Bd. 3 – Die Begegnung

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Anhang mit Drucknachweisen und Anmerkungen

Gedichte

I.

Er kommt und schreit
(Hat Knechtesstimme):
Auf! Es ist Zeit!
Und wie den Fisch
Am silbernen Haken
Durch schwarzes Wasser
Schleppt er uns
Hinter sich drein,
Achtlos.

II.

Wie die Dohle, diebisch,
Fingerring, Spange
In den ärmlichen
Nestbau trägt,
Holt der Tod sich
Uns in sein Haus,
Daß wir ihm schmücken,
Goldnen Gesichtes,
Die schwarzen Wände,
Den Vorsaal,
Die Treppe.

III.

Der Tod ist ein Mann.
Und gut wärs, es müßten
Frauen nicht sterben,
Mit Tränen feuchtend
Die lieblichen Wimpern.
Was tun wir, wenn sie uns
Singend antreffen
Als Gäste am Tische
Des Mannes Tod?

Der Adler schlägt die rosenrote Taube

Der Adler schlägt die rosenrote Taube,
Nach ihrem Herzblut steht ihm das Begehrn.
All, was da flügelt, wird zu seinem Raube,
Und auf der Flucht noch muß es ihn verehrn

Und seine Stärke – unnütz, sich zu wehrn!
Das weiß der Fink in seinem grünen Laube,
Der Sperling und das Huhn im Straßenstaube:
Er ist den Vögeln eingesetzt zum Herrn!

So uns der Tod! Wer wollte ihm entfliehen?
Den Rücken zeigen? Stell dich seinem Blick!
Er schießt den Pfeil dir sonst in das Genick!

Es gab schon Männer, welche hellauf schrien,
Wenn er sie traf. Du mußt dich überwinden,
Damit sie dich mit offnem Mund nicht finden.

Der Tod und der Jüngling

Ich bin ja noch so jung! Die Menschen leben
Sonst sechzig Jahre, oder siebzig auch –
Und mir willst du nicht einmal zwanzig geben
Und bläst mich an mit deinem kalten Hauch,

Wie Maifrost fällt in die noch grünen Reben?
Ich bin nicht fertig schon für den Verbrauch,
Und noch kein Wein, den du im Lederschlauch
Gelassen magst auf deine Schultern heben.

Du Winzer Tod, laß mich doch reif erst werden!
Kein Winzer, Tod, tut so mit seinem Wein,
Solang er grün ist und ein unnütz Kraut!

Findest du Beßres nicht in deinen Gärten?
»Um mir das Schläfenhaar zu schmücken: nein!
Du junges Reis, vom Morgentau betaut!«

Der Tod und die Mutter

Du fressend Untier! Tod du, wühlend Schwein!
Nach meinem Knaben will es dich gelüsten?
Ich nährte ihn an meinen beiden Brüsten
Zu jeder Stund, und er geriet so fein,

Daß noch die Mühen mir die Nacht versüßten!
Er ist mein Blut, mein Herz, mein Fleisch, mein Bein:
Nimm mich für ihn! Gleichgültig kanns dir sein!
Schau, lieber Tod, ich will sogleich mich rüsten

Zum Abschied. In dein schwarzes Schlafgemach
Werd ich mich willig, dir zur Freud, begeben,
Zurück ihn lassen unter fremden Leuten.

Und wächst er lieblos auf, und tönt sein Ach!
Zu mir herab, dann solls mir nur bedeuten:
Er seufzt! Er weint! Also ist er am Leben!

Der Tod und der Reiche

Mir ist der Keller voll von Wein. Die Scheuer
Platzt mir vom Korn. Im Stall das liebe Vieh
Steht breit und glänzend, wie seit Jahren nie,
Die Pächter zahlen pünktlich Zins und Steuer –

Und jetzt kommst du, du bleiches Ungeheuer!
Hast du vielleicht gehört, daß ich dir schrie ?
Die Lerche wars! Es war ihr Tirili!
Es war der Knecht, einsam beim Reisigfeuer!

So geh zu ihm! Er liegt auf seiner Schütte,
Auf einem Auge blind, und lahm dazu!
»Den will ich nicht«, sagte der Tod voll Ruh.

»Der kann auf seinen Krücken weit noch gehen,
Ein Auge hat er, durch den Rauch der Hütte
Vom Fenster aus dein Grabgeleit zu sehen.«

Der Tod und der Fromme

»O Tod, wo ist dein Stachel ? Stich nur zu!«
So sprach der Fromme. »Aber triff mich recht
Ins Herz, zerreiß das rote Blutgeflecht
Mir ganz, du wilder, kralliger Uhu!

Und mach nicht solche Augen, gelb und gluh!
Und glaube mir: ich denk von dir nicht schlecht!
Tu deine Sach! Der Metzger schlägt die Kuh,
Und keiner ist, der von ihm Übles dächt!

Ich dank dir, Tod, sogar, du armer Schächer!
Nun werd ich bald, hörst du den Harfenton?
Eingehen in die himmlischen Gemächer!«

Der lauschte lang : Ich höre nichts davon!
»Und doch spielt einer hell die Harfe, glaub!«
Der Tod schlug zu: Dann also bin ich taub!

Der Tod und der Gefangene

Es liegt sich gut hier auf dem faulen Stroh!
Ein Spiel zu spielen mit den Kellerasseln,
Laß ich wie Donner meine Ketten rasseln,
Wie ein Verrückter schreie ich: Hoho!

Sind keine Spielverderber, tun nur so,
Als fürchteten sie mich, die guten Asseln.
Ich hör den Wind am Fensterladen prasseln.
So ists behaglich! Wind, sei nicht zu roh!

Sind meine Freunde : Asseln, Stroh und Wind.
Der Kerkermeister muß mir Suppe geben
Allabendlich, dazu ein Stücklein Brot.

So glaub nur nicht, du seist willkommen, Tod,
Und scher dich fort! Es lohnt sich noch zu leben,
Wenn gute Freunde treu beisammen sind.

Der Tod und der Kranke

»Vergangne Nacht schlief ich besonders gut.«
Was nennst du gut? »Nun: herzhaft, tief und fest,
Wie wohl der Vogel schläft in seinem Nest,
Wie wohl ein Kind, das in der Mutter Hut

In sanfter Wiege unbekümmert ruht,
Die dicken Fäuste ans Gesicht gepreßt.«
So war dein Schlaf? »Ja, so! Es war ein Fest!
Es war so schön! Ich spür es noch im Blut!«

Und wie lang schliefst du? »Nun, die ganze Nacht!«
Ach, die paar Stunden bloß! Das ist nicht lang!
Und du machst so Preiswürdiges daraus?

Für weniges schon solchen Dankgesang?
Ich nehm es als ein Lob, mir dargebracht
Fürs Künftige! Tritt ein! Hier ist mein Haus!

Der Tod und der Bettler

Ists schon so weit? Ach, gib mir noch ein Jahr,
Oder noch zwei! Ich hab ja nichts gehabt
Auf dieser Erd, das Fett zusammgeschabt
Von fremden Schüsseln, wenns schon ranzig war,

Doch wenn man hungert, schmeckt es wunderbar!
Ich lebte so, wies vom Trappistenabt
Die Regel heischt, der ich kein Mönch doch war.
Hab stets gehofft, daß mich noch einmal labt

Das Federbett, das Brathuhn im Spital,
Und alles das, was nicht die Jugend gab,
Daß ichs wie andre Leute hätt einmal!

Es wär ja viel zu früh für mich, das Grab!
Und, lach nur nicht. Ich fühl mich wie ein Falter!
Schau, Blütenhonig bringt mir erst das Alter!

Der Tod und der Feldhauptmann

Du siehst mich siegen! Eh der Tag verblich,
Wird mein Feldzeichen wehn auf Turm und Mauern!
Als Eber tat ich, der mit wilden Hauern
Das Korn zerwühlte vor dem Sensenstrich.

Ich diente dir doch gut mit Hieb und Stich?
Gefällts dir nicht, das Feld besät mit Bauern?
Klingts dir nicht schön, wie ihre Weiber trauern?
Nur recht und billig wärs, du schontest mich!

Bedenk, ich würde dir noch manches Stück
Zur Küche liefern, und mein Feldherrnglück,
Die Sänger priesen es in ihren Oden!

»Ihr Singsang dir? So töricht sind die Dichter?
Noch deinen Helmbusch feiert das Gelichter?
Dein Helmbusch ärgert mich! Er muß zu Boden!«

Der Tod als Sänger

Darf man ihn Sänger nennen, weil er singt?
Zwar seine Stimme ist ein wenig heiser,
Und daß sie alt und rauh und brüchig klingt,
Ist nicht verwunderlich – er ist ein greiser,

Schon weißgelockter Mann. Und doch erzwingt
Er es, daß alle Welt ihm lauscht: der Kaiser,
Der Bauernknecht. Und der ist wohl ein Weiser,
Der gern ihn hört. Die alte Stimme dringt

Quer durch Europa hin, durch Asia,
Und bis zum weitentfernten Afrika,
Und noch im dornbewehrten Kaffernkral

Versteht man sie. Es ist der gleiche Sang,
Wie er vor tausend Jahren schon erklang,
Als Siegfried fiel, am Quell, im grünen Tal.

Der Tod als Jägerknecht

Ob ers denn wisse, was dann drüben käme?
Voll Neugier fragte einer so den Tod.
Der schwieg verlegen, wurde dann so rot,
Als ob er seiner Unkenntnis sich schäme,

Und sagte : Nein! Was wisse denn das Schrot
Im Herz des Hasen, wenns im Sprung ihn lähme,
Das holde Licht aus seinen Augen nähme?
Er selber äße nur armselig Brot

Des Hausgesindes, sei ein Jägerknecht.
Und wenn die Strecke hingebreitet liege,
Weiß die Gesichter, froststeif die Gelenke,

So trüge man sie an des Schlosses Stiege
Zum Herrn der Jagd. Er wisse selbst nicht recht,
Was der damit dann anzufangen denke.

Tod, der Tänzer

Ein Tänzer, er? Und so was nennt man Tanz?
Wir sind, was ihn betrifft, recht höflich-zahm!
Schaut, wie er hinkt, der Tod! Er ist ja lahm!
Ein feiger Schmeichler nur sagt: Ja, er kanns!

Verrutscht im Haar den dürren Nelkenkranz
Der
eitle Narr ist ohne alle Scham,
Tanzt wüst einher! Wen an die Brust er nahm
Verliert aus dem Gesichte jeden Glanz!

Den Bischof faßt er um die feiste Hüfte.
Dem flattert das Gewand. Dem jungen Mund
Der Braut entfahren eklig-süße Düfte,

Wenn er sie hinschwenkt, schwarz, ein Höllenhund!
Die Geigen tönen. Und die Hörner. Laut
Die Pauke auch. Wer wohl die Pauke haut?

Es hat der Tod verschiedene Gestalt

Es hat der Tod verschiedene Gestalt,
In welcher er die Menschen lockt und schreckt:
Als Mädchen, süß, in dem schon Fäulnis heckt,
Als eitler Arzt, der mit dem Heiltrunk prahlt,

Als Kriegsmann, dem die Helmzier niederwallt,
Als kaiserlicher Richter, stolz gereckt –
So treibt er Spaß, in Masken schlau versteckt,
Und seine Späße sind wie Eis so kalt.

Und ob du schläfst im windumwehten Zelt,
Oder daheim, in deiner warmen Stube –
Du bist vor ihm nie sicher auf der Welt!

Und kläfft dich nur ein Hündlein an im Feld:
Kann sein, du sinkst vor Schrecken in die Grube,
Als habe dich ein Drache angebellt.

Der zarte, kleine Herr

Ein Engel, flammend, sollte vor mir stehn,
Mit goldnem Schwert, mit erzgetriebnem Schild –
Mein Auge würde sich vor diesem Bild
Entsetzen, und ein Sturmwind würde wehn

Von drüben her: So malte man dich wild!
In solchem Sturme würde ich vergehn!
Nun bist du anders, und ich darf dich mild
An meinem schweißgetränkten Lager sehn.

Bist dus denn, Tod? Der zarte, kleine Herr?
Und ungepanzert? Und in deiner Stimme
Ist nichts von eines Cherubs wildem Grimme?

Ach, Schwert und Panzer wären dir zu schwer!
Und so viel Aufwand wär auch fehl am Ort:
Brauchst nicht zu schrein! Ich hör dein leises Wort!

Der Tod als Orgelspieler

Die vielen Stimmen mischen sich gewaltig,
Ein guter Spieler nur kann das so fein!
Das läuft und rennt und holt einander ein,
Verschlingt und löst sich wieder, tausendfaltig.

Den Jünglingsstimmen, hell und silberhaltig,
Gesellen Bässe sich, bäurisch gemein,
Und sie vertragen sich, und es wird ein
Gesang! Ihn spielt, hat Locken im Genick,

Spielmeister Tod, der alte Musikant.
Er sitzt am Pult und läßt die Pfeifen tönen,
Macht keine Pause, spielt nur immer fort.

Hört ihm wer zu? Spielt er vor leerer Wand?
Das hieße ja die liebe Kunst verhöhnen!
Es muß ein Hörer sein am fremden Ort!

Der Gesang der Vögel

Es läuft das Reh schnell durch den schwarzen Wald
Und fängt sich in den ausgelegten Schlingen –
Und über ihm die kleinen Vögel singen
Wohl auf dem Baume, daß es lustig schallt!

Die Rehe, die sich in den Schlingen fingen,
Und also spüren finstern Tods Gewalt,
Sie hören heller nur die Vögel singen,
Und hörn den Falken schreien überm Wald! –

Meintest du denn, die Welt wird sich verdunkeln,
Nur weil du stirbst? Das Veilchen nicht mehr blühn?
Die Sterne werden schön wie niemals funkeln,

Die Sonnenblumen wütender erglühn!
Erst wenn du stirbst, wirst du es ganz begreifen,
Daß, weil du stirbst, die Vögel heller pfeifen!

Klage

O jammervolle Welt, dem Tod bestimmt,
Drin jeder Scherz sich muß zum Schmerze wenden:
Der Lerchenjubel, den dein Ohr vernimmt,
Er muß mit einem Schmerzenstone enden,

Kaum ist ein Lied zur Zither angestimmt,
Springt schon die Saite unter deinen Händen!
Ach, nur der Fisch, der durch das Wasser schwimmt,
Hat keinen Todeslaut: wärs anders, fänden

Die Dörfer an den Flüssen keinen Schlaf!
Es schreit der Kiesel, den das Eisen traf,
Erbärmlich auf, als lebte jemand drin,

Der Schmerz verspürt! O jammervolle Welt!
Wie eine Harfe bist du aufgestellt!
Der Wind geht wie ein Seufzen durch dich hin!

Die Schweigsamen

Wie unsre Reise ging, zu Fuß, zu Pferd,
Zurückgelehnt in einem schönen Wagen,
Ob wir erhielten, was das Herz begehrt,
Ob Anlaß hatten, um uns zu beklagen –

Man wird am Ende uns zu Grabe tragen!
Solang wir lebten, hat man uns belehrt,
Man tuts auch jetzt, an unserm Sarg, und fährt
Voll Eifer fort, Erklärendes zu sagen.

Die bleiben dürfen, bilden gern sich ein
Zu wissen, was uns nun geschehen wird,
Und reden lang und salbungsvoll davon.

Wir liegen da, erstarrt an Arm und Bein,
Im ungemütlich kalten Brettgeviert,
Und wissen nichts, und sagen keinen Ton.

Der Tod spricht

Ein jeder hätt was anderes zu sagen,
Ein jeder jammert mir was anders vor,
Und meint, der Nachbar passe auf den Schragen,
Er selber habe noch zu tun, bevor

Er mit mir gehen könne! Doch ihr Klagen
Klingt ganz vergeblich ans gewöhnte Ohr.
Nur selten einer, der sich nicht mit Fragen
Warum? Schon jetzt? mischt in den lauten Chor,

Still auf dem Bett sich ausstreckt, Fuß bei Fuß,
Die Hände faltet und die Augen schließt,
Wie es sich schickt! So einen nenn ich brav,

Erquick ihn gern mit dem bewährten Schlaf,
Wo nichts ihn freut, und nichts auch ihn verdrießt!
Sind Menschenwort: Freude wie Verdruß!

Türhüter Tod

Von drüben weiß ich nichts. Mein Dienst geht hier,
Auf dieser Erd. Türhüter bin ich, und
Mach auf, mach zu. Darf wie ein Kettenhund
Niemals ins Haus. Viel besser habt es ihr.

Ihr seid geladne Gäste. Aber mir
Bleibt nur das Nachsehn. Sagt, hab ich nicht Grund
Betrübt zu sein? Ich starr mit offnem Mund
Neidisch euch nach. Bin ich ein räudig Tier?

Ein Ausgestoßner? Wie mags drüben sein?
Ich möcht wie ihr mir Kenntnisse erwerben.
Mich hält man dumm. Warum darf ich allein

Niemals ins Haus? Was hat man mit mir vor?
Soll ich denn ewig stehen vor dem Tor?
Ihr Glücklichen! Warum darf ich nicht sterben?

Der Tod in der Ruine

Das Jagdgefild der Katze und der Eule –
In Trümmern liegt das Schloß unter dem Mond,
Von niemand mehr, von Ratten nur, bewohnt.
Zur Eule sagt der Tod: Nun, Bruder, heule

Den Jammerton! Er lehnt an einer Säule,
Die blieb, als letzte, vom Verfall verschont.
Ob sich die Jagd heut nacht denn auch gelohnt?
Fragt er die Katze dann. Moder und Fäule

Dampft aus den Trümmern her. Er atmet tief:
Das ist so der Geruch, wie ich ihn mag!
Ihr Freunde, kommt, und setzt euch neben mich!

Sie kamen beide, die ihr Herr so rief:
Die Katze kam mit leisem Pfotenschlich,
Die Eule kam mit schwerem Flügelschlag.

Die Blöcke türmen sich im Felsental

Die Blöcke türmen sich im Felsental.
Zerklüftet und zu Burgen aufgebaut.
Gerippig glänzt, mit nackter, weißer Haut,
Der hingestürzte Stamm, die Äste, kahl,

Von sich gestreckt, erstarrt in wilder Qual.
Und Stille rings. Und nur der rauhe Laut
Des Windes, und der Morgennebel braut.
Die Erde ist, der Himmel drüber fahl.

Ein Rinnsal sickert durch die Felsenbrocken.
Scheu kommt ein Wiesel, will am Trunk sich laben.
Da sieht es droben einen niederhocken,

Die süße Flut ihm spielend abzugraben,
Wie Kinder tun. Mit trocknem Maul, erschrocken,
Huscht es davon. Und hört ihn schaben, schaben.

Das Käuzchen schreit in seiner Felsenzelle

Das Käuzchen schreit in seiner Felsenzelle.
Da schauern alle Bäume kalt zusammen,
Die Hirsche, die zum Abendtrunke kamen,
Verharren reglos an der Wasserstelle.

Der Wandrer bindet sich mit seinen klammen
Fingern die Schuhe fest. Mit blasser Helle
Steigt auf der Mond. Ihn kümmert das Gebelle
Des Totenvogels nicht. Der heult den Namen

Des Herrn und Meisters in den Wald hinein.
Im Halbschlaf schüttelt sich der wilde Geier
In seinem Nest voll faulendem Gebein.

Den Hauer wetzt das rauhe Borstenschwein.
Die Sterne spiegeln fromm sich in dem Weiher.
Es zupft der Tod die Saiten seiner Leier.

Der Tod am Weiher

Der Mond verbarg sich hinterm Wolkenhügel.
Der Abendstern stand schweigend auf der Wacht.
Die Fledermaus hatte sich aufgemacht
Und streifte mit dem unbeholfnen Flügel

Den krummen Ast, der aus dem Weiherspiegel
Empor sich hob. Da hat der Tod gelacht:
Mond, komm hervor! Gib deine Gunst dem Prügel!
Nach Glanz verlangend stieg er aus der Nacht

Der untern Wässer, die vertraut mir sind –
Du aber, oben, bist mir auch vertraut.
So wirst du dich gewiß gefällig zeigen!

Der Mond trat lautlos vor. Es ging kein Wind.
Das Wasser lag mit angespannter Haut.
Die Fledermaus flog hin und her durchs Schweigen.

Der Tod im Garten

Die Sonnenblumen legten ihre grellen,
Mit Licht gefüllten Teller auf die Latten
Des Gartenzauns. Weiß, ohne zu ermatten,
Der Springbrunn stieg
und fiel. Und die Libellen

Bekämpften sich, um dann sich zu gesellen,
Und zitterten, weil sie den Auftrag hatten,
Sich wie Verliebte töricht anzustellen.
Da klang ein goldner Schritt. Es fiel ein Schatten.

Doch niemand war zu sehen, der ihn gab.
Der Springbrunn stand. Der Garten war ein Grab.
Er roch auch so. Die Sonnenblumen waren

Wie Schreckenshäupter, mit gesträubten Haaren.
Nur die Libellen ließen sich nicht stören,
Im Liebeswerk einander zu gehören.

Der Tod und die Raben

Er sitzt am Feldrand. Und der Tag ist heiß.
Der blaue Himmel überfließt vom Licht.
Er spricht, und wischt den Schweiß sich vom Gesicht:
Der Wald ist schwarz. Hier ist es mir zu weiß.

So gar kein Schatten! flucht er laut und leis.
Doch eh er nun zum kühlen Tann aufbricht,
Kommen die Raben – aus dem Flußdickicht,
Vom Dorf, vom Moor, von weit her, und er weiß:

Sie, die von je als Henkervögel galten,
Sie sind ihm treu und sind ihm ganz ergeben,
Und zähln sich heut noch stolz zu seinem Volke.

Und wie sie still auf schwarzen Flügeln schweben,
Hoch ihm zu Häupten, und sich reglos halten,
Sitzt er im Schatten nun der Vogelwolke.

Der Tod und die Quelle

Du kommst aus einem dunklen, stillen Haus
Und bellst nun wie ein aufgeregter Hund,
Weil du mich siehst, und zeigst den weißen Schlund.
Vor Eifer schier geht dir der Atem aus.

So kusch dich, Vieh! Mit dem Geklirr, Gebraus,
Dem Strudeln und dem Blasenwerfen und
Geschrei machst du dir bloß die Kehle wund.
Stopf ich sie zu, ists aus mit deinem Saus!

»Versuch es nur! Wirf Lehm und Moos und Stein
Mir ins Gesicht! Glaubst du, ich wüßte nicht
Auch andern Weg ? Und jeder führt ans Licht!

Hast du auch Zeit, stets wieder da zu sein?
Sind wir auch Hunde, sind wir eine Meute –
Und wo du hinhörst, hörst du das Geläute!«

Der Tod und die Bienen

Von weitem schon hört man das wilde Sausen
Der Bienenvölker: Gold um seinen Kopf!
Und hintendrein, ein langer, goldner Zopf,
Dehnt das Gefolge sich. Es schwillt das Brausen

So an wie das Gehämmer und Geklopf
An Rüstungen. Und von den Feldern draußen,
Aus schwarzen Löchern, wo die Hummeln hausen,
Kommt Zuzug ihm, in Schwärmen, im Getropf

Verspäteter: die wolln dabei auch sein,
Wenn er sie führt, und reihn sich gierig ein:
»Weißt, uns zur Lust, den allerschönsten Garten?«

»Ihr Vögelchen! Heut gilts kein Honigsaugen!
Habt Schwert und Speer! Die sollen mir heut taugen!
Ihr Lieblichen! Ihr Glänzenden! Ihr Zarten!«

Der Tod im Siechenhaus

Es trieb ihn neulich, sich der Macht zu freuen,
Die ihm gegeben ist, und Furcht zu wecken.
So ging er, um es gräßlich zu erschrecken,
Mit finstern Tritten und dem Blick des Leuen,

Ins Siechenhaus, darinnen von den treuen
Schwestern bewacht, die Leidenden sich strecken,
Nach Krücken greinen, nach dem Unratbecken,
Und jeden Bissen wieder gleich bereuen,

Weil er den Eingeweiden Pein nur bringt.
Doch wie sie ihn im Saale stehen sehen,
Voll Gier, ein Wutschrei, ihr Gelüst erklingt:

Zu mir! Hol mich! Beleidigt will er gehen.
Da packt ihn einer an des Mantels Falten:
Hab ich dich endlich! Mußt mich nun behalten!

Der Tod am Bach

Am Morgen steigt er aus dem Walde nieder,
Zum Bach hinab, der durch die Wiesen läuft.
Dort stehen viele Blumen, dicht gehäuft.
Zur gleichen Stelle kommt er immer wieder.

Ins nasse Gras – wie schmerzen ihn die Glieder! –
Kniet er sich hin, vom Morgenlicht beträuft.
Wer ihn von weitem sieht, der denkt: der säuft
Schier wie ein Tier! Doch ists der Weltgebieter,

Ders närrisch treibt mit Zieren und Sichdrehn.
Da schämen sich die Veilchen an dem Bache,
Schämt sich der Hecht und läßt die scheibenflache

Brachse im Uferschatten bei sich stehn,
Weil wie die Magd, die eitel sich betrachtet,
Der hohe Herr sein Spiegelbild anschmachtet.

Um seine Stirn, statt Haaren, hat er Schlangen

Um seine Stirn, statt Haaren, hat er Schlangen.
Es ängstigt dich die schreckliche Frisur.
Und wo sie überm Aug ihm einwärts hangen,
Streicht er sie weg, mit einem Griff, wie nur

Man Altgewohntes tut. Du denkst mit Bangen:
Das gäb für einen Bader schöne Schur,
Es abzuzwicken, hart, mit Eisenzangen,
Das Zorngelock von wilder Tiernatur.

Dann auf dem Boden lägen ihre Köpfe,
Und züngelten und sprängen auf und nieder
Und bissen sich im Kehrichtbesen fest:

So geht dein Traum, indes er die Geschöpfe
Um seine Stirn, erschauernd siehst dus wieder,
Wie Jünglingshaare lustig flattern läßt.

Rattenfänger Tod

Von einem Rattenfänger weiß die Sage,
Der nicht die Ratten nur mit seinem Spiel,
Die Kinder auch durch seiner Flöte Klage
Schwarz hinter sich zwang, bis er dann am Ziel,

Am Berge war, und dort, am hellen Tage,
Durch eine Felsentür verschwand – und still
Folgten die Kleinen, fromm schier, und dann fiel
Die Türe wieder zu mit lautem Schlage.

So haust im Berg seitdem der Rattenfänger,
Dumpf durch die Steinwand tönt die alte Weise.
Die süßen Kinder konnte sie betören,

Nun drängen die Erwachsnen zu dem Sänger,
Und Einlaß fordern, um ihn auch zu hören,
Die Männer, schwarzgelockt, die kahlen Greise.

Der Tod verschmäht den Vogel Pfau

Ei, Vogel Pfau, mit schleppendem Gefieder,
Wo hast du nur die vielen Farben her?
Blau wie der Himmel ist, grün wie das Meer –
So prahlt am Hochzeitstage nicht das Mieder

Der Bauernmagd, von Gold und Zierat schwer!
Was schreist du denn? Du singst? Das nennst du Lieder?
Den gleichen heisern Ton nur immer wieder!
Schweig still, ich bitte dich und sing nicht mehr!

Du schlägst dein Rad? Die Sonne muß verblassen
Vor diesem Glanz! Ich will dich leben lassen.
Ich mag in dich, du Farbentopf, nicht fassen.

Zu meiner Stadt, zu ihren dunklen Gassen,
Zu ihren schwarzen, schweigenden Terrassen
Will nur das farblosvornehm Stille passen.

Der Streit

Der Heide jubelte : »Auf deinen Rossen,
Sag selber, Tod, durchs Sterngefild zu fliegen,
Wird herrlich sein!« Der Türke schrie : »Bald liegen
Die weißen Mädchen bei uns! Ihre bloßen

Gesalbten Brüste werden uns liebkosen!«
»Nein, pfui!« erschrak der Christ. »Es wird auf Stiegen
Zum Himmel gehn! Dort sind die Engel, wiegen
Das Kind der Welt, von dem das Heil entsprossen!«

So stritten sie. Wild ging die Redeschlacht.
Tod hob die Hand. Das hat sie still gemacht:
Wie man im Bühnenhaus nicht weiter spricht,

Wenn sich der Vorhang hebt, im Rampenlicht
Das Stück sich fortsetzt, doch so nicht, so nicht,
Wie man es sich im ersten Akt gedacht.

Der Bescheidene im Haus des Todes spricht

Ein schönes Haus, das viele Zimmer hat!
Und gleich beim Eingang einen großen Saal
In Gold. Dort finden die Empfänge statt,
Für Neuankömmlinge. Und ihre Zahl

Ist groß. Dabei zu sein, man hats bald satt,
Und bleibt in seinem Zimmer. Ists auch schmal
Und ohne Schmuck, hats einen Blick zur Stadt,
Die droben liegt, am Berg, hoch überm Tal.

Dort blinken Abends Lichter her. Man spricht,
Daß alle, deren Führung gut gewesen,
Die Lichterstadt zum Aufenthalt bekämen.

Dort also wohnen auserlesne Wesen.
Die Engel gar! Ich müßte mich dort schämen,
Und mir genügt der Blick auf Stadt und Licht.

Der Tod beklagt sich

Und mag ich tausend in das Gras auch legen,
Mit Beulen schinden, Schwert und Gift und Pest,
Die junge Brut vernichten schon im Nest,
Schwarz hinter ihnen sein auf allen Wegen,

Den Galgen füttern und das Rad bewegen,
Das ihren Knochen roten Saft entpreßt:
Kein End zu sehn, und immer bleibt ein Rest!
Weiß Gott, auf meiner Arbeit ruht kein Segen!

Ein jeder will doch einmal fertig werden,
Will nach dem Tagwerk Feierabend haben,
Um seine Tabakspfeife still zu paffen!

Es ist ein harter Auftrag, hier auf Erden,
Mit Seuchen, Krieg und andern strengen Gaben
Für immer neue Menschen Platz zu schaffen.

Der große Schnitter

I.

Er war schon immer da. Und mäht und mäht.
Auf Erden sonst hat alles seine Zeit
Und kommt und geht, wie Tag an Nacht sich reiht.
Er ist von Dauer. Er allein ist stät.

Er hat seit je ein einziges Gerät,
Die blanke Sense, aber stets bereit!
Er schneidt im Frühling, und er schneidt, wenns schneit,
Uns hinzumähen, ists ihm nie zu spät!

Es fürchtet ihn der Grashalm und der Klee
Im Sommer nur. Und Schonzeit hat das Reh.
Im kalten Winter schweigen die Gewitter.

Uns ängstigt stets er: Ob der
Frühling taut,
Der Winter graut, der Maienhimmel blaut –
Uns schneidt, wanns ihm gefällt, der große Schnitter.

II.

Mit einer Sense stellt man gern ihn dar:
So seid ihr wohl für ihn nicht mehr als Gras!
Ihr mögt im Saft noch stehn, recht fett und naß,
Schon trocken sein, und mürb gekocht, und gar,

Das gilt ihm gleich, er nimmts nicht einmal wahr!
Er mäht euch so zu Hauf, als wärs ein Spaß,
Die grünen Halme und die Halme blaß,
Und auch die Blume, die gesellt euch war.

Wenn ihr gebündelt auf der Wiese liegt,
Spielt er den Bauersmann, sticht euch empor:
Bald, hochbeladen, schwankt die Fuhre Heu,

Von der im Wind ein dünnes Stäuben fliegt.
Für seine Rosse, sag ich euch ins Ohr,
Seid ihr, die Blumen auch, nur Gsott und Streu.

Er findet dich im allertiefsten Tann

Nicht jeder Jäger trägt ein grün Gewand,
Und der dich jagt, nicht einmal ein Gewehr!
Und ob du fliehst zur steilsten Felsenwand,
Im weißen Segel hinfliegst übers Meer

Zu einer Insel, wüst und schaurig leer,
Allein zu sein am öden Klippenstrand –
Er ist stets schneller noch als du gerannt,
Und wo du hinblickst, blickt er zu dir her!

Vor seinem Blick schützt nicht der dickste Turm,
Er findet dich im allertiefsten Tann,
Und birgst du dich im Gras und grünen Kraut –

Vielleicht frißt grad vor dir ein Molch den Wurm,
Und bei dem Mahle sieht er so dich an,
Daß du es spürst: er hat dich angeschaut!

Hast du auch Knechte, Tod?

Hast du auch Knechte, Tod? »Ich habe Knechte!«
So nenne sie! »Da sind einmal die Seuchen!
Ich lobe sie. Sie sind aus dem Geschlechte,
Das Unflat speit aus vollen, gelben Bäuchen.

Im Wasser dienen mir die wilden Hechte,
Im Wald die Beeren an den Giftgesträuchen.
Den Baum zu stürzen, dient mir gut die Flechte,
Der Marder, um das Federvieh zu scheuchen.

Das Gras zu dorren, dient die Sonne mir,
Die Saaten zu ersäufen, Wassersflut.
Die Wölfe reißen mir die zarten Kälber.

Sind gute Knechte. Beßre nenn ich dir:
Gilts hinzumähen ihre eigne Brut,
Dienen am besten mir die Menschen selber.«

Der Tod als Schulmeister

Wie siehst du aus? Erbärmliches Skelett!
Hohlauge, du! Stets frierendes Gebein!
Den schwarzen Mantel ziehst du hoch, als tät
Ein Wind dir weh. Drauß ist doch Sonnenschein!

Und jeden rufst du auf! Von A bis Zet
Geht deine Liste: Ein Schulmeisterlein,
Das nach dem Unterricht und Schlußgebet
Die Buben zählt! Genau! Ordnung muß sein!

Geschwind hebt sich ein jeder von der Bank,
Der seinen Namen hört, verbeugt sich still
Und geht vergnügt davon. Wohin? Nach Haus!

Und sagt: Nun ist die Schule endlich aus!
Kann Bücher lesen, wie mein Herz sie will,
Die goldenen! Schulmeister, Tod, hab Dank!

Vogelsteller Tod

Sieh aufgespannt sein Netz, ein schwankes Gitter,
Ein lufterfülltes, hanfenes Gemach,
Und sich verflatternd drin, mit Weh und Ach,
Mit Seufzern viel, von Seufzern ein Gewitter,

Die Vogelschar! O Schmerzenslaute, bitter,
Gezappel der Gefangenschaft und Schmach!
Doch bald vom Rütteln sind die Flügel schwach,
Und Federn stieben! So in dem Gezitter

Des dünnen Netzes holt er sich an schönen
Und rauhen Stimmen überreichen Fang.
Ihn zu verhandeln? Selbst ihn zu behalten?

In goldnen Käfigen ihn zu verwöhnen?
Den Abend sich gemütlich zu gestalten
Bei Zwitschern, Trillern, Spottruf und Gesang ?

Der Tod an den Dichter

Du spielst mit mir, machst Reime und Gedichte,
Gar zierlich redest du von Blut und Schwären,
Vom Hirschkalb unterm Prankenhieb des Bären
Und von dem Henker auf dem Schandgerichte.

Als wärens Perlen, spielst du mit den Zähren
Der Trauernden mit lächelndem Gesichte,
Die Silben setzend streng nach dem Gewichte.
Mach nur so zu! Ich lasse dich gewähren

Für eine Zeit, du armer Strophenheld!
Du magst mich so und immer anders schildern,
Verfertiger von Liedern: singe! singe!

Nur werde mir nicht blaß, wenns mir gefällt,
Daß ich urplötzlich dann aus deinen Bildern
Leibhaftig dir und nackt entgegenspringe!

Hektor und Achill

I.

Auch Alexander starb. Es starb der weise
Und zungenschnelle Sokrates. Der Held
Achill. Held Hektor auch. O grause Welt!
Die Kinder sterben und die grauen Greise.

Dem wird ein Scheiterhaufen aufgestellt,
Den schickt das Gift auf seine letzte Reise,
Und den das Schwert. Und keiner hats gewählt.
Verschieden ist der Weg, die Art und Weise,

Und gleich das Ziel. Dann schließen sich die Türen,
Die in das unbekannte Drüben führen,
Für immer zu. Und nie ward es vernommen,

Daß jemals einer wär zurückgekommen,
Um uns bestaubt und atemlos zu sagen,
Ob jetzt Achill und Hektor sich vertragen.

II.

Ob jetzt Achill und Hektor sich vertragen
Und vor den Mauern Trojas sich ergötzen
Am süßen Wein und miteinander schwätzen –
Weißt du denn nur und immer nur zu fragen?

Und eine Antwort willst du wohl nicht wagen,
Stets Zweifelnder? Ob sie, statt sich zu hetzen,
Nun Freund und Bruder zueinander sagen –
Ein Unterschied, gering nur anzusetzen!

Meinst du, daß alles unverändert bleibt?
Daß drüben uns der alte Wahnsinn treibt?
Daß wieder Männer um die Frauen werben?

Sag, findest du denn kein gewisses Bild
In deiner Seele, das die Unruh stillt:
Wozu wir sind, um kurz darauf zu sterben?

III.

Wozu wir sind, um kurz darauf zu sterben,
Das fragte, als er noch im Lichte lebte,
Vor Freude schrie, in Schmerz und Wut erbebte,
Achill sich nie. Er schlug dem Feind mit derben,

Glorreichen Hieben stracks den Helm in Scherben
Und auch das Haupt. Wer je ihm widerstrebte,
Der mußte bald den Boden blutig färben!
Doch wenn der Abendduft um Troja webte,

Sang er sich wohl ein Lied, der unbedachte
Und weise Held, der laut und töricht lachte,
Wenn einer sich mit dieser Frage quälte.

Die Götter schenkten ihm von allen Gaben
Die beste, die sie zu vergeben haben:
Daß er sich diese Frage niemals stellte!

Der Tod und die Braut

I.

Du kannst ihn mir doch nicht schon nehmen wollen,
Den süßen Freund, den ich mir erst gewann?
Das Brautgewand, die Hemden, die ich spann,
Die kleinen, weißen Schuhe, willst du, sollen

Unnütz mir sein? Die Freudentränen quollen
Mir üppiger, wenn ich an das Gespann,
Das hochzeitliche, dachte. Es verrann
Die Zeit so langsam, die mir doch den vollen

Gewinn erst bringen sollte: er – mein Mann!
Wie hab ich all das schön mir ausgedacht!
Treibst du nur Spaß? Das wär kein Meisterstück!

Pfui, schäm dich, Tod! Daß man so scherzen kann!
Und ihm gefällts! Schau hin! Er geht! Und lacht!
Er weiß, der Schelm, ich bleibe nicht zurück!

II.

Schütz vor den Motten du dein Brautgewand
Und laß die weißen Schuhe nicht verderben!
Zerbricht das frühe Glück dir auch in Scherben –
Ging mancher so, die dann ein andres fand!

Der Fraun Beharrlichkeit verweht wie Sand –
Und starb der erste, greifen sie mit derben
Fäusten den zweiten sich, die Klugen, gerben
Aus zähem Leder sich was von Bestand!

Und hast du Kinder erst und Haus und Scholle,
So holst du lächelnd aus der Mottentruhe
Für deine Tochter Leinenzeug und Wolle

Und wirst nicht einmal rot, wenn du dann sagst!
Zur Hochzeit schenk ich dir die weißen Schuhe!
Sie glänzen noch! Nimm sie, wenn du sie magst!

Das zürnende Mädchen

I.

Lockt er dich so? Du mußt dich stärker wehren!
Gefällt er dir? Bist du so flatterhaft?
Und hast dich schon in sein Gesicht vergafft?
Du schwurst mir Treue oft – sie zu bewähren

Ist jetzt die Stund! Es warn doch keine leeren
Worte, die du mir gabst! Zeigs! Hol dir Kraft
Zu widerstehn aus deiner Leidenschaft!
Was sie vermag, jetzt sollst du es mich lehren!

Ich weiß es fest, käme zu mir der Tod
Und sagte: Auf! du zartes Jüngferlein,
Nun heißts die Welt, den lieben Freund verlassen!

Ich lachte nur: was bildest du dir ein?
Da müßte mich der liebe Freund ja hassen,
Und vor den Engeln drüben würd ich rot!

II.

Sei ruhig, du! Man hat mich, diesen Herrn
Zu holen ausgeschickt! Was mir befohlen,
Das tu ich auch. Und wenn ihm meine hohlen
Augen gefallen, sollst dus ihm nicht wehrn!

Ich weiß, du meinst, er soll nur dich verehrn!
Daß er mich liebt, brennt dich mit heißen Kohlen!
Schlägst mit den Hufen aus, du wildes Fohlen,
Und schreist und willst Unmögliches begehrn!

Du siehst: ich bin ein altes Beingerippe
Und keine angenehme, junge Frau.
Und nennt er meine Augen veilchenblau,

Und schaudert ihn nicht meine kalte Lippe –
Ich habe mir deine Gestalt geliehen,
Ihn von dir fort und zu mir her zu ziehen!

Rede und Antwort

I.

Du bist der Herr, und ich gehorche bloß.
Und oft
und oft, da schnürt es mir die Kehle,
Wenn du mir zurufst deine Mordbefehle
Und schonst das Kind nicht in dem Mutterschoß.

Ich bin nicht zart besaitet. Schlag und Stoß
Muß sein. Doch in der Brust, da lebt mir eine Seele.
Ob du es weißt, wie ich mich manchmal quäle ?
Ach, Henker sein, ist gar ein bittres Los.

Woher nimmst du die Kraft zu deinen Taten?
Bist du der Höchste? Gehts nach oben weiter?
Steht über dir noch einer auf der Leiter?

Ich möcht es nicht, ich muß im Blute waten!
Doch du? Gehorchst du wieder einem Herrn?
Ich glaub es fast. Wer täte so denn gern?

II.

Ach, laß dein Fragen und dein unnütz Plappern!
Wer deine Obern sind, was gehts dich an?
Schon schreit im Morgengrau der erste Hahn,
Der Wind erhebt sich, und die Mühlen klappern.

Geh an die Arbeit! Würg mir von den Schnappern
Die Tageszahl genau! Es meint ihr Wahn,
Es rührte mich, vor sie die Suppe schlappern,
Das Frühgebet, und sei mir hold getan!

Gib nichts auf sie und ihr Geschrei, du Tor!
Sie haben dir dein zart Gemüt verwirrt
Mit ihrem ungerechten Jammerchor.

Wenn um ihr Haupt dein kalter Flügel klirrt –
Ahnst du es denn, was ihnen dann geschieht,
Und was ihr Aug, du ewig Blinder, sieht?

Das himmlische Konzert

I.

Tod, fürcht dich nicht! Der Glanz! Was sagst du, Mann?
Das ist dir schön, ein solches Tonkonzert!
Tritt näher nur! Es ist uns nicht verwehrt!
Der Engel dort, nein, wie der spielen kann!

Nur ihn zu hören, wärs zu kommen wert!
Nun fängt die Orgel hundertstimmig an!
Wir singen mit! Und wärs nur dann und wann
Einen Akkord! Wer die Musik verehrt

Ist hier zu Haus! Und du machst ein Gesicht,
Bleibst vor dem Eingang, traust dich näher nicht?
Ich bitt dich, Mann, tritt in den Freudensaal!

Ein jeder hier muß dir doch dankbar sein!
Wärn ohne dich nicht da, die Gäste all!
Nun bläst man Tusch! Du gehst? Läßt mich allein?

II.

Der Jubelschall! Posaunen und die Flöten
Anstimmen jetzt ein mächtiges Getön!
Aus fremden, prächtigen Musikgeräten
Strömt es heraus! Auch kann man welche sehn,

Die zupfen Herrliches aus goldnen Drähten!
Und Tubabläser, weißgesichtig, stehn,
Denen vom Blasen sich die Wangen röten
Das ist Musik! Viel schöner noch als schön!

Nun singen sie! Das müssen Engel sein!
Habs nie geglaubt, daß es die Engel gibt!
Doch solche Stimmen sind schon ein Beweis!

Die Stille jetzt! Nur einer singt! Allein!
So glüht der Südwind durch Gebirg und Eis!
So singt nur er, der Herr! Nur er! Er liebt!

Das weiße Hemd

So fängt es an: wir kommen nackt zur Welt.
Dann tut man uns ein weißes Taufhemd an.
Man wächst heran, wird groß und gar ein Mann
Und sieht sich um, von Zuversicht geschwellt.

Man freit ein Weib. Baut sich ein Haus. Und hält
Sich eine Magd. Hat Garten, Hund und Hahn.
Zieht Kinder groß. Verliert den ersten Zahn.
Und hat sich manches anders vorgestellt.

Das Leben läuft. Man sinnt ihm nach und lacht:
Nach jedem Tage kam noch auch die Nacht!
Dann geht der Freund. Die Frau. Die Welt wird fremd

Und sonderbar. Heißts dann von uns: er starb!
Gibt man von allem, was man je erwarb,
Nur eins uns mit: ein langes, weißes Hemd!

Streckt euch nur ruhig auf die Bettstatt hin

Streckt euch nur ruhig auf die Bettstatt hin –
Was jetzt zu tun ist, ist gar bald getan!
Dann heißt es wohl: dem tut nun auch kein Zahn
Mehr weh! Und bestenfalls: ist schad um ihn!

Und dann vergißt man euch! Es kräht kein Hahn
Den Toten in die Gräber nach! Es ziehn
Die neuen Mieter in das Haus, darin
Man aß und trank. Vorbei! Es liegt nichts dran!

Was wir auch trieben: stets vergeblich wars,
Das Hasten, Rennen, Sichgedankenmachen,
Unruhigsein im Schlafen und im Wachen!

Es glich dem Kampf mit einem wilden Drachen.
Schon daß wir kämpften, überheblich wars!
Wir sinken hin, die Starken wie die Schwachen!

Ihr sagt, man soll sich in Ergebung fassen!

Ihr sagt, man soll sich in Ergebung fassen!
Sind wir nur dazu hier auf dieser Welt,
Den vollen Becher, den die Hand hochhält,
Kaum angetrunken wieder falln zu lassen?

Die Tafel prunkt. Was gäb es da zu prassen!
Verschwenderisch ist uns das Mahl bestellt.
Ein Griff gelingt, dann heißts das Fest verlassen,
Und um das Schönste sehn wir uns geprellt!

Man hält uns nur zum Narren, scheint es fast.
Vornehmer wärs, man hätt uns nicht gebeten.
Springt man so um mit einem Herrn und Gast

Und weist ihm schnöd, kaum, daß er eingetreten,
Die Türe wieder? Und die schweren, alten
Rotweine glühen, während wir erkalten.

Soll man ihn fürchten?

Soll man ihn fürchten? Nein, das soll man nicht!
Man soll mit seinem Anblick sich versöhnen!
Der Vater sieht ihn gern in seinen Söhnen,
Die Mutter in der Töchter Angesicht.

Das wächst heran, wir müssen uns entwöhnen!
Es dreht sich nur, was endlos sich verflicht,
Und was Gestalt war, dauert nicht, zerbricht
Und formt sich neu zu einem neuen Schönen.

Beklagst du das? Warum? Du kamst doch auch
Aus jenem Feuer, draus wir alle stiegen,
Vom gleichen Feuer sind wir nur der Rauch.

Will dir ein andres Beispiel besser liegen?
Und sind wir Wein – wir müssen nicht versiegen!
Es bleibt der Wein. Es wechselt nur der Schlauch.

Absage an den Tod

Nein, Tod, in dir ist das Geheimnis nicht,
Das west nur im lebendigen Bereiche,
Es ist nicht in der hingestreckten Leiche
Und nicht in dem erstarrten Angesicht.

Er redet nicht, der Maskenmund, der bleiche,
Geschlossen im abweisenden Verzicht,
Gesprächig ist das Mienenspiel, das reiche,
Und gibt von Tieferliegendem Bericht.

Ein Schatz im Acker steckt der Sinn im Leben,
Nur dort ist Hoffnung, daß wir ihn ergraben.
Du, Tod, bist hohl, aus dir ist nichts zu heben!

Verschwunden sind die wertvollen Bestände.
Vom Honighause blieben nur die Wände.
Den Honig holte wer. Leer sind die Waben.

Das Bilderbuch

Was soll das, Tod? Dort, mit dem Eisenhaken,
Wer ist der Herr? Am End der Teufel gar?
Du liebe Zeit – es ist schon manches Jahr,
Daß wir als Kinder über ihn erschraken,

Wenn er im Bilderbuch zu sehen war,
Bei seinen Kesseln, drin die Sünder staken.
Du spiegelst es wahrhaftig wunderbar –
Die Hölle glänzt, die gelben Feuer blaken

Genau so echt, wie in Großvaters Buch:
Wir rochen fast den schwefligen Geruch!
Bin jetzt zu groß für solche Spielzeugsachen,

Großvater Tod, für Blendwerk aus Papier!
Tu fort das Buch! Dann setz ich mich zu dir,
Wie es die stillgewordnen Kinder machen.

Die goldene Forelle

Da schießts heran – die goldene Forelle
Hängt an dem Haken, schüttelt wütend dran
Und wirft sich hoch und peitscht im Sturz die Welle,
Und reißt sich tiefer nur den Eisenzahn.

Der Fischer zieht sie an der Schnur heran,
Und aus dem Dunklen hebt er sie ans Helle.
(Dort sprang sie manchmal hin, nach der Libelle,
Und fand noch stets, daß man nicht atmen kann

In dem vom Licht durchblitzten Ungewässer,
Fiel gern zurück in die vertraute Flut
Und atmete und fand es da viel besser.)

Uns wird – wohin? ins Licht? ein Angler heben.
Und ob wir dann zu atmen und zu leben
Vermögen in der ungewohnten Glut?

Freund Hein

Es ist erlaubt, daß man vertraulich tut
Mit Freunden, die man seit der Kindheit kennt,
Daß man sie duzt und beim Vornamen nennt –
Und trifft man sie, so rückt man kaum den Hut,

Was ganz auf Gegenseitigkeit beruht,
Weil keine würdevolle Schranke trennt,
Und während man die Pfeife neu anbrennt,
Die halberloschne, schwatzt man wohlgemut:

„Wie gehts dir, Alter? Und was macht dein Weib?
Du weißt, heut abend sehn wir uns beim Wein!“
Und freut sich so, am Tag, beim Sonnenschein,

Schon auf den abendlichen Zeitvertreib.
Ein kalter, fremder Herr, der Tod? O nein!
Wie wagten wirs und nennten ihn Freund Hein?

Der treue Freund

Ein treuer Freund? Er ist es! Und nur er!
(Und kränkt es einen, sei es doch gesagt!)
Die Freunde sonst, die schwanken hin und her,
Das Band der Freundschaft ist gar bald zernagt.

So wars von je. Und schon die Schrift beklagt,
Wie Petrus tat. Der war ein Mann von Ehr –
Verriet den Herrn doch, plötzlich angstverzagt,
Und solcher Beispiele gäb es noch mehr.

Auf ihn jedoch, auf ihn kannst du vertrauen,
Auf seine Treue kannst du Häuser bauen
Wie auf Granit, er läßt dich nicht im Stich.

Du sahst ihn nie ? Er war dir immer nah!
Wenn du ganz einsam bist, dann zeigt er sich!
Kein Freund? Allein? Er spricht: Nein! Ich bin da!

Denk dir ihn fort!

Denk
dir ihn fort! Es wär nicht zu ertragen,
Das lange, lange, endlos lange Leben,
Das Aufgebot von vielen, vielen Tagen,
Die immer neu sich aus den Nächten heben.

Und immerfort das Fragen und das Fragen,
Und keiner, keiner kann dir Antwort geben!
Im roten Feuer rollt der Sonnenwagen
Tagaus, tagein! Und in den Nächten schweben

Die unbegriffnen Sterne um dein Haus,
Die jeden Morgen wiederum verblassen,
Um abends hell und doppelt neu zu funkeln.

Er ist ! Er ist ! Und drückt mit seiner nassen
Und kalten Faust, all, was da glühet, aus!
Ach, muß es schön sein, schön sein, tief im Dunkeln!

So komm denn, Tod!

Das Leben sei ein Traum, ward oft gesagt,
Von weisen Männern, und auch in Gedichten,
Und was uns freut, und alles, was uns plagt,
Und auf uns lastet wie mit Bleigewichten,

Und jeder Schmerz, der unser Herz benagt,
Und jede Lust, der wir ein Lager richten
In unsrer Brust, der Tag und seine Pflichten –
All-alles Traum ! Nun, das sei nicht beklagt!

Ist unser Leben weiter nichts als Traum,
So ist der Tod, der dieses Leben endet,
Doch auch nicht wirklich, nur geträumt, nur Schaum

Auf einer Welle, die im Schlaf sich wendet.
So komm denn, Tod, komm rasch und ungesäumt,
Dann träumen wir, wir hätten ausgeträumt!

Der Tod lobt sich

Der Sonne gleiche ich! Du glaubst es nicht?
Die schmilzt hinweg mit glühendheißem Strahl
Das feste Eis, belächelt seine Qual
Mit ruhigem und rosigem Gesicht.

Tief stöhnt das Eis, eh es in Scherben bricht,
Zu Wasser wird, zum Bach, der durch das Tal
Hin springt, mit blauen Veilchen sich bespricht
Und Himmelswolken spiegelt ohne Zahl.

Und fragst du dann den Bach: wo kommst du her?
So sagt er dir und rauscht empor voll Lust:
Die Sonne taute mich! Dank ihr und Preis!

Ich lag gefesselt, wie in Ketten schwer.
Nun renne ich und dehne weit die Brust!
Nun bin ich, was ich bin! Und nicht mehr Eis!

Der Reisewagen

In solchem Wagen kommt er vorgefahren
Und hält vor deiner Tür: Die Pferde schnauben,
Sie tragen auf den Köpfen goldne Hauben
Und schweren Zierat in den Mähnenhaaren.

So holte man wohl einst den Russenzaren,
Und das gilt dir? Du willst es erst nicht glauben.
Den Platz zur Rechten will er dir erlauben?
So sträub dich nicht! Dann unterm großen, klaren

Und wolkenlosen Himmel gehts dahin.
Daß du ein Fürst bist, merkst du an dem Ton,
In dem er wie ein Herr zum andern spricht,

Ganz wie zu seinesgleichen, ohne Hohn,
Nur Ehrerbietung zeigt dir sein Gesicht.
O schöne Fahrt! Er weiß wohl auch wohin!

Der arme Tod

Er wohnt in einem halbzerfallnen Haus,
Um Dach und Giebel saust der schwarze Wind.
Sein gelbes Hündlein bellt und beißt die Laus,
Die Fensterscheiben sind vom Spinnweb blind.

Er hat wohl keines oder faul Gesind –
Auf keinem Tische steht ein Blumenstrauß.
Fast scheint es dir, er spähte nach dir aus,
Nach einem Mann, den er zum Freund gewinnt,

Der sich in seiner Stube niederläßt
Und abends ihn mit einem Lied erfreut,
Beim Glase Wein, beim schimmeligen Brot.

Scheint hell der Mond durchs kahle Laubgeäst:
Fast wie im Leben draußen ist es heut!
Sagt dann, und tut dir leid, der arme Tod.

Der gute Tod

Da endlich findest du die Tür! Tritt ein!
Es glänzt so hell. Was mag dich jetzt erwarten?
Es blieb der Freund zurück, die Frau, der Wein.
Vor dir ein Haus in einem schönen Garten.

Ob du sie wiedersiehst, die Frau, den Wein
Im Krug, die Freunde, die sich um dich scharten
Beim Mahle, oder mußt du ganz allein
Mit ihm sein, dem das Haus gehört, der Garten?

Vielleicht, wenn du sehr schmiegsam bist, und klug,
Wird er, der Hausherr, freundlich dir erlauben,
Daß du, der Gast, noch selber Gäste hast.

Er holt den Freund herbei, die Frau, den Krug
Mit Wein gefüllt, und unter grünen Lauben
Wird es so sein, als wäre er der Gast.

Der schöne Tod

Er hat ein kindlich heiteres Gesicht,
Um seine Wang die schöne Locke rollt.
Und hast du erst, daß er schon kam, gegrollt,
Verstummst du gleich, so hell steht er im Licht.

Das ist von dem, wies aus dem Himmel bricht,
Und aus der Hölle scheint es auch geholt –
In eins gemischt, erglänzt es nun wie Gold.
Man sprach dir oft vom ewigen Gericht:

Ach, wer so schön ist, ist von guter Art!
Und dich zu holen ist er ausgesandt?
Man kennt dich drüben also? Will dich sehn?

Wer solchen Boten hat, der ist nicht hart,
Verschmähts zu richten, Tafeln in der Hand,
Und ruhig kannst du mit dem Boten gehn.

 

Editionsnotiz

»Die Begegnung«, das ist die Begegnung mit dem Tod, dieser Zyklus von 70 Gedichten, erschien zuerst in einer Auflage von 5.000 Exemplaren 1947 in der Nymphenburger Verlagshandlung. Britting verarbeitet in diesen zwischen 1942 und 1946 geschriebenen Gedichten die Lebensbedrohung der damaligen Zeit: distanziert und gleichsam überhöht. Er selbst war durch die Hungerjahre lebensgefährlich erkrankt. Es bot sich das traditionelle, aus dem Mittelalter stammende Thema des Totentanzes an, um auch im 20. Jahrhundert einen künstlerischen Ausdruck für eine vom Tod beherrschte Epoche zu schaffen, wie es denn auch u. a. von Kubin, Marie-Luise Kaschnitz, Kasack und Nossack aufgegriffen wird. Und es ist interessant, daß dafür die anspruchsvolle, aber zugleich geschmeidig verführerische Form des Sonetts gewählt wird, die damals fast eine literarische Mode ist, um gegen die vernichtende Wirklichkeit eine Ordnungsform zu stellen. Thematisch findet Britting neben den überlieferten Ständen, Berufen, Rängen wie Kaiser, Bischof, Feldhauptmann und Bettler und neben Gestalttypen wie Mutter, Mädchen, Braut und Kranker auch zu überzeugenden ganz neuen Individualisierungen.

Dietrich Bode

 

Impressum

Band 3
Hrsg. von Ingeborg Schuldt-Britting

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Informationen über den Dichter und sein Werk in www.britting.de.

Alle Rechte vorbehalten
© 2012 Georg-Britting-Stiftung
83101 Höhenmoos
Wendelsteinstraße 3
Satz u. Layout: Hans-Joachim Schuldt
Made in Germany
Gedruckte Taschenbuchausgabe:
ISBN 978-3-9812254-6-4 (Sämtliche Werke – Gedichte)
ISBN 978-3-9812254-2-6 (Die Begegnung)