arm,
Daß er erschauernd ihn
Zum Himmel reckt
Mit dem lebendig schwarzen Armreif,
Und er spürt ihn so,
Als läg er um sein Herz.
Und seiner Beute wird er heut nicht froh.

Die Luft schmeckt scharf,
Getränkt von rauhen Würzen.
Ein Essigkrug ward ausgeschüttet –
Ihn stieß der Wind um,
Schabernackisch.
Sie sei ihm süß,
Die bittere Wacholderbeere,
Die sich der Vogel pickt,
Und jeder lebe so mit seinem Schmerz
In gutem Einvernehmen.

Herbstmorgen im Gebirge

Kühe auf den grünen Wiesen
Und ein schwarzes Schindeldach,
Und das Wasser plätschert schwach
In den Trog durchs Brunnenrohr.

Mächtig steigt der Berg empor,
Wo im Wald die Hirsche gehen,
Sanfte Riesen,
Sorgsam, um nicht anzustoßen
Mit dem großen
Schön verästelten Geweih,
Wo der Fuchs, der rote Schuft,
Federn um sein Räubermaul
Und den Bart mit Blut verklebt,
Wie er muß sein Leben lebt.

Friedlich unten glänzt der Rasen,
Und die frommen Kühe blasen
Weiß den Atem in die Luft.

Regenstunde

Den Baum biegt der Wind krumm,
Das Wasser wallt.
Der Fisch blinkt, und sinkt stumm
Hinab in die Tiefen.

Die Sträucher, die schiefen,
Triefen vor Nässe:
Schlenkrichtes Harfenspiel
Silberner Blässe.
Die schwarzen Bässe
Orgelt der Buschwald.

Wiedersehen im Herbst

Die schwarze Krähe,
Das weiße Haus
Sehen schwarz und weiß
Wie im Sommer aus.

Aber das Laubdach des Brunnens,
Das Gartengelände
Ist zerrupft und verwüstet,
Als habe es böse Hände
Schändlich gelüstet.

Sie konnten vieles zerstören.
Aber nicht die schöne Biegung
Des Wegs, und die Schmiegung
Des Hangs.
Und auch das Wasser läßt sich noch hören,
Unveränderten KIangs.

Unmut im Herbst

Es ist im Bach die nämliche Forelle,
Vorm Felsen kräuselt sich die gleiche Welle,
Es ist der Pfad, wie ich ihn damals fand:
Nun kommt auch gleich die Stelle,
Da war von Himbeern eine Rankenwand.

O hätt ich die geschickte Fängerhand –
Ich holte mir die goldene Forelle,
Wie naß und glatt sie sei und schwer,
Und schleuderte sie auf den trocknen Sand!

Sie schwänzelt noch, wo sie im Sommer stand.
Der Himbeerstrauch ist leer.

Föhn

Noch Mittag war Föhn
Und der Himmel war blau,
Von künstlicher Farbe,
Ungesund,
Wie der geschminkte
Mund einer Frau.

Dann war ein Gestöhn
In den Ästen, im
Laub auf den Wegen.

Dann brach die bemalte
Maske entzwei
Und gab das alte
Angesicht frei
Des Herbstes,
Triefend vom Regen.

Leerer Garten

Abgeerntet steht der Garten
Und die Blumenpracht versank dahin.
Vor Wochen schon sah man die Vögel ziehn.

Die Vögel flogen in ein ander Land.
Du nimm aus deinem Schrank ein rotes Band
Und gibs dem Wind, der solls von dannen treiben!
Am leeren Strauch mag es wohl hängen bleiben
Und eine Schleife in die Lüfte schreiben.

Schöner Novembertag

Weil die Äste schon kahl sind,
Fließt das Licht leichter durch sie,
Auch harft übern Fluß her der Wind,
So süß wie noch nie.

Wie eine riesige Frucht
Hängt die Sonne im Blau.
Wer sie jetzt nicht mehr sucht,
Findet am Dornstrauch die Beere, die schlau
Im Laub des Sommers sich barg.

Der Fisch in der kiesigen Bucht
Hat Flossen rosenrot,
Und steht so still, als wäre
Er wie das Schneewittchen im gläsernen Sarg
Verzaubert und tot.

Der Fasan

Wo an den Bäumen die Apfel saßen,
Sitzen nun Krähen: bittere Frucht!
Ja, bei des Nordwindes wildem Blasen
Hat uns sogar der Fasan besucht,
Würdevoll schreitend in adliger Zucht.

Streuen wir Futter vor Tür und Schwelle,
Stürzen die Krähen rauschend vom Ast
Wie eine dunkelnde Meereswelle,
Kommen die Spatzen in Hungerschnelle,
Wird der Fasan selbst ein eiliger Gast.

Wer kann wie Krähen so gierig fressen,
Listige Räuber, neidisch geborn?
Kriegerisch sind sie und schrein besessen,
Wagt sich ein Kleinerer an ein Korn –
Nur der Fasan fürchtet nicht ihren Zorn.

Einmal ein Ende hat jedes Fest.
Trüb steht der Abend über dem Dach.
Suchen die Krähen ihr Schlafgeäst –
Leer ist die Tafel vom letzten Rest –
Sieht der Fasan ihnen hochmütig nach.

Rings auf der Felderflur liegen Brocken
Giftigen Fleisches, hämisch gemeint.
Die auf den Bäumen und träumend hocken
Mag solch ein aasiges Zeug verlocken,
Doch der Fasan ist dem Unrate feind.

Nicht anzuraten ist jeder Schmaus
Denen, die träumen. Schwer ist der Tod.
Schon sinkt die Sonne. Der Schnee wird rot.
Einsame Winde, was soll der Braus?
Nur der Fasan geht noch langsam ums Haus.

Nasser Dezembergarten

Verwildert sieht nun der Garten aus,
Und die Wege darin
Sind voll schlammiger Pfützen,
Wie von Kühen zertreten
Der schlüpfrige Berghang.

Käm ein Reh jetzt mit zögerndem Gang
Vom Walde herüber:
Keiner wär, der den Bogen spannte,
Um es zu schießen –
Wie Schützen zwar stehen in Reih und Glied
Die Bäume, doch kennen
Die Jagdlust sie nicht!

Die Wasser rinnen. Die Beete
Sind öde und blumenleer.
Es gibt noch schwarze Spinnen,
Keine goldenen Bienen mehr.

Der Regen redet zum nassen Haus,
Das aber schweigt still –
Nur die Windfahne dreht sich so hin und her,
Wies der Wind will.

Krähen im Schnee

Die schwarzen Krähen auf dem weißen Feld:
Der Anblick macht das Herz erregt.
Es stäubt der Schnee. In Wirbeln kreist die Welt.
Sie sitzen auf den Bäumen unbewegt.

Die Zaubertiere aus der alten Zeit,
Sie sind bei uns nur zu Besuch.
Sie tragen noch das Galgenvogelkleid,
Sie hörten einst den rauhen Henkerfluch.

Was denken sie? Ach, du errätst es nicht!
Sie starren einsam vor sich hin.
Der Himmel hat ein milchig trübes Licht.
So war die Welt im ersten Anbeginn.

Nun naht vom Wald her sich ein neuer Gast.
Die andern sehen ihm nicht zu.
Er läßt sich nieder auf dem weißen Ast.
Und dann ertönt auch durch die Winterruh

So rauh wie hohl der alte Krähenschrei.
In ihm ist Langweil und Verdruß.
So hocken sie, das schwarze Einerlei,
Und wirbelnd fällt der Schnee, wohin er muß.

Der Winter

Das Wasser friert im Becher,
Den
ich vors Fenster stelle.
Der Winter ist kein Zecher,
Er schlürft nicht aus der Quelle,
Wie es der Sommer tut.
Was fließt, bringt er zum Stehen,
Den Sturzbach zum Erstarren,
Und wo die Türen gehen,
Da tun sie es mit Knarren,
Und das gefällt ihm gut.

Die Füchse mag er leiden,
Die roten in den Forsten,
Und die sich schwarz ankleiden,
Die Raben in den Horsten,
Und jede Räuberbrut.
Der Mond auch und die Sterne,
Die seine Macht verachten,
Aus abgelegner Ferne
Gleichgültig ihn betrachten,
Sind Blut von seinem Blut.

Gäb es im Wald noch Bären
Mit scharfgeschliffnen Klauen,
Und Wölfe, diese wären
Genuß ihm, sie zu schauen
Und ihre arge Wut.
Das Sanfte muß er hassen,
Das Feuer auf dem Herde
Und was sich darum schart:
Was heut lebt auf der Erde,
Die kleine Menschenart,
Die will zu ihm nicht passen,
Nur Riesen wär er gut.

Die in den Höhlen hausten,
Im waldbedeckten Land,
Das Eberfleisch roh schmausten
Und Feuer nie gekannt,
Die, wenn sie sich ergetzten,
Vom windumpfiffnen Grat
Lawinen talwärts hetzten
Groß wie ein Sonnenrad –
D i e wärn ihm zur Gesellschaft recht,
Das wilde Mannsgeschlecht.

Winterliche Waldschlucht

Wie ist es draußen kalt!
Ganz steif gefroren steht der Wald.
Der Mond kann ihn nicht wärmen,
Der Mond gibt seinen weißen Schein,
Mehr nicht.

Und wo die Schlucht den Wald durchbricht,
Mit einem Bach im Grunde,
Wie muß es dort jetzt einsam sein
In seinem weißen Licht!

Wohl Nebelgeister schwärmen,
Den Hang herab, den Hang hinauf.
Der Bach erstarb in seinem Lauf.
Was macht jetzt die Forelle,
Die Sommers wie ein Pfeil hinschoß?
Sie rührt sich nicht, die schnelle,
Bleibt stehen auf der Stelle,
Gefroren in ihr Schloß.

Der Frühling wird es knacken,
Ganz sanft wird er zupacken,
Daß nichts geschieht der Schläferin,
Und bricht das Eis mit süßem Ton,
Dann mit der ersten Welle
Blitzt hungrig sie davon.

 

Editionsnotiz

1951 wurde Britting 60 Jahre alt. Seine Lyrik genoß damals zum zweiten Mal nach den dreißiger Jahren besondere Beachtung. Die Nymphenburger Verlagshandlung mußte diese Wirkung ausnutzen. So stellte der Autor im Herbst 195o binnen weniger Wochen die Gedichtsammlung »Unter hohen Bäumen« zusammen. Das gelang mit Rückgriff auf die „Mappe“, in der Britting seit je Texte, die ihm halbfertig, unbefriedigend und unvollendet erschienen, ablegte und über Jahre ruhen ließ. So kam es jetzt zu 74 Gedichten aus einem Zeitraum von 20 Jahren. Damit wird aber auch nach dem Themenwechsel zu den Todsonetten und dem Weinlob die Naturlyrik der 30er Jahre mit ihrem Gegensatz von Oben und Unten wieder ins Werk gesetzt: „Unter hohen Bäumen“ heißt das Gedicht, das, 1939 wohl entstanden und 1946 erstgedruckt, nun den Titel abgibt: „Hoch, ganz droben ist ein Wind, / Hörst ihn durch die Kronen wehen, / Bei uns unten aber sind / Warmer Sand und Gräser“. Durch die Rückgriffe und durch neue Arbeiten gibt der Band insgesamt einen zeitüberhobenen Eindruck von Brittings lyrischem Schaffen. Und es werden in dieser Sammlung, der letzten, die Britting selbst zusammengestellt hat, Gedichte publiziert, die oft als die bedeutendsten dieses Autors empfunden werden: „Bei den Tempeln von Paestum“(entstanden 1937/8), „Was hat Achill …“ (1938), „Jägerglück“ (vor 1942) und „Der große Herbst“ (1946-48).

 

Impressum

Band 5
Hrsg. von Ingeborg Schuldt-Britting

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Informationen über den Dichter und sein Werk in www.britting.de.

Alle Rechte vorbehalten
© 2012 Georg-Britting-Stiftung
83101 Höhenmoos
Wendelsteinstraße 3
Satz u. Layout: Hans-Joachim Schuldt
Made in Germany
Gedruckte Taschenbuchausgabe:
ISBN 978-3-9812254-6-4 (Sämtliche Werke – Gedichte)
ISBN 978-3-9812254-4-0 (Unter hohen Bäumen)